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HURRICANE 2009 – TAG 1

Ort: Scheeßel - Eichenring

Datum: 19.06.2009

Wie jedes Jahr stellte sich auch dieser Tage die bange Frage, wie zum Sommeranfang wohl das Wetter sein würde. Nicht, dass heidnische Sonnenwendfeste gefeiert werden sollten oder Midsommar beim großen schwedischen Möbelhaus anstand. Nein, der Eichenring im sonst so beschaulichen Scheeßel diente zum 13. Mal als Schauplatz des Hurricanes, was in unseren norddeutschen Breitengraden leider Gottes immer mit Wetterunwägbarkeiten verbunden ist. Unabhängig von Kaltwetterfronten und Hockdruckgebieten hatten die Festivalmacher ein illustres Billing auf die Beine gestellt. Aushängeschild waren zweifelsohne die just wiedervereinigten FAITH NO MORE, als weitere Headliner fungierten die Stimmungsgaranten DIE ÄRZTE und ihrem kometenhaften Aufstieg geschuldet, durften die KINGS OF LEON am Eröffnungstag den letzten Gig auf der Hauptbühne spielen, nachdem sie dort vor zwei Jahren noch im Nachmittagsprogramm aufgetreten waren. Insgesamt konnten die knapp 60.000 Besucher unter gut 60 Bands wählen, von denen auch der Terrorverlag einige genauer unter die Lupe genommen hat.

Zunächst einmal hieß es für mich allerdings, schneller zu sein als die dunklen Regenwolken und flugs das Zelt aufzubauen, bevor der erste von zahlreichen Güssen vom Himmel kam. Leider konnte ich dem launenhaften Wettergott trotz meines Angebotes, das gesamte Wochenende über nur noch Lederhosen und Gummistiefel zum Regencape zu tragen, nicht milde stimmen, denn pünktlich mit dem Opening um 15.30 Uhr, öffnete auch der Himmel wieder seine Schleusen, was die feierfreudigen Festivalbesucher jedoch nicht weiter störte. Wer sich vorgenommen hatte, den Opener GLASVEGAS zu sehen, musste sich allerdings auch ranhalten, denn die Jungs hatten in Scheeßel nur eine ultrakurze Stippvisite eingelegt und waren nach einer gefühlten Viertelstunde schon wieder verschwunden. Im Vorfeld war bereits bekannt geworden, dass die Jungs umgehend weiter mussten, etwas mehr Zeit hätten sie jedoch schon mitbringen können. Vielleicht gab’s auf der Blue Stage aber auch wasserbedingt technische Probleme, zumindest hatte sich Sänger James Allan mit einem Badetuch geschmückt, während der schottische Vierer seinen Alternative Rock zum Besten gab, der bei den Zuschauern gut ankam.

Nebenan auf der Green Stage machten sich derweil THE HORRORS startklar. Offensichtlich war das Auditorium schon so in Festivallaune, dass sogar die Tontechniker und Stagehands bejubelt wurden, während die Instrumente noch unter Planen vor der unvermeidlichen Feuchtigkeit geschützt wurden. Schließlich fanden die fünf Schlackse aus Great Britain den Weg auf die Bühne und legten mit einem langen Instrumentalintro los, das besonders von Bass und Keys beherrscht wurde. Mit ihrem schrammeligen Orgelsound und den jaulenden Gitarren machten THE HORRORS ihrem Namen in Sachen Horrorpunk und psychedelischem Garagenrock alle Ehre, so dass auch an der Main Stage von einem gelungenen Auftakt gesprochen werden konnte.

An gleicher Stelle luden wenig später JOHNOSSI zu schwedischem Schrammelrock ein, der in Zweierformation zum Vortrag gebracht wurde. Mit dabei hatten John Engelbert (Gesang & Gitarre) und Oskar „Ossi“ Bonde (Drums) neben alten Songs wie dem druckvollen „Press Hold“ vom selbstbetitelten Debüt aus 2006 oder dem viel beklatschten „18 Karat Gold“ vom letztjährigen Album „All They Ever Wanted“ auch einen brandneuen Track namens „Once Upon“, der es krachen ließ. Insgesamt boten JOHNOSSI, die hierzulande bereits neben einer eigenen Headliner-Tour mit MANDO DIAO, RAZORLIGHT und den SPORTFREUNDEn STILLER unterwegs waren, einen feinen Mix aus emotionalen Liedern, tanzbaren Stompern und fetten Rockern, die allesamt hervorragend mit Johns Reibeisenstimme harmonierten.

