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HEINZ STRUNK

Ort: Osnabrück - Haus der Jugend

Datum: 02.12.2008

HEINZ STRUNK ist wieder auf Lesereise und der Terrorverlag natürlich mit von der Partie! Nach dem großen Erfolg seines Debütromans „Fleisch ist mein Gemüse“, der spätestens seit der Kino-Adaption für einen überproportional gestiegenen Bekanntheitsgrad des Hamburgers sorgte, hat das STUDIO-BRAUN-Mitglied sein zweites Werk nachgelegt. Der mit rund 150 Zuschauern nahezu ausverkaufte Saal des HdJ zeugte von der Begeisterung, die dem 46-jährigen Musiker, Schauspieler und Entertainer momentan entgegenschlägt.

Dabei betonte HEINZ „Heinzer“ STRUNK kurz nach dem Beginn um 20.00 Uhr, dass er keinesfalls ein ernsthafter „Berufsschriftsteller“ sei und bot auf der kargen Bühne, die ohne jede Deko und irgendwelchen Schnickschnack auskam (der Künstler verzichtete sogar auf das obligatorische Gas Wasser und erklärte, er habe bereits zu Hause vorgetrunken), dem Feuilleton gleich einmal einen selbstgeschrieben, hochgestochenen Verriss an, der sehr zur Freude des Publikums auch umgehend vorgetragen wurde. Ansonsten stelle Mathias Halfpape (so der bürgerliche Name) klar, dass es an diesem Abend auch keine musikalischen Intermezzi gäbe, sondern nur „Substanz und Gänsehautfeeling“ zählten. Obwohl, für die Pause wurde Gülcan Kamps angekündigt, was dem Ganzen allerdings eine ganz besondere Wendung gegeben hätte, aber natürlich handelte es sich nur um einen Scherz. Überhaupt verlief der Abend sehr heiter, nachdem er zur Einstimmung sein persönliches Leseprocedere erklärte. Der Herr schneidet nämlich die vorzutragenden Passagen aus dem Buch aus, klebt sie auf Blätter und vervielfältigt sie im Copy-Shop. Dass diese Vorgehensweise auch seine Tücken birgt, sollten wir gehen Ende der Lesung noch feststellen…

Zunächst startete der Wortakrobat passender Weise mit dem Beginn des Romans, der in einem heißen Hamburger Sommer spielt und dessen Hauptfigur ein 34-jähriger desillusionierter Gag-Schreiber ist, der sich jeden Sonntag für eine Stunde in ein Frühstückscafe setzt, um dort Leute zu beobachten. Und genau da liegt auch die Stärke von HEINZ STRUNK! Seine vortreffliche Art, die lieben Mitmenschen zu skizzieren und dies mit spitzer Feder zu Papier zu bringen, ist einfach herzerfrischend und der höchstpersönliche Vortrag mitsamt hanseatischen Ideom und leichtem Lispeln noch eine Klasse besser. Mal ehrlich: Zitate wie Lemmy Kilmisters (MOTÖRHEAD) „Das Leben gleicht von außen einem leckeren Sandwich, doch wenn man reinbeißt stellt man fest, dass es mit Kacke bestrichen ist.“ sind schon ziemliche Burner, die auch umgehend zu großem Gelächter führten. Gleich im Anschluss gab es Wissenswertes zum Thema Adipositas. Jetzt können die Osnabrücker auch was mit der Aussage ihres Herrenausstatters anfangen, wenn dieser betrübt feststellt, dass der Kofferraum nicht zugeht (immer dann der Fall, wenn das Sakko nicht über den ausladenden Hintern reicht. Mit den körperlichen Unzulänglichkeiten waren wir auch umgehend beim nächsten Schauplatz der Geschichte angekommen – in der vergreisten Käfersiedlung nämlich, die Markus Erdmann fast jeden Sonntag besuchte, um bei seinen Großeltern, die seit Jahrzehnten dort wohnten, zu Mittag zu essen. Das Kapitel wurde jedoch extrem zusammengestrichen auf die Quintessenz: „Oma macht Essen und Vorwürfe“, nicht ohne das wichtige Thema der „Desexualisierung“ einzugehen, das verbunden war mit der Begegnung mit zwei blutjungen „Fickmäusen“ und der komplett runtergekommenen Birgit Brunau, die mit dem Protagonisten in der „armseligsten Clique der ganzen Welt“ ihre Schulzeit verbracht hatte. HEINZ STRUNK verstand es, Birgit dermaßen dezidiert zu beschreiben, dass man das aufgeschwemmte Alkoholikergesicht direkt vor sich sah. Gleiches galt auch für die Darstellung von Markus’ Freundin Sonja, der Heinzer eine Abschleppgeschichte angedichtet hatte, die kurz vor der Pause für wahre Begeisterungsstürme sorgte. Eigentlich unverständlich, dass die Leute sich so für Strunks eigentlich zutiefst deprimierende Ausblicke ins Leben begeistern können. Aber da paaren sich wohl der trockene norddeutsche Humortypus und die Freude daran, doch deutlich über diesen ganzen gescheiterten Existenzen zu stehen, die uns kurz nach 21.00 Uhr nach einer 15-minütigen Pause noch in aller Ausführlichkeit begegnen sollten.

