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HEIDENFEST 2008

Ort: Hamburg - Markthalle

Datum: 06.11.2008

Was im Frühjahr als Paganfest wie eine einmalige Supertour der Folkmetaller erschien, fand im Herbst seinen Nachfolger im Heidenfest und ein Ende ist noch nicht in Sicht, eine weitere Tour startet in Kürze unter dem Namen Metalfest (Death und Black Metal). Was das Billing betrifft, schien das Heidenfest mit PRIMORDIAL und MÅNEGARM z.T. stärker noch auf die ursprünglicheren Formen des Pagan zu setzen, doch auch die partyfähigen Kombis fehlten mit den Headlinern FINNTROLL, EQUILIBRIUM und ELUVEITIE nicht. Allein CATAMENIA gehören nicht so ganz in die Paganecke, sorgten dafür aber für etwas Abwechslung.

Das Ruhrgebiet und Hamburg kann und soll man metaltechnisch nicht vergleichen, aber es fällt schon auf, dass beim Paganfest in Essen schon draußen in der Schlange ultimative Stimmung herrschte. Gut, Montag ist nicht Samstag, das wird sicher alles noch werden. Und in der Tat, schon bei MÅNEGARM (wieso spielen die eigentlich zuerst und nicht CATAMENIA?) war es voll vor der Bühne und im ganzen Saal, alles strömte von der Vorhalle hinein und ich bin plötzlich von meiner Tasche mit den nun so dringend benötigten Schreibutensilien abgeschnitten – Alptraum. Die Schweden rockten so energisch wie schon lange nicht mehr, nun nicht mehr ganz Neusänger Erik post, bis der Arzt kommt, und Geiger Janne sah wie immer aus als „sei er grad auf LSD“. Mit „Underjorden“ und „Sigrblot“ wurden die ersten echten Brecher des Abends gespielt, genau das richtige, um die Menge in Schwung zu bringen. Nur der Lichtmensch schläft anscheinend noch.

CATAMENIA hatten nun nach Jahren endlich mal die Chance, sich nach einer Minitour letztes Jahr einem größeren Publikum außerhalb ihres Heimatlandes zu präsentieren. Entsprechend motiviert gingen die Finnen, die gerade erst nach Ausstieg ihres Sängers um einen Mann geschrumpft sind, zur Sache. Ari Nissilä, ehemals nur Backup-Sänger und nun für die gesamten Growls zuständig machte seine Sache gut, nur minimale Unterschiede waren zu vernehmen. Nur Kari „Kakke“ Vahakuopus klaren Gesang hörte man zu Beginn fast gar nicht, doch beim 2. Song schaltete dann auch endlich der Mischer. Da man gerade erst sein 8. Studioalbum veröffentlicht hat, beschränkte sich der kurze Gig verständlicherweise auf das neue Album, wobei auch ältere Stücke wie „Coldbound“ oder „Verikanssa“ zum Vorschein kamen.

Bei EQUILIBRIUM hat sich schon öfter gezeigt, dass ihre Fans abgehen wie Schmitz Katze und dabei schon mal ganze Absperrungen um einen Meter versetzen können, was sollte dann erst in der Markthalle ohne Absperrung abgehen? Eine ganze Menge und wie immer hatte es sich als schlau erwiesen, die Flucht aus dem Publikum direkt vor der Bühne anzutreten und stattdessen auf den Stufen seitlich an der Bühne Position zu beziehen, denn gleich von der ersten Sekunde war die gesamte Meute ein riesiges, moshendes und hüpfendes Kollektiv und wer mit EQUILIBRIUMs Musik vertraut ist, wird wissen, dass diese das nur noch verstärkt. Noch vor Showbeginn hatte Sänger Helge angekündigt, dass man Schlagzeuger Manuel wegen Pfeifferschem Drüsenfieber zu Hause lassen musste, und so kamen die Drums von Band, was dem Auftritt allerdings keinen Abbruch tat. Seit der Veröffentlichung von „Sagas“ haben die Münchener auch endlich mal eine paar neue Stücke in Gepäck, allen voran Kracher wie „Snüffel“ (der neue Überhit der Band), „Wurzelbert“ oder „Unbesiegt“. Den Schluss krönte wie immer „Met“, von welchem auch eine Flasche an die Fans verteilt wurde. Stellt sich nur die Frage, warum die Bayern nicht zumindest bei den deutschen Shows Headliner waren, von den Fanreaktionen her wäre das jedenfalls absolut berechtigt gewesen.

Diese Superstimmung ging bei ELUVEITIE, wenn auch mit leichten Abstrichen, weiter. Viel Gehüpfe, immer wieder Moshpits, was aber auch nicht verwunderlich ist, da man musikalisch grob in die gleiche Richtung geht, allerdings sind hier echte Folkinstrumente (Drehleiher, Flöte, Dudelsack, Geige, Mandola) im Einsatz. Seit Ausstieg der Zwillinge Sevan und Rafi beschränken sich die Ansagen und Stimmungsmache allein auf Frontmann Chrigel, der den Fans dann auch gleich mal einen Satz auf Gallisch, der Sprache, in der die nicht-englischen Texte der Band geschrieben sind, beibrauchte, nämlich: „Weib, hol mir ein Bier“. Ich wär ja dafür, dass gleiche auch für die Mädels als „Mann, hol mir ein Bier“ zu praktizieren, nur so der Gleichberechtigung wegen. Vielleicht sollte man auch einfach dem Lichttechniker (wenn überhaupt einer da war), ein Bier bringen, vielleicht würde er dann mal etwas anderes als rot und gelegentlich grün fabrizieren. Ansonsten bewiesen ELUVEITIE aber einmal mehr, dass sie das Zeug haben, an der Spitze der Folk-Liga mitzuspielen.

