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GISBERT ZU KNYPHAUSEN – MORITZ KRÄMER

Ort: Osnabrück - Haus der Jugend

Datum: 12.05.2010

Als ich GISBERT ZU KNYPHAUSEN vor rund eineinhalb Jahren das letzte Mal in Osnabrück gesehen habe, spielte er vor knapp 200 Leuten im Glanz und Gloria. Das Kellergewölbe unter dem alten Kreishaus wäre allerdings heuer ebenso wie die eigentlich geplante Venue, die Kleine Freiheit am alten Güterbahnhof, aus allen Nähten geplatzt. Um sämtliche Ticketwünsche berücksichtigen zu können, ging es stattdessen ins Haus der Jugend, das mit gut 600 Besuchern nahezu ausverkauft war. Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Erscheinen des selbstbetitelten Debüts ist Ende April Gisberts zweite Platte „Hurra! Hurra! So nicht.“ in die Läden gekommen und die Chartposition #12 spricht eine ebenso deutliche Sprache wie das buntgemischte Publikum an der Großen Gildewart. Natürlich waren weiterhin die Indiemädels, die schmachtend an „Gisis“ Lippen hingen, in der Überzahl, aber der Wahlhamburger macht ganz eindeutig generationenübergreifende Musik und ist so zu einem modernen REINHARD-MAY.Nachfolger der Liedermacher-Generation 2.0 avanciert.

Natürlich war der Spross eines rheinhessischen Weinguts nicht allein an die Hase gekommen. Vielmehr wurde der Abend um 21.15 Uhr von MORITZ KRÄMER eröffnet, der nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet und „Wir können nix dafür“ vom noch nicht veröffentlichten Album „Ich kann nichts dafür“ startete. Zu „Hinterher“ gab’s rhythmische Begleitung von Drummer Sebastian Deufel, der später noch für Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen auf die Felle eindreschen sollte und für den nötigen Drive sorgte. Im Folgenden kamen auch noch die ebenfalls bei Gisbert ausgeliehenen Gunnar Ennen (Keys) und Frenzy Suhr (Bass) hinzu, bevor Moritz sich zu guter Letzt beim finalen „Danach“ am Berliner Idiom versuchte. Der Text von Kurt Tucholsky soll nach Krämers Meinung nur wirken, wenn er mit Berliner Schnauze vorgetragen wird, so richtig kam die Mundart zwar nicht über, war aber auch nicht von Nachteil und so schloss die erste musikalische halbe Stunde mit dem freundlichen Applaus der aufmerksamen Zuhörer, die mit der gefühlvollen Singer-/Songwriter-Mucke des Kreuzbergers perfekt auf den weiteren Verlauf des Gigs eingestimmt wurden.

Setlist MORITZ KRÄMER
Wir können nix dafür
Hinterher
Mitbewohnerin
?
Winkel
Danach

