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HAVE HEART – VERSE – SHIPWRECK

Ort: Hamburg - Hafenklang-Exil

Datum: 20.08.2008

Auch wenn SFA schon im Jahre 1990 „Hardcore is dead! It was never meant to last!“ proklamierten, gibt es doch immer noch Bands, die den Spirit of ’84 fern von jeglicher Kommerzialisierung und Trendanbiederung praktizieren. Zwei der Aushängeschilder der Szene fanden sich im Hafenklang-Exil ein, um zu beweisen, dass Hardcore (im traditionellen Sinne) immer noch lebt… und ja! Schaut man ins Publikum, so stellt man lächelnd fest, dass sogar eine neue Generation von Youth-Crewlern nachgewachsen ist.

SHIPWRECK bewiesen erst einmal, dass man das Ganze aber auch recht unspannend und monoton präsentieren kann… Teilweise wurden zwar recht knallige Gitarrenparts eingebunden (die von AC/DC Gedenkriffs wieder konterkariert wurden), aber dennoch kam der ganze Auftritt nicht über leicht gehobenes Schüler-Band-Niveau hinaus. Und das obwohl die Jungens aus Boston stammen… und obendrein auch noch auf Deathwish beheimatet sind. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass das Ganze auf Konserve um einiges kompetenter und düsterer herüberkommt. Ein erstes Indiz also für den recht durchwachsenden Sound, der am heutigen Abend präsentiert wurde (dessen Tiefpunkt erst bei HAVE HEART erreicht werden sollte). Einige Fans waren dennoch anwesend und machten ein wenig Stimmung, dennoch ein eher zu vernachlässigender Opener.

Bei VERSE sah das dann schon ganz anders aus. Die Band und die Fans eine Einheit, jung und alt gleichermaßen am schwofen, die Stimmung überberstend, Shouter Sean Murphy (im stylischen PHARCYDE-Shirt) ist mal auf, mal vor der Bühne zu finden. So macht die Chose richtig Laune! Auch faszinierend die verschiedenen Charaktere, die die Band vereint. Vom hippiesken, bärtig-lockigen Zak Drummond bis hin zum O.G. „Unnerbüxebisunterdieachselhöhlen“ Eric Lepine. Nicht zu vergessen das „Jüngelchen“ Christopher Berg am Bass und den hart arbeiten Drummer Shawn Costa, der anschließend schon wieder bei HAVE HEART hinter den Drums zu finden war. Die Hardcore-Bande aus Providence weiß, wie man politischen Hardcore (das „Refuse and Resist“ Tattoo von Sean Murphy macht klar, dass hier keine Phrasendrescher am Werke sind!) mit Singalongs und klugen Songideen aufzupeppen weiß. Zwischendurch nehmen die Fans das Mikro in Beschlag und machen ihre eigene Feier! Fein! Selbst der Sound war noch zu verschmerzen, konnte man zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch alle Instrumente relativ klar vernehmen. Nur der Vocal-Sound sollte den ganzen Abend gleichmäßig bescheiden bleiben („Als hätten die Küchentücher über das Mikro gezogen, nicht so leise aber so dumpf klingt der Gesang!“ war das Fazit einer meiner Begleiter). Aber naturellement konnte das der hervorragenden Stimmung keinen Abbruch bescheren. Sehr schöner Auftritt einer der besten Hardcore-Bands zurzeit!

Damit hatten es HAVE HEART ein wenig schwer, den Stimmungs-Level zu halten. Aber was VERSE mit ihrem universellen Meister-Core erreichen, machen HAVE HEART mit kompromissloser Intensität wieder wett. Wenn man sieht, wie sich Schreihals Patrick Flynn verausgabt, seine Seele reinigt und versucht, seinen ganzen emotionalen Ballast loszuwerden, indem er die Texte in die Welt hinausschreit, sich windet und schüttelt, so kann man nur respektvoll nicken und die Augen schließen (oder sich wahlweise in das Getümmel stürzen und sich beim Hinausschreien beteiligen). Schon jetzt heiser und noch eine Unmenge an Auftritten vor sich, bangt man um des Sängers Stimme. Aber wer dem Manne bei seinem inneren Veitstanz erblickt, weiß dass hier nichts gefaked ist. Emotion pur! Mit hochrotem Gesicht erzählt er pustend davon, dass er es eigentlich zu gut gehabt hätte, er in eine Familie hineingewachsen ist, die ihm alles bieten konnte. Dem einen mag das zuviel unnützes Gerede sein, mir zeigt es die Ernsthaftigkeit und die Sincereness an, mit dem die Jungs durch die Welt ziehen. Hier stehen Menschen auf der Bühne, weil sie es müssen, nicht weil damit etwas zu verdienen wäre (Bitte sich – auf das an gleicher Stelle erscheinende Interview – freuen, indem Mr. Flynn eine Menge von sich preisgibt!). Und damit rettet der gute Mann den Auftritt fast ganz alleine, denn der Sound ist wirklich unterirdisch. Die Gitarren von Ryan Hudson und Kei Yasui sind kaum zu hören und verschwinden hinter Bass und Schlagzeug. Da HAVE HEART ihre kleinen Melodien ja dezent in ihrem Sound verstecken, bleibt vor der Bühne lediglich eine „Hardcoreschrammelsuppe“ übrig. Leider. Aber die Fans wachen trotzdem auf und es wird doch noch eine kleine Feier im VERSE-Ausmaß. Es wird gedived, mitgesungen und gelitten, wobei die besten Reaktionen unüberraschenderweise bei dem „The things we carry“-Material zu verzeichnen sind, ist doch das neue Material wenig zugänglicher als die Hardcore-Ditties des ersten Albums.

Zum Schluss wird das Mikro fremd vergeben und die Besucher werden mit gutem Gewissen in die Nacht entlassen, denn solange es neben Downbeat-Bollos und Deathcore-Poser noch Bands von diesem Schlage gibt… und sich jung und alt gleichermaßen gemeinschaftlich um das Mikro reißen, ist Hardcore alive and well!

Copyright Fotos: Michael Päben

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