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HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER

Ort: Osnabrück – OsnabrückHalle

Datum: 02.05.2024

Schlechte Nachrichten von HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER: der Trainer haut in den Sack und zieht sich aufs Altenteil zurück! Nach 36 gemeinsamen Jahren mit Herbert Knebel, Ozzy Ostermann und Ernst Pichl geht der Mann hinter der Schießbude Ende des Jahres vom Platz bzw. von der Bühne. Wie gut, dass das AFFENTHEATER vorher noch einmal Halt in Osnabrück gemacht hat, um ihrem Publikum, das sich auch immer mehr dem Rentenalter nähert, die Leviten zu lesen: „Fahr zur Hölle, Baby!“ heißt nämlich das aktuelle Programm, das jedoch nicht das letzte sein soll – so verspricht es zumindest die Ruhrpott-Legende Herbert Knebel, der allerdings mit einer schwierigen Anreise zu kämpfen hatte.

So ging es allerdings nicht nur ihm, sondern auch den Kollegen, weshalb der Trainer auch schon morgens um sieben gestartet ist, während sich der Rest der Truppe erst um zwölf auf dem Weg gemacht und den Mann an den Fellen bereits eine Stunde später überholt hat. So ganz will der Trainer aber dann wohl doch nicht in der Versenkung verschwinden, denn er ließ seine Mitstreiter wissen, dass er ein Start-up plant; mit einer Spritbude will er ganz groß rauskommen. Nun gedenkt der Mann in der altgedienten Trainingshose keineswegs unter die Tankstellenpächter zu gehen, vielmehr ist Schnaps to go sein zukunftsweisendes Konzept, das Herbert gleich einmal daran denken ließ, dass er ja statt Fernmeldemechaniker eigentlich Stromgitarrist werden wollte, sogar das Kabel hatte er schon! Den Job hat dann allerdings Ozzy übernommen und dass er sein Handwerk versteht, bewies der Mann gleich einmal unter den musikalischen Anfeuerungsrufen „Go Ozzy Go“, die sich die Herrschaften bei CHUCK BERRY („Johnny B. Goode“) ausgeliehen hatten. Derweil berichtete Knebel, dass er seine jugendliche Liebschaft Lola Hasenkamp wiedergetroffen habe, die jetzt als Perücken-Influencerin ganz dick im Geschäft sei und von Afro, über Iro und Minipling bis zu Vokehila alles im Angebot habe. Auch Herbert hat sie in ihre Reels gleich miteingebaut, was dem Trendsetter so gut gefiel, dass er selbst jetzt auch sein Glück als Influencer versuchen möchte. Stichwort: zeitlose Mode! Allerdings hadert der Gute ein wenig mit dem Rollenverständnis, das seine Frau Guste ihm immer mehr aufdrückt – also ging es erneut an die Instrumente und in bester Crossover-Manier sinnierte Herbert wie dereinst der RED-HOT-CHILI-PEPPERS-Fronter Anthony Kiedis bei „Give It Away“ mit einem blitzschnellen „Hau mich doch ab“ über seine männliche Rolle in der ehelichen Zweisamkeit. Kann es gar sein, dass Herbert Knebel Eheprobleme hat? Oder Geldsorgen, weil er auf zu großem Fuß lebt (er soll ja sogar auf Golfplätzen gesehen werden!)? Spricht er zu sehr dem Alkohol zu oder verkalkt er womöglich? Seine Kumpels machten sich in konspirativer Weise Sorgen um ihn, aber so wie er mit dem sturen Pony Enzo vom Reiterhof in Dülmen im gestreckten Galopp über die A43 bis Recklinghausen geschossen ist, steckt Herbert noch immer voller Saft und Kraft und hat sein Pulver noch lange nicht verschossen. Dass mit zunehmendem Alter allerdings Essen in guter Qualität und Quantität für manche Damen unter Umständen erstrebenswerter sein könnte als Sex mit Ozzy, musste dieser bei seiner Eroberung Angelique feststellen, die einfach nicht satt wurde und auch nicht fragte: „Voulez-vous coucher avec moi?“, sondern „Voulez-vous manger avec moi – willst du mit mir spachteln gehen“ – frei nach „Lady Marmalade“ von LABELLE. Allerdings blieb auch der Pott zwischenzeitlich nicht von der Gastrokrise verschont, denn der Imbiss von Kalle Fornia wurde vom Gesundheitsamt dicht gemacht. Wegen Salmonellen, dabei gab es dort die knusprigsten Flattermänner – insbesondere seit Kalle aus Gründen der Nachhaltigkeit das Frittenfett nicht mehr gewechselt hat. Das war auf jeden Fall noch einen an „Hotel California“ von den EAGLES angelehnten Song wert, bevor der Vierer seine Zuhörerschaft in die Pause schickte, um wenigstens die Umsätze der Stadthallen-Gastronomie anzukurbeln.

