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GISBERT ZU KNYPHAUSEN – WOLFGANG MÜLLER

Ort: Osnabrück - Glanz & Gloria

Datum: 04.10.2008

Offensichtlich haben die Osnabrücker GISBERT ZU KNYPHAUSENs ersten Besuch mit OLLI SCHULZ im März dieses Jahres in guter Erinnerung behalten, denn das Glanz & Gloria war heuer mit 200 Leuten nahezu ausverkauft. Während Gisbert im Frühjahr noch allein unterwegs war, hatte er an diesem Samstag Abend seine Band im Tourbus und seine erste, im Sommer erschienene Langrille im Gepäck. Außerdem hatte der Spross eines Adelsgeschlechts mit eigenem Weingut im hessischen Rheingau aus seiner Wahlheimat Hamburg noch einen Support mit ebenfalls unschlagbarem Künstlernamen dabei: WOLFGANG MÜLLER wird sich seinen Namen vermutlich auch nicht ausgedacht, sondern in die Wiege gelegt bekommen haben.

Zumindest hatte er die Ehre, von Herrn ZU KNYPHAUSEN um kurz vor 21.00 Uhr höchstpersönlich angesagt zu werden. Auf dem Programm stand eine halbe Stunde Singer-/ Songwriter-Minimalismus mit Wolfgang an Akustikgitarre und Mikro, Mat Clasen an der Flöte und Philipp Kraus an der E-Gitarre. Die drei Herrschaften hatten zu diesem Zweck auf Barhockern Platz genommen und legten passenderweise mit „Oktober“ los. Fast entschuldigend erklärte Herr Müller, dass seine Songs ruhiger seien als die Stücke, die bei Gisbert gespielt würden. Das überwiegend weibliche Publikum zeigte sich jedoch sehr andächtig, sah man mal von einem Pärchen ab, das irgendwie auf der falschen Veranstaltung gelandet war und recht lautstark „Rock ’N’ Roll“ verlangte. Zu „Blüten“ kam zusätzlich noch Sebastian Deufel ans E-Piano. Später sollte der glutäugige Beau auch bei Gisbert tätig werden, dann jedoch an den Drums. Während des „Vertonten Gedichts“ nahm sich Sebastian eine kleine Auszeit, die wohl auch alle Anwesenden gern dem störenden Schotten (als solcher hatte er sich zwischenzeitlich geoutet) verordnet hätten. Immerhin wies WOLFGANG MÜLLER extra darauf hin, dass es sich lohnen würde, mal vier Minuten nicht zu reden – dies gälte besonders für Schotten. Beim folgenden „Im inneren Kreis unserer Arme“ war Sebastian wieder mit dabei und zumindest in den vorderen Reihen nutzte niemand die Gelegenheit aufs Klo zu gehen, obwohl WOLFGANG MÜLLER betonte, dass Songs, in denen Männer über ihre Söhne singen, dazu immer einen guten Anlass böten. Er war selbst jedoch auch der Meinung, das Lied sei durchaus gut gelungen, womit er nicht falsch lag. Die Osnabrücker belohnten die Darbietung deshalb auch mit fast andächtiger Aufmerksamkeit und freundlichem Applaus. Zu guter Letzt tauschte Mat noch seine Querflöte gegen ein anderes Blechblasinstrument und ein weiteres Gedicht wurde musikalisch umgesetzt, während Sebastian (übrigens neben Gisbert bei den Damen der Star des Abends) im Hintergrund neben seinem Drumkit auf dem Boden Platz genommen hatte. Diesmal war ein Werk von Marie-Luise Kaschnitz an der Reihe: „Du sollst nicht“ hieß es und beendete den recht introvertierten Einstieg in den Abend.

Setlist WOLFGANG MÜLLER
Oktober
Leben wie Franzosen Auto fahren
Blüten
Vertontes Gedicht
Im inneren Kreis unserer Arme
Godot
?
Du sollst nicht

