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FETTES BROT – DIE ORSONS

Ort: Bielefeld - Seidenstickerhalle

Datum: 01.05.2010

Nachdem der Kollege Rzehak beim Tourauftakt in Bremen dabei war, hatte sich am Tag der Arbeit eine Terror-Abordnung auf den Weg in die Bielefelder Seidenstickerhalle gemacht, um zu überprüfen, wie sich FETTES BROT in Bielefeld präsentierten. Zwei Mal musste im Vorfeld der Ort der Veranstaltung geändert werden, da sich der Ringlokschuppen als auch die Stadthalle ganz schnell als zu klein erwiesen. Und auch für die 7.250 Personen fassende Seidenstickerhalle gab es nicht eine einzige Karte mehr zu kaufen, so groß ist inzwischen der Hype um das norddeutsche Hip-Hop-Trio.

Pünktlich um 20.00 Uhr senkte sich Dunkelheit über die Venue und fünf Typen mit Pilzkopfperücken, schwarzen Anzügen und Pappgitarren enterten die Stage. Es handelte sich um die vier durchgeknallten Stuttgarter Rapper Kaas, Plan B, Tua und Maeckes, die noch von einem Herren an den Turntables unterstützt wurden und sich als DIE ORSONS vorstellten, nachdem sie zugegeben hatten, trotz entsprechender Beschallung („Yellow Submarine“ bei „Beatles Piraten“), gar nicht die wiedervereinigte Liverpooler Boygroup zu sein. Den schrägen Vögeln, die eine straff durchexerzierte Show boten, nahmen die Ostwestfalen diese Schummelei jedoch nicht übel und gingen stattdessen gleich gut mit und hatten offensichtlich Freude an der ORSONS-Selbstverarschung bei „Es fühlt sich gut an“ und dem A-cappella-Beitrag zu nervenden Vorbands, in dem die Jungs gleich mal erklärten, wo die (marginalen) Unterschiede zwischen den BROTEn und den ORSONS liegen und ein FB-Medley im Schnelldurchlauf ablieferten, ehe es mit den hämmernden Bässen von „Let’s Banana“ weiterging. Den im gleichnamigen Song besungenen Kim Kwang Seok hat es übrigens wirklich gegeben und nach seinem Selbstmord im Jahr 1996 ist der in seiner koreanischen Heimat sehr beliebte Sänger zu einer Art asiatischen Antwort auf Kurt Cobain avanciert. Nach all dem Rap zur großen Bühnenshow (auch wenn das Quintett nur einen kleinen Teil davon nutzen konnte, weil hinter dem Vorhang bereits das BROTe-Equipment auf seinen Einsatz wartete), gab es mit dem SOLDIER-BOY-Cover noch „richtige“ Musik, mit der DIE ORSONS es sogar in die größte New Yorker Hip-Hop-Radiostation geschafft haben, wie sie mit stolz geschwellter und inzwischen in T-Shirts verhüllter Brust verkündeten. Von Kaas zur Akustikgitarre performt, hätten die aufgekratzten Schwaben ihr halbstündiges Set nicht besser beenden können, so dass sie ein Auditorium hinterließen, welches nett bespaßt wurde und so in Stimmung gebracht gespannt auf den Hauptact wartete, dessen Member Björn Beton DIE ORSONS übrigens für die Tour verpflichtet hat.

Setlist DIE ORSONS
Beatles Piraten
Es fühlt sich gut an
Kurzes A Cappella
Let’s Banana
Bloody Orsons
Sam Cooke
Kim Kwang Seok
CMPTMK
Soldier Boy
Outro