Mittlerweile waren die ersten Erschöpfungszustände zu erkennen, viele Fans strömten nach draußen zwecks Frischluftaufnahme oder an die Bar, sodass die Markthalle plötzlich wie leer gefegt war. Pünktlich zu PRIMORDIAL hat sich zumindest ein Teil wieder in der Halle eingefunden, doch schien das Interesse an den Iren nicht das größte zu sein. Glücklicherweise gab’s aber mal ne Verschnaufpause, statt wilder Party wurde die meiste Zeit eher andächtig und beeindruckt den atmosphärischen Stücken gelauscht, denn Frontmann Alan hat schon sein ganz eigenes Charisma. Immer wieder kniete er auf der Bühne nieder oder präsentierte sich den Fans mit großen Gesten. „Song of the Tomb“ widmete man dem verstorbenen Bathory- Sänger Quorton, danach folgten noch „Gods to the Godless“ und „Heathen Tribes“, doch irgendwie zogen sich die Songs scheinbar endlos in die Länge. Man musste einsehen, irgendwie warteten die Fans doch eigentlich nur noch auf FINNTROLL.

Nach 5 Bands und über 4 Stunden war es nun endlich Zeit für die letzte Band des Abends: FINNTROLL. Sänger Vreth schien sich zum Ziel gesetzt zu haben, das Trinkgelage der Aftershowparty zur „Onstageparty“ umzufunktionieren, denn während des ca. 75-minütigen Auftritts erhöhte sich sein Blutalkohol um locker 1.2 Promille.
Ausgangspunkt x + 0 Promille: FINNTROLL legen mit „Nedgång“ vom aktuellen Album los, doch dem Songtitel (dt: Niedergang) machen die Fans so gar keine Ehre, ganz im Gegenteil, die letzten Reserven werden nun mobil gemacht. Plötzlich ist es auch wieder voll, ein Moshpit wird entfacht, das Tanzbein geschwungen, es herrscht wie zu erwarten noch einmal Bombenstimmung.
x + 0,3 Promille: ca. 2.5 Songs später ist das erste Bier runtergezischt, wir sind bei „Fiskarens Fiende“ angekommen. Vreth sucht freudig die Nähe des Publikums und brüllt munter vor sich hin. Wer immer noch meint, er sei kein würdiger Ersatz für Wilska, hat wohl keine Ohren am Kopf.
x + 0,7 Promille: „Midnattens Widunder“ entfacht nostalgische Gefühle. Das Bier wird nun nicht mehr nur zwischen den Songs in durstigen Schlucken heruntergespült, sondern gleich in der Hand behalten oder vorne am Monitor abgestellt, statt es zurück zum Schlagzeugpodest zu bringen. Auch die Fans sind ausgedürstet, doch jegliche Versuche, den Fronter seines Bieres zu endledigen, scheitern.
x + 0,9 Promille: Die Fans verlangen nun lautstark nach Bier, da werden Erinnerungen an das TURISAS- Konzert im März wach, als die Band inkl. Fanchor gleich einen ganzen Humppasong draus machte. Finntroll springen jedoch nicht darauf an. Das Bücken beim Bierabstellen wird wackeliger. Die Bewegungsfreudigkeit der anderen Musiker beschränkt sich auf gefühlte 20qm, vielleicht war es an den Ventilatoren aber auch einfach zu erfrischend luftig. Ich schwelge in der Vorstellung, wie toll für die Fotografen eine Mindestaufenthaltszeit pro Bühnenseite für jeden (beweglichen) Musiker wäre. Die einfachere Lösung ist ein Fotograben.
x + 1.2 Promille: Kann sich die Stimmung noch einmal steigern? Klar doch, wenn man „En Mäktig Här“ mit seinen karibischen Einlagen spielt! Damit wird auch das reguläre Set beendet, die „Zugabe“-Rufe klingen zögerlich auf, sind die Fans vielleicht doch zu müde? Die Band lässt auf sich warten… bis plötzlich Vreths geistige Ergüsse in Form von „chicks with dicks“-Sprüchen laut werden, was man doch statt „Zugabe“ rufen sollte. Das Hamburger Publikum hat Humor und folgt dem Aufruf gehörig – und wird noch mit „Rivfader“ und „Det Iskalla Trollblodet“ belohnt, bis endgültig Schluss und das letzte Bier getrunken ist. Jetzt reicht’s aber auch, Füße platt, Nacken kaputt und blaue Flecke, ab nach Hause!

Copyright Fotos: Juliane John

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