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FEST VAN CLEEF 2010

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 12.12.2010

2010 ging das Fest van Cleef in die fünfte Runde und fand erstmalig nicht im Sommer, sondern unabhängig vom launischen nordeuropäischen Wettergott indoor am dritten Adventswochenende in den Austragungsorten Berlin, Mainz und Bielefeld statt. Im Vergleich zum letzten Jahr bedeutete dies für mich gleich mal satte 1.200 km weniger Hin- und Rückfahrt und acht statt sechs Bands, die allesamt dem Indie-Label Grand Hotel van Cleef verbunden sind. Vorne weg natürlich die Headliner KETTCAR und THEES UHLMANN & FREUNDE, schließlich haben der gute Thees sowie die KETTCAR-Members Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff das Grand Hotel van Cleef vor acht Jahren aus der Taufe gehoben, weil niemand das erste KETTCAR-Album „Du und wie viel von deinen Freunden“ veröffentlichen wollte. Inzwischen zählen sowohl TOMTE als auch KETTCAR zu den Aushängeschildern der deutschen Indie-Szene und ist das Label Grand Hotel van Cleef zur Heimat erstklassiger Kapellen geworden. So konnte sich die ostwestfälische Indie-Gemeinde am Sonntag direkt nach der vorweihnachtlichen Familien-Kaffeetafel auf den schnee- und eisfreien Weg zum Ringlokschuppen machen, wo um 17.00 Uhr der erste musikalische Leckerbissen wartete.

BEAT! BEAT! BEAT!

Die vier Jungspunde von BEAT! BEAT! BEAT! hatten wie die übrigen Akteure die Ehre von Herrn Uhlmann persönlich angekündigt zu werden, der extra für das FvC geduscht hatte und mit noch nassen Haaren die Bühne in der großen Halle für den Opener aus Viersen freigab. Das juvenile Quartett gefiel mit flottem Indie-Rock, für den bei „We Are Waves“ auch einmal eine leere Bierflasche als Percussioninstrument für Gitarrist und Tastenmann Moritz Leppers herhalten musste. Vor vier Jahren begann selbiger zusammen mit seinen Mitschülern Joshua Gottmanns (Gesang & Gitarre), Tim Gerke (Bass) und Drummer Marius Lauber Musik zu machen, 2008 wurde dann BEAT! BEAT! BEAT! gegründet, es folgte ein Jahr später die EP „Stars“ der vor zwei Monaten das Debüt „Lightmares“ anschloss. Der Erstling wurde in den kommenden 35 Minuten nahezu vollständig zu Gehör gebracht und zweifellos liegt der britische NME nicht falsch, wenn er bei dem Vierer von der deutschen Antwort auf die FOALS spricht. Es ging überwiegend sehr treibend und mit viel Druck zur Sache, insbesondere am Ende des Sets gingen „Fireworks“ und „You’re Designer“ ins Bein, während sich „Pristine Heart“ als ruhiger Vertreter entpuppte, für den der Saal sogar noch ein wenig abgedunkelt wurde, nachdem sich bei „Lightheavy Rapture“ Joshua vom Sechssaiter auf den Synthesizer verlegt hatte. Ein gelungener Einstieg vor erstaunlich vollem Haus zu so früher Konzertstunde am späten Sonntagnachmittag.

Setlist BEAT! BEAT! BEAT!
Hard To Cherish
We Are Waves
Graveyard
I See It Glisten
Bravery
Lightheavy Rapture
Pristine Heart
Stars
Fireworks
You’re Designer

