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GUT GEGEN NORDWIND (SCHAUSPIEL)

Ort: Münster - Wolfgang-Borchert-Theater

Datum: 19.06.2012

Was kann alles passieren, wenn man in einer Mailadresse ein kleines „e“ zu viel schreibt? Emmi Rothner kann davon ein Lied singen, denn eigentlich wollte die Romanfigur des österreichischen Autors Daniel Glattauer nur ein Zeitschriften-Abo kündigen und landete aufgrund eines minimalen Tippfehlers beim ihr völlig unbekannten Leo Leike, mit dem sich ein spontaner Schriftwechsel ergab, der als Roman zahlreiche begeisterte Leser fand. Inzwischen wurde der „Email-Roman“ mehrfach für die Bühne adaptiert und auch das Münsteraner Wolfgang-Borchert-Theater nimmt sich in einer Inszenierung von Monika Hess-Zanger der virtuellen Welt der beiden Protagonisten an, die von Anuk Ens und Jürgen Lorenzen gespielt werden. Doch wie bringt man einen Haufen Mails, die im beinahe grenzenlosen und anonymen Internet ausgetauscht werden, ins Theater?

Elke König (Bühnen- und Kostümbild) hat das Problem gelöst, indem sie den beiden Darstellern jeweils eine eigene Plattform gegeben und gleichzeitig die beiden Ebenen so arrangiert hat, dass Emmi und Leo sich für den Zuschauer auch sichtbar näher kommen konnten. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg, der von klassischer Schumann-Musik untermalt im November mit dem besagten Irrläufer begann und sich über viele Monate zog. Unzählige Mails wurden ausgetauscht, Sehnsüchte geweckt und nie stattfindende Blind-Dates verabredet. Die verheiratete Emmi vertraute sich irgendwann mehr dem mit seiner gescheiterten Beziehung hadernden Leo an (übrigens bis fast zum Schluss mit einem förmlichen „Sie“ in der Ansprache) und natürlich passierte das Unvermeidliche und die beiden verliebten sich in die jeweils andere Person hinter dem verheißungsvollen Mail-Account. Entsprechende Irrungen und Wirrungen blieben da selbstverständlich nicht aus und manchmal juckte es den Zuschauer gar, den beiden einen kräftigen Schubs zu geben, damit sie sich endlich auch in natura begegnen konnten. Aus der 224 Seiten starken Vorlage blieb zwar der eine oder andere spannende, zu Herzen gehende oder zum Lachen animierende Satz auf der Strecke, das machten Anuk Ens und Jürgen Lorenzen jedoch durch ihr lebendiges Spiel und ihren im Gegensatz zum literarischen Ausgangsmaterial auch hörbaren Sprachwitz (beispielsweise bei der Stimmenanalyse, nachdem die beiden auf den Anrufbeantworter des anderen gesprochen hatten) wieder wett. Und so blieb es bis zum Schluss spannend, ob Emmi und Leo sich wohl bekämen…

Diejenigen, die das Buch kennen, wissen wie es ausgeht (bzw. mit der Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ weitergeht), aber auch ihnen sei das Stück im Wolfgang-Borchert-Theater empfohlen, denn es gibt noch viele Facetten der Cyberspace-Romanze zwischen der in ihrer pragmatischen Ehe feststeckenden Emmi und dem nach der großen Liebe suchenden Leo zu entdecken. Das Ensemble des kleinen Theaters am Münsteraner Hafen überzeugte mit viel Spielfreude, einer gekonnten Umsetzung des Romans und einer entsprechend kurzweiligen Inszenierung. Der Spielplan findet sich im Internet (wo auch sonst?) unter www.wolfgang-borchert-theater.de

Copyright Foto: duema media – Ingo Kannenbäumer

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