Konzert Filter

FEST VAN CLEEF 2009

Ort: Freiburg - Festivalgelände Mundenhof

Datum: 11.07.2009

ELEMENT OF CRIME – TOMTE – WHY? – KILIANS – MUFF POTTER – GISBERT ZU KNYPHAUSEN

Am Samstag war Indie-Alarm beim diesjährigen Zelt-Musik-Festival, denn das Fest van Cleef hatte sich in Südbaden angesagt. Insgesamt sechs Bands standen im großen Zirkuszelt auf dem Programm und boten bunt gemixten Indie, der sich fest in männlicher Musikerhand befand. Hatte die Mischpoke tags zuvor bei 14 °C und Dauerregen im niedersächsischen Northeim open air gespielt, strahlte im sonnenverwöhnten Südwesten der Republik mal wieder die Sonne, während sich gegen 17.00 Uhr langsam die Manege mit Indie-Volk füllte.

Noch waren die Damen in der Überzahl, was eindeutig am neuen Shootingstar der deutschen Singer/ Songwriter-Szene lag, der das Festival eröffnen sollte. Angekündigt wurde GISBERT ZU KNYPHAUSEN, der auf einem Weingut in Rheinhessen aufgewachsen ist, wie die übrigens Bands auch durch den mitreisenden GHvC-Miteigner Thees Uhlmann, der für jeden Act ein Gedicht geschrieben hatte und sein Label sowie die ihm nahestehenden Künstler mit der einfachen Umschreibung „intelligent & sexy“ kennzeichnete. Damit waren auch die wichtigsten Eckpunkte zu Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen genannt und der nachdenkliche Spaß konnte beginnen. Beim ersten Song agierte der 30-jährige mit Wohnsitz Hamburg noch allein mit seiner Akustikgitarre, um ab „Flugangst“ vom letztjährigen, selbstbetitelten Debütalbum Unterstützung von seiner dreiköpfigen Band zu erhalten. Bassist Frenzy Suhr verzichtete dabei auf Schuhe und Strümpfe, während Schlagzeuger Sebastian Deufel auf das Drumkit der Kollegen von MUFF POTTER zurückgriff. Wer beim Begriff „Liedermacher“ mit einschläfernder Mucke und schwer zugänglichen Texten gerechnet hatte, wurde innerhalb kürzester Zeit eines Besseren belehrt und entsprechend war im bereits gut gefüllten Zelt die Stimmung auch bei „Neues Jahr“ und dem grandiosen „Sommertag“ ausgesprochen gut. Daneben gab es von Gisbert, der es einfach versteht, Weltschmerz positiv zu verpacken und der bisweilen auch schon mal mit Sven Regener verglichen wird, auch neue Lieder zu hören, die im nächsten Jahr auf einem zweiten Silberling erscheinen sollen. Ein schöner Start, der mit viel verdientem Applaus belohnt wurde.

Nicht mal eine viertel Stunde später ging es auch schon mit MUFF POTTER weiter. Überhaupt waren die Umbaupausen denkbar kurz, trotzdem strömte das Publikum regelmäßig nach draußen, um noch ein paar Sonnenstrahlen und Promille zu tanken. Zweifelsohne ist die MUFF POTTER-Kernzielgruppe auch eine etwas andere, denn die Musik, die Thees Uhlmann als „Power Rock“ bezeichnete, ließ es dann doch in guter alter Punk-Manier etwas mehr krachen als der Vorgänger. Also ging es vom ersten Moment an mit „Ich und so“ in die Vollen, auch wenn sich das Publikum zunächst etwas zurückhaltender zeigte. Die Kapelle aus Münster (O-Ton Fronter Nagel: Das Freiburg des Nordens) hatte neben Nummern ihres im April veröffentlichten siebten Albums „Gute Aussicht“ einen kleinen Abriss ihrer bisherigen Discografie auf dem Zettel, wobei „22 Gleise später“ sich natürlich inhaltlich insbesondere den Kennern der Münsteraner Clubszene erschloss, die auch den gleichnamigen Laden am Hauptbahnhof der Westfalenmetropole kannten. Dürften vermutlich nicht so arg viele gewesen sein; um einfach nur Spaß an der energiegeladenen Mucke und Nagels Reibeisengesang sowie seinen intelligenten deutschen Texten zu haben, brauchte es das aber auch gar nicht. Das „besoffenste Quartett“ (ich zitiere nur den Sänger!) ist inzwischen seit 16 Jahren ein Garant für druckvolle Livegigs mit eingängig lauten Gitarren und auch in Freiburg konnten sich die Zuschauer nicht der Energie auf der Bühne entziehen, so dass spätestens zum Klassiker „100 Kilo“ vom 2000er Longplayer „Bordsteingeschichten“ ausgiebig gepogt wurde, wobei auch MUFF POTTER ihre emotionalen Momente haben, wie sie mit „Niemand will den Hund begraben“ und viel Schmackes bewiesen.

