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HARDCORE SUPERSTAR – AVATAR

Ort: Dresden - Beatpol

Datum: 24.10.2009

Wer auf Sleaze-Rock der alten Schule steht, kam an den Jungs von HARDCORE SUPERSTAR ja noch nie vorbei und durch die Re-Releases der beiden Scheiben „Hardcore Superstar“ und „Dreamin In A Casket“ dürften die Fanmassen sich wohl um einiges vergrößert haben. Dies ließ auf volle Hütten spekulieren, wenn Jocke und Co. in Deutschland um die Häuser ziehen. Also rein in die Leoparden-Chucks und auf nach Dresden in den Beatpol. Ob sich die eingeschworene Fangemeinschaft drastisch verkleinert hat, eine neue nicht gewonnen werden konnte oder einfach die Konkurrenz in der Reithalle der Grund für das sehr luftig gefüllte Innere heute Abend ist, möchte ich nicht weiter ergründen. Im Vorverkauf nur 40 verkaufte Tickets – dieser Fakt wird am besten ganz schnell wieder verdrängt. Im Beatpol aber glücklicherweise kein Problem: Mit Cidre für 3 Euro pro Flasche lässt sich so mancher böse Geist vertreiben. Außerdem bewirkt die punkig-trashige Location ohnehin, dass man sich hier einfach ganz schnell schrecklich wohl fühlen muss.

Punkt 21 Uhr: Garage frei für AVATAR, die den heutigen Abend sofort mit mächtig viel Rotz einleiten. Auch wenn zu den großen musikalischen Vorbildern der Jungs IN FLAMES, SACRILEGE und DARK TRANQUILLITY zählen sollen, heraus kommt ein aufgedrehtes Melodic Death-Gewirr, etwas holprig, von der Struktur leicht verwirrend, kantig, jedoch auch wunderbar thrashig und polternd! Was die Soundqualität betrifft, bin ich heute Abend aufgrund meiner beginnenden Taubheit leider raus, jedoch stimmen mir auch meine Kollegen zu, es hört sich an, als würde man sich in einer Garage aufhalten. Da dies aber eigentlich perfekt zum Ambiente des Beatpols passt, ist dies gar nicht als Kritikpunkt zu bewerten. „Are you drinking beer??? Prost!!!” Fronter Johannes kippt sich sein Gebräu erst einmal aus einem Kanister in den Rachen, versiffter kann es heute wohl nicht mehr werden! Während gut die Hälfte des Publikums alles aus sicherem Abstand in den gemütlichen Sitzen betrachtet, tanzt sich der Rest vor der Bühne die Converse wund. Kettensägengeräusche ertönen, fette Chords setzen ein, der Backdrop fällt und ein leuchtendes Bandlogo erscheint – alles fängt plötzlich zu bangen an und auch ich kann mich dem Treiben nicht mehr entziehen. Mit sprudelnden Deutschkenntnissen und der nicht abreißenden Kommunikation zum überschaubaren Publikum gewinnt Johannes sofort viele Sympathiepunkte; mit den musikalisch krachend, energisch-klirrend und mitreißenden Ergüssen, die sich immer wieder selbst überschlagen, zahlreiche tanzende Füßchen. Besonders geil: Das wunderbar dreckig-melodische „The Great Pretender“ (aktuelle Single) und „Reloaded“. Gut gemacht, Jungs!

Setlist AVATAR
The Great Pretender
Roadkill
Reload
Shattered Wings
Queen Of Blades
And I Bid You Farewell
Revolution Of Two

