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HURRICANE 2007 – TAG 2

Ort: Scheeßel - Eichenring

Datum: 23.06.2007

Eine Nacht mit dreistündigem Jaulen einer Alarmanlage fünf Autos weiter (dann wurde die Karre endlich abgeschleppt) und dann postwendend einsetzendem Dauerregen lag hinter mir und der bleigraue Himmel versprach nichts Gutes. Zwar kam ich trockenen Fußes zu den Duschen, die ich leer und leider auch kalt vorfand, aber schon bald öffneten sich wieder die Himmelsschleusen und Petrus schickte Wasser und noch mehr Wasser auf das inzwischen komplett durchgeweichte Festivalgelände. Wohl dem, der Gummistiefel mitgebracht hatte, zweifelsohne die beste Fußbekleidung bei diesem Sauwetter. Vereinzelt wurde mit Sand und Holzhäcksel der schlimmste Schlamm in Schach gehalten, den Holzhäcksel hätte man aber im Bereich der neugeschaffenen Blue Stage und des Coca-Cola Soundwave Tents ruhig großflächig verteilen können, hier war wirklich fast kein Durchkommen mehr… Nicht beeinflussbar waren leider die ergiebigen Schauer, die gerade am Mittag/ frühen Nachmittag meine Konzertpläne kreuzten.

In Anbetracht sturzbachartiger Regenfälle verzichtete ich schweren Herzens auf die ersten Bands, die ebenfalls bessere Bedingungen verdient gehabt hätten und startete mit den schwedischen THE SOUNDS auf der Green Stage um 15.15 Uhr. Bereits im vergangenen Jahr haben die vier Herren um die blonde Sängerin Maja Ivarsson gemeinsam mit ihrer Fronterin die Blue Stage des Hurricanes ausgiebig gerockt. Auch in diesem Jahr war das Quintett wieder angetreten, um es krachen zu lassen. Entsprechend tobte die agile Maja in knappen Hotpants über die Bühne und brachte die Crowd nicht nur wegen ihrer optischen Reize ins Schwitzen. Die Nordlichter legten mit dem Titelsong ihres 2003er Debüts „Living In America“ und „Hit Me“ vom gleichen Album los und fanden trotz des miesen Wetters einigen Zuspruch vor ihrer Wirkungsstätte. Kein Wunder bei den durchweg sehr tanzbaren Stücken wie „Queen of Apology“ vom aktuellen „Dying To Say This To You“, das von Jesper Anderbergs Synths beherrscht wurde. Da hatte sogar der Wettergott ein Einsehen und schickte ein paar Sonnenstrahlen. „Hurt You“ verbreitete ein wenig Disco-Flair, bevor Maja ein Liebeslied Richtung „Rock’N’Roll“ schmetterte. Der Song war zwar etwas ruhiger als seine Vorgänger, aber nicht weniger kraftvoll, besonders die Gitarre von Felix Rodriguez legte sich ordentlich ins Zeug. Zu guter Letzt gab es noch das Lieblingsstück des blonden Energiebündels „Ego“ auf die Ohren, bei dem das Tasteninstrument wieder stärker betont wurde und Felix gemeinsam mit Bassist Johan Bengstsson auf ein elektronisches Drumkit eindrosch. Sollte die kalte Dusche am Vormittag meinen Kreislauf noch nicht genügend in Wallung gebracht haben, konnten THE SOUNDS hier wirkungsvoll nachhelfen.

