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HURRICANE 2013 – TAG 3

Ort: Scheeßel – Eichenring

Datum: 23.06.2013

Sonntagmittag und wo war die Sonne? Das Wetter war offensichtlich immer noch kaputt, denn von sommerlichen Temperaturen war ebenso wenig zu bemerken wie von strahlendem Sonnenschein. Über den Morgen hatten sich die himmlischen Schleusen immer wieder geöffnet und der eine oder andere Besucher wird sich mit Sicherheit gefragt haben, ob und wie er nach dem Festival wohl mit seinem Auto vom Gelände kommen würde. Genau für diesen Fall hatten die Veranstalter einen Großteil der im Landkreis ansässigen Landwirte mit ihren Schleppern sozusagen als Kavallerie rekrutiert, die anrückte, wenn die Fahrzeuge aus eigener Kraft nicht von der Stelle kamen. Aber bis dahin lag vor den meisten noch ein ganzer Tag mit jeder Menge Musik und im Zweifel auch Alkohol und sonstigen Substanzen. Das hatte sich auch die Polizei gedacht, die nach Festivalende im großen Stil entsprechende Kontrollen vornahm. Doch zurück zum Anfang…

HEISSKALT

Den machten auf der Red Stage HEISSKALT, deren EP-Slogan „Mit Liebe gebraut“ bildlich auf einem Art Backdrop-Triptychon dargestellt wurde. Passend dazu hatte Sänger und Gitarrist Matthias Bloech bereits um 12.00 Uhr ein Bier am Hals – gut möglich, dass seit dem letzten aber noch gar nicht so viel Zeit vergangen war und man soll ja bekanntlich damit weitermachen, womit man aufgehört hat. Müde schien der Vierer aus Stuttgart zumindest nicht zu sein, denn es ging bei den Jungs gleich einmal mit viel Rumms zur Sache. Das vertrieb umgehend den Schlaf aus den Augen und putzte auch die Gehörgänge frei, bevor beim treibenden „Der Mond“ auch mitgesungen werden durfte und „Still“ eine gewisse Melancholie aber keinesfalls Geräuschlosigkeit mitbrachte – was auch absolut in Ordnung ging. Metallisch lärmende Krachlatten halfen, den „Bewegungsdrang“ auszuleben, ehe „Hallo“ dann tatsächlich vielfach mitgesungen wurde. Mit dieser Nummer waren die Schwaben, die ihre Combo 2010 aus der Taufe gehoben haben, unlängst bei „Inas Nacht“ und da stellte sich mir dann ja doch die Frage, ob das erstaunlich umfangreiche Auditorium wohl auch regelmäßig via TV zu Gast in der kleinen Kneipe am Hamburger Fischmarkt ist. Dort wäre auf jeden Fall kein Platz für die Wall of Death, die am Eichenring an dieser Stelle auf dem Programm stand, bevor „Schatz“ mit ruhigen Klängen startete, um dann noch ein weiteres Mal die volle Breitseite abzufeuern. HEISSKALT waren im vergangenen Jahr als Gewinner eines Contests an einen Auftritt beim Southside gekommen und wurden in diesem Jahr regulär für die beiden Zwillingsfestivals gebucht. Vielen Dank dafür liebe Booker! Ich werde HEISSKALT auf jeden Fall auf meinem Radar behalten.

Setlist HEISSKALT
?
Der Mond
Still
Bewegungsdrang
Hallo
Schatz

TORPUS & THE ART DIRECTORS

Auch vor der White Stage im Zelt war schon gut was los, als ich dort bei TORPUS & THE ART DIRECTORS aufschlug. Die Folk-Rocker um Sönke Torpus hatten schon ohne mich angefangen und ganz offensichtlich die Zuschauer bereits in ihren Bann gezogen. Die Band war überrascht, auch ohne Regen so viele Leute vor sich zu haben und belohnte das Auditorium einfach mit schöner Musik voller Gefühl und Herzblut. Dabei kamen neben den gängigen Instrumenten auch Trompete, Banjo und Kontrabass zum Einsatz. Man sollte sich allerdings nicht darauf verlassen, dass auch tatsächlich was zum Schmusen kommt, wenn dies so angekündigt wird. Vielmehr können die Bass-Dame Jenny Apelmo und ihre Herren aus der Freien und Hansestadt auch äußerst straight nach vorn rocken – und ebenso gut leise Melodien zaubern. Tempi-Wechsel gehörten ebenso zum Repertoire, außerdem die angenehm raue Stimme des Bandleaders, der auch schon mal Unterstützung von seinem zweiten Mann am Sechssaiter bekam, der ebenfalls ein schönes dunkles Organ sein eigen nennen kann. Nicht nur die Combo hätte gern noch auf unbestimmte Zeit weiter gespielt, auch die Anwesenden hätten ohne Zweifel gern noch viel mehr zu hören bekommen, wie sie mit ihrem begeisterten Beifall zum Ausdruck brachten. Doch auf Festivals herrscht ein straffes Zeitmanagement und so war auch hier nach einer halben Stunde Schicht.

