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HERR LEHMANN (SCHAUSPIEL)

Ort: Hamburg - Altonaer Theater

Datum: 17.01.2009

2009 jährt sich die Öffnung der innerdeutschen Grenze zum zwanzigsten Mal. Dieses Ereignis ist gleichzeitig das Ende des Buches „Herr Lehmann“ von Sven Regener , welcher auch als Fronter der Band ELEMENT OF CRIME bekannt ist. Spätestens seit der gleichnamigen Verfilmung der Geschichte von Leander Haußmann mit Christian Ulmen in der Titelrolle, dürfte die Story, die sich über eine Million mal in Buchform verkaufte, so ziemlich jedem zwischen 25 und 45 bekannt sein. Genau diese Altersgruppe war auch mehrheitlich im ausverkauften Altonaer Theater vertreten, wo „Herr Lehmann“ seit dem 14.09.2008 aufgeführt wird. Eigentlich sollte an diesem Samstag die letzte Vorstellung über die Bühne gehen, doch aufgrund des großen Erfolges wird es im März noch einige Male Gelegenheit geben, den gebürtigen Bremer Frank Lehmann, der als Barkeeper in Berlin-Kreuzberg lebt und arbeitet, gemeinsam mit Freunden und Kollegen in ihrem Kreuzberger Mikrokosmos zu erleben.

Zunächst einmal erwartete den gespannten Zuschauer eine Kulisse aus Achtziger-Jahre-Kieferpaneelen, zwei Schwimmbad-Sprungbrettern und diversen Kneipenaccessoires, bevor es mit einem Musik-Einspieler losging. Den Anfang machte Herr Lehmann (gespielt von Stefan Haschke), der sich betrunken nachts von der Arbeit kommend plötzlich mit einem Hund konfrontiert sah. Damit ergab sich für die Titelfigur die erste Gelegenheit zum ausführlichen Schwadronieren – oder wie Franks Mutter (Gisela Kraft) wenig später am Telefon feststellte: zu faseln. Denn wenn Herr Lehmann etwas auszeichnet, dann seine besondere Sicht auf die Dinge! Mal gab er seine Gedanken quasi direkt ans Publikum weiter, mal wurde eifrig diskutiert. Wie etwa mit Katrin (Victoria Fleer), der neuen Köchin in der Markthalle, bei der er aus einer Trotzreaktion gegen die von ihm gehassten Frühstücker heraus bereits um 11.00 Uhr morgens Schweinbraten bestellte und sich prompt in die Küchenfee verliebte, was auch seinem besten Freund Karl (Holger Dexne) nicht verborgen blieb. Musikalisch wurde die Inszenierung mit wunderbaren Songs jener Zeit untermalt: Mehrmals war „Nur Dich“ von RIO REISER zu hören und die Schwimmchoreografie im Freibad zu „Sweet Dreams“ von den EURYTHMICS war äußerst gelungen! Nach und nach erschienen auch die weiteren Protagonisten auf dem Plan: Kneipenchef Erwin (Ole Schlosshauer), der im Begriff war, ein Gastronomieimperium in Kreuzberg aufzubauen, aber leicht paranoid ständig irgendwo Gefahren lauern sah. Wie in „Kristall-Rainer“ (Dirk Hoener), den er für einen Zivilbullen hielt und damit seinen Mitarbeitern Marko (Daniel Adan) und Sylvio (Björn Ahrens) genauso auf die Nerven fiel wie Herrn Lehmann und Karl, der aufgrund seiner Doppelbelastung aus Kneipenjob und nahender eigener Kunstausstellung zunehmend aufgedrehter wurde, was aber auch zu wunderbaren Auftritten als „Kuppel-Vader“ bei der gemeinsamen langen Star-Wars-Filmnacht mit Frank und Katrin und einer fast schon akrobatischen Tanzperformance zu „Dancing With Myself“ (BILLY IDOL) in der Schwulenbar „Blase“ führte. Ein weiteres dramaturgisches Highlight war Franks Vernehmung durch DDR-Grenzer. Im Auftrag der Großmutter hatten seine Eltern, die zu Besuch in Berlin waren, ihm einen Umschlag mit 500,00 DM gegeben, den er einer entfernten Verwandten in Ostberlin bringen sollte, was natürlich nur schief gehen konnte. In der Szene gaben Gisela Kraft und Klaus Falkhausen (der auch Vater Lehmann darstellte) wunderbare Wortklauber ab, die natürlich bei Herrn Lehmann an genau den Richtigen geraten waren. Der hatte zurück im Westen allerdings ganz andere Probleme als den Umstand, dass „die Hauptstadt der DDR für heute auf seinen Besuch verzichtete“. Katrin war plötzlich mit Kristall-Rainer zusammen und Karl auf dem besten Weg Richtung Nervenzusammenbruch, was ihn letztlich ins Urban-Krankenhaus führte, wo der selbst leicht derangierte Arzt einen Elektrolytmangel feststellte. Ausgerechnet bei Karl, der stets alle auf die Gefahren von Dehydrierung und die Bedeutung ausreichender Elektrolytzufuhr hingewiesen und deshalb stets Chips zum Alkohol empfohlen hatte! Zu all diesen Ereignissen gesellte sich am 09.11.1989 auch noch Herr Lehmanns nicht eben herbeigesehnter 30. Geburtstag und zu guter Letzt auch die Maueröffnung.

Doch auch dieses bedeutende politische Ereignis schien auf Frank Lehmann keine persönlichen Auswirkungen zu haben. Er nahm es wie gewohnt wie es eben kam und beschloss den Abend mit den Worten: „Ich gehe erst einmal los. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“. Mona Kraushaar hat mit ihrer Adaption der Romanvorlage diese Stimmung hervorragend auf die Bühne übertragen. Die Schauspieler agierten ebenso überzeugend und wurden mit dem verdienten, langanhaltenden Applaus ihres Publikums belohnt. Ich denke, ich werde mir jetzt noch mal den Film anschauen und kann euch nur empfehlen, schnell Karten für eine der wenigen März-Vorstellungen zu sichern, Hamburg hat mit „Herr Lehmann“ auf jeden Fall einen weiteren Grund für einen Besuch bekommen.

Copyright Foto: Joachim Hiltmann

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