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FEINDFLUG – GRENDEL – TACTICAL SEKT

Ort: Leipzig WGT Haus Leipzig

Datum: 30.05.2004

Die Bielefelder/ Chemnitzer Label-Kooperation Black Rain/ NoiTekk besitzt bei den Freunden härteren Elektros einen guten Klang. So war es auch nicht verwunderlich, dass der Andrang an diesem Festivalsonntag im Haus Leipzig immens groß war. Wir hatten uns entschieden bei TACTICAL SEKT ins Geschehen einzugreifen, womit wir die beiden Opener HIOCTAN und KILLING OPHELIA verpassten. Schon jetzt war klar, wer diesen Tag komplett in dem düsteren Raum verbringen wollte, brauchte im Nachhinein eine Sauerstoffbehandlung, der Luftaustausch war gleich null. Dennoch war es jetzt bereits eine nicht unbeträchtliche Meute, welche den Auftritt der deutsch/ englischen Formation beiwohnen wollte, die ich schon einmal im Vorprogramm von SUICIDE COMMANDO bewundern durfte. TS bestehen aus Sänger Anthony Mather (ASLAN FACTION), Beam von FEINDFLUG am „echten“ Schlagzeug und dem NoiTekk Label Manager Marco an den Keys. Somit mussten 2 der Akteure später noch einmal ran, aber was ein richtiger Elektroniker ist… Dann war es soweit, links malträtierte Beam (noch ohne Kriegsbemalung) die Felle, während Marco dieses mal auf eine Verkleidung verzichtete. Dafür hatte er einen kleinen Fanclub mitgebracht, der ihn mit McDonalds-Flaggen anfeuerte. Anthony brüllte derweil stark verzerrt in sein Micro und sorgte somit für die aggressive Komponente in der Mischung aus hartem EBM und technoiden Einflüssen. Manche der recht langen Stücke fielen direkt hypnotisch aus und brachten die Masse bereits jetzt zum Kochen. Logischerweise spielte man Stücke vom Debüt „Geneticide“ und der unlängst erschienenen „Burn Process“-EP, darunter die Highlights „Soulless“, „Devils Work“ und natürlich der Titeltrack. Die „Sekte“ kam dermaßen gut an, dass man die Zeit vergaß und mit 45 Minuten deutlich über der ursprünglich veranschlagten Running Time blieb, dagegen hatte natürlich niemand etwas einzuwenden…

Nachdem wir dann dem Haus Leipzig zwecks eines anderen Termins für einen zwischenzeitlichen Ortswechsel den Rücken kehrten, befand sich vor dem Eingang doch schon eine recht lange Schlange, die Anlass zur der Überlegung gab, ob wir es denn später wohl rechtzeitig zurück ins Innere zu den beiden Hauptacts schaffen würden. Noch guten Mutes verließen wir also zunächst das Feld, ohne zu wissen, dass die Anzahl der Wartenden nur ein Vorgeschmack war, auf das, was tatsächlich noch kommen sollte! Denn gute zwei Stunden später war der kahle Vorbau nicht mehr nur von einer überschaubaren Menge lüsternder Hartelektroniker gesäumt, sondern der gesamte Vorplatz war mit einer kreuz und quer verlaufenden Menschenschlange bis weit hinunter auf die Straße verstopft. Wohl die wenigsten dieser noch Feierwütigen ahnten zu diesem Zeitpunkt, was kurze Zeit später für sie schmerzende Gewissheit werden würde: Ihr Anstehen war größtenteils vergebens, der Laden war voll.

Zwar nicht so voll, dass er aus allen Nähten geplatzt wäre, wie wir uns aufgrund einer „Ausnahmegenehmigung“ doch noch zurück an der Front selbst ein Bild verschaffen konnten, in Anbetracht der herrschenden Luftfeuchtigkeit von geschätzten 90 Grad und mangelnder Luftzufuhr aber durchaus eine weise Entscheidung. Nachdem in unserer Abwesenheit CYBORG ATTACK und DAVANTAGE aufgespielt hatten, lagen derweil ASLAN FACTION in den letzten Zügen. Als wären wir nie weggewesen, war hier auf den ersten Blick kein allzu großer Unterschied zu TACTICAL SEKT auszumachen, auch wenn mir T.S. auf CD besser gefallen. Anthony Mather gab jedenfalls auch hier noch einmal alles…