Der zweite Teil wurde von einer kurzen Erklärung eingeläutet, worum es denn eigentlich in dem Buch geht (eine Woche im Leben von Markus Erdmann – wobei der Romantitel erst deutlich später zum ersten Mal genannt wurde), bevor es dann bezüglich der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse sprunghafter weiterging. Zunächst fanden wir uns am Montag Morgen vor dem Erdmannschen Badezimmerspiegel wieder. Das führte uns direkt zum Sachbuch im „Schönbuch“, dem „Infokasten“ zum Thema Aussagekraft von Zahnpastaspritzern auf dem Spiegel. Daran können Zahnärzte laut Aussage von Professor Heinz ALLES erkennen: Beispielsweise Größe, Abstand, Zustand und Status der Beißerchen! Sehr amüsant fand ich die STRUNKschen Anmerkungen zu Doku-Soaps im Allgemeinen und dem von ihm zur Krönung ernannten Format „Meine Hochzeit“. Gedanklich nahm uns der Hanseate mit ins Musical, genauer gesagt zum „Phantom der Oper“. Ich sage mal nur so viel: Ich teile Heinz offensichtliche Abneigung gegen dieses Genre und konnte seine pointierten Bonmots, die er einem frisch getrauten Paar aus dem Westfälischen an den Hals geschrieben hat, nur abnicken. Überhaupt kamen wir langsam in böse Gefilde mit bewusst platten Witzchen aus der Feder des fiktiven Gag-Schreibers und einem schön-fiesen Rückblick in die Fußballjugend des Romanheldens (Stichwort: Eingespeichelte Trillerpfeife des zutiefst abstoßenden Fußballtrainers im eigenen Mund). Dazu passte der bunte Strauß an Lebensweisheiten, die HEINZ STRUNK feil bot, ganz hervorragend und ich bin mir sicher, dass er auch in dieser Lektüre wieder jede Menge Autobiographisches untergebracht hat. Zumindest wird er die Locations auf der Reeperbahn, in die er seine Figur schickte, mit Sicherheit aus eigener Anschauung kennen. So wie etwa den Elbschlosskeller am Hamburger Berg, den er selbst als härteste Alkoholikerkneipe bezeichnete. Oder den Tanzsalon „1900“, eine üble Prolldisko, die als Hintergrund für eine äußerst unterhaltsame Milieustudie herhalten musste. „Babe“ und „Schlampe“ hatten ihre „Namen“ auf den T-Shirts stehen und „Nike“ trug einen weißen Trainingsanzug und war Halbtürke oder –Grieche und auf der erfolglosen Suche nach einer Frau. Genaueres bitte ich selbst nachzulesen oder das Hörbuch zu bemühen – es lohnt sich auf jeden Fall. Wer zum Hörbuch greift, bekommt bei der Gelegenheit auch gleich noch eine musikalische Einlage geboten, so wie auch das Auditorium im Haus der Jugend, denn zur besseren Verdeutlichung stimmte Heinz kurz „Mr. Wayne“ von CULTURE BEAT an. Fehlte noch eine Episode aus dem Sexleben des Markus M., der eigentlich dem körperlichen Begehren abgeschworen, aber doch mal eine Phase durchlebt hat, in der Sextoys und selbstgedrehte Videos Leben in die Lenden bringen sollten. Die abschließenden Absätze gestalteten sich dann allerdings etwas schwierig, da in der Lose-Blatt-Sammlung die letzte Seite fehlte. Also eilte STRUNK schnell in seine Garderobe, wo er allerdings auch nicht fündig wurde und entschied, das Ende frei vorzutragen. Was natürlich überhaupt nicht nötig war, da die Altstädter Bücherstuben an ihrem Verkaufstisch genügend Exemplare bevorratet hatten, um kurzfristig auszuhelfen.

So konnte „Die Zunge Europas“ doch ein wortwörtliches Ende nehmen, das zwar etwas abrupt ausfiel, aber so ist das manchmal, wenn plötzlich nach Wochen der Trockenheit und Hitze der erlösende Regen einsetzt. Dass ich mit meinen Autobiographie-Vermutungen gar nicht verkehrt lag, zeigte sich dann auch bei der Erklärung des Titels. Der spielt nämlich auf einen Onkel von HEINZ STRUNK an, der als Kaffeeexperte im Hamburger Hafen gearbeitet hat, über schier unermessliches Kaffeewissen verfügen soll und deshalb „Zunge Europas“ genannt wurde. Dieser Onkel wurde kurzerhand dem fiktiven Markus zur Seite gestellt, der sich am Ende des Romans von seiner Freundin trennt, keine Gags für schlechte Comedians mehr schreiben und stattdessen ein Buch über den Kaffeekenner und Onkel schreiben will. Fehlte nur noch die Erklärung, was es mit dem massiven Strunk-Goldschmuck auf sich hatte (Herr Strunk möchte halbseiden wirke, um mal in eine andere Szene zu kommen) und seine typischen Verabschiedung mit dem Worten: „Auch Taxis sind Autos!“. Dann verschwand er für einige Minuten unter großem Applaus ins Off um sich einen zu trinken, kehrte jedoch noch einmal zurück, um Autogrammwünsche zu erfüllen. Während es draußen in Strömen regnete, waren die Anwesenden im Haus der Jugend mit grandiosem Witz und sprachlich meisterlich umgesetzter Beobachtungsgabe unterhalten worden. Die zwei Stunden vergingen wie im Fluge und wer die beiden Bücher noch nicht im Schrank stehen hatte, wird sie sich vermutlich schnell noch zugelegt haben. Ich kann sie beide nur wärmstens empfehlen – auch als Geschenk zum nahenden Weihnachtsfest!

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