20 Minuten später legte dann der 31-jährige Gisbert mit seinem Blues Nr. 135, der auch auf den Namen „Verschwende deine Zeit“ hört solo und mit seiner Akustikgitarre bewaffnet los. Sehr zu seiner Freude ertönten schon bald im voll besetzten Saal erste Lalala-Gesänge, Berührungsängste schien es an diesem Mittwochabend im sonst häufig sehr unterkühlten (die Außentemperaturen lagen auch nur im unteren einstelligen Bereich, während es im HdJ ob der vielen Leute kuschelig warm war) Osnabrück nicht zu geben. Auch das schrammelige „Hey“ vom aktuellen Longplayer, zu dem die vierköpfige Band bestehend aus Gunnar Ennen (Tasten & Gitarre), Jens Fricke (Gitarre), Frenzy Suhr (Bass) und dem Drummer Sebastian Deufel auf die Stage kam, wurde mit seinem krachenden Passagen amtlich abgefeiert. Viel Applaus gab es zudem für das temporeiche „Erwischt“ vom Erstling, ehe es mit dem wundervollen Liebeslied „Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ mit Gunnar am Keyboard weiterging. Es folgte ein bunter Mix von schnellen und langsamen Songs, die Gisbert mal allein und dann wieder mit seiner Kappelle zum Vortrag brachte. Zwischendurch musste Gunnar immer mal wieder neue Saiten aufziehen, da Gisbert offensichtlich ein besonderes Talent dafür hat, selbige kaputt zu machen. Entsprechend verkündete er vor dem impulsiven „Dreh dich nicht um“, er habe jetzt alle Gitarrensaiten durchgeschrottet, weshalb jetzt eine kleine Pause überbrückt werden müsse, die man zum Bier holen nutzen könne. Frenzy und Sebastian waren dann so nett und verteilten ihre begrenzten Backstagevorräte ans Publikum, ehe es mit neuer Hardware weitergehen konnte. Auf dem Programm stand alsbald ein ELEMENT-OF-CRIME-Cover: Für „Wer ich wirklich bin“ stand der angesagteste Blaublüter der deutschen Musikszene zunächst allein auf der Bühne, um es schließlich gemeinsam mit seinem Instrumental-Quartett krachen zu lassen. Sehr stimmungsvoll kam anschließend „Morsches Holz“ rüber, für das Herr Ennen zur Pedal-Steel-Guitar griff, wodurch die Nummer eine ganz eigene Note erhielt; aber auch das unter die Haut gehende „Neues Jahr“ erntete verdientermaßen frenetischen Jubel, bevor „Kräne“ einen ruhigen Gegenpol setzte und es mit viel Gefühl „So seltsam durch die Nacht“ ging. Nicht einfach hatte es am Vorabend des Vatertages der gute Sebastian, der von fiesen Geräuschen geplagt wurde, die vermutlich aus der großen Monitorbox zu seiner Linken kamen und ihm offensichtlich wirklich körperliche Schmerzen bereiteten. Währenddessen schien sich Herr von und zu am Finger verletzt zu haben – der praktische Umgang mit der Gitarre scheint für Gisbert nicht ganz ungefährlich zu sein. Nichtsdestotrotz wurde das fantastische „Sommertag“ mit vereinten Kräften vor und auf der Stage abgefeiert und der Hauptprotagonist bedankte sich mit dem groovigen „Nichts als Gespenster“ für einen pannenreichen Gig, der Spaß gemacht habe.

Dass es das um 23.30 Uhr noch nicht gewesen sein konnte, war klar und umgehend schlossen sich mit „Melancholie“ und „Seltsames Licht“ einige recht schwermütige Momente an, die vom swingenden „Der Blick in deinen Augen“ mit viel Schmackes abgelöst wurden. „Der tödliche Schlag“ ist ursprünglich für ein Theaterstück entstanden und fast schien es so, als markierte diese Nummer das Konzert-Ende, doch nach einer kleinen Unterbrechung erschienen alle Fünf erneut auf der Bühne und überbrachten „Gute Nachrichten“, um mit „Spieglein, Spieglein“ ein tolles Finish hinzulegen, bei dessen „Blablabla“ noch mal alle mitsingen konnten, selbst wenn es mit der Textsicherheit noch ein wenig hapern sollte.

GISBERT ZU KNYPHAUSEN ist zweifelsohne ganz oben in der Singer-/Songwriter-Liga angekommen. Die zweite Langrille „Hurra! Hurra! So nicht.“ weiß live und als Konserve uneingeschränkt zu überzeugen und so sah man nach zwei Stunden Spielzeit auch nur zufriedene Fans, die mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht in die kalte Nacht strömten. Und da sage noch einer, melancholische Mucke mache depressiv. Weltschmerz kann so schön sein! GISBERT ZU KNYPHAUSEN bietet die besten Beweise…

Setlist GISBERT ZU KNYPHAUSEN
Verschwende deine Zeit (Gisbert Blues Nr. 135)
Hey
Erwischt
Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen
Grau, grau, grau
Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
Flugangst
Hurra! Hurra! So nicht.
Herzlichen Glückwunsch
Dreh dich nicht um
Wer ich wirklich bin (ELEMENT-OF-CRIME-Cover)
Morsches Holz
Neues Jahr
Kräne
So seltsam durch die Nacht
Sommertag
Nichts als Gespenster

Melancholie
Seltsames Licht
Der Blick in deinen Augen
Der tödliche Schlag

Gute Nachrichten
Spieglein, Spieglein

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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