KVELERTAK

Für mich die Aufforderung, zur Hauptbühne zu wechseln, wo von mir mal wieder völliges stilistisches Umdenken gefordert wurde, aber ich bin ja musikalisch vielfältig interessiert und deshalb sah ich dem KVELERTAKschen Mix mit Spannung entgegen. Norwegen ist zweifellos bekannt für diverse Hardcore-Punk- und Black-Metal-Kapellen. Die 2007 gegründeten und in Stavanger beheimateten KVELERTAK kombinieren diese beiden Genres einfach mal und haben in der Tat das ideale Mischverhältnis gefunden. Inzwischen ist der Sechser mit drei Langrillen auch kein Geheimtipp mehr und entsprechend nutzen viele Hurricanisten die Gelegenheit, die Nordmannen live zu erleben. Was es genau mit dieser Eule auf sich hat, die Sänger Erlend Hjelvik da zu Beginn auf dem Kopf hatte, vermag ich nicht zu sagen. Ebenso habe ich keine Ahnung, worüber der tätowierte Mähnenträger mit blankem Oberkörper sang, da ich des Norwegischen nicht mächtig bin. Das Ganze war jedoch in jedem Fall hochenergetisch und krachte mit aller Gewalt auf den Eichenring nieder. Die dreiköpfige Gitarrenfraktion stand dabei wie eine Wand und auch die Rhythmusabteilung bestehend aus Drummer Kjetil Gjermundrød und Bassmann Marvin Nygaard ließ sich nicht die kleinste Nachlässigkeit zu schulden kommen. Ausgerechnet bei dem Song „Kvelertak“ vom im März erschienenen dritten Album traten die Temposünder für einen kurzen Moment auf die Bremse, um Classic-Rock-Elemente in den Vordergrund zu rücken, während beispielsweise bei „Blodtørst“ vom selbstbetitelten Vorgänger aus 2010 richtig Alarm angesagt war. Am Ende wurde noch die bandeigene Fahne geschwenkt und als Erlend diese wieder abgegeben hatte, nahm er crowdsurfend gleich noch ein Bad in der Menge. Große Klasse!

KASHMIR

Ebenfalls aus dem hohen Norden waren KASHMIR in die Nordheide gereist. Allerdings steht in den Pässen der vier Mitglieder etwas von der dänischen Staatsbürgerschaft und nicht nur wegen der hohen Stimme ihres Sängers Kasper Eistrup werden die Indie-Rocker gern einmal mit den frühen RADIOHEAD verglichen. Seit 22 Jahren gibt es die Band nun schon und in ihrer Heimat sind die Herren eine ganz große Nummer. Auch beim Hurricane konnten KASHMIR auf ganzer Linie überzeugen. Sei es mit ihrem getragenen Start „Blood Peech“, ihrem Dream-Pop-Gebet für Sonne namens „Piece of The Sun“ oder dem schwungvollen „Mouth of Warps“. Da hatte auch der Wettergott ein Einsehen und schickte mit dem monumentalen „Seraphina“ auch die Sonne wieder raus, bevor „Rocket Brothers“ in Bein und Ohr ging und „Surfing The Warm Industry“ gehörig Druck machte, sodass man gar nicht anders konnte als zu tanzen. Qualitativ top, einzig quantitativ hätte es noch ein bisschen mehr sein dürfen, aber vielleicht ist in der Zukunft für KASHMIR ja auch mal ein späterer Platz mit mehr Spielzeit im Hurricane-Timetable drin.

