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HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER

Ort: Bad Rothenfelde – Kurhaus

Datum: 09.05.2019

Wer an diesem Donnerstagabend seinen Blick durch den vollbesetzten Saal des Kurhauses zu Bad Rothenfelde schweifen ließ, konnte viel graues Haupthaar entdecken. Nun stand jedoch nicht etwa ein Tanztee auf dem Plan, nein HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER war „Außer Rand und Band“. So heißt nämlich das 15. Bühnenprogramm von Bandleader Herbert Knebel und seiner Mannschaft, die aus Ernst Pichel (Bass), Ozzy Ostermann (Gitarre) und dem Trainer (Schlagzeug) besteht. Angesichts des Durchschnittsalters des Auditoriums fragte der renitente Frührentner Herbert seine Fans dann auch gleich mal, ob sie auf Schlager stehen.

Und teilte gleichzeitig mithilfe einer treffsicheren Metamorphose der THE-CLASH-Nummer „Should I Stay Or Should I Go“ mit, dass man unter dieser Prämisse bei dem Ruhrpott-Vierer nicht auf seine Kosten komme. Das Affentheater steht schließlich seit 31 Jahren für Anarchie und Rock’n’Roll. Okay, die Knochen wollen nicht mehr so wie früher und das wusste man auch musikalisch umzusetzen, weshalb aus der Disco-Nummer „Stayin‘ Alive“ der BEE GEES kurzerhand ein „Alles ist steif“ im Reggae-Gewand wurde. Überhaupt sind Uwe Lyko, Georg Göbel-Jakobi, Martin Breuer und Detlef Hinze begnadete Musiker, die es bestens verstehen, bekannten Songs nicht nur einen witzigen Text, sondern auch einen spannenden neuen Sound zu verpassen. So auch bei DAVID BOWIEs „Let’s Dance“ geschehen, zu dem der Mann mit Kappe, dicken Hornbrille und beigefarbener Buxe gleich einmal seine Tanzqualitäten bewies. Da mag der körperliche Verfall rasant fortschreiten, wer einmal das Eintänzer-Diplom gemacht hat, behält auch im Alter den Rhythmus im Blut! Im Übrigen musste natürlich auch ausgiebig schwadroniert werden. Über die vergangenen Jahrzehnte, die man miteinander verbracht hat und selbstverständlich auch über den Fortschritt, der sich mit Navi, Google und Erwin manifestiert. Erwin? Das ist der neue Hausgenosse von Herberts Kumpel Hein, der sich zudem als Saug-Roboter entpuppte. Knebel startete gleich mal den direkten Vergleich mit seiner angetrauten Guste, die allerdings 1:2 verlor, da man Erwin dank Garantie noch umtauschen konnte, nachdem dieser nach vier Stück Schwarzwälder Kirsch von Coppenrath & Wiese (die Herbert ihm testweise auf die Auslegeware drapiert hatte) einen Cholesterin-Schaden erlitten hatte. Das wäre bei Guste nicht passiert, die hätte an dieser Stelle erst Appetit bekommen! Überhaupt die Frauen… Ozzy war gemeinsam mit dem Trainer (aka King of the Bongo) auf der Suche nach seiner „Pretty Woman“ und Herbert unter dem Motto „Wir schiffen in den Hafen der Liebe“ auf Junggesellenabschied. Dass da bierselige Diskussionen zum Thema „Ehe: Sackgasse oder Irrtum?“ den 72-jährigen Bräutigam schon ein wenig aus der Fassung brachten, versteht sich von selbst. Der Gerstenkaltschale sind die Jungs ja durchaus zugetan, weshalb Herbert die Einladung zur Pils-Tour in der Eifel selbstredend direkt angenommen hat. Im hohen Venn angekommen, stellte sich allerdings heraus, dass es um Pilze ging und nicht eine einzige Hopfenkaltschale am Start war. Glücklicherweise hat die Expedition bei der Bestimmung der Schwammerl Fünfe gerade sein lassen, wodurch auch ein paar bewusstseinserweiternde Exemplare den Weg ins Pilzgulasch gefunden hatten. Die Folgen waren beachtlich und wurden vom Chef ebenso anschaulich wie unterhaltsam geschildert. Gefunden wurden er und seine Kumpels im Übrigen am nächsten Morgen nackend im Wald – von einem Förster. Was HERBERT KNEBEL daran erinnerte, dass er selbst mal Förster werden wollte. Einfach, weil er so gern läuft. Am Ende hat er sich dann zwar für eine Karriere als Frührentner entschieden, doch einen Song war ihm das Laufen doch allemal noch wert und es war Ehrensache, dass „Herbert läuft“ (vgl. IGGY POPs „The Passenger“) von den begeisterten Zuschauern kräftig mitgeklatscht wurde. Die bekamen dann auch gleich noch eine Choreinlage mit der Volksweise „Das Laufen ist des Knebels Lust“ serviert, ehe sie in die Pause verabschiedet wurden, aus der die Instrumentalfraktion die rund 500 Anwesenden mit knackigem Jammen und „Hänschen klein“ zurückholte.

Derweil erzählte Herbert von seiner Ostsee-Kreuzfahrt mit Guste und griff in die Saiten seiner Ukulele, um seinem Eheweib mit seiner Interpretation von FRANK SINATRAs „Flying To The Moon“ eine seltene Liebeserklärung zu machen. Ferner erfuhr die Zuschauerschaft, was es mit des Trainers Selfie-Stange auf sich hatte und dass man seinen Lattenrost glücklicherweise behandeln konnte. Mit Ozzy gings nicht auf MICHAEL HOLMs Straße nach „Mendocino“, sondern nach „Meinerzhagen“, wo die Leute allerdings durchgängig nicht Auto fahren können. Der Abend verging wie im Flug und schon stand um 22.15 Uhr die erste Zugabe an. Nicht nur, dass der extrovertierte Herr Ostermann seinen elektronischen Sechssaiter mit der Zunge spielte, auch Herbert hatte noch eine ganz besondere Überraschung in petto. War er als ELVIS PRESLEY schon brillant, hat er sich als TINA TURNER eindeutig selbst übertroffen! Angetan im goldfarbenen Top und schwarzen Ledermini wurde aus „Simply The Best“ ganz schnell „Ich stink wie die Pest“ und dass es für diesen Auftritt nur Standing Ovations geben konnte, dürfte klar sein. Für das Abschlusslied wurde aus der heißen Tina blitzschnell ein UDO JÜRGENS im weißen Bademantel, der von Ozzy Ostermann an der Pedal Steel Guitar begleitet wurde, während Ernst Pichl die akustische Wanderklampfe übernahm und der Trainer an die Tasten wechselte.

Ein furioses Ende einer großartigen Show, die wirklich nur fantastische Pointen (und hier und da unterdrückte Lacher auf der Bühne) kannte und mit Uwe Lyko als TINA TURNER ihren absoluten Höhepunkt fand. Womöglich war es das letzte Mal, dass HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER im Kurhaus der Stadt der Wickelbeine (Knebel über Bad Rothenfelde) gespielt hat, denn es gibt Überlegungen, den sanierungsbedürftigen Bau abzureißen. Das Knebel-Kabarett-Quartett bleibt uns glücklicherweise davon unabhängig erhalten, womit weitere Zwerchfell erschütternde Abende mit der Rentner-Gang auch im Osnabrücker Land gesichert sein sollten.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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