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HEINZ STRUNK

Ort: Osnabrück – Lagerhalle

Datum: 22.05.2013

HEINZ STRUNK hat es wieder getan. Er hat ein Buch geschrieben. Und irgendwie geht es in seinem fünften Roman erneut auch um Heinzer selbst. Dass „Junge rettet Freund aus Teich“ autobiografische Züge haben muss, deutet schon der Umstand an, dass der Hauptprotagonist den bürgerlichen Namen des Entertainers, Musikers und Autors trägt: Mathias Halfpape nämlich. Welche Teile tatsächlich Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend sind und wo die Fiktion anfängt, ließ das STUDIO-BRAUN-Mitglied auch bei seiner Lesung in der Osnabrücker Lagerhalle im Dunkeln, wusste jedoch mit seinen Ausführungen den nahezu ausverkauften Saal auf jeden Fall zu begeistern.

Die Hasestadt und der Hamburger sind eh schon ein alter Bekannter, fand doch sogar die Premierenlesung von „Heinz Strunk in Afrika“ vor zwei Jahren an gleicher Stelle statt. Deshalb reichten auch ein paar formale Hinweise, um das Publikum auf den Abend einzustimmen und schon konnte es losgehen. Für diejenigen, die den jüngsten Roman noch nicht kannten, gab’s die kurze Info, dass der Schmöker aus Sicht des kleinen Mathias geschrieben sei und sein Schöpfer ihm auch die Sprache eines sechs-, zehn- bzw. 14-jährigen in den Mund gelegt habe. In diesen Entwicklungssprüngen durfte das Auditorium dann den Werdegang der Romanfigur verfolgen – im Übrigen anders als der Künstler nach Belieben mit Getränken versorgt. HEINZ STRUNK ist nämlich der Meinung, ein normaler Mensch könne durchaus 45 Minuten ohne Flüssigkeitsaufnahme überstehen, ohne dehydriert zusammenzubrechen. Stattdessen mache er lieber eine ordentliche Saufpause und kündigte für den zweiten Teil nach eben diesem Break auch schon mal „ekstatische Improvisationen“ auf der Querflöte an. Schließlich ist der Mann ja auch gelernter Musiker und nicht irgendein DJ-Typ, nein Heinzer kann was! Von seinen schriftstellerischen Qualitäten durfte sich die versammelte Zuschauerschaft alsbald überzeugen und sogar der Dichter und Denker musste ob seiner erdachten Dialoge ein ums andere Mal schmunzeln, insbesondere wenn sich aufgrund einer eben erst überstandenen Grippeattacke im Text kleine Lesefehler einschlichen. Da machte es auch nichts, dass plötzlich eine Seite fehlte. Der 51-jähige wusste ja, worum es ging und auch in der frei formulierten Zusammenfassung gelang es ihm, seinen Zuhörern die Familie Halfpape näher zu bringen. Angefangen mit einem überschaubar glücklichen Tag im Leben des sechsjährigen Mathias, über Episoden aus der Sicht des Zehnjährigen, der glückliche Wochen bei Oma Emmi im ländlichen Todtglüsingen verbrachte, während sich zuhause in der Harburger „Zwergensiedlung“ langsam die Dinge einzutrüben begannen. Bis dahin wurden gemeinsam mit Manfred vom Holzapfelhof jedoch Ernte 23 und John Player Navy Cut gequalmt (wohlgemerkt mit zehn, aber auf dem Land fängt man vielleicht einfach etwas früher an) und die sonnigen Tage im Wasser der Tonkuhle verbracht, ehe sich der Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium als schwarzer Schatten über das Geschehen senkte. Dem Publikum wurde diese Zeit in der Beobachtungsstufe mit einer „Textaufgabe des Grauens“ nähergebracht, was ebenso zur Erheiterung führte wie die Darstellung seiner verschiedenen Figuren, die selbstverständlich mit unterschiedlichen Stimmen einherging. Wofür hat der Mann schließlich unzählige Kurzhörspiele gemacht und sein Organ geschult? Schon bald befand man sich im Jahr 1974 und die Boten der Pubertät piesackten den heranwachsenden Held, den es zwischenzeitlich auf die Realschule verschlagen hatte. Die Sommerferien fanden weiterhin auf dem Lande statt, wo die ersten Drogenexperimente mit Morphiumtropfen unternommen wurden (wodurch selbst „Was bin ich“ zu einer ungemein schillernden Show geriet), während Mathias bei einer gemeinsamen Wald-Übernachtung mit Kumpel Manfred und dessen Freund Maik einer Rotte Wildschweinen sein junges Leben verdankte und nur knapp der Exekution durch den übergewichtigen und gewaltbereiten Maik entkam. Zurück in der Großstadt ging’s bergab: Umzug mit der manisch-depressiven Mutter ins Hochhaus, der stets mit Schlips und Kragen gekleidete Opa muss ins Pflegeheim und auch die immer gut gelaunte Oma baut langsam ab. Wie gut, dass es da immerhin auch die ersten erfolgreichen Annäherungen an das weibliche Geschlecht gab. Der Hit des Jahres war seinerzeit wohl eindeutig „Kung Fu Fighting“ von CARL DOUGLAS, den es deshalb auch in einer exaltierten Variation auf der Yamaha-Querflöte zu hören gab.

Es folgte noch ein wenig Werbung in eigener Sache; so ist die DVD zum wunderbaren STUDIO-BRAUN-Kinofilm „Fraktus“ ist seit einem Monat erhältlich und neuerdings kann HEINZ STRUNK einen Plattenvertrag sein eigen nennen. Mit den autobiografischen Romanen soll nach neun Jahren und fünf Büchern jetzt erstmal Schluss sein, stattdessen will Heinzer mit „Honkas Handschuh“ beweisen, dass Serienmord und Humor durchaus zusammenpassen. Ich bin mir sicher, dass Herr Strunk seine ganz eigene, absolut lesenswerte Schreibe finden wird, wenn er die Story des Hamburger Prostituiertenmörders Fritz Honka in eine fiktive Geschichte einfließen lässt. Außerdem soll 2014 eine Art Fortsetzung des großartigen Ösi-Films „Immer nie am Meer“ gedreht werden und ein weiteres, komplexes Filmprojekt steht ebenfalls in den Startlöchern. Da dürfte also noch einiges von HEINZ STRUNK aka Mathias Halfpape aka Jürgen Dose kommen, der sich nach zwei unterhaltsamen Stunden kurz und knackig von seinem begeisterten Auditorium verabschiedete, um nach „fünf Minuten Druckbetankung“ am Büchertisch noch einmal in Erscheinung zu treten. Die Leiden des jungen Heinz pardon Mathias seien jedem ans Herz gelegt, der nicht nur schmunzeln möchte, sondern auch die melancholischen Zwischentöne zu schätzen weiß. Anders als bei seinem bisher erfolgreichsten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ ist „Junge rettet Freund aus Teich“ eher eine (Land)jugend ohne Musik, aber das tut dem Charme des Ganzen keinen Abbruch. Insbesondere dann nicht, wenn der Chef selbst am Mikro sitzt. Ein rundum gelungener Abend!

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