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HALDERN POP 2010

Ort: Rees-Haldern

Datum: 12.08.2010 - 14.08.2010

Das 27. Haldern Pop bringt einige Neuerungen und die sind nicht alle positiver Natur. Jetzt ist das natürlich ein denkbar ungünstiger Anfang für einen Festivalbericht und so möchte ich gerne gleich nachschieben, dass das Haldern immer noch eines der besten Festivals überhaupt ist und mit Sicherheit auch bleibt. Der Donnerstagabend wird allerdings mittlerweile zu einem ernsthaften Problem, da offensichtlich mittlerweile 80 – 90 Prozent der Besucher bereits in den frühen Nachmittagsstunden anreisen und der Campingbereich innerhalb weniger Stunden komplett belegt ist. Hinzu kommen die Leute, die offensichtlich wenig an der eigentlichen Veranstaltung interessiert sind und solche, die großzügig ganze Areale „freihalten“ für die anderen, noch folgenden Ignoranten. Hinzu kommen nächtliche Pyro-Effekte und besoffene Feuerschlucker, die nicht nur das Hab und Gut der Übrigen gefährden. Das kannte ich bisher noch nicht und muss etwas ratlos konstatieren, dass auch unsere friedliche Kommune mittlerweile von seltsamen Gestalten heimgesucht wird. Die Krönung ist allerdings „der Führer“ (so haben wir ihn einfach mal genannt), ein offensichtlich recht gestörter, junger Mann, der auf seinem Erkundungsgang über das Campinggelände mit erschreckender Ähnlichkeit Adolf Hitler parodiert, was ich persönlich ja schon wieder sehr unterhaltsam finde, aber jetzt nicht unbedingt glaube, dass die zahlreich erschienenen Niederländer es genauso sehen. Geteert und gefedert wird er zumindest nicht, soweit ich weiß.

DONNERSTAG

Aber zurück zum Donnerstag, der eigentlich mal als Einstimmung auf das eigentliche Festival, an den beiden darauffolgenden Tagen, gedacht war, erfreut sich mittlerweile reger Beliebtheit. Und da der Reitplatz nach wie vor erst an den Freitagen seine Schleusen öffnet, drängen die Menschenmassen ins Spiegelzelt, welches vielleicht maximal 800 Leuten Platz bietet. Das kann nicht gut gehen und vor allem lässt sich nicht gut erkennen, was sich auf der kleinen Bühne dieser zugegebenermaßen wunderbaren Konzert-Location abspielt. Als kleine Rechenaufgabe:
Ein Festival, welches mit ca. 6000 Besuchern als ausverkauft gilt, wird am Donnerstag bereits zu 80% frequentiert, von diesen 80% wollen wiederum 80% in ein Zelt, welches ein Fassungsvermögen von ca. 800 Leuten vorweist. Von diesen 800 Leuten kann vielleicht die Hälfte die Bühne einsehen und die Auftritte genießen. Ist also die Frage, wie viel Prozent an einem Haldern-Donnerstag zwar schon anwesend ist, aber in die Röhre guckt.

Lösungsansätze wären sicherlich, bereits Donnerstag die Hauptbühne zu bespielen und dementsprechend mehr Eintritt zu nehmen oder das Spiegelzelt am Donnerstag zu schließen und es als willkommene Alternative (wie immer) zu den beiden regulären Festivaltagen zu öffnen. Denn es ganz abzuschaffen, kann niemand wollen. Ich schreibe das sicher nicht, um Stunk zu machen, sondern weil mir etwas an einer Lösung liegt, denn als Pressevertreter wird mir der Eintritt ins Spiegelzelt jederzeit gewährt und ich sehe die bösen Blicke derer, die seit etlicher Zeit anstehen und vielleicht trotzdem gerade ihre Lieblingsband verpassen. Da ich mir dieser Problematik bewusst bin, schaue ich mir am Donnerstag nur BEACH HOUSE an, die ich wirklich unbedingt sehen will und räume dann das Feld. Es lässt sich nur erahnen, zu welchen Höhenflügen die Amis noch imstande sein werden in Zukunft. Hier und Jetzt in Haldern ist ihr Auftritt so unfassbar großartig, dass mir kurzzeitig die Tränen kommen, diese Harmonien, der Gesang von Alex Scally, ich kann es wirklich nur schwer beschreiben. Einfach außerirdisch! Der Auftritt der FLEET FOXES vor zwei Jahren an gleicher Stelle, zur fast gleichen Zeit scheint Jahrzehnte her, aber damals ging es mir ähnlich und ich begreife zum ersten Mal seit meiner Ankunft am Niederrhein, wo ich mich befinde: beim besten Liebhaber-Festival für Indie, in den verschiedensten Facetten. Ein Gefühl von Heimat also, was für den Ort, wie für die Musik gilt, die dort aus den Lautsprechern kommt. BEACH HOUSE haben mein Herz erobert!

