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GISBERT ZU KNYPHAUSEN – YIPPIE YEAH

Ort: Münster – Sputnikhalle

Datum: 27.01.2019

Sieben Jahre Zeit hatte sich GISBERT ZU KNYPHAUSEN für seine dritte Studioplatte „Das Licht dieser Welt“ genommen und bis der 39-jährige Singer-Songwriter mal wieder in meine Nähe kommen sollte, dauerte es noch einmal ein gutes Jahr länger. Aber ich darf schon mal verraten, dass sich das Warten absolut gelohnt hat! Das werden sich mit Sicherheit auch die zahlreichen Fans in der ausverkauften Sputnikhalle gedacht haben, die vielfach pärchenweise gekommen waren, um der eindringlichen Musik des edlen Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen zu lauschen. Buddy-Mucke macht der Mann, der auf einem Weingut im Rheingau aufgewachsen ist, wo außerdem seit einigen Jahren mit dem Heimspiel Knyphausen eines der schönsten Open Airs der Republik stattfindet, eher nicht. Und so werden es häufig die Damen gewesen sein, die den Anstoß für den sonntäglichen Konzertbesuch gegeben haben und als erste ein Album von Gisbert im Schrank hatten. Aber für den Top-Ten-Platzierung des jüngsten Silberlings werden auch viele Männer gesorgt haben, die an diesem Abend ebenfalls voll auf ihre Kosten gekommen sind.

Nicht nur aufgrund der Mucke, sondern auch, weil für den Support zwei charmante Musikerinnen zuständig waren. Marlène Colle und Kristina Koropecki (AGNES OBEL, KLIFFS) waren ohne das dritte Bandmitglied Peter Bartz (KÄPTN PENG & DIE TENTAKEL VON DELPHI) nach Münster gekommen und präsentierten sozusagen als weibliche Abordnung von YIPPIE YEAH jenen Melancholic Indiepopcorn, den der Dreier nach eigenem Bekunden seit etwa einem Jahr seinem geneigten Auditorium zu Gehör bringt. Im alten Industriegemäuer der Sputnikhalle fanden die beiden Ladies bereits um kurz vor 20 Uhr ein großes Publikum vor. Ganz gegen ihr übliches Verhalten, hatten die Westfalen den Bereich vor der Bühne bereits fest im Griff und es wurde nicht erst bis zum Hauptact gewartet, um sich die besten Plätze zu sichern. Für Marlène und Kristina bedeutete das leider nicht nur ungeteilte Aufmerksamkeit, sondern mitunter auch eine ganz schöne Geräuschkulisse, gegen die sie an Gitarrensaiten, elektrifizierten Tasten und Mikrofon anmusizierten. Der Gesang war überwiegend in deutscher Sprache gehalten (die im Übrigen auch die Kanadier Kristina schon ganz gut beherrscht), nur „Calls“ wurde auf Englisch vorgetragen, da sich die Nummer gegen die Waffen-Lobby in den USA wandte und man die Hoffnung hegte, dass der Song auch in Übersee Gehör fände. Schön wär’s, aber ich fürchte, mit dem aktuellen Präsidenten ist nicht nur in diesem Punkt schwer zu reden. Was gibt es noch über YIPPIE YEAH zu sagen? Die Mädels haben einen liebenswürdigen Eindruck hinterlassen, gerade weil sie mitunter etwas verpeilt wirkten und konnten mit ihren zarten Melodien in der knappen ersten halben Stunde sicher auch das eine oder andere Herz berühren.

Setlist YIPPIE YEAH

  • Alte Farbe
  • Grill Royal
  • Kiss FM
  • Zu gesund
  • Mach dich groß
  • Calls
  • So tun

