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GISBERT ZU KNYPHAUSEN & KID KOPPHAUSEN BAND

Ort: Hannover – Faust

Datum: 18.04.2015

Was für ein Wochenende! Die Sonne lachte und dann auch noch ein fantastisches Konzert in der alten Bettfedernfabrik im Hannoveraner Stadtteil Linden-Nord. Dort gibt es das soziokulturelle Zentrum FAUST (FAbrikUmnutzung und STadtteilkultur), in dem Felix Weigt (Bass), Alexander Jezdinsky (Drums), Marcus Schneider (E-Gitarre) und Gisbert zu Knyphausen (Gesang & Akustik- und E-Gitarre) in der ausverkauften 60er-Jahre-Halle zu spielen gedachten. GISBERT ZU KNYPHAUSEN muss an dieser Stelle wohl niemandem mehr vorgestellt werden, die übrigen Herren bilden die KID KOPPHAUSEN BAND, die eigentlich im Herbst 2012 schon Tour gehen wollte, doch damals starb ganz plötzlich im Alter von 46 Jahren NILS KOPPRUCH, der bereits im Vorfeld einige Split-Sachen mit Gisbert gemacht hatte und auf der KID-KOPPHAUSEN-Platte „I“ die zweite treibende Kraft war. Verständlicherweise wurde das Projekt erst einmal auf Eis gelegt, doch so richtig vom Tisch war es wohl nie. Es gab immer mal wieder vereinzelte Konzerte, etwa im letzten Sommer auf dem „Heimspiel“, dem herrlichen Festival auf dem Weingut der Familie zu Knyphausen im Rheingau. Aus den Einzelgigs sind zwischenzeitlich eine ganze Reihe Tourtermine geworden, die Anfang des Jahres starteten und wegen der großen Nachfrage aktuell fortgesetzt werden.

Ich durfte in Hannover dabei sein und wurde einmal mehr Zeuge eines wunderbaren Abends mit gut gelaunten Musikern, grandiosen Liedern und einem aufmerksamen Publikum, dessen Songwünsche zwar nicht immer erfüllt wurden, das aber trotzdem ziemlich wunschlos glücklich gewesen sein durfte, denn die Setlist enthielt auch so jede Menge Schmankerl. Natürlich standen im Fokus die Songs vom KID-KOPPHAUSEN-Album, das es vor drei Jahren immerhin auf Platz 29 der Charts geschafft hat. In diesem Sinne lieferte „Haus voller Lerchen“ von diesem Silberling den Rahmen für einen ruhigen Einstieg, ehe der Vierer den nächsten Titel aus dem Fundus ihres verstorbenen Freundes zu Gehör brachte. „Staub und Gold“ wurde mit viel Drive vorgetragen und auch „Meine Schwester“ zeigte sich rhythmusbetont. Das temporeiche „Flugangst“ stammte aus Gisberts Feder und wurde 2008 auf dem selbstbenannten Debüt veröffentlicht. Nachdenklich schloss sich „Seltsames Licht“ vom 2010er Nachfolger „Hurra! Hurra! So nicht.“ an und auch die „Mörderballade“ machte getragen weiter, um schließlich in einem fetten Finale zu münden. Mit „Ich sag ja“ hatten die Herrschaften einen langsamer Growner im Gepäck und auch „Verschwende deine Zeit“ wurde mit Begeisterung aufgenommen. Offensichtlich hatten die Jungs auf der Bühne allerdings keine Zeit zu verlieren, denn die Nummer wurde deutlich schneller als im Original vorgetragen, aber das war ja auch genau der Plan: den Songs ein neues Gesicht zu geben, was samt und sonders gut gelang. Mit „Erwischt“ ging’s in die Vollen und „Jeden Montag“ groovte ordentlich. Eigentlich gehört zu „Zieh dein Hemd aus Moses“ ein Banjo, aber weil niemand eines hat und es auch nicht so gut spielen könnte wie Nils Koppruch, haben sich die Vier für dieses Stück ebenfalls eine neue Version überlegt, die gleichermaßen verspielt wie druckvoll ausgefallen ist. Mit „Kao Lak“ gab es sogar ein ganz neues Lied zu hören, das zwar noch nicht ganz fertig sein sollte, in seiner Unaufgeregtheit aber nicht nur Herrn zu Knyphausen gefiel. Die „Kräne“ hatten ebenfalls ein neues Gewand bekommen, das etwas mehr Wumms mitbrachte und mit viel Beifall bedacht wurde. Mit dem grandiosen „Das Leichteste der Welt“ war schließlich die Zeit für meine Lieblingszeilen des 36-jährigen Singer-Songwriters gekommen: „Denn jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt – und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab“. „Sommertag“ servierte gleich den nächsten Knaller, der eine Spur härter als sonst das Ohr traf, in dieser Darreichungsform aber ebenfalls viel Zustimmung fand. Das treibende „Nur ein Satz“ markierte mit entschleunigten Passagen nach kurzweiligen 80 Minuten das Ende des regulären Sets, aber selbstverständlich hatte das Quartett auch einige Zugaben in petto, wofür Kollege zu Knyphausen jedoch zunächst allein mit seiner Akustikgitarre ins Rampenlicht zurückkehrte.

