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FRIEDA & ANNELIESE

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 23.04.2008

Das braune Gold von Plattengülle

„Was wollen die alle hier, die brauchen doch nur beim Nachbarn über den Zaun zu schauen“, sagte Dietmar Wischmeyer zu Sabine Bulthaup bei der Verabschiedung im zum zweiten Mal in Folge ausverkauften Ringlokschuppen. Aber das macht ja gerade den Reiz von Frieda & Anneliese aus, die ihren Wohnsitz irgendwo im Emsland im fiktiven Plattengülle haben, so oder so ähnlich jedoch genauso gut im ländlichen Ostwestfalen oder Osnabrücker Land zuhause sein könnten. Schließlich ist Frau Bulthaup (die sowohl Anneliese Hausmann als auch Teenie Erwin Höhnefeld spielte) auch in Bad Essen-Rabber aufgewachsen und Dietmar Wischmeyer (Frieda Horstmannskötter, Günther der Treckerfahrer und Willi Deutschmann) hat seine Jugend ganz in der Nähe in Melle-Oberholsten verbracht. Ganz klar, viele der Charaktere, die sie in „Das braune Gold von Plattengülle“ persiflierten, haben ihren Ursprung im Landkreis Osnabrück. Die beiden Frühstyxradio-Protagonisten schauen seit annähernd 20 Jahren ihren alten Nachbarn, Verwandten und Bekannten einfach genau auf den Mund und überspitzen das Ganze nur noch geringfügig, um vor allem die Figuren der beiden biestigen alten Landfrauen mit humorigem Leben zu erfüllen.