Setlist MUFF POTTER
Ich und so
Bis zum Mond
Gute Aussicht
Wir sitzen so vor’m Molotow
22 Gleise später
Wenn dann das hier
Niemand will den Hund begraben
Die Guten
Allesnurgeklaut
100 Kilo

Weitere Schützlinge der Booking-Abteilung des Grand Hotel van Cleefs sind neben MUFF POTTER die KILIANS aus Dinslaken, die sozusagen noch unter dem persönlichen Welpenschutz von Herrn Uhlmann stehen. Thees wurde 2006 auf die Jungs aufmerksam und nahm sie zunächst mit TOMTE auf Tour und später auch unter seine Fittiche. Selbstredend hatte er auch für die jugendlichen Rock’N’Roller ein Gedicht parat, bevor selbige bewiesen, dass sie erhebliches Indiehit-Potenzial mitbringen. Mit „Said & Done“ der aktuellen Langrille „They Are Calling Your Name“ waren die KILIANS bereits in den Charts vertreten, weshalb der Song natürlich auch in Freiburg nicht fehlen durfte. Insgesamt lieferte der Vierer ein schweißtreibendes Indie-Gitarren-Feuerwerk ab, das ordentlich Bewegung in die Leute brachte. Das emotionsgeladene „Used To Ptretend“ widmeten sie ihrem Freund und Entdecker Thees Uhlmann, den Sänger Simon den Hartog liebevoll als „Käptn Kolumbus” titulierte, der wenig später mit seinem Weinglas in der Hand auf die Bühne stürmte, den Refrain voller Inbrunst mitsang und wieder im Off verschwand. Ich wage mal zu behaupten, dass wir aus Dinslaken noch einiges hören könnten, immerhin hat auch Chris Martin von COLDPLAY ausdrücklich die KILIANS als Support seiner kommenden Deutschlandkonzerte verlangt.

Setlist KILIANS
You Should Be Thinking of Me
Hometown
Legally Fly
Said & Done
Enforce Yourself
Fight The Start
When Will I Ever Get Home
Used To Pretend
Money

Bei den nun folgenden WHY? konnten die Zuschauer ein wenig verschnaufen, denn bei den Amis gab es experimentierfreudigen Indie-Folk mit Hip-Hop-Wurzeln, der eher zum Zuhören angetan war, aber gehörig zu fesseln wusste. Die Band aus Berkeley/ Kaliforniern bestach mit dem Einsatz zahlreicher Instrumente (der Drummer betätigte gleichzeitig ein Xylofon, will sagen: rechte Hand wurde getrommelt, links Xylofon gespielt) und schnodderigem Ami-Slang, für den Fronter und Percussionist Yoni Wolf zuständig war. Daneben kamen noch ein Bassist sowie ein Keyboarder mit Ambitionen zum Organisten, der bisweilen auch einen Sechssaiter zur Hand nahm, zum Einsatz, was einen versponnenen, dunklen und expressiven Sound ergab, der die Köpfe im Auditorium zum Nicken brachte. Mir waren WHY? bis dato noch nicht untergekommen, in Zukunft werde ich jedoch die Augen nach der 1997 gegründeten Combo offen halten, schließlich soll im Herbst ein neuer Longplayer namens „Eskimo Snow“ erscheinen und womöglich sorgt Herr Uhlmann noch mal dafür, dass seine Favourites, die mit einem englischsprachigen Gedicht bedacht wurden, auf deutschen Bühnen ihren sphärischen Indie zum Besten geben können. Angesichts des Beifalls, den WHY? sogar noch beim Abbauen ihrer Instrumente bekommen haben, dürften die Clubs voll werden.

