Konzert Filter

FEST VAN CLEEF 2011

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 09.12.2011

Nach der geglückten Winterpremiere im vergangenen Jahr, hat sich auch Anno 2011 der GHvC-Rockzirkus im Dezember auf den Weg gemacht, um mit einem kleinen aber feinen Indoor-Festival für ein Wochenende durch die Republik zu ziehen. Wie schon bei der letztjährigen Auflage war man beim sechsten FEST VAN CLEEF in Bielefeld zu Gast, was insbesondere den Headliner CASPER gefreut haben dürfte, denn selbiger ist nicht nur ein Kind der Leineweberstadt, sondern hat jahrelang an Theke 7 im gastgebenden Ringlokschuppen gearbeitet. Des Weiteren war der Auftakt in Bielefeld auch für THEES UHLMANNs Mann am Sechssaiter, Nikolai Potthoff, ein Heimspiel, der ebenfalls seine Wurzeln im ostwestfälischen Puddingmekka hat. Ich teile mir zwar mit dem Herrn den Nachnamen, nenne jedoch Osnabrück mein Zuhause und musste zudem erst meinen Lebensunterhalt verdienen, weshalb leider die erste Hälfte der musikalischen Darbietungen ohne mich stattfinden musste. Aber unser Fotograf war pünktlich vor Ort, weshalb es vom Opener GHOST OF TOM JOAD und den nachfolgenden Künstlern MAIKE ROSA VOGEL, FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS und MORITZ KRÄMER zumindest Fotos gibt. Zur zweiten Halbzeit war ich dann aber auch endlich angekommen und durfte mich gleich über das erste Highlight freuen.

ELEMENT OF CRIME

Von THEES UHLMANN als eine der härtesten Bands der Welt angekündigt, übernahm Fronter Sven Regener mit seinen Mannen um 20.45 Uhr im großen Saal das Regiment und sorge mit „Nightmare“ und seiner Trompete gleich einmal für einen sphärischen Start. Genau diese melancholischen Songs sind es, die EoC zu einer „harten“ Band machen – zumindest wenn es um Dinge wie Poesie und phantasievolle Arrangements geht, die den Hörer wirklich hart treffen und umhauen. Aber auch auf etwas fröhlichere Lieder versteht sich die gestandene Altherrenriege, die mit „Straßenbahn des Todes“ tanzbar nachlegte. Zu meinen Favoriten der ELEMENT-OF-CRIME-Diskografie zählt zweifellos „Am Ende denk ich immer nur an dich“ vom letzten Studioalbum „Immer da wo du bist bin ich nie“ aus 2009, auf das ich heuer nicht verzichten musste und das wieder einmal einfach wunderbar war und den stets leicht kratzbürstig wirkenden Chef auf der Bühne zu einem „Romantik!“-Ruf animierte, zu dem er auch gleich die Arme hochriss. Für Gänsehaut sorgte bei „Deborah Müller“ nicht nur das Blasinstrument, sondern auch die Violine, für die seit 2010 Christian Komorowski verantwortlich zeichnet, ehe es mit „Immer unter Strom“ rhythmusbetont weiterging. „Bitte bleib bei mir“ hieß es wenig später mit ruhigen Klängen und schwermütig jaulenden Gitarren auf der in rotes Licht getauchten Bühne, bevor zu „Kaffee und Karin“ geschunkelt werden durfte. Der Titeltrack des besagten Longplayers „Immer da wo du bist bin ich nie“ groovte derweil wie der Teufel und schon wollten sich die Herrschaften nach nur 40 Minuten verabschieden. Eine Zugabe hatten ELEMENT OF CRIME dann aber doch noch in petto und so durfte sich der gut gefüllte Ringlokschuppen noch über „Delmenhorst“ vom „Mittelpunkt der Welt“ aus 2005 freuen. Mit grandioser norddeutscher Schwermut und einem abschließenden „Und so ist das!“ sagte Regener dann endgültig nach einer dreiviertel Stunde Tschüß und so galt es, zügig die Location wechseln, wo bereits der nächste Act in den Startlöchern stand.

Setlist ELEMENT OF CRIME
Nightmare
Straßenbahn des Todes
Am Ende denk ich immer nur an dich
Deborah Müller
Immer unter Strom
Bitte bleib bei mir
Kaffee und Karin
Immer da wo du bist bin ich nie
Delmenhorst