Setlist KASHMIR
Blood Peech
Piece of The Sun
Mouthful of Warps
Seraphina
Rocket Brothers
Surfing The Warm Industry
The Cynic

BOUNCING SOULS

Vor mir lag jetzt allerdings die schwierige Frage, ob ich die VIRGINMARYS im Zelt besuchen sollte oder doch lieber bei den BOUNCING SOULS an der Green verweile. Der Lorenz hat’s schließlich entschieden und so bekam ich eine geballte Ladung Punkrock auf die Ohren und ein wenig Sonne auf den Pelz. Bereits seit einem Vierteljahrhundert lassen es die vier Herrschaften aus New Jersey krachen und auch am Eichenring wurden keine Gefangenen gemacht. So lud etwa die blitzschnelle Nummer „Here We Go“ direkt zum Mitgrölen ein, während sich die Amis beim AVOID-ONE-THING-Cover „Lean On Sheena“ ein wenig Zeit ließen, bevor es wieder ab durch die Mitte ging. Wunderbar auch „Ship In A Bottle“ vom letztjährigen Longplayer „Comet“, das eine gewisse Folk-Punk-Note in den Sound brachte und natürlich die Hymne „True Believers“.

Setlist BOUNCING SOULS (ohne Gewähr)
Sing Along Forever
Kids & Heroes
Say Anything
Private Radio
Infidel
Lean On Sheena (AVOID-ONE-THING-Cover)
That Song
Manthem
I Like Your Mom
The Something Special
Lifetime
Ship In A Bottle
Late Bloomer
East Coast! Fuck You!
Lammar Vanoy
Kate Is Great
Here We Go
Anchors Aweigh
Comet
True Believers
Hopeless Romantic

MACKLEMORE & RYAN LEWIS

Eigentlich wollte ich mir ja ansehen, was eigentlich an dem Hype um MACKLEMORE & RYAN LEWIS dran ist und pilgerte deshalb zurück zur Blue Stage, wo es insbesondere für die Uhrzeit (15.00 Uhr) brechend voll war. Allerdings hatte MACKLEMORE, der am Dienstag seinen 30. Geburtstag feiern konnte, allem Anschein nach Laberwasser getrunken und redete und redete. Dann musste auch noch ein Plüschmantel im Raubtiermuster von einem Typen im Publikum vermittels Kleider-Crowdsurfing zu dem weißen Rapper geschickt werden, damit der seinen Hit „Thrift Shop“ adäquat gekleidet performen konnte. Im Anschluss wurde der Fummel retour geschickt und gequatscht und gequatscht. Das war mir dann doch irgendwie ein wenig zu anstrengend, weshalb ich mich bewährter Handarbeit zuwandte.

FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS

Bei FRANK TURNER und seinen SLEEPLING SOULS wird schließlich ehrliches Handwerk abgeliefert und auch dieses Mal ließ sich der sympathische Engländer nicht lumpen. Nach einem Acapella-Einstand und begrüßenden Worten auf Deutsch, ging es hier ohne viel Geplänkel mit „Four Simple Words“ in die Vollen. Auch „If Ever I Stray“ war einmal mehr schlicht mitreißender Folkrock vom Feinsten, während es mit „Try This At Home“ temporeich weiter ging. „Plain Sailing Weather” zählt zu den neuen Nummern des Musikers, der in seinem Feelgood-Song „Glory Hallelujah“ auch Kirchenorgelsounds eingebaut hat. Drummer Nigel Powell verließ seinen Arbeitsplatz an den Fellen bei „Long Live The Queen“, um vom Graben aus das Auditorium (erfolgreich) zum Mitklatschen zu animieren, bevor Frank zu „Wessex Boy“ (ein Lied über seine Heimatstadt) ein Singalong mit dem Publikum initiierte. Tosenden Applaus gab’s für seine deutschsprachige Version von „Eulogy“, dessen Lyrics er sich ins Deutsche übersetzen lassen hat und wirklich rührend vortrug. Dafür war beim folgenden „Recovery“ fürs Auditorium allerdings auch sportliche Betätigung angesagt. Mr. Turner erbat sich von seinen Zuhörern nämlich „Hampelmänner“. Nicht alles sah tatsächlich so aus, was da bewegungstechnisch auf den Weg gebracht wurde, aber was zählte, war schließlich auch nur, dass der tolle Track gemeinsam gebührend abgefeiert wurde. Mit „The Road“ stand der nächste Knaller an, der lauthals mitgesungen wurde, ehe „I Still Believe“ und „Photosynthesis“ die Setlist energiegeladen komplettierten. Auch an dieser Stelle hätte ich mir dringend eine Verlängerung gewünscht, doch es sollte diesbezüglich noch ärger werden.