Schneller Stellungswechsel an die Blue Stage, wo THE TING TINGS es gleich im Anschluss krachen und die Sonne scheinen ließen. Ebenfalls zu zweit am Werke, empfingen Jules De Martino (Vocals & Schlagzeug) sowie Katie White (Gesang, Bass & Gitarre) die Meute mit einem Klavierintro aus dem off, bevor „We Walk“ vom 2008er-Erfolgsdebüt „We Started Nothing“ (#1 in der britischen Heimat und #59 in Deutschland) umgehend ins Bein ging. Die hübsche, blonde Fronterin ließ es sich nicht nehmen, ihre Fans auf deutsch zu begrüßen, bevor mit „Great DJ“, „Fruit Machine“ und „Keep Your Head“ der Grundstock gelegt wurde, um die beiden größten Hits „Shut Up And Let Me Go“ und „That’s Not My Name“ gebührend abzufeiern. Dabei machte es das Indie-Electro-Duo spannend, denn „Shut Up…“ wurde zunächst nur angetäuscht, um anschließend doch noch in die Vollen zu gehen, während das wunderbare „That’s Not My Name“ einen verfremdeten Start erhielt. Mehr davon!

Alte Bekannte beim Hurricane sind THE SOUNDS aus dem Land der Elche. Bereits zum vierten Mal stand die blonde Maja Ivarsson im gewohnt knappen Outfit mit ihren vier Herren im Schlepptau in Scheeßel im Rampenlicht. Für mich war’s diesmal nur ein kleiner Abstecher an die Hauptbühne, wo ich als erstes den Titeltrack des 2002er Erstlings „Living In America“ zu hören bekam, bevor mit „No One Sleeps When I’m Awake“ die energiegeladene erste Single des aktuellen Longplayers „Crossing The Rubicon“ auf der Setlist stand. Mit „Rock’N’Roll“ verabschiedete ich mich dann auch schon wieder vom Indie-Rock mit Wave-Einschlägen der Skandinavier, um zu schauen, wie KATY PERRY bei den Rock ’N’ Rollern an der zweiten Stage ankam.

Immerhin ist die Pastorentochter für Hurricane-Verhältnisse ziemlich mainstreamig, aber ganz offensichtlich wollte der Booker auch diese Sparte 2009 hochkarätig besetzen, denn gleich im Anschluss war mit DUFFY ebenfalls ungewohnte Kost am Start, während am Sonntag noch LILY ALLEN den Nachmittag versüßen sollte. Doch zurück zu Miss Perry, die sich mit „I Kissed A Girl“ weltweit an die Chartspitzen katapultiert hat. Nimmt man die Menschenmassen vor der Blue Stage als Maßstab, darf man wohl behaupten, dass es eine kluge Entscheidung war, die Kalifornierin einzuladen und ich war überrascht, wie textsicher die umstehenden Herren der Schöpfung, die ganz und gar nicht so aussahen, als würden sie viel Radiomusik hören, die Hits „Thinking of You“, „Hot N Cold“ und natürlich „I Kissed A Girl“ mitsingen konnten. Aber die Dame im pastellfarbenen Kleidchen, die neben ihren in pinkfarbenen Sakkos steckenden Livemusikern auch eine große aufgeblasene Katze und einen riesigen Flamingo auf der Bühne hatte, scheint der feuchte Traum so mancher Indie-Jünger zu sein, die mit fast schon glasigen Augen vergeblich darauf hofften, selbst von KATY PERRY geküsst zu werden, während diese „Don’t Stop Me Now“ von QUEEN coverte.