Nach einer halbstündigen Raucherpause und einer weiteren Flasche Cidre kommen wir auch schon zum Höhepunkt des Abends! Beim Interview mit den Kollegen noch ruhig und zurückhaltend, dreht Sänger Jocke auf Knopfdruck nun vollkommen auf und zieht die klassische Rocker-Nummer ab! Wie von der Tarantel gestochen, springt er auf die Bühne, dreht sich unaufhörlich im Kreis, springt von einer Ecke zur nächsten und spielt bei jeder Gelegenheit Luftgitarre. Die Kollegen im Kontrast dazu schaffen es nicht mal wirklich das Köpfchen wackeln zu lassen. Mit dem Opener „Beg For It“ des aktuellen gleichnamigen Albums sind die Köpfe für die nächsten Minuten auf Dauerrotation geschaltet. Alle Anwesenden wirbeln ihr Haupthaar quer durch die Gegend, Beine fliegen, Körper rollen, eben waschechter Rock ’N’ Roll, Baby! Übrigens, wer sich über den Bandnamen des Schweden-Quartetts wundert, keine Sorge, auf den gleichnamigen Musikstil ist er nicht gemünzt. Hier wird feuerfester, eher für L.A. als für Göteborg typischer, versleazter Glam-Rock der Marke MÖTLEY CRÜE und HANOI ROCKS zelebriert. Mit geballter Kraft und unendlich viel Energie in den Turnschuhen steckend, drücken sie uns einen dreckigen Track nach dem nächsten in die Fresse – wer hier nicht jeden einzelnen Song mit jedem Zentimeter seines Körpers mitlebt, hat die Message dieser Musik wohl nicht verstanden. Glücklichweiser trifft dies auf niemanden heute hier zu. Der Beatpol verwandelt sich von erster bis zur letzten Sekunde in ein Tollhaus, welches die Wände so sehr zum Wackeln bringt, dass sich 50% der Damen-Toiletten verabschieden. Ohne Mist – während des Gigs stürzen die Wände in dem weiblichen Raum der Stille ein!!! Während Gitarrist Vic Zino mit den Mädels flirtet, dreht sich Jocke einfach weiter bis zum bitteren Ende im Kreis, macht nur mal kurz Pause um die Wirkung seines Deos zu überprüfen – dass dem nicht schwindlig wird, ist zu erstaunlich! Heute Abend nicht nur taub, sondern auch noch blind, bekomm ich passend zu „Kick On The Upperclass“ plötzlich einen Schlag in die Magengrube! Huch, es war ein Drumstick, na danke auch, Adde!!!

Der erste Teil des Gigs steht bis auf den Tanzflächen-Kracher „Medicate Me“ ganz im Namen der aktuellen LP, was in Anbetracht übermäßig gelungener Alben wie „Dreamin’ In A Casket“, „No Regrets“ und „Thank You (For Letting Us Be Ourselves)“ schon fast schade ist. Doch exakt zu Beginn des zweiten Teils wird nun die Scheibe „Hardcore Superstar“ aufgelegt und Reißer wie „My Good Reputation“ und „Blood On Me“ aus den Frischhaltefolien gepackt. Plötzlich verkündet Jocke, dass sie das jetzt folgende eigentlich nie wieder machen wollten: Der Überflieger „Shame“ wird nun in einer ziemlich atmosphärischen Version angestimmt; bis auf Vics E-Klampfe gilt erst mal Sendepause (übrigens ein perfekter Soundtrack für durchzechte Rock-Nächte)! Aber anscheinend dominieren heute ganz klar nur zwei Alben. Nach einer Strophe ist Schluss und es geht mit „Standing On The Verge“ weiter zum nächsten Song von „Hardcore Superstar“. Adde wird’s plötzlich zu bunt und gibt seine Drums einfach mal ab. Was ist denn nun los? Prompt flitzt er zur Bar, ordert sich ein neues Bier und kehrt frech grinsend an seine Schießbude zurück – sehr geil! Doch wirklich gelohnt hat sich diese Aktion wohl nicht, denn 3 Minuten später, verziehen die Jungs sich schon wieder. Für 3 Zugaben lässt man sich allerdings erbarmen und holt mit „Wild Boys“, „Dreamin’ In A Casket“ und dem Klassiker „We Don’t Celebrate Sundays“ noch einige der leckersten Schinken aus dem Repertoire, bevor man sich dann endgültig verabschiedet.

Mein Bedauern kann ich nach gerade einmal 70 Minuten Spielzeit nicht verstecken. Warum gut ein Viertel der (geplanten) Songs auf der Setlist durchgestrichen ist, lässt sich heute allerdings auch nicht mehr beantworten. So beenden die Jungs einen definitiv kräftezehrenden, jedoch viel zu kurzen Abend. Fazit: Kurz und knackig – doch wenn es am schönsten wird, soll man bekanntlich aufhören!

Setlist HARDCORE SUPERSTAR
Beg For It
Into Debauchery
Medicate Me
Shades Of Grey
Nervous Breakdown
My Good Reputation
Kick On The Upperclass
Blood On Me
Shame
Standin’ On the Verge
Bag On Your Head

Wild Boys
Dreamin’ In A Casket
We Don’t Celebrate Sundays

Copyright Fotos: Tine Kersten

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