Setlist FRANK TURNER & THE SLEEPING SOULS
Four Simple Words
If Ever I Stray
Try This At Home
Plain Sailing Weather
Glory Hallelujah
Long Live The Queen
Wessex Boy
Eulogy
Recovery
The Road
I Still Believe
Photosynthesis

ARCHIVE

Musste ich doch bei den von mir hochgeschätzten ARCHIVE mit gerade mal 45 Minuten Spielzeit auskommen. Das konnte natürlich niemals reichen, aber immerhin wurde die knappe Zeit sinnvoll genutzt und es ging mit „You Make Me Feel“ vom zweiten Album „Take My Head“ aus 1999 gleich einmal in medias res. Für diesen Song enterte Holly Martin die Stage, die sie ansonsten weitgehend ihren männlichen Kollegen überließ. Die gaben richtig Gas und lieferten ein Set ab, das selten so ans Eingemachte ging. „Finding It So Hard“ ging mit einer vollen Trip-Hop-Post-Rock-Indie-Breitseite direkt durch und durch. Die Band verströmte unfassbar viel Energie und übertrug diese auch auf die Anwesenden, die im Falle von „Wiped Up“ zunächst einmal eindringliche Slow Motion zu hören bekamen, die sich in wabernden Soundflächen ergoss und ebenfalls unglaublich druckvoll performt wurde. Den Sangespart teilten sich wie üblich der langhaarige Pollard Berrier und Rosko John, der bei dieser Nummer ein separates Drumkit bearbeitete, ehe er für „System“ an den Sechssaiter wechselte. Smiley sorgte derweil hinter seiner Schießbude für ein wahrlich fettes Rhythmusfundament und fand zudem Unterstützung beim Auditorium, das begeistert mitklatschte. Nahtlos ging es mit dem temporeichen „Hatchet“ weiter, für das Miss Martin erneut in Erscheinung trat. Gleich drei Saiteninstrumente sorgten beim treibenden „Conflict“ für den richtigen Ton, um beim abschließenden „Dangervisit“ zunächst ruhig zu starten und dann erneut das große Besteck rauszuholen. Lichtblitze zuckten durch das Zirkusrund und tosender Beifall erschall – leider für den letzten Song, denn ARCHIVE hatten eben nur eine dreiviertel Stunde für ihre mitreißende Show, die deshalb viel zu schnell und recht abrupt endete. Ganz klar mein Favorit des diesjährigen Hurricanes!

Setlist ARCHIVE
You Make Me Feel
Finding It So Hard
?
Wiped Out
System
Hatchet
Conflict
Dangervisit

TWO DOOR CINEMA CLUB

Bevor es überhaupt auf der Blue Stage mit dem TWO DOOR CINEMA CLUB losging, bekam die „einlaufende“ Graben-Security Applaus vom Publikum. Schließlich ist es auch eher ungewöhnlich, dass die Jungs eben nicht unbeteiligt bis böse gucken, sondern selbst ein Tänzchen wagen. Beim Hurricane gibt’s so etwas und das unterstreicht mit Sicherheit auch die friedliche Atmosphäre, in der 73.000 Besucher feiern. Bei dieser Größenordnung wäre so manches Schützenfest froh, wenn es über drei Tage bei 18 Körperverletzungen und 47 Taschendiebstählen bliebe. Zum Tanzen hatten die fleißigen Helfer ebenso wie die Zuschauer in der vor ihnen liegenden Stunde reichlich Gelegenheit, denn flinke Beats und dancy Gitarrenmelodien sind seit jeher das Markenzeichen der drei Nordiren, die seit sechs Jahren gemeinsame Sache machen. Sänger, Gitarrist und Tastenmann Alex Trimble hatte sich dem Anlass angemessen in Schlips und Kragen geworfen und schon konnte die wilde Elektro-Pop-/Indie-Rock-Reise beginnen. Was folgte war in der Tat ein Dancefloor-Filler nach dem anderen. Der TWO DOOR CINEMA CLUB hat einfach ein Händchen für den passenden Sound, um den Bewegungsapparat in rhythmische Verzückung zu bringen, weshalb der Party am Eichenring nichts mehr im Wege stand. Die Gitarren schrammelten derweil auf das Feinste und selbst wenn es wie bei „Sun“ mal eine Spur ruhiger zur Sache ging, blieb der Tanzmodus dennoch aktiviert. Schließlich war „Dance the rain away“ auch das Motto, welches Mr. Trimble ausgegeben hatte und womöglich später bei den SMASHING PUMPKINS gar den Regenbogen am Himmel über Scheeßel erst möglich machte.