TIM NEUHAUS

Schnell ging es hinüber in den kleinen Saal des Ringlokschuppens, wo die zweite Stage schon darauf wartete, von TIM NEUHAUS bespielt zu werden. Auch hier war schon einiges los, was Thees wohlwollend zur Kenntnis nahm und den Anwesenden dankte, dass sie dem Fest van Cleef den Vorrang vorm allwöchentlichen Tatort gegeben hatten. Immerhin konnte die blonde Quasselstrippe dem Auditorium schon mal erklären, wie die nächsten Tatort-Folgen inhaltlich ablaufen würden, ehe er an TIM NEUHAUS und Band abgab. Die Band rekrutierte sich aus Schlagzeuger Florian, der für den Rhythmus zuständig war, während Kollege Neuhaus die Akustikklampfe bearbeitete und für den Gesang sorgte, der nach Meinung von Chef Uhlmann auch schon mal in derart schwindelerregende Höhen geraten kann, dass man meint, eine Frau sänge. Dies sollte insbesondere bei „Headdown“ vom kommenden Album der Fall sein, ganz so extrem erschien mir die Stimme des ehemaligen CLUESO-Livedrummers und Schlagzeugers des Blue-Man-Group-Ensembles zwar nicht, aber vielleicht war Tim nach dieser Lobhudelei einfach ein wenig zurückhaltend. Auf jeden Fall gab’s nach dem beschwingten Einstieg mit „Blankets“ von der gleichnamigen 2007er-Eigenproduktion ruhigeren Stuff auf die Ohren, für den Florian zu Quetschkommode und Xylofon griff. Im Anschluss lockte ein rockiger Ausblick auf die neue Langrille, die für Ende Januar avisiert wurde, bevor die Zuschauer zum Mitsingen aufgefordert wurden. Bisweilen klang der Chor zwar etwas verloren, aber die Ostwestfalen waren für ihre Verhältnisse richtiggehend feierwütig und machten bereitwillig, wenn auch noch ein wenig zurückhaltend, mit. Wenig später fand Marcus Wiebusch den Weg auf die Bühne, um den gemeinsamen Lieblingssong „Liszomania“ von PHOENIX zu performen, um schließlich in Zweier-Besatzung mit einem weiteren Track der 2011er-VÖ rockig zu enden.

YOUNG REBEL SET

Nunmehr zeigten sich die fünf Minuten Zeitversatz zwischen den beiden Venues doch als sehr eng bemessen, da sich der Eingangsbereich der kleinen Halle für etwa 800 Fans als ziemliches Nadelöhr erwies. So kam es dann auch, dass ich den ersten YOUNG-REBEL-SET-Song leider verpasst habe. Nach wenigen Takten war jedoch bereits klar, dass wir es hier mit einer durch und durch britischen Combo zu tun hatten, deren Mitglieder sich – wie könnte es anders sein – in einem Pub kennengelernt haben. Dabei sind zwei mal zwei der sieben Herren Brüder, die sich allesamt einem hemdsärmeligen Rock’N’Roll-Mix aus Folk und Punk verschrieben haben. Mit fünf Saiteninstrumenten, Drums, Mundharmonika und mehrstimmigem Gesang ging es beim YOUNG REBEL SET gewaltig zur Sache und spätestens bei „Rosie“ wurde es bierselig, wozu nicht nur der instrumentale Sound, sondern auch die wunderbar versoffenen Stimmen ihrer Protagonisten ihren Anteil hatten. „Won’t Get Up Again“ vom diesjährigen ersten Longplayer der Briten startete zunächst verhalten, um dann mit viel Tempo und knackigen Drums in die Vollen zu gehen. „My Town“ blieb insgesamt ruhiger, bevor es mit „Lions Mouth“ wieder richtig rund ging. Beim finalen „If I Was“ gab es auf der ohnehin schon vollen Bühne einen weiteren Gast, denn Thees Uhlmann war mit dem Songtext bewaffnet angetreten, den Gesang der jungen Rebellen zu verstärken. Das hätte der Siebener zwar nicht wirklich nötig gehabt, Spaß hat dieser Besuch jedoch allen Beteiligten gemacht und ohnehin war’s eine äußerst unterhaltsame gute halbe Stunde, welche die Engländer aus Stockton-on-Tees, einem kleinen Städtchen im Nordosten, abgeliefert haben.

Setlist YOUNG REBEL SET
Down The Line
I Wish
Already Forgot
Rosie
Measure of Gun
Won’t Get Up Again
My Town
Lions Mouth
If I Was