Stellungswechsel zu einer weiteren „The“-Kapelle auf der blauen Bühne. THE FILMS klangen nach Britpop, kommen jedoch aus South Carolina und fügen dem genannten Musikstil ein wenig Lokalkolorit vermittels Südstaaten-Punk–Rock-Pop hinzu. Nicht zu vergessen die gewisse Prise Glam a la DAVID BOWIE oder T. REX, die das Ganze erst rund machte. Rein optisch machte zumindest Drummer Adam zusätzlich noch auf Cowboy und trug ein rotes Westernhemd in bester John-Wayne-Manier. Country gab es dann allerdings nicht auf die Ohren. Stattdessen ging’s mit „Strange Hands“ vom diesjährigen Erstling „Don’t Dance Rattlesnake“ gleich in die Vollen. Fast das ganze Album wurde vorgetragen, durchgängig mit fetten Gitarren und treibenden Rhythmen versehen, blieben die Songs immer sehr druckvoll, selbst wenn der Grundtenor mal eher ruhig war, wie beispielsweise bei einem brandneuen Titel der FILMS. Nicht zu vergessen die Texte, die von albtraumhaften Abgründen der menschlichen Seele handelten. Sei es paranoide Eifersucht beim grandiosen „Belt Loops“ oder die in einem Blutbad endende Liebe zweier junger Liebender auf „Bodybag“. Der Gig endete weniger tragisch, sondern rundum gelungen.

Nach den jungen Newcomern aus Amiland schloss sich ein Landsmann an, der auf eine mehr als 20-jährige Schaffenszeit als Musiker und diverse Alben zurückblicken kann. Die Rede ist von FRANK BLACK, Mastermind einer der richtungsweisenden Indie-Bands der Achtziger und beginnenden Neunziger, den PIXIES. Mit denen war Mr. Black vor drei Jahren schon mal auf dem Hurricane, nachdem es 2003 eine Reunion gegeben hatte. Damals fand ich die Show etwas hölzern, daher war ich gespannt, was FRANK BLACK solo auf die Beine stellen würde. Musikalisch bewegte sich auf der Blue Stage alles in dem Umfeld, wie man auch von den PIXIES kennt: Schräge, häufig minimalistische und von rasanten Tempowechseln geprägte Schrammelgitarren, gepaart mit Franks Gesang, der mal kreischend, mal beruhigend-murmelnd aus den Boxen klang. Zum Kreischen legte sich der inzwischen etwas beleibte Herr durchaus auch mal auf den Boden, von hölzern konnte man heute also eher nicht sprechen. Stattdessen gefielen die vorgetragenen Songs ausnahmslos, egal ob in etwas ruhigeren Fahrwassern, heftig rockend oder extrem tanzbar. Einzig mein geliebtes „Where Is My Mind?“ musste ich missen. Ansonsten störte nicht einmal der ziemlich starke Regen, der etwa zur Hälfte des Sets einsetzte, immerhin gab es zur Entschädigung – neben der energiegeladenen Musik des Herrn Black – noch einen riesigen Regenbogen.

Irgendwie ist dann das ansonsten straff durchgezogene Timetable durcheinander geraten. Zumindest verzögerte sich der Auftritt von MODEST MOUSE um satte 20 Minuten, schweren Herzens habe ich mich nach zwei Songs gegen die US-Indie-Rocker entschieden und habe stattdessen BLOC PARTY an der Green Stage meine Aufwartung gemacht. Auch hier war man etwas in Verzug geraten, ich hätte locker noch ein Viertelstündchen MODEST MOUSE lauschen können, bis die Londoner sich vor einem schwarzen Backdrop mit BLOC PARTY-Schriftzug und Großstadtsilhouette die Ehre gaben. Bereits seit 1998 machen die Jungs von der britischen Insel gemeinsam Musik, bekannt geworden sind sie allerdings erst nachdem Sänger Lele Okereke 2003 auf einem FRANZ-FERDINAND-Konzert war und sowohl dem FF-Sänger Alex Kapranos als auch dem BBC-Moderator Steve Lamarq eine Demo-CD in die Hand drückte. Es folgte in 2005 die Debüt-Langrille „Silent Alarm, von der es in Scheeßel natürlich die Hitsingles „Helicopter“ und „Banquet“ zu hören gab. Aber auch „Like Eating Glass“ oder „Little Thoughts“ gab es von dieser Scheibe zu hören. Bei „Little Thoughts“ nahm Lockenkopf Kele ein kurzes Bad in der begeisterten Menge, man merkte deutlich, dass BLOC PARTY Spaß an ihrem Auftritt hatten. Wie viele andere Bands auch, versuchte sich Kele an ein paar deutschen Brocken, wie ich finde, eine nette Geste den Fans gegenüber, die natürlich auch auf die Songs des neuen Albums „Weekend In The City“ warteten. Diese boten einen bunten Mix aus nachdenklichen und sehr tanzbaren Liedern, genannt seien hier das fordernde „Hunting For Witches“, „Uniform“ oder „I Still Remember“, bei dem Drummer Matt Tong sich seines T-Shirts entledigte. Der Gute hat an seiner Schießbude aber auch ganze Arbeit geleistet, genauso wie Russell Lissack und Gordon Muakes an den Saiteninstrumenten, die in Gänze für den treibenden BLOC PARTY-Sound sorgten, der den letzten Schliff durch die unverwechselbare Stimme ihres Sängers erhielt, der sein Organ gern einmal in immense Höhen schraubte. Schade nur, dass der Regen gegen Ende wieder das Zepter übernahm.