Eine halbe Stunde später war es dann soweit: Die achtköpfige Begleitband NERVENKOSTÜM hatte bereits Aufstellung genommen und läutete mit einem Intro den nun folgenden 110-minütigen massiven FETTES-BROT-Energieausstoß ein. Lautstarker Jubel setzte folgte, als Dokter Renz, König Boris und Björn Beton hinzu stießen und es mit „Emanuela“(2005 auf „Am Wasser gebaut“ erschienen) den ersten Kracher auf die Ohren gab. Passend zum Song war auf vier riesigen LED-Leinwänden über der Bühne in verschiedenen Farben der Buchstabe „e“ zu sehen, ehe mit „Erdbeben“ vom letzten Studioalbum „Strom und Drang“ erdbebenähnliche Erschütterungen durch die Seidenstickerhalle drangen, da nicht nur kräftig mitgesungen, sondern auch -gehüpft wurde. Auf der Stage war Stillstand eh ein Fremdwort, FETTES BROT hatten vielmehr ihre bekannten Hummeln im Hintern und waren überhaupt nicht zu bremsen; höchstens die „Welle der Liebe“, die sie sich von ihren Fans auf die Bühne schicken ließen, konnte den flotten Dreier für einen Moment bändigen. Mit „Bettina“, die mit viel Gebläse und „Viagra“-Piktogrammen auf den Monitoren daherkam, war damit allerdings auch schon wieder Schluss, aber da selbst die sonst eher zurückhaltenden Ostwestfalen heute spontan alle Hemmungen fallen ließen, konnte dies nur im Sinne aller Anwesenden sein, die mit „Silberfische in meinem Bett“ umgehend einen Reggae-Style-Track vom 1996er Erfolgslongplayer „Außen Top Hits, innen Geschmack“ abfeiern konnten, dem sich nahtlos der The-Grosser-Remix mit Latino-Flair anschloss. Spätestens mit den „Lauterbach“-Singspielchen hatte sich die Konzertstätte in einen Hexenkessel verwandelt, in dem ganz klar die BROTE das Sagen hatten und die Fans die Herrschaften in weiß bedingungslos aus den Händen fraßen. Da wurde die Begeisterung schon mal mit spontanen „Seven-Nation-Army“-Gesängen zum Ausdruck gebracht (außerdem steht ja die Fußball-WM vor der Tür, da ist es gut, wenn man bereits im Training ist) und natürlich ausgiebig der mitreißenden Mucke der Nordlichter gehuldigt, die mit „Hamburg Calling“ nicht nur eine Hymne auf ihre Heimatstadt zum Besten gaben, sondern mit einer Regenschirm-Performance gleichzeitig unter Beweis stellten, dass sie nicht nur aufwändige Technik am Start haben, sondern auch ganz oldschoolmäßig eine Choreografie bieten können, mit denen sie zur Not gegen DIE ORSONS anstinken können. Wer sich bis hierher noch nicht in Bewegung gesetzt hatte, wird dies spätestens mit „Schwule Mädchen“ nachgeholt haben, denn die „Demotape“-Nummer ließ nun wirklich niemanden mehr ruhig stehen oder gar sitzen und war wirklich der Hammer. Mit „Amsterdam“, „Ich lass Dich nicht los“ und „An Tagen wie diesen“ (letzterer Song wurde gemeinsam mit PASCAL FINKENHAUER vorgetragen, der das Stück nicht nur für die Platte „Strom und Drang“ eingespielt hat, sondern auch beim NERVENKOSTÜM mit von der Partie ist) schalteten die BROTe einen Gang zurück, um den Fans eine kleine Verschnaufpause zu gönnen, bevor es mit „Was in der Zeitung steht“ wieder krachend zur Sache ging. Die „Brot-Zeitung“-Darstellungen auf den Leinwänden hatten deutliche Ähnlichkeit mit dem Erkennungsmerkmal des großen deutschen Boulevardblattes, mit dem man sich eine Meinung bilden soll und waren nur ein kleiner von vielen visuellen Beiträgen, die als Unterstützung der energiegeladenen Mucke über den Köpfen der Hauptakteure des Abends erschienen. Selbiger neigte sich nun bereits langsam seinem Ende entgegen, denn mit den mächtigen Bläsern des Songs verabschiedete sich die Bühnen-Elf um 22.20 Uhr und ließ sich von den Anwesenden doch ziemlich bitten, bevor man schließlich zum Zugabenblock schritt.

Der wurde mit „Jein 2010“ allerdings erstklassig eröffnet und viel mehr als diese Granate war eigentlich gar nicht mehr möglich. „Trotzdem“ machte jedoch noch einmal Tempo, während „Falsche Entscheidung“ zum Tanzen einlud, bevor nach einem weiteren kleinen Break der „Herrenabend“ groovte und eine kleine „We are the champions“-QUEEN-Reminiszenz
bot. Zu guter Letzt zeigte sich dann, dass sich auch Bielefeld „Nordisch By Nature“ fühlt, womit dann unter tosendem Beifall das rundum gelungene Konzert beendet wurde.

Dass auf FETTES BROT live verlass ist, haben die drei Männer an den Mikros und ihr NERVENKOSTÜM einmal mehr herausragend unter Beweis gestellt. Wer in der Seidenstickerhalle nicht seinen Spaß hatte, wird vermutlich auch sonst wenig zu lachen haben. An den BROTEn kann es jedenfalls nicht gelegen haben, die haben auch im 18. Jahr ihres Bestehens nichts von ihrer Spielfreude verloren und amtlich abgeliefert.

Setlist FETTES BROT
Intro
Emanuela
Erdbeben
Das allererste Mal
Bettina (Superpunk)
Silberfische in meinem Bett
The Grosser Remix
1 € Blues
O La La
Definition von fett
Lauterbach Remix
Hier drinnen
Da draußen
Hamburg Calling
Kontrolle
Schwule Mädchen
Amsterdam
Ich lass dich nicht los
An Tagen wie diesen
Was in der Zeitung steht

Jein 2010
Trotzdem
Falsche Entscheidung

Herrenabend
Nordisch By Nature

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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