Konzert Filter

HELLSONGS – MISSINCAT

Ort: Hamburg - Übel und Gefährlich (Ballsaal)

Datum: 19.11.2008

Weltuntergangsstimmung in Hamburg: Trotz bedrohlicher Regenfront und verstärkten Windböen wehen trotzdem noch Schreie der Angst und des Adrenalins vom Hamburger Dom herüber. Das Riesenrad dreht sich noch… Wetter, wie bestellt, um andächtigen Weisen (einst intoniert von Gitarreschwingenden, stinkigen, vor Testosteron berstenden, langhaarigen Männern; neu interpretiert von entzückenden, gar liebreizenden, Schweden) zu lauschen. Oben im alten Bunker am Millerntor angekommen (wie immer führt der Weg nur über einen Lastenfahrstuhl hinauf) erwartet ein überwiegend mittelaltes, Indie-sozialisiertes Publikum auf die Darbietung, die da kommen möge. Ein, zwei nette Metal-Fans von nebenan sind zwar auch anwesend, aber ein Großteil des Publikums ist sicherlich nicht unbedingt mit den Originalinterpreten aufgewachsen. Nichtsdestotrotz hat das Hamburger Publikum an diesem Abend den ganzen Unkenrufen, des nicht begeisterungsfähigen und lustlosen Hanseaten, Lügen gestraft. Mehr davon später…

Den Anfang machte die Italienerin Caterina Barbieri, die wie viele Musiker mittlerweile in Berlin Station gemacht (warum Berlin? Warum?) und sich schon im Vorprogramm von AMY WINEHOUSE „austoben“ durfte. Austoben ist sicherlich das falsche Wort, denn die hübsche, zierliche Musikantin gab an der Akustikgitarre kleine, feine Lieder zum Besten, die sicherlich in etwas kleinerem Rahmen um einiges besser und intimer gewirkt hätten. Begleitet vom Cellisten und Gitarristen Marius Kiefer kamen die minimalen, zerbrechlichen Indie-Pop-Nummern fast ein wenig zu schüchtern daher, lassen aber auf träumerisches, winterliches Tonträger-Potential hoffen. Wie eine erblondete ALISON SUDOL, zahme FIONA APPLE oder zierliche INGRID MICHAELSON kommt die Ex-Bassisten von VERTIGINI daher und konnte zumindest einen männlichen Fan zu exstatischen Zurufen bewegen. Wirklich nicht schlecht, schön arrangiert und äußerst sympathisch vorgetragen sind die Songs aber eher für den Heimgebrauch geeignet. Ein passender und schöner Opener für HELLSONGS allemal!

Diese kommen einige Zeit später auf die Bühne (handgeklöppeltes Keyboard-Banner, sowie Backdrop) und begeistern sofort mit ihrer herrlich nerdigen, erdverbundenen Art. Ronja Räubertochter im Tutu, Harriet Ohlsson, hat Glitzer unter – und ein Funkeln in den – verschmitzt-traurigen Augen, zieht wie immer ihre Turnschuhe vor ihrem emotionalen Striptease aus und verursacht wahrscheinlich bei den meisten Zuschauern einen mütter-, oder väterlichen Schutzinstinkt. Wie ihre Kolleginnen STINA NORDENSTAM oder Rebekka Maria von LAMPSHADE scheint das Skandinavisch-Elfenhafte zu jedem Zeitpunkt des Auftritts durch. Mit geschlossenen Augen und leichtem Nicken bekommen die Lyrics der alten Gassenhauer eine völlig neue Bedeutung. „Were not gonna take it“ von TWISTED SISTER wird hier kurzerhand zur Hymne der Schwachen und Unterdrückten und sorgt für leichtes Gänsehautgefühl. Wenn man die Tränen in Harriets Augenwickeln entdeckt, steckt schon ein mittelschwerer Kloß im Hals… Immer wieder greift die quirlige Dame zu verschiedensten Percussion-Instrumenten, begeistert am Kazoo und hantiert bei „Seasons in the Abyss“ pointiert mit zwei kleinen Glockenschellen. Keyboarder Johan Bringhed zaubert die verschiedensten Sounds aus seinem doch wenig imposanten Keyboard, intoniert andächtig und präzise, klingt manchmal durchaus sakral, um an anderer Stelle locker-flockige Saloon-Sounds anzustimmen. Mit Krawatte bewaffnet würde der gute Mann auch in jeder Partykapelle wenig auffallen. Gitarrist Kalle Karlsson macht einen leicht unterfütterten Eindruck, trägt ein Ronald McDonald/ Hitler Crossover-Shirt und sorgt mit seinen halbdeutschen Ansagen für gute Laune. So erzählt er bei den abschließenden Worten, welch erhebendes Gefühl es sei, als schwedische Band in Deutschland an solchen Plätzen zu spielen. Das sei, wie in der „Bundesliga“ zu sein und nicht wie „Wie heißt das, wo man eher in der zweiten oder dritten Reihe spielt?“. „Kreisklasse!“ wird aus dem Publikum zugerufen. „It already sounds like you don’t wanna be there“ gibt er lachend an das Publikum zurück. Apropos Publikum: Das wird immer wieder zu Sing- und Klatschspielchen aufgefordert, dem zu meiner Verwunderung, sofort nachgekommen wird. Wenn nicht gerade mit den Fingern geschnippt, geklatscht oder gebeatboxed wird, höre ich aus jeder Ecke ein Summen und leises mitsingen. Lediglich die obligatorische Kiffernase (diesmal weiblich und rauchend), die von nichts eine Ahnung hat, treibt das Publikum mit disqualifizierenden Zwischenrufen zur Weißglut, sodass ein gepflegtes „Halt doch mal Deine Schnauze“ von verschiedenen Seiten unausweichlich wird…

Denn wer HELLSONGS noch immer als Spaßprojekt ansieht, hat die Ernsthaftigkeit hinter dieser Band noch immer nicht verstanden. HELLSONGS wollen für eine bessere Welt kämpfen (die CD kommt biologisch abbaubar daher, Amnesty International begleiten die Tour mit einem Infostand) und haben sich darauf konzentriert, alte „Metal-Schlager“ neu zu erfinden. Das Ergebnis sind neue Songs, neue Herangehensweisen, neue Ergebnisse und neue Bedeutungen, die durchaus bewegend sein können. Dies wird noch einmal deutlich, als „Run to the Hills“ von IRON MAIDEN zum bewegenden Protestgesang wird, an dem wirklich jeder Zuschauer teilnimmt. Wer da keine Gänsehaut bekommt, hat wahrscheinlich alle „SAW“ Teile am Stück gesehen. Überaschenderweise müssen „Blackened“ und „Paranoid“ draußen bleiben, stattdessen kommen „Seek and destroy“ und VAN HALENs „Jump“ zum Zuge (ganz unglaublich!).

Ein ganz toller Abend, mit einer unglaublich sympathischen Band, die es hoffentlich schaffen wird, länger als eine Saison zu tanzen. Wo sonst kann man zu „Thunderstruck“ so herrlich meditieren?

Copyright Fotos: Juliane John

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu HELLSONGS auf terrorverlag.com

Mehr zu MISSINCAT auf terrorverlag.com