Den Anfang machte das schöne „Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ mit leisen Klängen, ehe „Dreh dich nicht um“ der Liebesgeschichte kein gutes Ende bescherte. Abseits der vorbereiteten Setlist fügte Gisbert noch das aufs Wesentliche reduzierte „Morsches Holz“ hinzu, bevor für das getragene „Wenn ich dich gefunden habe“ die drei Mitstreiter wieder zur Stelle waren. „Immer muss ich alles sollen“ ließ den Frontmann erstmal die Gitarre beiseite legen, denn bei diesem Stück arbeitete der Mann, der unlängst noch als Bassist bei OLLI SCHULZ verpflichtet war, an  seiner Hip-Hop-Zweitkarriere. Es war an der Zeit für einen kleinen Trip in die Neunziger, als Crossover noch ein großes Ding war und ich bin mal gespannt, wie dieses Kinderlied (das nach eigenem Bekunden in der Studioversion allerdings etwas gemäßigter ist) bei der Zielgruppe ankommt. Das FAUST-Auditorium war durchaus angetan und erfreute sich im Übrigen am lebhaften „Es ist still auf den Rastplatz Krachgarten“.

Nochmals ein kleiner Break und dann war es endgültig da: das letzte Stück! Die Wahl fiel auf „Schritt für Schritt“, worauf nahezu zwei Stunden voller Glückseligkeit und Melancholie vergangen waren. Mehr ging nicht, das hatte das Publikum an diesem Abend gelernt, denn GISBERT ZU KNYPHAUSEN und die KID KOPPHAUSEN BAND sind – und das sagen sie selbst – alle miteinander höchst neurotisch und wenn ihr Tourmanager Mario Cetti nicht eine therapeutische Zusatzausbildung hätte, würden sie vermutlich gar nicht auf die Bühne kommen. Wie gut, dass zum Team weiterhin noch Apotheker und Physiotherapeuten gehören. Sonst wäre den Hannoveranern und Zugereisten womöglich ein großartiges Konzert entgangen. Mir war es einmal mehr ein ganz großes Vergnügen und ich freue mich bereits jetzt aufs nächste Mal.

Setlist
Haus voller Lerchen
Staub und Gold (NILS-KOPPRUCH-Cover)
Meine Schwester
Flugangst
Seltsames Licht
Mörderballade
Ich sag ja
Verschwende deine Zeit
Erwischt
Jeden Montag
Zieh dein Hemd aus Moses
Kao Lak
Kräne
Das Leichteste der Welt
Sommertag
Nur ein Satz

Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen
Dreh dich nicht um
Morsches Holz
Wenn ich dich gefunden hab
Immer muss ich alles sollen
Es ist still auf den Rastplatz Krachgarten

Schritt für Schritt

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