CLICK CLICK DECKER

Hinter CLICK CLICK DECKER verbirgt sich der Wahlhamburger Kevin Hamann, der nach den Worten von THEES UHLMANN so gar keinen Bock hat, ein Star zu werden. Starallüren legte der 31-jährige in der kleinen Halle der Konzertlocation auch keinesfalls an den Tag. Der Umstand, dass er barfuß auf der Bühne stand, ist höchstens ein wenig exzentrisch zu nennen. Herr Hamann, der im Übrigen auch bei BRATZE aktiv ist, war nicht allein in das „deutsche Detroit“ gekommen (für die Unwissenden: rund um den Ringlokschuppen wimmelt es von Autohäusern) und hatte den Kollegen Oliver Stangl an seiner Seite, der nicht nur die Saiten seiner A- und E-Gitarren bearbeitete, sondern auch an einer Slide Guitar Platz nahm oder in die Tasten eines Mini-Keyboards haute. Über 40 Minuten gab es feinen Singer-/Songwriter-Stuff auf die Ohren, der häufig von Beats aus dem Drumcomputer ergänzt wurde. So beispielsweise beim flotten „Ich kenne meine Sschwächen“ geschehen, dem bei minimaler Instrumentierung der Zwiegesang von „Immerhin beabsichtigt“ folgte. Bei „Einbahnstraße“ war Oliver wie bereits beim vorherigen, neuen Song an der Slide Guitar zugange, die er jedoch ebenso wie sein Mikro für einen Moment links liegen ließ, um gemeinsam mit Kevin eine Textzeile ohne akustische Verstärkung vorzutragen. Für „Händedruck am Wendepunkt“ kamen schließlich die Keys zum Einsatz, bevor das PEER-Cover „Schutzraum“ das Set beendete. Zumindest für mich, denn ich machte mich schleunigst auf den Weg in die große Halle, um nichts vom nächsten Gig zu verpassen.

THEES UHLMANN & BAND

Hier warteten die Fans gespannt auf TOMTE-Vorstand und Grand-Hotel-van-Cleef-Mitbegründer THEES UHLMANN, der sich nicht selbst anzusagen brauchte, sondern einige warme Worte von Marcus Wiebusch – Label-Kompagnon und KETTCAR-Frontmann – mit auf den Weg bekam. Wenig später präsentierte der blonde Lederjackenträger dann auch schon stolz seine 1Live-Krone, die er am Abend zuvor als bester „Plan-B-Act“ erhalten hatte, ehe er (an der Mundharmonika) und Julia Hügel (am E-Piano) mit „Römer am Ende Roms“ loslegten. Der Rest der Band ließ ebenfalls nicht mehr lange auf sich warten und der Spaß konnte beginnen. Wie üblich redete Thees ohne Punkt und Komma, weshalb er auch wohl ein wenig die Zeit aus dem Auge verlor und am Ende nicht die komplette Setlist gespielt werden konnte. Mir gefallen seine kleinen Geschichten und es ist zweifellos ein netter Zug, einen Song wie „Das Mädchen von Kasse 2“, den Leuten zu widmen, die arbeiten müssen, damit eine Veranstaltung wie das Fest van Cleef gelingen kann. Nur an den Namen des Liedes „Lat: 53,7 Lon: 9.11667“ werde ich mich vermutlich nie gewöhnen. „Hier komm ich her, hier bin ich geboren“ pflegt Herr Uhlmann zu sagen, wenn er abgefragt hat, wie viele Zuschauer wie er vom Dorf kommen und für mich wäre das auch der bessere Titel eines fantastischen Stückes, dem mit dem tanzbaren „Vom Delta bis zur Quelle“ gleich der nächste Kracher folgte. Wenn’s nach Thees gegangen wäre, müsste „Sommer in der Stadt“ übrigens ein trauriger griechischer Hochzeitswalzer sein; da Gitarrist und Produzent Tobias Kuhn aber auch noch ein paar Takte zu melden hatte, ist daraus ein Track mit der Weisheit „Was man in der Jugend sündigt, zahlt einem das Alter heim“ und einem tollen Refrain geworden. „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ mit seinen vielen „Uhhs“ wurde gleich mal aus Hunderten Kehlen mitgesungen und jetzt wissen wir auch, wie Thees zur E-Gitarre kam und das wir dem leider an Krebs verstorbenen Mathias vermutlich verdanken, dass es das Fest van Cleef an diesem Abend überhaupt gab, weil er es war, der dem jugendlichen Möchtegern-Musiker sein Instrument geliehen hat, bei dem natürlich gleich eine Saite riss, weshalb der unwissende Uhlmann annahm, das gute Stück geschrottet zu haben. Inzwischen weiß es der 38-jähige besser und lehrt uns mit seinem Song „Die Nacht war kurz (ich steh früh auf)“, dass zunehmendes Alter und Rock’N’Roll in keinem Widerspruch stehen. Mein Konzerthöhepunkt war einmal mehr „& Jay-Z singt uns ein Lied“, wobei ich hier eigentlich damit gerechnet hatte, dass CASPER wie in der konservierten Aufbereitung seine Textzeile höchstpersönlich zum Besten gäbe. Der Herr ließ sich jedoch nicht blicken – sollte er etwa mitbekommen haben, dass mir die Live-Version besser gefällt? Wie auch immer, er blieb verschollen und so endete das Konzert ohne ihn, aber mit „Die Toten auf dem Rücksitz“, bei dem Julia, die vor lauter Aufregung seit 48 Stunden nicht geschlafen hatte, zum großen Piano-Finale anhob. Trotz vehementer Zugaberufe war an dieser Stelle nach 55 Minuten Schluss und es galt sich ein wenig in Geduld zu üben, da die Stage jetzt zunächst für CASPER präpariert wurde, während in der kleinen Halle langsam die After-Show-Party startete.