NILS KOPPRUCH

Schnell wieder die Location gewechselt, denn nebenan sollte es mit NILS KOPPRUCH wenig später erstmalig deutsches Liedgut auf die Ohren geben. Der ehemalige FINK-Fronter war nicht allein mit seiner Gitarre nach Bielefeld gekommen, sondern hatte seinen Bassisten Lars mitgebracht, um gemeinsam mit dem Opener „Armer Junge weint, armes Mädchen auch“ der aktuellen Langrille „Caruso“ in Lonesome-Cowboy-Manier zu starten. Wenig später beschrieb sich Herr Koppruch als verschrobenen Typen, der vor drei Tagen sein erstes KETTCAR-Konzert erlebt hat und in einem Vogelnest in einem Baum wohnt. Ein wenig klang auch die Musik des 45-jährigen mit der sonoren Stimme nach verschrobenen Gedanken, die sich letztlich doch wie sie häufig um die Liebe drehten. So geschehen bei „Mein einziges Lied“ oder „Komm küssen“ (beide 2007 auf „Den Teufel tun“ erschienen). Basslastig und mit viel Groove schloss sich mit „Caruso“ der Titeltrack des im August in die Plattenläden gekommenen neusten Silberlings an, ehe es mit „Vergessen was sie wusste“ mitsamt Banjo und ruhigen Tönen weiterging. „Den Teufel tun“ wollten nicht nur Nils und Florian, auch TIM NEUHAUS und sein Schlagzeuger Florian waren bei diesem Lied mit von der Partie, bevor zu „Die Aussicht“ GISBERT ZU KNYPHAUSEN eine Gastrolle übernahm. Immerhin haben die beiden die Nummer gemeinsam geschrieben, da machte es natürlich Sinn, sie bei dieser Gelegenheit auch gemeinsam zu performen. Zum Schluss waren beim aussichtsreichen „Kirschen (wenn der Sommer kommt)“ Nils und Lars wieder unter sich, schließlich musste Gisbert langsam auch mal rüber auf die große Stage, wo er von zahlreichen weiblichen Fans bereits sehnlichst erwartet wurde.

Setlist NILS KOPPRUCH
Armer Junge weint, armes Mädchen auch
Mein einziges Lied
Komm küssen
Caruso
Vergessen was ich wusste
Den Teufel tun
Die Aussicht
Kirschen (wenn der Sommer kommt)

GISBERT ZU KNYPHAUSEN

Niemand mischt momentan die deutsche Singer-/Songwriter-Szene so sehr auf, wie GISBERT ZU KNYPHAUSEN. Wie sagte Thees: „Gisbert ist die Faust, die sich in den Magen bohrt und die zarte Hand, die den Kopf streichelt.“ Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, aufgewachsen auf einem rheinhessischen Weingut und inzwischen in Berlin wohnhaft, kletterte auf diese Weise mit seiner zweiten Scheibe „Hurra! Hurra! So nicht.“ im Mai dieses Jahres bis auf Platz 12 der Albumcharts und auch wenn überwiegend die Indie-Mädels an seinen Lippen hängen, dürften die Käufer seiner Platten beiderlei Geschlechts sein und auch im Ringlokschuppen hatten sich Männlein und Weiblein in großer Zahl eingefunden, um dem Chefmelancholiker bei seinem Solovortrag beizuwohnen. „Verschwende deine Zeit“ war der erste gefühlvolle Aufruf des 31-jährigen, bevor mit „Der Blick in deinen Augen“ mein Highlight vom selbstbetitelten 2008er Debüt folgte. Nicht minder fesselnd kam „Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten“ rüber, bevor es mit „Kräne“ sehr emotional wurde. Die Nummer erntete viel Applaus und natürlich konnte es bei „Melancholie“ und auch „Hurra! Hurra! So nicht“ nicht weniger gefühlvoll zur Sache gehen. Wenn Gisbert mit seiner Band zusammen unterwegs ist, gehört auch Gunnar Ennen (Gitarre & Keys) zu diesem Kreis. In OWL beheimatet, bot es sich natürlich an, dass Gunnar schnell seinen akustischen Sechssaiter einpackte und für „Neues Jahr“ mit ins Rampenlicht trat. Allerdings werden die roten Luftballons in Herzform, die bei diesem Lied auf die Bühne schwebten, Gisbert zugedacht gewesen sein, auch wenn der sich überhaupt nicht um die herzige Botschaft kümmerte. Stattdessen begrüßte er wenig später den nächsten Gast, mit dem er an diesem Abend bereits die Stage geteilt hatte. NILS KOPPRUCH war sozusagen zum Gegenbesuch in die große Halle gekommen, wo inzwischen rund 1.600 Fans versammelt waren, um das geile „Fleisch und Knochen“ zu hören, das die beiden Musiker gemeinsam auf einer Compilation zugunsten der Hamburger Obdachlosen-Initiative „Hinz & Kunzt“ veröffentlicht haben. Gelungener Abschluss des 45-minütigen Sets war der impulsive „Sommertag“, auch wenn ich gerade bei diesem Song gemerkt habe, dass ich Gisbert noch mal so gern mag, wenn er seine Jungs mit den Instrumenten dabei hat. Es geht dann doch noch ein bisschen mehr ab beim Herrn zu Knyphausen und der Intensität schaden die Kollegen auch nicht.