Deutlich leerer wurde es mit dem Abgang von KATY PERRY, jetzt wanderten doch wohl einige in ihr musikalisches Kerngebiet ab, das nebenan mit den EDITORS aus Birmingham besetzt wurde. Mich hielten vor Ort allerdings die Ausführungen zu männlichen Brustwarzen-Piercings (insbesondere unter Beachtung und Einbeziehung von weiblichen Zungenpiercings) eines jugendlichen Festivalbesuchers, der nicht müde wurde, mir seine rasierte Brust zu zeigen, während sich wenig später die Frage stellte, ob man grundsätzliche Aussagen zur Größe des asiatischen männlichen Genitals machen kann. Wer jetzt glaubt, dass nur Henning (schöne Grüße) sich mit derlei Problemen beschäftigt, möge den Sonntagsbericht näher unter die Lupe nehmen, am letzten Tag tauchte das Thema an exponierter Stelle nämlich erneut auf. Bei diesen hochgeistigen Gesprächen kam die Waliserin Aimee Ann DUFFY fast ein bisschen zu kurz, dabei hatte sie sich in ihrem ultrakurzen schwarzen Outfit alle Mühe gegeben, jede Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Den Rest erledigte ihre soulige Stimme, mit der sie nicht nur das groovige „Serious“ von ihrem „Rockferry“-Debüt aus dem letzten Jahr intonierte, sondern gemeinsam mit ihrer Band bestimmt auch ihre Hits „Warwick Avenue“ und natürlich den Chartstürmer „Mercy“, die jedoch ohne mich auskommen mussten, da ich mich wieder meines journalistischen Auftrages besann und FRANZ FERDINAND den Vortritt ließ.

Am Rund der Motorradrennbahn war es inzwischen ziemlich voll geworden und langsam legte sich auch die Dunkelheit über den Eichenring, so dass die Effekte auf den Videowalls und die Lightshow zur Musik der Schotten richtig zur Wirkung kamen. Wahrscheinlich hätte es derlei gar nicht gebraucht, denn schon mit den ersten Klängen von „The Dark of The Matinee“ vom selbstbetitelten Debüt aus 2004 ging vor der grünen Stage die Post ab. 75 Minuten lang wurde gefeiert was das Zeug hielt und statt Donnergrollen gab’s zu „Lucid Dreams“ vom aktuellen „Tonight: Franz Ferdinand“ Schlagzeuggewitter, bevor bei „Outsiders“ gleich drei Mann auf die Drums eindroschen. Wenn es wie bei „Walk Away“ (2005 auf „You Could Have It So Much Better“ erschienen) mal etwas ruhiger zuging, tat das der hervorragenden Stimmung keinen Abbruch und dass Indie-Hymnen wie „Michael“, „Take Me Out“, „Ulysses“ und „This Fire“ den Eichenring zum Brodeln brachten, versteht sich fast von selbst. Entsprechend dürfen FRANZ FERDINAND auch für den Freitag den Titel „Headliner der Herzen“ tragen, denn diese Stimmung bekamen die KINGS OF LEON so nicht hin.

Setlist FRANZ FERDINAND
The Dark of The Matinee
No You Girls
Do You Want To
Turn It On
Michael
Walk Away
Bite Hard
Take Me Out
Ulysses
Lucid Dreams
Outsiders
This Fire

Unerwartet übersichtlich präsentierte sich das Gelände beim Gig von MOBY, der mit seinem neunten Album „Wait For Me“ in den Startlöchern steht. Sollte der New Yorker Sänger, Musiker, DJ und Produzent unter den Hurricane-Besuchern keine große Fan-Gemeinde haben? Auf jeden Fall haben diejenigen, die das Konzert nicht verfolgt haben, ganz eindeutig etwas verpasst! Mister Richard Melville Hall zeigte sich gut gelaunt und spielfreudig sowie in Begleitung einer stimmgewaltigen dunkelhäutigen Sängerin, die gekonnt die weiblichen Parts übernahm. Was kam war ein Feuerwerk feinster elektronischer Musik, das nur kurz von einem 16 Jahre alten Song aus MOBYs Punkrocktagen unterbrochen wurde. Kurzweilig wechselten sich funkige Discosounds, die für die letztjährige Langrille „Last Night“ prägend waren mit sehr emotionalen Songs wie „Why Does My Heart Feel So Bad?“ (2002 auf „18“ erschienen) oder „Natural Blues“ vom gleichen Silberling ab. Zum Abtanzen bekam die Partygemeinde natürlich ebenfalls jede Menge geboten, immerhin hatte MOBY seinen ersten Auftritt in Deutschland als DJ im Schlepptau von WESTBAM, weshalb Old School Rave ebenso auf dem Programm stand wie „Bodyrock“, das nach Bekunden des Schöpfers den idealen Beat zum Hüpfen mitbrachte. Dem will ich nicht widersprechen und auch gegen MOBYs Festival-Lieblingssong „Lift Me Up“ vom 2005er „Hotel“ gab es keinerlei Einwände. Zum Schluss lieferte „Feeling So Real“ noch mal schnellen, heftigen Raver-Sound, der zwar kurzfristig meine Körpertemperatur wieder steigen ließ, aber angesichts der noch ausstehenden gut zwei Stunden im Freien bei gefühlten 5°C tauschte ich die KINGS OF LEON, deren Hit „Use Somebody“ gerade lief, gegen einen Marsch zum Zelt, um mich mit warmer Kleidung für KRAFTWERK zu wappnen.