FREITAG

Wie schon am Donnerstag ist die Zuschauersituation am Freitag etwas unbefriedigend. Eine riesige Menschentraube sammelt sich vor dem Nadelöhr des Haupteingangs, um recht pünktlich auf das Gelände zu kommen. Immerhin geben die Ordner ihr Bestes, um dies recht reibungslos zu gestalten. Jedoch wirkt die Eingangsschlange recht abschreckend. So schlimm wie es aussieht, wird es dann allerdings gar nicht und irgendwann ist man dann einfach drin. Die Belgier von TRIGGERFINGER können also nur vom Eingangsbereich gehört werden und somit entfällt hier die Bewertung. Zu DETROIT SOCIAL CLUB ist das Gelände dann schon proppevoll. Diese machen einen überaus guten Eindruck mit ihrer Mischung aus KASABIAN und COOPER TEMPLE CLAUSE mit ordentlich Liam’esken Gehabe des Sängers. Darüber mag man schmunzeln, jedoch können sie zumindest musikalisch überzeugen. Die Frage nach dem Habitus reizt dennoch zu Diskussion. Da auf dem diesjährigen Haldern sowie in der kompletten Indiepopwelt ja bereits seit längerer Zeit das tiefstapeln, nerdiges Multiinstrumentalistentum und „bloß keine Stromgitarre anfassen“ angesagt sind, fragt manch einer sich, warum die etwas lauteren Bands so unsägliche Slots bekommen. Ein wenig mehr Abwechslung zwischen dem ganzen Folkreigen, würde den Tag sicher entschlacken. Natürlich gab es diese Abwechslung teilweise mit z.B. ROX, jedoch ist der Überhang an Akustikgitarren unverkennbar und wirkt auf längere Dauer wie ein unendlich fades Rauschen. Da wirkt so ein Gockelgehabe vor einer Rockband zwischendurch fast erfrischend, auch wenn es nur geklaut ist.

Nach DETROIT SOCIAL CLUB ist der Überraschungsgast namens PHILIPP POISEL an der Reihe. Bekannt aus der Heavy Rotation bei EinsLive denke ich zuerst, wer denn nur XAVIER NAIDOOs Stimme in diesen kleinen weißen Jungen gepackt hat. Mit der Akustischen bewaffnet und später mit Band in der Hinterhand, schwankt sein Auftritt zwischen Indietronic, Folk und weinerlicher Belanglosigkeit. Bei strahlender Sonne möchte ich einfach keine Herbstmusik hören, ich esse ja auch kein Grünkohl auf dem Gelände.

Gegen Abend gab es dann Topacts auf der Hauptbühne. Letztes Jahr noch im Spiegelzelt vor überschaubarer Menge, bespielen MUMFORD & SONS nun die Hauptbühne. Dass sie dies gewuppt kriegen, steht außer Frage, da Hits und Spielfreude wie eh und je im Überfluss vorhanden sind.

Erst zu später Stunde gibt es den wirklichen Headliner: SERENA MANEESH aus Norwegen, von weitem optisch zu verwechseln mit den DIRE STRAITS, legen die Bühne kurzerhand akustisch in Schutt und Asche. Endlos lange Songs, Feedbackorgien, welche an MY BLOODY VALENTINE gemahnen und Sounds von überirdischer Größe, bringen die PA ein ums andere Mal an ihre Grenzen. Der Raum vor der Mainstage leert sich allerdings merklich, was jedoch der Stimmung keinen Abbruch tut. Eingelullt von Shoegazingsounds wird der Zuschauer immer wieder durch eruptive und brachiale Gewalt zurück ins Jetzt und Hier geprügelt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wunderbar unkonventionell sind dabei die Protagonisten der Band, welche leicht entrückt und zutiefst in ihrer Musik eingeschlossen wirken. Irgendwie pendelt das Schauspiel zwischen Wall of Sound-Götterdämmerung und naiver Malerei, was nicht zuletzt an der sympathischen Ausstrahlung der Norweger liegt. Zum Ende wälzt sich Sänger Emil Nikolaisen minutenlang auf dem Bühnenboden, kuschelt und zankt mit seinem Instrument, ringt ihm immer wieder klagenvolle Laute ab, bis diese verstummt. Gaffatape und Lackschäden zeugen von früheren Schlachten um nie da gewesene Klangwelten. Völlig verloren wankt er danach zum Seitenbereich der Bühne, um kurze Zeit später wieder ins Licht zu kommen, sich zu bedanken und eine halbfertige Zugabe anzukündigen. Diese „Ballade“ ist ein in Hall getauchter Rausschmeißer und beendet ein denkwürdiges Konzert. Mit klingelnden Ohren und etwas verwundert über das eben gesehene Spektakel, verlassen die Zuschauer den Ort des Geschehens.