Dieser ließ leider auch nicht nach, so dass ich zur Darbietung der MANIC STREET PREACHERS Schutz unter dem Planendach des Bierzeltes links der blauen Stage suchte. Der Aufenthalt dort ging zwar zu Lasten der Akustik, da dort erstens ziemlich viel geredet wurde und zweitens der Sound nicht optimal ankam, aber diesen Kompromiss musste ich – Memme die ich bin – wohl oder übel eingehen. Auch die MANIC STREET PREACHERS aus Wales hatten ein neues Album im Gepäck. „Send Away The Tigers“ fügt sich dabei hervorragend in die Discografie der Prediger ein. Der „Autumnsong“ oder „Rendition“ verfügen ebenso über den typischen MSP-Sound wie „Your Love Alone Is Not Enough“, bei dem wir live leider auf den weiblichen Gesang Nina Perssons von den CARDIGANS verzichten mussten. Natürlich kamen auch die Klassiker nicht zu kurz und so konnten wir uns neben einem weiteren Regenbogen und einer kurzen „Raindrops Keep Falling On My Head“-Einlage u.a. über „You Stole The Sun From My Heart“, „Ocean Spray“, „A Design of Life“ und „If You Tolerate This Your Children Will Be Next“ freuen. Allein schon der letzte Songtitel bringt zum Ausdruck, dass die MANIC STREET PREACHERS neben ihrer Musik auch großen Wert auf ihre Texte legen. Aufgewachsen in einer Waliser Bergbaugegend, in der ein erbitterter Kampf zwischen Margaret Thatcher und den britischen Gewerkschaften ausgetragen wurde, sind sie bis heute stark mit dem Sozialismus und ihrer Herkunft aus dem Arbeitermilieu verbunden. Immerhin waren sie auch die erste westliche Band, die auf Kuba aufgetreten ist. Ganz so aufsehenerregend war ihr Gig beim Hurricane natürlich nicht, aber für wunderbaren, melodischen Rock mit einer Portion Pop hat’s allemal gelangt. Nicht zuletzt fesselte die abwechslungsreiche Stimme James Dean Bratfields, der maßgeblich für den unverwechselbaren Sound der MANICS verantwortlich ist.