Setlist TWO DOOR CINEMA CLUB
Sleep Alone
Undercover Martyn
Do You Want It All?
This Is the Life
Wake Up
Come Back Home
Sun
Pyramid
I Can Talk
Next Year
Something Good Can Work
Handshake
Eat That Up, It’s Good for You
Someday
What You Know

THE SMASHING PUMPKINS

Mit großen Erwartungen war allenthalben dem Auftritt der SMASHING PUMPKINS entgegen gesehen worden. Mitte der Neunziger waren die Chicagoer auf der Grunge-Welle (mit der sie im Grunde nicht viel zu tun hatten) zu erheblichem Ruhm gekommen, Ende 2000 verkündete Mastermind Billy Corgan die Auflösung seiner Band und im Jahr 2006 die Wiederbelebung der SMASHING PUMPKINS. Inzwischen ist Corgan der einzige verbliebene Musiker aus alten Tagen, was letztlich auch ein deutliches Zeichen dafür ist, wessen Geist in dem von ihm als „American Gothic“ bezeichneten Stil der Kürbisköpfe steckt. Gemeinsam mit einer neuen Besetzung wurden jedoch neue Stücke aufgenommen und auch live sind die Amis wieder unterwegs. So auch beim Hurricane, wo leider der Wind den Hörgenuss schmälerte, da der Sound über weite Strecken einfach zu sehr weggetragen wurde. Außerdem schienen zumindest unter den jüngeren Festivalbesuchern einige nichts mit der Musik anfangen zu können. Entsprechend startete nach etwa einer halben Stunde ein kleiner Exodus Richtung Green Stage, wo Mr. Fallon sprich die GASLIGHT ANTHEMs erwartet wurden. Auf dem Zettel hatten die SMASHING PUMKINS natürlich neuen Kram, wie beispielsweise „Quasar“ oder auch „Panopticon“ von der Langrille „Oceania“, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde und vermutlich noch dringender erwartet: alte Hits. Vorne weg „Disarm“, das 1993 auf dem zweiten Longplayer „Siamese Dream“ erschienen war. Im Hintergrund gab es auf einer achtgeteilten Leinwand in pyramidenartiger Anordnung verschiedene Videoanimationen zu sehen. Etwa verschiedene Ansichten des Stars & Stripes-Banners, welche selbstredend beim finalen „United States“ Anwendung fanden. Insbesondere durch die technischen Mankos fehlte mir an bei diesem Gig das gewisse Etwas. Wahrscheinlich hätte es der Atmosphäre zudem gut getan, wenn es schon dunkel gewesen wäre – wenngleich man dann den doppelten Regenbogen am Himmel nicht hätte sehen können. So bleibt wohl festzuhalten, dass der glatzköpfige Corgan seine größten SMASHING-PUMPKINS-Zeiten wohl bereits hinter sich hat, sein Handwerk aber immer noch versteht, auch wenn er ziemlich sang- und klanglos von der Bühne verschwand.