Nach der 20-minütigen Pause wurden die Probleme nicht weniger. In Altenessen herrscht Parkplatznot, weshalb der Mann mit Kappe und Mörderbrille schon in anderen Stadtteilen parken musste und bisweilen gar nicht wieder nach Hause gefunden hat. So wurde er auch schon unfreiwillig zum Carsleeper, weil er wenigstens seine Karre wieder entdeckt hatte, aber jetzt ist die Rostlaube, deren TÜV-Plakette er selbst hergestellt hat, verschwunden, auch ein Spürhund konnte nicht helfen, weshalb Herbert jetzt eine Annonce aufgeben möchte: „Du suchst ein Auto? Ich auch! Finde meins, dann ist es deins!“ – großartiger Plan! Herbert Knebel macht einfach keiner was vor und wer hätte gedacht, dass er seiner Zeit als Gastarbeiter-Flamenco in Spanien gejobbt hat? Rasch zur Akustikgitarre gegriffen und schon wurde der beigefarbene Polyester-Fetischist zum leidenschaftlichen Südländer. Auch auf feinsten Blues versteht sich das Quartett. Hier durfte der Trainer, der sich zuvor bereits als Naturtalent bei Stadt-Land-Fluss entpuppt hatte, sich jedoch „Schlüpferschlitz nach vorn“ als Gedächtnisstütze in die Handinnenfläche schreiben muss, erneut Einblick in sein Seelenleben geben. Sein „Ich muss hier raus“ war die kongeniale Antwort auf CANNED HEATs „On The Road Again“. Und wenn ERICH (!) CLAPTON seine „Layla“ besingt, ist klar, dass beim AFFENTHEATER ein Loblied auf „Guste“ erklingen musste. Die ist nämlich Herberts Antwort auf den ganzen Digitalisierungswahnsinn, dem Ozzy anheimgefallen ist. Weshalb sollte man auch einer Alexa Befehle erteilen, wenn man zuhause schon eine Guste hat? Dass man den Trainer über Jahrzehnte unterschätzt hat, zeigte sich nicht nur beim bereits erwähnten Stadt-Land-Fluss, auch in Sachen Nachhaltigkeit kennt er sich aus. Uund weil Freude nicht nur dafür da sind, schwierige Zusammenhänge zu erklären, sondern auch, um aus der Klemme zu helfen, kauft der Trainer Ozzy nicht nur das völlig überflüssige neue Smartphone zum halben Preis ab, er lieferte mit „Ich bin dein Freund“ („That‘s What Friends Are For“ – ursprünglich von ROD STEWART performt, besser bekannt in der von DIONNE WARWICK initiierten Charity-Fassung) auch gleich das passende Lied, ehe Herbert von seinem letzten Spieleabend berichtete. Strip-Poker wurde gespielt und im Hause Knebel lautete die Devise „Ich lass die Schuh an“. Der musikalische Vortrag ließ keinen Zweifel daran, von welchem Künstler die Herrschaften abgekupfert hatten, denn die leicht spastisch wirkende Gestik und der raue Gesang konnte nur zu JOE COCKER gehören, der 1986 mit seinem „You Can Leave Your Hat On“ das Liebesspiel von Kim Basinger und Mickey Rourke in „9 ½ Wochen“ beflügelte. Aber was war das denn jetzt eigentlich mit der Hölle? Und schon erklangen die „Hells Bells“, mit denen sich AC DC unsterblich gemacht hatten. Aber kein Angus Young, Brian Johnson oder wiederauferstandener Bon Scott tobte in Nebelschwaden über die Stage, sondern der Leibhaftige persönlich – oder war es doch Herbert Knebel?

Das hätte es jetzt nach gut zwei Stunden sein können, aber natürlich hatte HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER noch eine Zugabe in petto und die hatte es in sich! TINA TURNER gab sich mit „Ich stink wie die Pest“ die Ehre und wenn die Lady eine gewisse Ähnlichkeit mit einem renitenten Ruhrpott-Pensionär hatte, kam das nicht von ungefähr, denn Kollege Knebel hatte sich noch mal in den Fummel geworfen, den er beim großen Tina-Turner-Lookalike-Vortanzen getragen hatte, bei dem er unverständlicher Weise nur den vorletzten Platz erlangen konnte. Der Saal tobte und nach einem weiteren kurzen Ausflug ins Off kehrte Herbert im weißen Bademantel zurück, um nicht nur den UDO JÜRGENS zu geben, sondern auch FRANK SINATRAs „My Way“ neu zu interpretieren. Und das inklusive knödelig-abgehackter HERBERT-GRÖNEMEYER-Intonation! Das war in der Tat Standing Ovations und eine La-Ola-Welle Wert!

Herbert Knebel aka Uwe Lyko, Ozzy Ostermann (alias Georg Göbel), der Trainer (Detlef Hinze) und der heute etwas im Hintergrund agierende Bassist Ernst Pichl (mit bürgerlichem Namen Martin Breuer) sind einfach Kult. Ihr Humor ist schräg, durchaus nicht ohne Ironie und schaut dabei dem altehrwürdigen Ruhrpott-Best-Ager derart gekonnt aufs Maul, dass es nur so eine Freude ist. Gekrönt wird das Ganze durch die Tatsache, dass die Jungs auch noch begnadete Musiker sind, die virtuos mit ihren Instrumenten umzugehen verstehen. Ein Blick in den nicht ganz vollen Saal ließ allerdings ahnen, dass es dem AFFENTHEATER am Fan-Nachwuchs fehlt. Diese Art Comedy ist wohl für Menschen mit Lebenserfahrung gedacht, die an diesem Donnerstagabend auch einen gut unterhaltenen Eindruck machten, ihre Begeisterung vielleicht an der einen oder anderen Stelle jedoch auch noch etwas überschwänglicher hätten zeigen können. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es mit HERBERT KNEBELS AFFENTHEATER weitergeht, wünsche Detlef Hinze alles Gute und danke der ganzen Mannschaft für die fantastische Unterhaltung, die sie seit Jahrzehnten liefern.

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