Setlist GISBERT ZU KNYPHAUSEN
Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues Nr. 135)
Der Blick in Deinen Augen
Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
Kräne
Melancholie
Hurra! Hurra1 So nicht.
Neues Jahr
Morsches Holz
Knochen und Fleisch
Dreh Dich nicht um
Sommertag

AN HORSE

An Intensität, Spielfreude und jeder Menge Rock’N’Roll ließen es AN HORSE wahrlich nicht mangeln. Das Duo aus Down Under, dem Thees Uhlmann im gebrochenen Westerwelle-Englisch für das internationale Flair dankte, das es dem Fest van Cleef bescherte, fackelte nicht lange und legte mit „Company“ flott los und bewies auch beim folgenden „Postcards“, das ebenfalls vom 2010er Erstling „Rearrange Beds“ stammte, dass Gesang, Gitarre (Kate Cooper) und Schlagzeug (Damon Cox) durchaus ausreichend sein können, um es mit viel Drive krachen zu lassen. Die beiden haben sich 2007 bei der gemeinsamen Arbeit in einem Plattenladen kennengelernt und irgendwann beschlossen, dass sie doch auch selbst Musik machen könnten. Ein kluger Gedanke, wie auch TEGAN & SARA und DEATH CAB FOR CUTIE fanden, mit denen AN HORSE (die falsche Grammatik geht übrigens auf einen Streit zwischen Kate und ihrem Nachbarn zurück, der steif und fest behauptete, das „N“ sei in Kombination mit „Horse“ richtig und schenkte Miss Cooper gleich einmal einen Pullover mit der entsprechenden Aufschrift) bereits auf Tour waren. Hierzulande erarbeiten sich die Aussies noch ihre Fanbase, die sich jedoch mit dem Fest van Cleef deutlich vergrößert haben dürfte. Zackig und mit viel Schmackes gefielen beispielsweise „Scared As Fuck“ und „Horizons“, während „Little Lungs“ über weite Strecken zurückhaltender blieb. Insgesamt lieben es AN HORSE jedoch deutlich kraftvoller, wie „Know This, We’ve Notice“ oder das blitzschnelle „Trains And Tracks“ unterstrichen, das unmissverständlich zum Tanzen einlud. Entsprechend ging’s auch mit „Camp Out“ und „Shoes Watch“ in die Vollen, um schließlich mit „Dressed Sharply“ krachend zu enden, während langsam ein Exodus Richtung Stage 1 einsetzte.

Setlist AN HORSE
Company
Postcards
Scared As Fuck
Little Lungs
Horizons
Know This, We’ve Noticed
Trains And Tracks
Camp Out
Shoes Watch
Dressed Sharply