Setlist THE SMASHING PUMPKINS (ohne Gewähr)
Quasar
Panopticon
Starz
Rocket
X.Y.U.
Space Oddity (DAVID-BOWIE-Cover)
Disarm
Tonite Reprise
Tonight, Tonight
Bullet With Butterfly Wings
Ava Adore
Zero
Stand Inside Your Love
United States

THE GASLIGHT ANTHEM

Jetzt hieß es einen schnellen Stellungswechsel hinzubekommen, um noch möglichst viel von den GASLIGHT ANTHEMs mitzubekommen. Kein ganz einfaches Unterfangen, wenn Zehntausende unterwegs sind, aber Festivalerfahren wie ich bin fand ich mich alsbald an der Main Stage ein, wo die Jungs aus New Brunswick/ New Jersey gewohnt knackig ihr „Mulholland Drive“ ablieferten. Die Fläche vor der Bühne war mit unzähligen Menschen gefüllt und ich musste daran denken, dass es gerade einmal fünf Jahre her war, dass ich die Band um Brian Fallon mit einigen Hundert Anderen im Bielefelder Forum gesehen hatte. Das nenne ich mal eine rasante Karriere, die sich die Herrschaften allerdings auch hart erarbeitet und verdient haben. Mit ihrem Fronter stellen die Jungs zudem den legitimen Nachfolger von BRUCE SPRINGSTEEN und auch stilistisch sind sie durchaus nahe am Boss. Erdiger Rock’n’Roll stand hier auf dem Programm – ohne leere Versprechungen, sieht man mal von Freibier ab, das Brian, den ich übrigens zum ersten Mal mit einer Jacke gesehen habe, für den nächsten Auftritt beim Hurricane in Aussicht stellte. Hoffentlich weckte er damit nicht zu große Erwartungen, schließlich standen die „Great Expectations“ doch auch erst für das Ende der Show an. Bis dahin wurde amtlich gerockt und gute Laune verbreitet. So schepperte es gewaltig bei „Too Much Blood“ und auch das zackige „Señor and the Queen“ duldete keine Schwachheiten. In diesem Sinne schlossen sich auch „Great Expectations“ und „The Backseat“ an, bevor auch THE GASLIGHT ANTHEM ziemlich schnell ihre Arbeitsplätze verließen. Irgendwie schien das heute eine gängige Masche zu sein, derer sich auch QOTSA bedienten.

Setlist THE GASLIGHT ANTHEM (ohne Gewähr)
Handwritten
The ’59 Sound
The Patient Ferris Wheel
Old Haunts
Biloxi Parish
45
Bonzo Goes To Bitburg (RAMONES-Cover)
Howl
The Queen of Lower Chelsea
Blue Dahlia
Mulholland Drive
Here Comes My Man
Too Much Blood
Señor And The Queen
Great Expectations
The Backseat

QUEENS OF THE STONE AGE

Erst einmal mussten die allerdings auf die Bühne kommen und dafür brauchte es noch ein wenig Geduld. Wer wollte, konnte sich die Zeit an der blauen Bühne mit PAUL KALKBRENNER vertreiben. Nicht meine Baustelle, deshalb nutzte ich die Gelegenheit für einen kleinen Plausch mit den ARCHIVE-Mitgliedern, bevor pünktlich um 22.00 Uhr das letzte Konzert des diesjährigen Hurricanes auf der Main Stage startete. Sechs Jahre war es ziemlich ruhig um die QUEENS OF THE STONE AGE, dessen einziges festes Mitglied Sänger und Gitarrist Josh Homme ist, der zudem auch als Produzent tätig ist und bei der Supergroup THEM CROOKED VULTURES mit von der Partie ist. Jetzt war der hochgewachsene Mann wieder in eigener Sache im Studio und herausgekommen ist das sechste QOTSA-Album „…Like Clockwork“, das seit Ende Mai in den Plattenläden steht und bis auf #7 der deutschen Charts marschierte. Den Anfang machte in Scheeßel allerdings ein Song, der 2000 das Licht der Welt auf „Rated R“ erblickte: „Feel Good Hit of The Summer“ legte einen fetten Einstieg hin und unter diesem Level lief in den folgenden 75 Minuten auch nichts mehr. Erster Höhepunkt war ohne Zweifel das großartige „No One Knows“ vom selbstbetitelten Debüt aus 1998 – wobei der Begriff Höhepunkt in diesem Zusammenhang eigentlich falsch ist, da tatsächlich ein Höhepunkt auf den nächsten folgte. Optisch wurde das Ganze durch unterschiedlichste Videoeinspieler unterstützt und auch der Sound ließ hier keine Wünsche offen. Entsprechend konnte „My God Is The Sun“ vom aktuellen Silberling uneingeschränkt überzeugen, ebenso wie „Burn The Witch“ mit Publikumsgesängen und Pedal-Steel-Guitar-Einlagen. „Sick, Sick, Sick“ („Era Vulgaris“ – 2007) kam als wahres Überrollkommando daher und brachte allerhand Lichteffekte mit, ehe sich „First It Giveth“ als verquerer Wüstenstomper empfahl. Für „The Vampyre of Time And Memory” wechselte Homme, der sich immer mal wieder ein Kippchen ansteckte, ans Piano – er kanneben auch smooth und ruhig. Davon war beim coolen „If I Had A Tail” nicht mehr viel übrig und auch „Little Sister“ (vom 2005er „Lullabies To Paralyze“) war einer dieser packenden Kracher, zu denen es so richtig rund ging. So sehr, dass die vorderen Reihen von den Secus mit Wasserschläuchen nass gespritzt wurden. Die sexy Nummer „Make It Wit Chu“ wurde den Ladies gewidmet, bevor es „I Appear Missing“ erneut nach allen Regeln der Kunst scheppern ließ. Blitzschnelle Stakkatoakkorde zeichneten „Go With The Flow“ aus und zu „A Song For The Dead“ wurde schließlich von Jsoh Homme das Verbot aufgehoben, jemanden auf die Schulter zu nehmen. Umgehend waren es insbesondere die kleiner gewachsenen Damen, die auf diese Weise noch einen Blick auf die Bühne erhaschten, sich allerdings auch beeilen mussten, denn mit dieser Nummer war auch schon Schluss mit lustig. Ohne große Verabschiedung gingen die fünf Musiker von der Stage, sodass zunächst der Eindruck entstand, dass noch eine Zugabe käme – Zeit wäre ja auch noch ausreichend gewesen. Doch daraus wurde nix. Um 23.15 Uhr war das Hurricane zumindest in Sachen Live-Mucke Geschichte. Mit dem Gig der QUEENS OF THE STONE AGE hatte das Festival jedoch einen würdigen Abschluss gefunden, auch wenn ich noch zwei, drei Lieder auf meiner persönlichen Wunsch-Setlist gehabt hätte.