Setlist MOBY (nicht vollständig!)
Why Does My Heart Feel So Bad?
Raining Again
Bodyrock
We Are All Made of Stars
Mistake
Slipping Away
In My Heart
Find My Baby
Natural Blues
Lift Me Up
Feeling So Real

Von den Pionieren der elektronischen Musik, ohne die es wahrscheinlich weder Techno noch Elektro gäbe, war schließlich wenig Schwungvolles zu erwarten. Stattdessen bestimmten reduzierte Rhythmen und zahlreiche Videoinstallationen die letzten 90 Minuten auf dem Festivalgrund, bevor entweder im Motorbooty-Discozelt bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert oder doch langsam der Weg Richtung Luftmatratze eingeschlagen wurde. Aufgrund der niedrigen Außentemperaturen war nach 45 Minuten ein deutlicher Zuschauerschwund zu verzeichnen – letztlich ist KRAFTWERK auch nicht unbedingt leichte Kost, die sich mit diversen Bieren im Blut nicht mehr so ohne weiteres konsumieren lässt. Wer durchhielt, bekam von Gründungsmitglied Ralf Hütter, der das Projekt 1970 aus der Taufe gehoben hat, und seinen drei „Technikern“ eine fantastische Lehrstunde in Sachen elektronische Musik der letzten knapp 40 Jahre, bei der Klassiker wie „Das Modell“, „Autobahn“ und „Tour de France“ selbstredend nicht fehlen durften. Dabei bildeten die vier KRAFTWERKer eine Schattensilhouette vor der riesigen Leinwand, die als Projektionsfläche der in ihrer Art stilbildenden Videos diente. Überwiegend beherrschte stumme Ehrfurcht die Stimmung im Auditorium, gerade zu „Das Modell“ und „Nummern“ wurde jedoch auch viel getanzt, während der „Trans Europa Express“ mit seinen Loops und Samples eine opulente opernhafte Umgebung schaffte, an der Wagner seine helle Freude gehabt hätte. Gänsehaut-Feeling herrschte beim spacigen „Radioaktivität“, wobei hier nicht die Schuld bei der kalten Juni-Nacht lag, sondern in der unterkühlten Darbietung auf der Bühne zu suchen war. „Aerodynamik“ und Musik Non Stopp“ ließen es erneut krachen, dann verabschiedeten sich KRAFTWERK von ihren sichtlich beeindruckten Zuschauern.

An dieser Stelle sei auch den Tontechnikern ein Lob ausgesprochen, die nach den Soundproblemen des letzten Jahres gerade bei KRAFTWERK einen glasklaren, störungsfreien Klanggenuss produzierten.

Setlist KRAFTWERK
Die Mensch Maschine
?
Heimcomputer
Tour de France
Vitamin
Autobahn
Computerliebe
Das Modell
Schaufensterpuppen
Radioaktivität
Trans Europa Express
Die Roboter
Nummern
Computerwelt
Aerodynamik
Music Non Stop

Abgesehen von ein paar kleinen Schauern, die jedoch schnell vorüber zogen, hätte der erste Tag kaum besser starten können. In der mobilen Wahlheimat auf Zeit wurde der Freitag noch ausführlich rekapituliert, um dann irgendwann doch erschöpft aber sehr zufrieden einzuschlafen.

Copyright Fotos: Jan-Hendrik Kruse (KRAFTWERK/ MOBY/ FRANZ FERDINAND)

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