Nun hieß es erst einmal, ein wenig Geduld aufzubringen, denn natürlich musste noch die Stage für GISBERT ZU KNYPHAUSEN und seine fünf Mannen präpartiert werden. So reduziert Gisbert als Solokünstler auftritt, so opulent war seine Show heuer! Sogar für Trompete und Posaune war gesorgt, sodass die Songs eine mitunter ganz neue, mitreißende Instrumentierung bekamen. Um 21 Uhr stiegen die Herrschaften mit „Niemand“ vom aktuellen Album „Das Licht dieser Welt“ jedoch anfänglich noch recht zurückhaltend ein, was sich mit „Stadt Land Flucht“ jedoch alsbald ändern sollte und auch „Unter dem hellblauen Himmel“ ging im typischen Gisbert-Sound, der mit reichlich Gebläse verfeinert worden war, in die Vollen und zugleich ins Bein. Dank „Flugangst“ stand ein Lied vom selbstbetitelten 2008er Debüt auf dem Programm. Die Nummer startete mit reduziertem Gitarren-Gezupfe, fand dann aber bald rhythmusbetonte Unterstützung bei den übrigen Musikern und wurde zu recht kräftig beklatscht. Für das nachdenkliche „Kräne“, das 2010 auf „Hurra! Hurra! So nicht.“ (#12 der Albumcharts) erschienen ist, wurde die Bühne in blaues Licht getaucht, während das melancholische „Morsches Holz“ gelb illuminiert wurde. Was mit kleinem Besteck begann, entpuppte sich als toll arrangierter Track, der alsbald Fahrt aufnahm und auf die perlenden Tonfolgen von „Grau, Grau, Grau“ traf, die unter Lichtblitzen abermals die Blechinstrumente sprechen ließen. Mit Begeisterung wurden vom Publikum bereits die ersten Klavierakkorde von „Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand“ aufgenommen und diese Vorschusslorbeeren wussten sich Gisbert & Co. im Folgenden auch wahrlich zu verdienen! „Dich zu lieben ist einfach“ wurde vom Bandleader als Liebeslied angekündigt und verortete den Drummer Tim Lorenz von der Schießbude an die akustische Gitarre. Einer der schönsten Tracks von GISBERT ZU KNYPHAUSEN ist für mein Empfinden „Dreh Dich nicht um“ – eine Meinung, mit der ich wohl nicht allein stand, wie der tosende Applaus im Nachgang bewies. „Verschwende deine Zeit (Gisbert Blues Nr. 135)“ war eines der ersten Stücke, die Gisbert auf Deutsch geschrieben hat und wurde heuer von ihm solo vorgetragen, ehe die Mannschaft für „Kommen und Gehen“ an ihren spärlich beleuchteten Arbeitsplatz zurückkehrte. Wie aufmerksam die Zuschauerschaft das Treiben auf der Bühne verfolgte, ließ sich angesichts der Stille vor dem englischsprachigen „Teheran Smiles“ erahnen. Nach dieser ebenso emotionalen wie beschwingten Erinnerung an seine Zeit in der iranischen Hauptstadt, wo er mit der PALLETT BAND gearbeitet hat, die auch bereits bei einem Heimspiel mit von der Partie war, kam die Zeit für „Hier bin ich“. Mit viel Schmackes ging es bei dieser Nummer zur Sache, die aus der Kollaboration mit dem leider viel zu früh verstorbenen NILS KOPPRUCH stammt. Zusammen hatten sie das Bandprojekt KID KOPPHAUSEN, mit dem sie nicht mehr gemeinsam auf Tour gehen konnten, um die Songs der Langrille „I“ live zu performen. In Münster hatte man eindeutig Betriebstemperatur erreicht und so machte auch „Erwischt“ keine Gefangenen, um wenig später die zwingenden Melodien von „Neues Jahr“ und „Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ erschallen zu lassen. Die Hintergrund-Beleuchtung sorgte für stimmungsvolle Lichtinseln, die mit stroboskopartigen Flashs gepaart wurden, um schließlich mit einem weiteren KID-KOPPHAUSEN-Song für ein furioses Finale der regulären Spielzeit zu sorgen. „Das Leichteste der Welt“ ist einfach eine großartige Nummer, die dementsprechend abgefeiert wurde.

Nachdem er kurz im Off verschwunden war, kehrte für den ersten Zugabenblock erst Gisbert zurück, um allein mit seiner Wanderklampfe „Das Licht dieser Welt“ zu spielen, bevor nach und nach auch die Kollegen wieder Aufstellung nahmen und vorgestellt wurden. Ein weiteres Projekt der heutigen Hauptperson ist HUSTEN. Hier agiert Knyphausen gemeinsam mit Moses Schneider und dem dünnen Mann. Im Mai soll der erste Longplayer erscheinen, für 2020 sind Konzerte geplant und als kleinen Vorgeschmack fungierte das vielversprechende „Kirchenschiff“. Ein Stück über eine alte Dame, die in einer Kirche sitzend über ihr Leben sinniert. Da war der „Sommertag“ schon ein ziemlicher Kontrast, aber was wäre ein Konzert von GISBERT ZU KNYPHAUSEN ohne dieses absolut mitreißende Lied!?! Einziges Manko: es war wieder viel zu kurz – zumindest live muss da eine extended version her! Als schwermütiges Kontrastprogramm mit opulenten Instrumentalparts diente derweil „So seltsam durch die Nacht“, womit es dann auch den zweiten Break gab, der von Gisbert und dem Posaunisten Michael Flury sowie dem Track „Melancholie“ beendet wurde. Der Name war natürlich Programm und auch das finale „Voyager“ für das der Fronter ans Piano wechselte, legte den Fokus auf leise, sehnsüchtige Klänge, mit denen der Abend nach zwei Stunden feinster Musik gefühlvoll endete. Was zu meinem persönlichen Glück noch gefehlt hätte, wäre „Der Blick in deinen Augen“ gewesen, aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Schön, dass GISBERT ZU KNYPHAUSEN mal wieder in der Nähe war und ich nach meinem letzten Konzert, das am 21.05.2015 ebenfalls in der Sputnikhalle stattfand, wieder dieses ausgesprochene Vergnügen hatte, den wunderbaren Songs eines außergewöhnlichen Liedermachers zu lauschen.

 

Setlist GISBERT ZU KNYPHAUSEN

  • Niemand
  • Stadt Land Flucht
  • Unter dem hellblauen Himmel
  • Flugangst
  • Kräne
  • Morsches Holz
  • Grau, Grau, Grau
  • Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand
  • Dich zu lieben ist einfach
  • Dreh dich nicht um
  • Verschwende deine Zeit (Gisbert Blues Nr. 135) – solo
  • Kommen und Gehen
  • Teheran Smiles
  • Hier bin ich (KID KOPPHAUSEN-Song)
  • Erwischt
  • Neues Jahr
  • Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen
  • Das Leichteste der Welt (KID KOPPHAUSEN-Song)
  • Das Licht dieser Welt
  • Kirchenschiff
  • Sommertag
  • So seltsam durch die Nacht
  • Melancholie
  • Voyager

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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