Inzwischen war es einiges los im roten Zirkuszelt, schließlich stand der Auftritt von TOMTE kurz bevor. Die Herrschaften waren erst vor wenigen Wochen für den Freiburg-Termin bestätigt worden und dürften mit ihrem Kommen den Kartenabsatz noch mal ein wenig beflügelt haben, denn neben KETTCAR gehört die Band um Thees Uhlmann zu den Zugpferden des Grand Hotel van Cleef Labels und auch zu den großen Namen der deutschen Independent-Szene. Die Ansage ihres „Käptn Kolumbus“ übernahm kurz und knapp KILIANS-Sänger Simon den Hartog mit den Worten: „Hier kommte: TOMTE!“, die sodann als Intro mit einem kurz angespielten Cover des KILLERS-Songs „Human“ begannen. Danach folgten TOMTE-Hymnen am laufenden Band: Gleich mit „Schönheit der Chance“ lieferte Thees (wie immer zunächst mit einer fast schon obligatorischen Lederjacke bekleidet) einen Klassiker der ersten Langrille „Hinter all diesen Fenstern“ aus 2003 ab, die von „Wie sieht’s aus in Hamburg“ vom letzten Output aus 2008 abgelöst wurde. Keine Ahnung, ob die Hanseaten Herrn Uhlmann den Umzug nach Berlin inzwischen verziehen haben, immerhin diente er als Inspiration für einen tollen Song. Wenn ich die Widmung von „Schreit den Namen meiner Mutter“ (mit großartigem Pianofinale von Simon Frontzek!) richtig gedeutet habe, hätte die Frau Mama ihren Sohn allerdings gern etwas näher bei sich – zumindest sollte er sich häufiger melden. Den Fans dürfte in erster Linie wichtig sein, dass TOMTE Musik machen und Thees dazwischen auch ein bisschen quatscht. Beides war in Freiburg der Fall: Thees sprach Subventionierungen für WHY?-Platten aus, offensichtlich arbeitete er schon daran, das Quartett in Deutschland nach vorn zu bringen und ermunterte deshalb die Zuschauerschaft lieber auf GHvC-Produkte am Merch-Stand zu verzichten, um stattdessen bei WHY? zuzuschlagen. Auf TOMTE-Hits musste niemand verzichten, insbesondere „Was denn Himmel erhellt“ und „Ich sang die ganze Zeit von dir“ wurden abgefeiert, wobei mir die Badenser im Vergleich zum norddeutschen Publikum, das ich üblicherweise als Vergleichswert erlebe, etwas zurückhaltender beim Mitsingen erschienen.

Setlist TOMTE
Human (KILLERS-Cover)
Die Schönheit der Chance
Wie sieht’s aus in Hamburg
So soll es sein
The Rick McPhail Song
Heureka
Was den Himmel erhellt
Der letzte große Wal
Schreit den Namen meiner Mutter
Voran voran
Ich sang die ganze Zeit von dir

Kaum war der eigene Auftritt beendet, stand die GHvC-„Kühlerfigur“ (Thees Uhlmann über Thees Uhlmann) auch schon wieder auf der Stage, um seinen letzten Mehrzeiler zu verlesen. ELEMENT OF CRIME hatten vor Jahren TOMTE mit auf Tour genommen und es war nicht zu übersehen, dass es Thees eine besondere Ehre und Freude war, EOC jetzt beim Fest van Cleef mit dabei zu haben. Sänger, Gitarrist und Trompeter Sven Regener als deutschen TOM WAITS zu bezeichnen, ist sicherlich auch keine Übertreibung, wenn man auf die vergangenen 24 Jahre ELEMENT OF CRIME und die dazugehörige Discografie blickt. Für den September dieses Jahres haben EOC ihr zwölftes Studioalbum „Immer wo du bist bin ich nie“ angekündigt und mit dem Titeltrack, „Kaffee und Karin“ oder auch „Euro und Markstück“ eine ganze Reihe Songs gespielt, die es bisher noch nicht live zu hören gab. Sie kamen beim Auditorium, das zwischenzeitlich deutlich älter geworden war, hervorragend an, weshalb ich schon jetzt den Kauf der Scheibe im Herbst empfehlen kann. Der Sound bleibt dank Svens schnoddrigem Gesang schroff, gleichzeitig bringt die von ihm gespielte Trompete einen ganz besonderen Zauber in die Musik und auch der Klang der Gitarren ist bei ELEMENT OF CRIME ein ganz besonderer. Zudem wurde der Live-Genuss noch durch eine wunderbare Violine komplettiert, da verwunderte es ganz und gar nicht, dass es nach einer Stunde Spielzeit nicht ohne Zugaben abging. Gleich vier fantastische Lieder bildeten den zweigeteilten Zugabenblock, der nachdenklich-beschwingt mit „Draußen hinterm Fenster“ startete, bevor „Bring den Vorschlaghammer mit“ Gas gab. Weniger an den gefallenen Außentemperaturen als an den Trompetenklängen von „Einer kommt weiter“ lag es, dass sich beim ein oder anderen eine Gänsehaut bildete, die beim wunderschönen „Mittelpunkt der Welt“ vom gleichnamigen Top-Ten-Album aus 2005 wieder weggetanzt und -gesungen werden konnte.