SAMSTAG

Nach der ewig gleichen Eingangssituation ist das erste Festivalhighlight am Samstag PORTUGAL. THE MAN. Diese spielen zur allgemeinen Verwunderung nämlich schon am frühen Nachmittag und müssen mit schwerem Prog gegen die Sonne ankämpfen. Wie gewohnt ist das Publikum beim Haldern aber immer vorne mit dabei. Wo sich bei anderen Festivals die frühen Auftritte meist vor leeren Rängen abspielen, ist der typische Haldernbesucher (wenn es den überhaupt gibt) bereits pflichtbewusst bei den ersten Bands des Tages hellwach und dürstet nach guter Musik. Dies macht auch den großen Unterschied zu vielen anderen Events dieser Kategorie aus. PORTUGAL. THE MAN jedenfalls spielen ein recht ordentliches Set zwischen Prog und Pomp, jedoch ohne nennenswerte Vorkommnisse.

Kurzer Abstecher zum Spiegeltent (nennt sich wirklich so!), wo der immer sympathische HELGI JONSSON sein Klavier bearbeitet. Vielen reicht hier schon die Außenansicht der vorm Biergarten angebrachten Großbildleinwand. Dies mag an den Luft-/ Temperaturverhältnissen im Inneren liegen, welche den sonnigen Außenbereich wie eine kühle Erfrischung wirken lassen. Dabei denke ich mir wie nah HELGI JONSSON stimmlich an MUSE liegt. Würde man es nicht besser wissen, ließe sich denken, dass er der kleine Bruder von MATTHEW BELLAMY inklusive dazugehöriger Indieband ist.

Kurz vor der TV Prime Time erscheinen EFTERKLANG auf der Bühne. Sänger Casper Clausen ist stylemäßig ganz weit vorne. Also soweit vorne, dass er schon wieder hinten ist. Seinem Outfit nach dürfte er kurz vorm Auftritt mit seinem Segelboot vorgefahren sein, ein paar Geschäftskunden für später auf die Jacht bestellt, um nur mal kurz eben noch ein Konzert zu spielen. Zurück zu EFTERKLANG. Diese schichten Klänge übereinander, überall wird geklingelt, dengelt etwas, Saiten werden gezupft. Irgendwas gibt’s immer zu tun und wenn man schon so viele Helfer hat, müssen die ja auch was machen, um das Geld zu verdienen. Das kann schon sehr interessant sein, wenn es was zu entdecken gibt, wirkt aber schon etwas verkopft und irreführend.

SOPHIE HUNGER wirkt sympathisch und liefert einen überschaubaren Auftritt ab. Leicht quält einen das Sangesorgan, wenn es mal so richtig emotional wird, jedoch kann man ihr dies aufgrund der netten Ansagen leicht verzeihen. Einzig das in Mundart vorgetragene Volkslied ist eine Zerreißprobe akustischer Art. Ganz nach Pumuckls Reimphilosophie: Will man zuhören und verstehen, brennt es in den Ohren, will man es nicht, geht viel verloren.

So wie MUMFORD & SONS letztes Jahr für einen legendären Auftritt sorgen konnten, waren es im Jahr davor die New Yorker um THE NATIONAL, die ihr Publikum begeisterten. Nun sind verdiente Festivallieblinge jederzeit wieder am Niederrhein willkommen, und werden wie selbstverständlich gern als Headliner ins Rennen geschickt. Bei der Masse an außergewöhnlich guten Songs scheint das Risiko eines Flops überschaubar und die Brüder Dessner und Devendorf plus Matt Berninger am Mikrofon gelten nun schon seit Jahren als herausragende Live-Band. Was soll also schon passieren? Teutates hat denn Himmel schließlich bisher dort gelassen, wo er hingehört, aber in Sachen Technik ist er dann doch überfordert. Eine anfangs hoch motivierte Band scheint erst ein wenig erschrocken über den dünnen Sound, der die Rhythmus-Gitarre gänzlich vermissen lässt und den Bass zu einem eher nervenden Dengeln degradiert, entscheidet sich aber durchzuhalten und das Beste daraus zu machen. Und zu guter Letzt sind zumindest alle Beteiligten miteinander versöhnt und THE NATIONAL mit ihrem durchwachsenen Auftritt im Reinen. Es ist aber auch ein wenig tragisch, denn es hätte ein Fest werden können, gar müssen. Wir hatten Bläser, Chöre, den verrückten Violinisten (bzw. den Arrangeur orchestraler Synthie-Einsätze) und halt eben THE NATIONAL. Ich bekomme eigentlich seitlich der Bühne gar nicht soviel von den Soundproblemen mit, sehe aber frustrierte Gesichter unter den Musikern und das Publikum ist nicht unbedingt gefesselt. Aber „Abel“, „Mr. November“ und „Fake Empire“ sind unkaputtbare Songs, denen in ihrer Brillanz schon mehr zugefügt werden müsste, als nur Soundprobleme, damit sie aufhören grell zu leuchten. Also, wieder einmal Meckern auf hohem Niveau, können unsere Headliner anstatt eines überragenden Sets eben nur ein sehr gutes absolvieren.

So ist es nun einmal in Haldern: Gemeckert wird immer gerne und viel, aber im Endeffekt sind wir uns alle einig: Haldern ist und bleibt das Non plus ultra in Sachen Indie-Festival.

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