Hauptact des Samstags sollte Mr. MARILYN MANSON sein. Der Schockrocker wollte in Scheeßel sein brandaktuelles Abum „Eat Me, Drink Me“ vorstellen und die Spannung im Publikum war groß, was man von Brian Hugh Warner (so MANSONs richtiger Name) wohl zu erwarten habe. Um es vorweg zu nehmen: Viele waren schlichtweg enttäuscht. Vielleicht war die Erwartungshaltung einfach zu groß, was auf der Stage passieren würde, aber letztlich ist der MARILYN MANSON-Fronter eben doch nur ein Mensch und nicht das personifizierte Böse, wie es in den USA diverse religiöse Eiferer vermuten. Es hat dort sogar in einigen Städten Auftrittsverbote gegeben und MM wurden in manchen Medien ja auch für das Columbine-Massaker verantwortlich gemacht. Jetzt verbarg auf jeden Fall erst einmal ein schwarzer Vorhang, der mit zwei bluttriefenden roten „Ms“ versehen war, die Green Stage und die Minuten krochen dahin. Mit einer viertelstündigen, technikbedingten Verspätung und unter zur Hilfenahme einer typischen Gruselfilm-Musik durften wir der in rotes Licht getauchten Bühne ansichtig werden. Wenig später erschien der Reverend der Church of Satan persönlich mit seiner Band und startete recht soft. Überhaupt hätte ich von jemandem, der die schmerzliche Trennung von seiner Frau musikalisch verarbeitet und üblicherweise auf Bürgerschreck macht, etwas mehr Schmackes in seinen neuen Songs erwartet. So richtig zur Sache kam der Herr, der zwischen den Songs immer eine kleine Pause brauchte (womöglich fehlte es an Sauerstoff, um die 80 Minuten Spielzeit durchzuhalten?) bei seinen alten Hits wie dem grandiosen „Tainted Love“-Cover oder „The Dope Show“. Der Show war insgesamt solide und mit netten Licht- und Videoeffekten sowie zeitweiligem Glitter-Regen versehen, aber eben nicht so herausragend, wie manch einer es erwartet haben mag. Zum Schluss räkelte sich Herr Warner auf einem überdimensionierten Stuhl, nachdem er sich zwischenzeitlich auch mal am Boden gewälzt oder seine körperliche Fitness mit Liegestützen an den Monitorboxen unter Beweis gestellt und einige Male die Garderobe gewechselt hatte. Für einen kurzen Moment zu Beginn der Show zog er auch mal blank, wirklich was zu sehen gab’s aber nicht. Ein nettes Konzert, aber nicht unbedingt von der Qualität, die man von einem Headliner erwartet.

Noch unentschlossen, ob es nun eher auf die Luftmatratze oder ins Discozelt gehen sollte, stattete ich erst mal dem Coca-Cola Soundwave Tent meinen einzigen Besuch während der drei Festival-Tage ab. Hier rockten die vier Jungs von HAYSEED DIXIE das volle Rund mit einer kruden Mixtur aus Hardrock und Hillbilly. Passend dazu trat Sänger Barley Scotch in einer Jeans-Latzhose auf, wie ich sie wohl zuletzt in der Fernsehserie „Die Waltons“ gesehen habe. Was optisch auf Hinterwäldler schließen ließ, entpuppte sich als akustische Offenbarung. Wie hier Klassiker durch die Bluegrass-Mühle gedreht wurden, war einfach ein großer Spaß und im Rahmen des begrenzten Platzangebotes wurde eifrig getanzt oder doch zumindest zu neuen Interpretationen von „Walk This Way“ (RUN DMC/AEROSMITH), „Eternal Flame“ (BANGLES) oder auch „Highway To Hell (AC/DC) munter mitgewippt. Aber auch eigene Kompositionen hatte das Quartett zu bieten und die machten nicht weniger Laune.

So in Tanzstimmung gekommen, machte ich mich auch noch auf ins Disco-Zelt, wo die Visions-DJs auf deutlich vergrößertem Terrain diejenigen, die noch nicht genug Musik gehört hatten, mit Konservenkost versorgten. Während ich gegen 4.00 Uhr doch alle Anzeichen eine erheblichen Bettschwere verspürte, ging es hier noch eine Weile ohne mich weiter, wie ich der zu meinem Zelt rüberschallenden Musik entnehmen konnte.

Copyright Fotos: Günter Distler/ Markus Roy

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