Nach fast 90 Minuten endete auf diese Weise ein abwechslungsreiches Fest van Cleef, das mit ELEMENT OF CRIME einen fantastischen Headliner hatte. Dem war auch die perfekte Lightshow geschuldet, die zwar neben einem stets perfekten Sound auch die übrigen Bands hervorragend in Szene setzte, aber das EOC-Konzert ganz besonders illuminierte. So stand Sven Regener beispielsweise zu „Du hast die Wahl“ in einer Art grün leuchtenden Lichtdusche, während zum Schluss die ganze Bühne in sattes violettes Licht getaucht war. Ohne Zweifel das visuelle I-Tüpfelchen eines Gigs, bei dem ganz klar die Musik im Vordergrund stand, die viel Emotionalität, Tiefe, launige Texte und Spielfreude mitbrachte. Selten zeigte sich eine Trompete so abwechslungsreich wie in der Hand von Sven Regener und dass die übrigen Bandmitglieder eindeutig auch ihr Handwerk verstehen, muss hier nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Sven Regener fand es stark in Freiburg – damit ist dann auch eigentlich auch schon alles gesagt.

Setlist ELEMENT OF CRIME
Kopf aus dem Fenster
Am Ende denk ich immer nur an dich
Deborah Müller
Immer unter Strom
Du hast die Wahl
Immer da wo du bist bin ich nie
Bitte bleib bei mir
Über dir der Mond
Kaffee und Karin
Euro und Markstück
Straßenbahn des Todes
Delmenhorst

Draußen hinterm Fenster
Bring den Vorschlaghammer mit

Einer kommt weiter
Mittelpunkt der Welt

Das Zelt-Musik-Festival am schön gelegenen Mundenhof hatte mit dem Fest van Cleef wahrlich einen guten Partner gefunden. Darüber hinaus haben die Macher auch im 27. Jahr ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt, das auch in Richtung Gastronomie, Logistik und Service keine Wünsche offen ließ und wer an diesem Samstag live nicht auf seine Kosten gekommen ist, dem ist im Grunde auch nicht mehr zu helfen, aber neben der kostenlosen DJ-Nacht im Spiegelzelt gab es für alle Fälle ja auch noch die ebenfalls eintrittsfreie Fest-van-Cleef-Aftershow-Party mit Visions-DJ Jan Schwarzkamp, der eine wahre Indie- und Alternative-Hitparade ablieferte, bei der auch GISBERT ZU KNYPHAUSEN sowie diverse TOMTE- und MUFF-POTTER-Musiker noch am Start waren, bis sich irgendwann der Nightliner Richtung Essen auf den Weg machte, wo am Sonntag das letzte Fest van Cleef 2009 stattfinden sollte.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer Potthoff

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu ELEMENT OF CRIME auf terrorverlag.com

Mehr zu GISBERT ZU KNYPHAUSEN auf terrorverlag.com

Mehr zu KILIANS auf terrorverlag.com

Mehr zu MUFF POTTER auf terrorverlag.com

Mehr zu TOMTE auf terrorverlag.com

Mehr zu WHY? auf terrorverlag.com