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HUNDREDS

Ort: Münster - Sputnikhalle

Datum: 19.12.2014

Es ist immer spannend und befriedigend, das Vorankommen junger Künstler zu beobachten. Bei dem Hamburger Geschwisterduo Eva und Philipp Milner erscheint diese Entwicklung umso schöner, da es bei ihnen vornehmlich immer um ihre Musik als künstlerische Ausdrucksform ging. Dementsprechend sind sie langsam gewachsen und standen nicht plötzlich mit einem Knalleffekt auf der großen Bühne medialer Inszenierungen. Der letzte Besuch in Münster ist drei Jahre her und fand im wesentlich kleineren Gleis 22 statt. Bei der Frage, wer aus dem Publikum damals anwesend war, erheben nur wenige Gäste zögerlich die Hand. Es hat sich in den letzten drei Jahren viel getan bei den HUNDREDS. 2011 hatten sie lediglich das Remix- und Coveralbum „Variations“ mit im Gepäck.

Die beiden sind selbst sehr leidenschaftliche Musikhörer und dies hört man ihren eigenen Stücken fortwährend an. Sie lassen sich inspirieren und diese Einflüsse manifestieren sich ganz klar auch in ihren eigenen Songs. Sie werden zelebriert, umgedeutet, verfremdet, erweitert und reduziert: LAMB, HYBRID, RADIOHEAD, LALI PUNA, MASSIVE ATTACK, MOLOKO, oder BJÖRK. Es geht mittlerweile mehr um die eigene, liebevolle Ausgestaltung vieldimensionaler, ästhetischer Räume. Synästhetische Komponenten lassen sich entsprechend überall in ihrem Output entdecken: Emotion, Licht und Ton; Bild, Beat und Bewegung bilden Einheiten, die, einzeln betrachtet, kaum etwas überwältigend Neues darstellen. Zusammengenommen aber werden sie zum faszinierenden Alleinstellungsmerkmal. Besonders die Songs des neuen Albums „Aftermath“ gehen neue Wege und stellen durch die Gratwanderung zwischen melodiebeladener Klassik und frickeliger Elektronik die musikalischen Stärken des Duos klarer in den Vordergrund als das bisher der Fall war.

Auch wenn Eva Milner als archetypische Frontfrau ganz eindeutig den Fokus auf sich zieht, geht es hier weniger um die agierenden Personen als um das Gesamtkonzept HUNDREDS. Und auch hier lässt sich eine große Progression erkennen. Spielte das Duo in der Vergangenheit vor allem mit Licht und Farben, sind es mittlerweile kleine, interpretierbare Geschichten, die auf der Bühne stattfinden. Die Band tritt zurück, wird so selbst zur Projektionsfläche ihrer Songs. Seltsam intim und dabei doch wieder unnahbar kühl, wie Milner mit tiefen Atemstößen zum Beispiel einen der Höhepunkte des Debütalbums einleitet: „Wait for my Raccoon“ hat nichts von seiner schräg-verwunschenen Aura verloren. An diesen Stellen zeigt sich auch, wie stark die Songs des Debütalbums auch Ende 2014 wirken: Sie haben sich zu mittelgroßen Hits gemausert, die gleichzeitig so etwas wie die Protoversion der HUNDREDS darstellen, die in den vergangenen Jahren nicht stehengeblieben sind und mittlerweile viel differenzierter an ihre Songs herangehen. Somit erscheint „Grab the Sunset“ als letztes Stück des regulären Sets mittlerweile wie ein vertrautes, liebgewonnenes Relikt aus der Vergangenheit – eigentlich etwas zu altmodisch verspielt für die heutige Zeit, dafür mit umso stärkerer emotionaler Wucht. Ein bisschen fühlt sich das an, als höre man dem wohligen Nachhall eines grandiosen Sommers zu, während draußen in der Realität bereits mit dem Fallen des Laubs die wohligen Erinnerungen an Licht und Wärme längst verblasst sind.

Setlist HUNDREDS
Seals
Aftermath
Fighter
Solace
Beehive
Ten Headed Beast
Please Rewind
Waiting for my Raccoon
Rabbits
Stones
Our Past
Happy Virus
Let’s write the Streets
Grab the Sunset

Foamborn
Circus
Sailor

Little Heart

Copyright Fotos: Oliver Schröder

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