Schnell noch ein kühles Pils abgegriffen, da begann auch schon die nächste gnadenlose Beat-Maschinerie. Es war Zeit für… GRENDEL. Ein gepflegter Einstieg mit „Guilt by association“ und dem Übersong „Pax psychosis“ brachte den Saal gleich zum Kochen. Elektro-Inferno bis der Arzt kommt, dazu schon fast infernalisches Kreischen. Jos, der vor seinem Auftritt äußerlich noch wie der nette Junge von nebenan erschien, explodierte hier auf der Bühne wahrlich und durchbrach sogar kurzzeitig die Distanz zum Publikum mit einem Sprung in den Fotograben. Unterstützt wurde er von der reizenden Anita, die an den Knöpfen drehte und auch für die gelegentlich das Spektakel entzerrenden Samples sorgte. Das Gebräu aus weiteren aktuellen Stücken wie „Crucify“ und „Prescription: Medicide“ sowie älterem Stuff, etwa von der „Inhumane amusement“-Scheibe, konnte überzeugen (auch wenn unverständlicherweise auf „End of ages“ verzichtet wurde, obwohl dies noch während des Soundchecks angespielt wurde), bevor man sich schließlich mit „Strangers“ und dem Heulen des Grendels in die Nacht verabschiedete.

FEINDFLUG sollte für uns der krönende Abschluss des diesjährigen WGTs werden und wir wurden nicht enttäuscht. Auftritte der Chemnitzer besitzen ja im allgemeinen eher Seltenheitswert und so wird jede Chance wahrgenommen, dem War-Elektro mit Bodymove-Garantie zu frönen. Das sahen wohl auch viele andere Freaks so, was man am hohen Aufkommen von „Stuka-tigen“ Shirts wie auch an der ellenlangen Schlange vor dem Haus Leipzig erkennen konnte. Und diejenigen, die das Glück hatten, ins Innere zu gelangen, waren durch die Darbietungen der Vorgruppen genau wie durch die katastrophale Lüftung dem Kreislaufkollaps nahe. Eigentlich die optimalen Hintergrundbedingungen, Kriegszustand vor und auf der Bühne, die dementsprechend geschmückt war. Sämtliche Instrumente – War Drums, E-Drums und Synthies – waren mit Tarnnetzen präpariert worden und als ob das nicht reichen würde, befand sich ein bedrohlich aussehendes Flakgeschütz mitten auf dem Set. Es war angerichtet…

Zunächst stürmte Kay von DAVANTAGE mit Fliegerkäppi nach vorne und besetzte das schwere Gerät, im Hintergrund auf der Leinwand das FEINDFLUG-Logo sowie der hintersinnige Text „Use your brain und think about it“. Dann ballerte der gute Mann mit einer Art Leuchtkanone und der entsprechenden Sounduntermalung los, so dass auch dem letzten bewusst wurde, dass hier gleich ein Elektroinferno stattfinden würde. Und so etwas nach der netten Beschallung mit ein paar von HEINOs Klassikern („Schwarz-braun ist die Haselnuss…“), die textlich nicht immer sehr politically correct daher kommen… Banane an der Gitarre sowie Beam an den War-Drums und Felix komplettierten schließlich das Line Up. Die Setlist wurde zu einer Reise durch die bisherigen 3 substantiellen Veröffentlichungen, Hit reihte sich auf Hit. „Glaubenskrieg“, „Kahle Bedrohung“, „Menschenjagd“, das unglaublich intensive „Roter Schnee“ oder auch der Klassiker „Stukas im Visier“ ließen die Masse rotieren, kaum ein Körper, der nicht schweißgebadet im Stroboskoplicht seine Knochen durchschüttelte. Und dann – quasi als besondere Überraschung – spielte man auch mindestens einen neuen Song, direkt nach den „Stukas“, ein zweiter war uns ebenfalls unbekannt. Da hätte man sich ausnahmsweise mal eine Ansage gewünscht, aber die Feindflieger kommunizieren halt anders mit ihrem Publikum. Jedenfalls klangen die 2 Stücke etwas ruhiger, aber dennoch groovig und natürlich mit Samples verziert. Beam hatte sich wie üblich mit einer Kriegsbemalung versehen und stand schon nach kurzer Zeit mit nacktem Oberkörper vor den Fans, er liebt geradezu dieses gegenseitige Anpeitschen. Und er müsste ja auch allen Grund zur Freude haben, denn kurz vor dem WGT wurde er – was längst überfällig war – endlich als festes Bandmitglied aufgenommen. Nach ca. 50 Minuten Beschallung kurz vor der totalen Ohnmacht und mit diversen schaurigen Kriegsbildern im Hintergrund verließ man zunächst die Bühne. Aber es dauerte nicht lange und man wurde noch einmal nach vorne gebrüllt. Der Clubsmasher „Kalte Unschuld“ und „Tötungsmaschine Mensch“ von der „Sterbehilfe-EP“ beendeten einen besonderen Abend, der von einem unglaublichen Energieaustausch geprägt war. All diejenigen, die nicht das Vergnügen hatten – oder auch die, die davon nicht genug bekommen können – dürfen sich schon auf den Spätsommer freuen. Denn dann zieht ein hochwertiges Black Rain/ NoiTekk-Package durch die Lande, um mit ein paar Festivals Labelgeburtstag zu feiern.

Copyright Fotos: Karsten Thurau/ Liis

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