Setlist QUEENS OF THE STONE AGE
Feel Good Hit of The Summer
You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire
No One Knows
My God Is The Sun
Burn The Witch
Sick, Sick, Sick
First It Giveth
The Vampyre of Time And Memory
If I Had A Tail
Little Sister
Make It Wit Chu
I Appear Missing
Go With The Flow
A Song For The Dead

Stattdessen ging es für mich wie für viele andere auch Richtung Heimat. Etliche blieben jedoch auch noch eine Nacht auf den Campingplätzen, um die 17. Ausgabe des Hurricanes gebührend zu verabschieden. Den Veranstaltern und beteiligten Behörden und Firmen gehört an dieser Stelle noch ein großes Lob für das Krisenmanagement angesichts der sintflutartigen Regenfälle und der Sturmwarnung vom Donnerstag. Kurzfristig wurden im großen Maßstab noch weitere Park- und Campingflächen gepachtet und ausgewiesen, satte 600 Tonnen Schotter auf nicht mehr passierbaren Rettungswegen verteilt und der Boden mit 1.400 Tonnen Rindenmulch befestigt. Trotzdem waren Staus bei der Anreise leider nicht zu vermeiden, aber das Publikum zeigte sich leidenfähig, was Witterung und Stillstand auf den Straßen anging. Ansonsten ging es gewohnt friedlich zu, auch die Verletzungen hielten sich im bekannt niedrigen Umfang. Als bei den ARCTIC MONKEYS am Samstagabend im Publikum Bengalos gezündet wurden, waren die Sicherheitskräfte sofort zur Stelle und konnten schlimmeres verhindern und auch die Neuerung, dass die Anreise mit Nahverkehrszügen wieder im Ticketpreis inkludiert war, ist gut angenommen worden: insgesamt 17.000 Festivaljünger haben den Indie-Ballermann in der Nordheide mit der Bahn erreicht. Nicht auftreten konnten allerdings TAME IMPALA, da das Equipment der Australier beim belgischen Zoll festsaß. So viel für 2013, 2014 trifft man sich wieder am dritten Wochenende im Juni in Scheeßel – genauer vom 20. bis 22.06.2014. Das Datum ist schon bekannt, alle anderen Infos folgen bei Zeiten.

Copyright Fotos: Karen Brandt

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