Setlist THEES UHLMANN & BAND
Römer am Ende Roms
Das Mädchen von Kasse 2
Lat: 53,7 Lon: 9.11667
Vom Delta bis zur Quelle
Sommer in der Stadt
Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
Die Nacht war kurz (ich steh früh auf)
& Jay-Z singt uns ein Lied
Die Toten auf den Rücksitz

CASPER

Mit 15-minütiger Verspätung legte der Vorzeige-Rapper dann schließlich um kurz vor Mitternacht auch los, nachdem Kumpel Uhlmann seinen Stolz zum Ausdruck gebracht hatte, dass CASPER unter seiner Labelflagge auf der Bühne stände. Für den so hoch gelobten Musiker war es wohl ebenfalls etwas ganz besonderes, ausgerechnet auf der großen Stage im Ringlokschuppen zu stehen, wo er von seinem früheren Arbeitsplatz hinter der Theke 7 vermutlich so manche Band in Augenschein nehmen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nach dem Erfolg seines Nummer-1-Debüts „XOXO“ noch mal an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren wird, ist wohl eher gering, deshalb zurück zum Geschehen auf der reich illuminierten Bühne. Dort hatten CASPER und seine Kapelle mit Wolfsmasken angetan zum Opener „Der Druck steigt“ Aufstellung genommen und sogleich ihr Publikum fest im Griff. Während blaue Nebelschwaden umherwaberten, leuchteten die elektrifizierten Augen in den Masken ins Publikum, bevor blinkende LEDs im Hintergrund bei „Blut sehen“ für optische Akzente sorgten. Vom Song „Auf und davon“ war eben an diesem Freitag ein Video erschienen, während sich die Bielefelder Fangemeinde beim Titeltrack „XOXO“ absolut textsicher zeigte und CASPER erste Publikumskontakte aufnahm. Mit „Unzerbrechlich“ gab es einen etwas älteren und auch etwas ruhigeren Song auf die Ohren, während es „Alaska“ erneut krachen ließ und Benjamin Griffey (besser bekannt als CASPER) ein wenig hyperaktiv sein Terrain abschritt. „Mit letzte Gang der Stadt“ war die Aufforderung, sich zu bewegen, und CASPERs Bad in der Menge verbunden, bevor es beim recht harten „Rock’N’Roll“ zum Massenhüpfen kam. Nicht fehlen durften natürlich die „Alle Hände hoch“-Nummer „Casper! Bumaye“ und das Medley aus „Verflossene Liebe“, Guten Morgen Herzinfarkt“ und „Mittelfinger hoch“, mit dem gleich einmal der Abriss des Ringlokschuppens geprobt wurde. Die alten Industriemauern zeigten sich jedoch standhaft und so verlegte man sich mit „Das Grizzly Lied“ und „Michael X“ aufs Zuhören, ehe die Single-Auskopplung „So perfekt“ nach einer Stunde Ende und Höhepunkt der Show markierte.

Setlist CASPER
Der Druck steigt
Blut sehen
Auf und davon
XOXO
Unzerbrechlich
Alaska
Letzte Gang der Stadt
Rock´n´Roll
Casper! Bumaye
Medley (Verflossene Liebe/Guten Morgen Herzinfarkt/Mittelfinger hoch)
Das Grizzly Lied
Michael X
So perfekt

„So perfekt“ könnte auch die Quintessenz des Auftaktabends des diesjährigen FEST VAN CLEEF sein. Zumindest an den vier Bands, die ich sehen konnte, gab es nichts zu meckern und die Auswahl aller acht Künstler zeugt erneut von Abwechslung und viel Liebe zu guter Musik. Die Fans in Trier und Dresden dürfen sich freuen, denn zu ihnen kommen die 80 Personen auch noch, die vor und hinter den Kulissen für ein einen tollen Abend sorgten und bestimmt weiter sorgen werden. In diesem Sinne: Viel Spaß und ich hoffe auf ein Wiedersehen mit spannenden Bands beim FEST VAN CLEEF 2012!

Copyright Fotos: Jörg Rambow

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu CASPER auf terrorverlag.com

Mehr zu CLICK CLICK DECKER auf terrorverlag.com

Mehr zu ELEMENT OF CRIME auf terrorverlag.com

Mehr zu FRANK TURNER auf terrorverlag.com

Mehr zu GHOST OF TOM JOAD auf terrorverlag.com

Mehr zu MAIKE ROSA VOGEL auf terrorverlag.com

Mehr zu MORITZ KRÄMER auf terrorverlag.com

Mehr zu THEES UHLMANN auf terrorverlag.com