Das aktuelle Stück, welches Bulthaup und Wischmeyer in wechselnden Rollen aufführten, zog gleich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden jeweils rund 1.000 Zuschauer überwiegend mittleren Alters an, die in zwei kurzweiligen Stunden bestens unterhalten wurden. Die Rahmenhandlung war ebenso schräg wie die Personen und die Dialoge, die dieses ganz besondere Volkstheaterstück ausmachten. Per Filmeinspielung, die an einen Mix aus Deutscher Wochenschau und 50er-Jahre-Heimatfilm erinnerte, erfuhren die Anwesenden, dass Wilhelm, der Angetraute von Frieda, 1944 zusammen mit dem gerade angekommenen ersten schlesischen Vertriebenen in Plattengülle (der musterdeutsche Stinkstiefel Willi Deutschmann war samt Cordhut bereits vor der großen Ostflucht aufgebrochen, um mit seinem VW Jetta nicht mit den anderen Flüchtlingen in einen Stau zu geraten ) einen Flugzeugabsturz beobachtete. Eine aus dem Wrack geborgene Kiste wurde auf Wilhelms Scholle vergraben, und man verabredete sich, nach 30 Jahren „das braune Gold“ aus der Kiste mit der Aufschrift „Kein Nazigold“ zu bergen, weil es erst dann den Findern gehört. So informiert, konnte die Geschichte in der Jetztzeit ihren schrillen Verlauf nehmen. Die beiden patenten Bauersfrauen wurden von „dem Schlesier“ verfolgt, wollten aber natürlich auch ihren Anteil am „Schatz“: Mord und Totschlag in Plattengülle, verbal und physisch, waren die Folge. Schließlich gab es da ja auch noch die krummbucklige Verwandtschaft, bestehend aus Friedas unehelichem Sohn Günther und dessen rotzfrechen Spross Erwin, der sich als Ferienjobber bei der ARD-Gestapo, will sagen der GEZ, verdingt hatte und dem Volksempfänger in Annelieses Küche auf der Spur war, aus dem fröhlich das Landradio Niedersachsen mit dem von Fettlieb Türzu moderierten Ferkelbingo drang. Außerdem ist Frieda noch stolze Mutter vom höchstbegabten Reinhard, der halbtags beim Finanzamt arbeitet und die andere Tageshälfte auf dem Osnabrücker Gertrudenberg im LKH (Landeskolleg für Höchstbegabte) verbringt. Zuhause nuckt er seiner Frau Anita schon mal eine mit dem Lattenend, wenn sie nicht gerade auf Kasse im Geldautomaten sitzt und dort die Scheine durch den Schlitz schiebt. Aber auch Anneliese hat der Welt einen Sohn geschenkt. Und ihr Dieter, Inhaber der Imbissbude „Zur warmen Wurst“ kommt ja gern einmal in der Woche zum Mittagessen. Wobei er letztens noch ein Hakenkreuz in der Buchstabensuppe gefunden hat. „War wohl noch eine alte Packung“ vermutete Anneliese, die durch besondere Umstände an Friedas Hofstelle geraten ist, während die ehemalige Eigentümerin jetzt bei Günther im leeren Schweinestall wohnt, wo gerade eine neue Biogasanlage in Betrieb genommen werden sollte, zu deren Eröffnung auch Umweltminister Siegmar Gabriel erwartet wurde. Leider fehlte für die Biogasanlage, mit der Günther das große Geld machen wollte, der entsprechende Rohstoff: Gülle! Deshalb war zunächst einmal dieses landwirtschaftliche Abfallprodukt für die Höhnefelds „das braune Gold“, nach dem Anneliese nachts grub und weswegen Günther ihr sogar die Ehe antrug, doch nach und nach bekamen auch Günther und Erwin die Wahrheit raus, während Frieda und Anneliese den Schlesier in einer Kiste fingen, die dann als IKEA-Schrank ohne Tür getarnt in der Küche stand. Als Deutschmann anfing zu randalieren, drohte Anneliese mit der Flinte, dass „Schlesiertreffen“ eine ganz neue Bedeutung bekommen könnte, betäubte ihn schließlich jedoch mit „Dr. Antrags Finanzamttropfen, die ihn genauso wie die eigentliche Beamten-Zielgruppe sogleich in einen Dämmerschlaf fallen ließ. Schließlich hatte Frau Hausmann auch noch was anderes zu tun. In der „Warmen Wurst“ fielen die Gäste reihenweise um, weil die Phosphatstangen nicht in Ordnung waren. Diesen Umstand kannte jedoch nur Frieda, welche die Post von der Katholischen Landesseuchenanstalt Vechta entgegengenommen und natürlich auch heimlich gelesen hatte. Zugeben konnte sie das natürlich nicht, deshalb musste sie auch die Einladung zur sonst so gern mitgenommenen Beerdigungsfeier in Dieters Imbiss ablehnen, weil sie Sommerreifen auf ihren Rollator bekäme, mit dem sie im Folgenden auch noch herrliche Bewegungsabläufe darstellte. Schließlich fand Erwin die sagenumwobene Holzkiste, die nicht wie von Frieda vermutet, das Bernsteinzimmer enthielt, sondern allerlei aus Hitlers Privatbesitz. Eine Weltkarte mit der Überschrift „Deutschland“, „Braunella-Vergeltungsmarmelade (erinnerte deutlich an Nutella und ein zweites Glas mit Dieters Probe an die Katholische Landesseuchenanstalt) und eine von Hitlers Diktierkassetten, wegen derer er auch der große Diktator genannt worden sein soll. Immerhin hatte Anneliese zu guter Letzt mit den von ihm genannten Lottozahlen für den 08.05.1945 beim Ferkelbingo 100 sechswöchige Ferkel und 6.000,00 EURO GEZ-Guthaben gewonnen. Damit war sie ihre Schulden bei der ARD-Gestapo los und bei Günther konnte die Gülle-Produktion wieder ans Laufen kommen. Grund genug für einen Scharlachberg, d.h. es wurde zum wiederholten Male die „Scharli-Time“ eingeläutet, um die glückliche Wendung des Geschehens zu begießen.

Die Aufführung lebte eindeutig von den schrägen Dialogen, die sich Frieda und Anneliese als streitsüchtige, bräsig-mäkelnde Urgewächse lieferten. Da wurde die Apothekenrundschau zur „Rentner-Bravo“ und die Todesanzeigen standen in der Tageszeitung auf der „kalten Seite“. Willi Deutschmanns Hetze gegen Schwule und Franzosen wirkte derart überzeichnet, dass man sie nur noch als böse Satire bezeichnen kann. Auch die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich fand auf groteske Art und Weise statt, die eine Lächerlichkeit offenbarte, zu der man befreit lachen konnte ohne dass irgendein Opfer verunglimpft worden wäre. Wunderbare Unterhaltung mit jeder Menge Lokalkolorit, so dass diese Art von Humor wohl nur in unserem Landstrich eine Chance hat.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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