THEES UHLMANN & FREUNDE

In der großen Halle sollte jetzt nämlich das Geheimnis um THEES UHLMANN & FREUNDE gelüftet werden. Thees arbeitet momentan an neuen Songs, die allerdings nicht gemeinsam mit TOMTE entstehen, sondern im nächsten Jahr auf seinem ersten Solo-Album erscheinen werden. Man durfte also gespannt sein und auch Marcus Wiebusch versprach in seiner Ankündigung, dass da einiges auf uns zukäme. Zunächst einmal war das Herr Uhlmann himself, der seinen Kapuzensweater gegen eine der unvermeintlichen Lederjacken getauscht hatte und erklärte, dass er einen Geschäftspartner zu sich auf die Bühne geladen hätte, mit dem er in der Bielefelder Innenstadt einen florierenden Fish & Chips-Laden hätte. Fish & Chips? Da lag nahe, dass es sich um jemanden von YOUNG REBEL SET handelte und tatsächlich erschien Mundharmonika-Mann David, um für die abstiegsgefährdeten Arminia Bielefeld (2. Liga) und den nicht minder bedrohten FC St. Pauli (1. Liga) „Das hier ist Fußball“ zum Besten zu geben. Dafür gab’s für die Zwei dann auch gleich einmal tosenden Beifall und auch die TOMTE-Nummer „Die Schönheit der Chance“ erfreute sich ausgiebiger Fan-Gesänge. Und da sage noch einer die Ostwestfalen seien stur! Zur Not quatscht Thees sein Auditorium aber auch einfach in Grund und Boden. Zwar schien der Wahlberliner mit norddeutschen Wurzeln zwar gelegentlich mit deutlicheren Publikumsreaktionen gerechnet zu haben, wenn er seine abstrusen Geschichten erzählte, aber eigentlich war er mit TOMTE auch schon oft genug in der Region, um zu wissen, dass man seine Begeisterung in diesem Landstrich manchmal eher verhalten zeigt. Mich haben seine Storys und Anmerkungen wie immer bestens unterhalten und ich wäre auch gern dabei gewesen, als Nikolai Potthoff (Bass bei TOMTE) auf irgendeiner Promi-Party einem der Klitschko-Brüdern nach ca. 20 Bieren freudestrahlend erzählt hat, dass er auch bei McFit trainiert. Auch die Musik, die im Folgenden gemeinsam mit einer fünfköpfigen Band vorgetragen wurde, der auch Nikolai an der Langaxt angehörte, ließ keine Wünsche offen und steigerte die Vorfreude auf das kommende Solo-Werk. Gleich „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ hatte viel Schmackes und wurde einem gewissen Matthias gewidmet, dem Thees seine erste Gitarre verdankte und der leider an das „Arschloch Krebs“ verloren ging. Groovig ging’s mit „Sommer in der Stadt“ und einem musikalischen Bericht über die Tristesse der Großstadt Berlin weiter, bevor Thees zur Mundharmonika griff und seine Zuschauerschaft nach Kindern fragte. Wem „Die Nacht war kurz, ich steh früh auf“ gewidmet war, erklärt sich wohl von allein. Mit viel Dramatik und Drive gedachte Thees seiner Jugend im Landkreis Cuxhaven, der er mit „Hier komm ich her, hier bin ich geboren“ ein musikalisches Denkmal gesetzt hat, um es mit „Vom Delta bis zu den Quellen“ ordentlich rocken zu lassen, während „Und JAY-Z singt uns ein Lied“ umgehend in Bein und Herz ging. Dazwischen gab es immer wieder Gequatsche vom Feinsten und natürlich absolut verdienten Applaus, weshalb UHLMANN & FRIENDS ihre Spielzeit auch ein wenig überziehen durften und als Zugabe einfach noch einmal „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ runterrissen. Meinetwegen hätten sie ihr gesamtes Set noch einmal durch die Boxen jagen können; macht ja nichts, dass anscheinend noch nicht mehr Material vorhanden ist bzw. die Songs noch nicht sitzen. Angeblich spielt die Kapelle aber auch erst seit einer Woche in dieser Besetzung. Aber wenn Thees Uhlmann das behauptet, muss man vorsichtig sein, was den Wahrheitsgehalt angeht…

Setlist THEES UHLMANN & FREUNDE
Das hier ist Fußball
Die Schönheit der Chance
Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Sommer in der Stadt
Die Nacht war kurz, ich steh früh auf
Hier komm ich her, hier bin ich geboren
Vom Delta bis zu den Quellen
Und JAY-Z singt uns ein Lied

Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf

KETTCAR

Erstmals stand eine „richtige“ Umbaupause an, denn natürlich spielten auch KETTCAR im großen Gemäuer. Doch auch dieser Change Over fiel mit 20 Minuten angenehm kurz aus – die Nacht würde eh kurz genug ausfallen und so freute ich mich ein letztes Mal über Thees’ wahnwitzigen Gedankensprünge bei der Ansage seiner Label-Homies und spätestens nachdem das Intro verklungen war, gab’s im Ringlokschuppen kein Halten mehr. Die „Deiche“ waren gebrochen und KETTCAR wurden abgefeiert. „Kein Außen mehr“ setzte die Party fort, ehe es mit „48 Stunden“ vom 2005er „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ melancholisch-schön wurde. „Graceland“ vom zwei Jahre alten dritten Longplayer „Sylt“ zählt inzwischen auch schon wie „Balkon gegenüber“ vom 2002er Erstling „Du und wie viel von deinen Freunden“ zu den Klassikern, während der erfahrene KETTCAR-Konzertgänger „Balu“ erst am Ende des Abends erwartet hätte. Marcus Wiebusch war es allerdings Leid, dass bei dieser Nummer stets die gestandenen Kerle schon den Saal verlassen haben und deshalb gab es den Track, der in der Vergangenheit als Rausschmeißer fungierte (was ja beim starken Geschlecht auch hervorragend funktionierte) bereits zur Halbzeit, was Reimer Bustorff (Tieftöner), Erik Langer (Gitarre) und Christian Hake (Schießbude) eine kleine Pause bescherte, da „Balu“ weiterhin nur von den Wiebusch-Brüdern Marcus und Lars gespielt wird. Für den bisher unveröffentlichten Track „Nach Süden“ stand wieder die gesamte Mannschaft auf der Bühne und ließ ein Lied hören, das es in sich hatte. Das Stück über einen eineinhalbjährigen Krankenhausaufenthalt und das Glück, nicht an Krebs zu sterben, erhielt viel Zuspruch und wurde vom maritimen Hamburg-Evergreen „Landungsbrücken raus“ abgelöst, ohne den wohl auch kein KETTCAR-Gig denkbar wäre. Vielleicht geht ja auch mal Reimers Wunsch in Erfüllung, in Herford zu spielen, mit dem X wäre ja durchaus eine geeignete Location vorhanden. Damit wäre er dann auch näher an seiner Herforder Gastfamilie, die ihn mal eine Woche lang beherbergt hat und anlässlich der Bandbesuche in der Leineweberstadt beharrlich hochprozentige Geschenke mitbringt. Für diejenigen, die mehr als 100 km fahren mussten, um zum Fest van Cleef zu kommen (was nach Marcus’ Schätzung nach Handzeichen etwa zehn Prozent waren), spielten die Indie-Rocker, die im nächsten Jahr zehnjähriges Jubiläum feiern können, „Im Taxi weinen“, bevor es für alle einbeinigen Enten noch eine neue Nummer auf die Mütze gab: „3:26“ hieß der Kracher, der in „Am Tisch“ einen nachdenklichen Nachfolger gefunden hatte, für den Reimer in eine Trompete stieß und Lars ein Schifferklavier bemühte. Nach einer guten Stunde endete hier das reguläre Set, doch ausgiebiges Klatschen und Zugaberufe holten KETTCAR auf die Stage zurück, wo mit viel Schwung „Stockhausen, Bill Gates und ich“ zum Zuge kamen und auch „Ich danke der Academy“ nicht fehlen durfte. Nach einem weiteren kleinen Break konnte zu „Ausgetrunken“ ein letztes Mal getanzt werden, dann war’s das nach genau sieben Stunden und acht erstklassigen Acts auch schon wieder mit dem Fest van Cleef 2010.

Setlist KETTCAR
Deiche
Kein Außen mehr
48 Stunden
Balkon gegenüber
Graceland
Balu
Nach Süden
Landungsbrücken raus
Nullsummenspiel
Money Left To Burn
Im Taxi weinen
3:26
Am Tisch

Stockhausen, Bill Gates und ich
Ich danke der Academy

Ausgetrunken

Was für ein gelungener Betriebsausflug des Grand Hotel van Cleef! Musikalisch hochkarätig und abwechslungsreich, präsentierten sich alte Hasen und Newcomer einem Publikum, das im Laufe des Abends immer älter wurde. Dabei lohnte es sich auf jeden Fall von Anfang an dabei zu sein. Das fanden wohl auch die beteiligten Musiker, die nicht nur immer mal wieder unverhofft auf der Bühne auftauchten, sondern auch vor der Stage im Publikum standen und Spaß an der Mucke der Kollegen hatten. Thees lag schon richtig: Das Fest van Cleef war mit Sicherheit besser als der sonntägliche Tatort. Den hab ich allerdings aufgenommen und werde ihn anschauen, wenn es an der Konzertfront mal ruhig ist.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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