Als Rampensau ist GISBERT ZU KNYPHAUSEN auch nicht eben bekannt, aber ganz offensichtlich hat sich der schlacksige Musiker mit seinem selbstbetitelten Debüt in die Herzen der Indie-Mädels gespielt. Schon sein Solo-Start mit „Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues No. 135)“ wurde mit Begeisterung aufgenommen und „Spieglein, Spieglein“ im Refrain bereits mitgesungen. Zu „Wer kann sich schon entscheiden“ kam dann auch Gisberts Band bestehend aus Gunnar Ennen (Tasten & Gitarre), Jens Fricke (Gitarre), Frenzy Suhr (Bass) und dem bereits genannten Drummer Sebastian Deufel auf die Stage. Leider fiel irgendwann auch der schottische Mitbürger, der offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne war, auf die niedrige Bühne und verfehlte nur knapp Gunnars Effektboard, um das sich rasch eine Bierlache bildete. Offensichtlich war nicht nur das Publikum von dem seltsamen und völlig deplazierten Paar wenig begeistert, auch Gisbert bat die beiden, etwas weiter nach hinten zu gehen, was die Dame mit der Ansage quittierte, sie sei völlig genervt von den vielen Leuten, die nicht wie sie tanzen wollten. Tja, da hätten die beiden sich wohl ein anderes Konzert suchen sollen, was sie möglicherweise sogar getan haben, zumindest war danach nichts mehr von den Herrschaften zu hören. Das war auch gut so, denn so konnte sich das Auditorium ganz so geilen Tracks wie „Neues Jahr“ und „Flugangst“ widmen, die beide auch auf dem aktuellen Album vertreten sind und mit sehr viel Drive vorgetragen wurden. „Gute Nachrichten“ startete ruhiger, jedoch auch sehr rhythmusbetont und wurde zum Ende hin deutlich rockiger. Gunnar Ennen, der übrigens auch im März mit von der Partie war und in der Nähe von Bielefeld lebt, wechselte während der Nummern immer wieder zwischen seinem Keyboard und den Gitarren. Beim sehr stimmungsvollen „Der Blick in deinen Augen“ waren mal wieder die Tasten dran, während beim krachenden „Erwischt“ das volle Saitenprogramm angesagt war. Für MORITZ KRÄMERs „Mitbewohnerin von einem Freund“ verabschiedete sich die Band und Gisbert agierte allein mit seiner Gitarre zu dem – wie er es nannte – „albernen Lied“, das sich sehr emotional präsentierte. Zu Beginn des ELEMENT OF CRIME-Songs „Wer ich wirklich bin“ war Gisbert immer noch allein, letztlich fanden aber auch seine Mitstreiter zurück auf die Stage und veranstalteten einen wunderbaren musikalischen Rabatz, bevor es mit dem groovigen „Sommertag“ weiterging. Natürlich gab es auch neue Lieder zu hören. Genannt sei hier „Gebrochene Knochen“ – so der Arbeitstitel. Der Song wurde im Glanz erst zum dritten Mal gespielt, wusste jedoch zu gefallen, auch wenn Gisbert noch unsicher war, ob die recht flotte Nummer nicht doppelt so schnell gespielt werden müsste. Sentimental-druckvoll schloss sich das kleine Kriegslied „Hurra, hurra“ an, um in einem knackigen Finale zu enden. Nach eigenem Bekunden zählt „Wer du bist“ von JOACHIM ZIMMERMANN zu den Tracks, die GISBERT ZU KNYPHAUSEN fast immer spielt. Also durfte das Stück, welches nach einem ruhigen Start ordentlich Fahrt aufnahm, auch in der Hasestadt nicht fehlen. Mit „So seltsam durch die Nacht“, das eifrig mitgesungen wurde, war bereits um 23.05 Uhr der letzte Song des regulären Sets gekommen, aber natürlich hatten der blonde Sänger und seine Mannen noch eine Zugabe in petto.

Zunächst war allerdings Gisbert allein gefragt, der mit einem Hasslied auf die Melancholie weitermachte. Das Stück hörte auf den schönen und recht plakativen Namen „Fick dich ins Knie Melancholie“, bevor die Bandvorstellung folge und sich Gunnar zu Sebastian ans Schlagzeug gesellte, um die Percussionabteilung von „Seltsames Licht“ zu übernehmen. Inzwischen waren 90 Minuten vergangen und GISBERT ZU KNYPHAUSEN eigentlich mit seinem Repertoire durch, aber die Osnabrücker hatten noch nicht genug. Da machte es auch nichts, dass es nach einem weiteren Abgang mit „Sommertag“ eine Wiederholung zu hören gab. Die Jungs gaben noch mal richtig Gas und verabschiedeten ihre Fans kurz vor halb Zwölf in die Nacht.

Wer wollte, konnte gleich im mollig-warmen Kellerclub zur Konservenmusik weiter feiern, mich zog es allerdings eher nach Hause, wohl wissend, dass diesem Abend nichts mehr hinzuzufügen war.

Setlist GISBERT ZU KNYPHAUSEN
Verschwende deine Zeit (Gisberts Blues No. 135)
Spieglein, Spieglein
Wer kann sich schon entscheiden
Neues Jahr
Flugangst
Gute Nachrichten
Grau
Der Blick in deinen Augen
Erwischt
Mitbewohnerin von einem Freund (MORITZ KRÄMER)
Wer ich wirklich bin (ELEMENT OF CRIME)
Sommertag
Herzlichen Glückwunsch
Gebrochene Knochen
Hurra, hurra
Kleine Ballade
Wer du bist (JOACHIM ZIMMERMANN)
So seltsam durch die Nacht

Fick dich ins Knie Melancholie
Seltsames Licht

Sommertag

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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