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HEINZ STRUNK

Ort: Osnabrück - Lagerhalle

Datum: 20.05.2009

Nicht mal ein halbes Jahr liegt der letzte Besuch von HEINZ STRUNK in Osnabrück zurück. Damals las der Entertainer, Musiker und Autor aus seinem Roman „Die Zunge Europas“; die neueste „Performance aus der aufgeblähten Produktpipeline“ des Hamburgers (O-Ton Heinzer) mit dem Namen „Fleckenteufel“ stand an diesem Mittwoch Abend vorm Vatertag in direkter Konkurrenz zum Champions League Finale und einem lauen Lüftchen, welches die Leute nach draußen trieb.

Trotzdem hatten sich in der Lagerhalle rund 150 Strunk-Fans eingefunden, die sich direkt vor der Bühne sogar an zehn mit weißen Deckchen und Kerzen dekorierte Tische setzen konnten. Auf der Stage ging es gewohnt karg zu, denn der Künstler verzichtete konsequent auf jede Form von Getränken oder Knabbereien, für die „große Show auf kleinem Raum“ hatte der erst vor drei Tagen 47 Jahre alt gewordene STUDIO-BRAUN-Mitbegründer bereits zu Hause vorgetrunken und sich vorgenommen, mit minimaler Flüssigkeitsaufnahme auszukommen. Das passte irgendwie auch zu den beherrschenden Themen des Abends, die auf ihre Weise alle unterleibsbezogen waren. Wer schon mal das Cover von „Fleckenteufel“ gesehen hat, dürfte die Ähnlichkeit zu CHARLOTTE ROCHEs „Feuchtgebiete“ aufgefallen sein, für die sich HEINZ STRUNK auch umgehend entschuldigte und die Schuld auf den Rowohlt-Verlag schob, der inzwischen in der Hand eines auf Profitmaximierung ausgelegten Hedge Fonds sein soll und entsprechend seine Autoren wie die Zitronen auszupressen beliebt. Es folgten noch erklärende Worte zur mitgebrachten Querflöte, denn bei Herrn Strunk macht gerade das Finanzamt eine Betriebsprüfung und um den Vorwurf zu entkräften, die Lesungen entbehrten eines künstlerischen Anspruches und stellten lediglich eine Verkaufsveranstaltung für die Werke des zu prüfenden Steuerzahlers dar, wertet Mathias Halfpape aka HEINZ STRUNK seine Lesungen jetzt mit Musikeinlagen auf, um 12 % Steuernachzahlung zu umgehen.

Dann ging es aber tatsächlich mit der ersten Episode aus dem Leben des 16-jährigen Thorsten Bruhn los, der sich nach der Idee seines Schöpfers im August 1977 auf einer christlichen Familienfreizeit an der Ostsee mit schlimmen Problemen rumschlagen musste. Ganz vorne weg wäre da der empfindliche Magen-Darm-Trakt des jugendlichen Ich-Erzählers zu nennen. Bereits die erste Geschichte widmete sich sehr zur Erheiterung der Zuschauer den Flatulenzen und Verdauungsgewohnheiten des Hauptprotagonisten, bevor auch die übrigen Charaktere vorgestellt wurden. Hier liegt Strunks große Begabung, der mit seinem über weite Strecken autobiografischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ und dessen Verfilmung einem größeren Publikum bekannt wurde: Wie kein zweiter versteht er es, Personen (die meistens nicht eben auf der Sonnenseite des Lebens stehen) zu skizzieren und Begebenheiten und Orte wortreich zu umschreiben. Dergestalt gerieten auch die detaillierten Informationen hinsichtlich sexueller Fantasien (oft homoerotischer Natur), schmerzhafter Verstopfung und er sorgsamen Pflege des Anus, der für alle Zeiten seine zarte rosa Farbe behalten soll, sehr unterhaltsam und kurzweilig. Unterbrochen wurden die vorgetragenen Auszüge aus den einzelnen Kapiteln mit recht schrägen strunkschen Interpretationen christlicher Lagerfeuer-Musik auf der Querflöte und dem kurzen Ansingen von Weihnachtsliedern und Seemanns-Grüßen, die jeweils einen neuen Tag einläuteten. Nach der kurzen „Sauf- und Kokspause“ verlagerte Heinz sein Hauptaugenmerk stärker auf die leisen Zwischentöne und beleuchtete erbarmungslos die Dramen, die sich abspielen, wenn man als Halbwüchsiger versucht, irgendwie seinen Platz im Leben zu finden – und wenn sich das am letzten Ende von Scharbeutz abspielt und in erster Linie davon geprägt ist, ob man Teil der coolen Doppelkopfrunde wird und sich ein Mädchen findet, die sich begrabbeln lässt. So viel wollen wir denjenigen vorweg nehmen, die das (Hör-)Buch noch nicht kennen: Ersteres gelingt, letzteres nicht, was wiederum in einer großen Kotzerei und einem befreienden Toilettenbesuch gipfelt, bevor das Ende des Zeltlagers mit dem Tod von ELVIS PRESLEY zusammenfällt und der bislang zwergenwüchsige Thorsten endlich zu wachsen beginnt.

Der Verdacht, dass „Fleckenteufel“ ganz schnell nachgeschoben wurde, um noch schnell an dem Hype um „Feuchtgebiete“ mitzuverdienen (übrigens haben Strunk und Roche vor einigen Jahren u.a. sogar in der Lagerhalle gemeinsam aus der Doktorarbeit „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ gelesen), bleibt auch nach dieser Lesung bestehen. Wenn HEINZ STRUNK in seiner unnachahmlichen, schnoddrigen Hamburger Art auf der Bühne agiert, spielt das aber ehrlich gesagt keine Rolle. Wir wollen mal lieber nicht hinterfragen, wie viel Autobiografisches in „Fleckenteufel“ steckt und freuen uns stattdessen über zwei amüsante Stunden, die trotz des heiklen Themas niemals Richtung Klamauk oder Bierzeltniveau abdrifteten. Das macht einen HEINZ STRUNK halt aus.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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