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FRIEDA & ANNELIESE

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 24.02.2012

Das letzte Hemd

Nach „Frieda sei mit Euch aber auch Anneliese“ und „Das braune Gold von Plattengülle“ sind die beiden rüstigen Rentnerinnen aus der norddeutschen Tiefebene jetzt mit dem letzten Teil ihrer Trilogie unterwegs. Selbiger lautet „Das letzte Hemd“ und lockte gleich an zwei Abenden die Ostwestfalen in den nahezu ausverkauften Bielefelder Ringlokschuppen. Auf dem Programm stand Hochgeschwindigkeits-Bauerntheater 2.0, das von seinem Lokalkolorit und natürlich in besonderem Maße von den beiden Protagonisten Sabine Bulthaupt und Dietmar Wischmeyer lebte, die ganz in der Nähe im Osnabrücker Land aufgewachsen sind und vor fast 25 Jahren mit dem Frühstyxsradio auf ffn Radiogeschichte geschrieben haben.

Da waren sie also wieder, die beiden Landfrauen aus Plattengülle, das nördlich der Bienenstichgrenze irgendwo am Mittellandlkanal liegt und mit großen Problemen zu kämpfen hat. Fast die Hälfte der Bevölkerung im Seniorenalter ist wie vom Erdboden verschwunden und überall sollen Hähnchenmastanlagen gebaut werden. Außerdem geht es mit Frieda Horstmannskötter gesundheitlich bergab, „ihren Reinhardt“ will sie gar entmündigen und Nachbarin Anneliese Hausmann hat alle Hände voll zu tun, dass die Geschehnisse kein schlimmes Ende nehmen.

