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HURRICANE FESTIVAL 2006

Ort: Scheeßel

Datum: 23.06.2006 - 25.06.2006

Freitag

Nach einer entspannten Anfahrt (trotz Ferienbeginn in NRW) und stressfreiem Zeltaufbau bieb mir noch ein wenig Zeit, in der Sonne zu sitzen, meine Zeltnachbarn kennen zulernen und die Infrastruktur des diesjährigen Hurricanes zu checken, bevor das eigentliche Konzertgeschehen losgehen sollte. Aufgrund der dritten Bühne im Eichenring wurde der Basar ausgegliedert und befand sich nunmehr in der Nähe des Discozeltes, das nicht mehr „Titty Twister“ heißt und vom Bremer Aladin beschallt wird. Stattdessen feiert man jetzt die „Nacht der roten Bullen“ und lauscht einem Team der „Hörsturz“-Redaktion.

Aber zuvor sollte es noch einige geile Konzerte geben. Mein erster Act waren BEN HARPER & THE INNOCENT CRIMINALS, die es sich auf der Bühne mit Teppichen häuslich eingerichtet hatten und eine mitreißende Mischung aus Folk, Blues, Reggae, Country, Jazz und Funk brachten. Mr. Harper spielt bereits seit seinem sechsten Lebensjahr Gitarre und ist ein wahrer Virtuose auf der Klampfe. Teilweise hatte ich das Gefühl, Jimi Hendrix sei wieder auferstanden. Eine gelungene Show, die vom Publikum mit stürmischem Applaus belohnt wurde.

Jedes Jahr wieder ist es erstaunlich, wie viele Leute man trifft, die einem plötzlich unter 50.000 Feierwütigen über den Weg laufen. So kam es auch, dass ich SEEED nur am Rande mitbekam, wenn man den plötzlichen Massenansturm zum Indikator nimmt, waren die Berliner aber eines der Highlights vom Freitag. Die Zuhörerschaft war in jedem Fall völlig aus dem Häuschen und feierte Songs wie „Aufstehn“, „Dickes B.“, „Ding“ und „What You Deserve Is What You Get“ des Dancehall-Reggae-Kollektivs mit der dicken Hose auf das Heftigste ab.

Mir war da mehr an FETTES BROT gelegen, die ich 2002 bereits auf dem Hurricane sehen und hören durfte. Die BROTe machen live einfach einen geilen Job,und so hatten sie auch an diesem lauen Freitag Abend ihr Publikum fest im Griff. Die Crowd kannte jeden Song und es wurde kräftig mitgesungen zum DeichHop der drei Jungs von der Waterkant. Neben Klassikern wie „Jein“ oder „schwule Mädchen“ durfte „Emanuela“ natürlich nicht fehlen. Oder aktuelle Tracks vom aktuellen Album „Am Wasser gebaut“ wie „Tage wie dieser“ und „Soll das alles sein“, die deutlich sozialkritischer sind als die alten Sachen, der Feierlaune auch keinen Abbruch taten. Zum Abschluss ihres Auftrittes gab es mit Dokter Renz, König Boris und Björn Beton dann zu „Makarena“ noch ein kleines albernes Tänzchen, so kennen und lieben wir sie!

Sehr gespannt war ich auf TOMTE, die ich bisher nur aus der Konserve kannte, von deren Gigs mir aber nur Gutes berichtet worden war, und ich sollte nicht enttäuscht werden! Sänger Thees Uhlmann ist einfach eine coole Sau, wie er da auf der Bühne steht, Sprüche reißt und dann auch noch wirklich geilen deutschen Rock macht. TOMTE haben in diesem Jahr mit „Buchstaben über der Stadt“ einen neuen Longplayer rausgebracht und so durften wir uns auf Songs wie „Warum ich hier stehe“, „Ich sang die ganze Zeit von dir“ und „New York“ freuen“. Aber auch ein SLAYER-Akustik-Cover und ein Cover der kanadischen WEAKERTHANS (mit denen TOMTE im August noch drei Festivals bestreiten werden) gehörten zum Programm. Ebenso das wohl bekannteste Stück der Hamburger Indie-Rocker „Schrei den Namen meiner Mutter“ und „Schönheit der Chance“ – bei diesem Lied ließ Sänger Thees eine Art „Handfeuerwerk“ abbrennen, ansonsten kamen TOMTE ohne großartige Bühnenshow aus und überzeugten einfach mit ihrer Musik und der Ausstrahlung ihres Fronters.

Auf der Green Stage begannen unterdessen das MANU CHAO RADIO BEMBA SOUND SYSTEM zu spielen. In den TOMTE-Songpausen drangen immer wieder Soundfetzen zur Blue Stage hinüber. In den vergangenen Jahren ist mir das nicht so aufgefallen und dürfte an der neuen Stage-Anordung liegen, die durch die dritte Bühne im Zelt notwendig geworden war. Die drei Bühnen machten es auch nötig, sich gut zu überlegen, welche Bands man sehen wollte, da Red- und Blue Stage zeitgleich bespielt wurden. Nicht einfach bei der Vielzahl der interessanten Bands, die auch in diesem Jahr in Scheeßel am Start waren. Doch zurück zu MANU CHAO und seinem RADIO BEMBA SOUNS SYSTEM: Hier war wirklich Party! Die Mischung aus Latinrock, Ska und Reggae ging restlos jedem in Ohr und Bein und so wurde ausgelassen getanzt zum „Worldpunk“ des charismatischen franko-spanischen Sängers und Musikers mit Wohnsitz in Brasilien, Marseille und Barcelona. Mehr davon!