Deshalb war es natürlich auch absolut vonnöten, dass Anneliese gleich zu Beginn der vergnüglichen 2 ½ Stunden Friedas Post kontrollierte, bevor die betagte Dame, die nicht nur immer noch auf ihren Entnazifizierungsbescheid wartet, sondern auch ihren verstorbenen Mann, den faulen Sohn Reinhardt (der tagsüber beim Finanzamt Osnabrück-Land unter einer wärmenden Ferkellampe liegt und der Mau-Mau-Sucht verfallen ist, weshalb er die gesamte Hundesteuer des Landkreises veruntreut hat) sowie die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl überlebt hat, auf den Plan trat. Viel Neues aus dem Dorf wussten die beiden zu berichten; natürlich auch aus den eigenen Familien. So hat Reinhardts Frau Anita jetzt tagsüber Elternzeit genommen und sitzt nur noch nachts im Geldautomaten der Sparkasse, um die gewünschten Geldscheine durch den Schlitz zu schieben. Annelieses Heinz säuft immer noch, bekommt den Wacholder inzwischen nachts jedoch intravenös zugeführt und in der Nachbarschaft freut man sich über die Invalidenrente aus dem 6-Tage-Krieg. Der fand allerdings nicht im nahen Osten statt, sondern in der Fettschmelze in Lintorf, wo von Montag bis Samstag Margarine hergestellt wurde – „Ramadan“ halt. Derweil schallte aus dem just mit der „gelben Post“ gelieferten Seniorenradio (lässt sich nicht leise stellen) Roberto Blancos „Ein bisschen Gras muss sein“, Testgeräusche für die Hörgeräte-Überprüfung und Suchmeldungen nach der vermissten Carmina-Burana Ciciolka (die Jüngste der Ciciolka-Sippe aus der Siedlung), die im Baströckchen und mit einem Orffschen Musikinstrument bewaffnet irgendwo im Landkreis unterwegs sein musste. Unterwegs war auch der Bodenfrost-Wagen, bei dem Frieda ihre Lebensmittel zu kaufen pflegt und tragischerweise auch der Wagen des Gerontology-Konzerns, der ahnungslose Best-Ager mit Ü70-Schaumparties und einem halben Pfund Salz in seine Fänge lockte. Per Film-Einspieler wurde nicht nur inklusive Luise Koschinsky (aka Hans Werner Olm) Werbung für Gerontology gemacht, sondern auch visualisiert, welches Gespenst im „Greisgau“ umgeht und schon fand man sich in der Residenz „Moderfrieden“ wieder, wo die Alten in 3-Stock-Betten ihr Dasein fristen mussten und bereits um 4.30 Uhr der Weckruf durch die Gänge hallte, bevor’s zur Marschmusik ans Waschen ging. Hierher hatte es auch die ahnungslose Frieda verschlagen, die noch immer darauf hoffte, von der RAF (Reinhardts Armee Fraktion) befreit zu werden, stattdessen jedoch auf ihren Enkel Erwin Höhnefeld traf, der in der Alten-Kaserne als singender Bufti (Roberto Blanco: „Ein bisschen Sarg muss sein“) angeheuert hatte, nachdem er die Schule geschmissen hatte, wo die Referate aber eh nur noch via Twitter gehalten wurden und lediglich der Rektor mit zwei Bodyguards an seiner Seite auftauchte – die übrigen Lehrer waren schon lange krank geschrieben. Auch auf dem Land ist die Welt eben längst nicht mehr in Ordnung, sogar das erotische Dienstleistungsgewerbe zieht sich auch der Fläche zurück, wie Günter der Treckerfahrer zu berichten wusste. Zum „Stippen“ muss der riemige Landmann jetzt mit dem Schlepper in die Stadt, was aber mit dem großen Emsland-Perle-Güllefass bei der prekären innerstädtischen Park-Situation auch zum Problem werden kann, so dass fast nur die Möglichkeit bleibt, sich an der Ausfallstraße in die Warteschlange am Lovemobil einzureihen, wo in der Mittagspause bereits zwei UPS-Fahrer und ein rauchender rumänischer Braunbär mit seinem Truck auf Erleichterung hoffen. Statt Mon-Cherie-Bars und Lolita-Clubs schießen einfach überall Seniorenresidenzen aus dem Boden – oder Hähnchenmastanlagen, wie Günter eine auf Friedas Grund und Boden bauen möchte. Da hatte er allerdings die Rechnung ohne Frieda & Anneliese gemacht. Kurzerhand tauschten die beiden ihre Rollen, Frieda gelang die Flucht aus „Moderleben“ und Anneliese inszenierte ihre eigene Beerdigung, bei der sich herausstellte, das auf einarmigen Organisten überhaupt kein Segen liegt, Herr Pastor keine Zeit hatte, weil er seinen neuen Wagen aus Ingolstadt abholen musste und Heinz einen Stein mit der Inschrift „Einer geht noch rein“ ausgewählt hatte. Passend dazu intonierten die durch zahlreiche Krisen gestählten Pensionärinnen „Ein Stein, der deinen Namen trägt“, nachdem sie zuvor schon im Altersheim beim Rollator-Dance für Begeisterungsstürme gesorgt hatten und am Ende noch einen Ententanz hinlegten.

Für diese Leistung gebührt den betagten Damen definitiv der geforderte Ehrensold (übrigens war Sabine Bulthaupt unter Christian Wulff Pressesprecherin der CDU-Landtagsfraktion) und da des Künstlers Brot der Applaus ist, wurde auch hier nicht gespart. Mit dem ihnen eigenen frechen Mundwerk hatten Bulthaupt und Wischmeyer ihren Figuren wieder jede Menge Lacher in den Mund gelegt, für die sie mit Sicherheit gar nicht so sehr die Fiktion bedienen mussten, sondern einfach Nachbarn und Verwandten in der ländlichen Heimat aufs Maul geschaut haben. Friedas & Annelieses gibt es in den kleinen Ortschaften Norddeutschlands noch jede Menge und genau das macht auch den Reiz der Geschichten aus Plattengülle aus. Im Süden der Republik würde die bisweilen makabre Comedy wohl nicht zünden, in unseren Breitengeraden dafür umso mehr und darauf trinken wir noch einen Klaren, den sieht die Leber nämlich nicht!

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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