Inzwischen war es 1.00 Uhr geworden und bevor meine erreichte Betriebstemperatur aufgrund der nächtlichen Kühle fallen konnte, machte ich mich auf ins Disco-Zelt, um die Qualitäten der Hörsturz-DJs zu überprüfen. Es schien mir im Zelt angenehmerweise längst nicht so voll zu sein wie schon in vergangenen Jahren, so dass ausreichend Platz zum Tanzen war. Gelegenheit dazu gab es genug, die DJs verstanden ihr Werk und brachten die Menge mit aktuellen Hits und Klassikern des Rocks zum Kochen. Als es draußen wieder hell wurde, beschloss ich jedoch mein Zelt aufzusuchen, um Kräfte zu sammeln für den zweiten Tag.

Samstag

Nach etwa 3.5 Stunden Schlaf hieß es erst einmal warten: Warten auf die einzige funktionierende Dusche (von 20!). Nach 45 Minuten war ich dann an der Reihe und versuchte den einzelnen Tropfen hinterher zu springen, immerhin waren diese warm…

Den Opener des Samstages machten GODS OF BLITZ, die in diesem Sommer auf so ziemlich jedem Festival anzutreffen sind. Der Platz vor der großen Bühne war trotz der recht frühen Stunde schon sehr gut gefüllt, als die Berliner zur Musik von QUEEN die Green Stage enterten. Dass die Burschen erst seit 1.5 Jahren zusammen Musik machen, merkt man ihnen nicht einen Moment an, ganz offensichtlich sind die Herrschaften echte Rampensäue. So bemerkte Sänger und Bassist Sebastian Gäbel auch gleich mit Verwunderung und Bestürzung die große Anzahl gelber Sonnenhüte (Give Away von Festival-Sponsor Bremen Vier) und klärte das Publikum darüber auf, dass Gelb die Farbe der Geschlechtskrankheiten sei und somit beim Hurricane offensichtlich einiges im Argen läge. Musikalisch bewegen GODS OF BLITZ sich zwischen den BEATSTEAKS, HIVES und FRANZ FERDINAND und präsentierten u.a. ihre Single-Auskopplungen „The Rising“ und „Greetings from Flashbackville“. Zum Abschied, der für viele nach 20 Minuten viel zu früh kam, gab es noch „Generation Good-Bye“ zu hören. Aber keine Sorge: GODS OF BLITZ spielen bestimmt auch noch einmal in deiner Nähe!

Weiter ging es auf der zweiten Außenbühne mit THE SOUNDS. Die leckeren Schwedenhäppchen spielten ihr zweites Festival in Deutschland und haben mich restlos überzeugt. Das Quintett um die stimmgewaltige Sängerin Maja Ivarsson macht fröhliche Musik mit viel Power, die gute Stimmung verbreitet und mit ihren krachenden Gitarren und groovenden Synthie-Elementen stellenweise an BLONDIE erinnert. In jedem Fall geizt auch die blonde Maja wie Debbie Harry nicht mit ihren weiblichen Reizen und so hoffe ich auf für die Männerwelt, dass wir von THE SOUNDS noch mehr zu hören und zu sehen bekommen. Mein Respekt auch den fünf Jungs im Plüsch-Bärenfell. Die Sonne brannte in der Mittagszeit schon ganz ordentlich, was die Herren aber überhaupt nicht zu beeindrucken schien. Im Gegenteil hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, andere Konzertbesucher zu schultern, um diesen einen besseren Blick auf die Bühne zu ermöglichen.

Für mich hieß es abermals zur Green Stage zu wechseln, wo SKIN sich die Ehre geben wollte. Die Dame, die in den 90-ern SKUNK ANANSIE ihre großartige Stimme lieh, ist seit einiger Zeit solo unterwegs und war auch bereits in der Vergangenheit auf dem Hurricane zu Gast. Nach der balladesken ersten Solo-Scheibe „Fleshwoods“ gibt sie sich auf der aktuellen „Fake Chemical State“ wieder deutlich rockiger. Allerdings hatte sie an diesem Samstag wohl eine etwas seltsame Auffassung davon, was rockig ist. Die Gute hat teilweise einfach nur rum geschrieen, was sie mit ihrem Organ eigentlich nicht nötig hat. Auch fehlten mir die alten Hits wie beispielsweise „Hedonism“. Stattdessen gab es überwiegend neue Stücke wie die aktuelle Single „Just Let The Sun In“. Nichtsdestotrotz machten auch die neuen Sachen grundsätzlich einen guten Eindruck. Nur liebe SKIN: Manchmal ist weniger einfach mehr!

Mein Stage-Hopping sollte mich wieder zur Blue-Stage führen, wo Punk Rock aus Orange County /Kalifornien angesagt war. Nicht nur THE OFFSPRING sind dort zuhause, auch ZEBRAHEAD leben in der Nähe Los Angeles. Eine musikalische Nähe zu THE OFFSPRING lässt sich ebenfalls nicht leugnen, ebenso haben GREEN DAY die Band beeinflusst. Es durfte gemosht und gepogt werden, wobei die beiden Sänger Ali Tabatabaee und Matty Lewis (auch an der Gitarre tätig) ihr Publikum gut im Griff hatten. Lediglich Mattys Bitte, die T-Shirts zu lüften, weil der Sound dann besser klinge, kam die anwesende Weiblichkeit nicht nach. Stattdessen gab’s zum Schluss noch eine Polonaise im Mosh-Pit, die über die Leinwände wirklich zu schön anzusehen war.

Nach so vielen heftigen Gitarrenklängen wurde es Zeit für den Strandrocker DONOVAN FRANKENREITER. Der Profi-Surfer aus Laguna Beach/ Kalifornien ist bei JACK JOHNSON unter Vertrag, der ebenfalls Surfer ist. Scheint eine gute Kombi zu sein, das Surfen und Musik machen. In jedem Fall waren die entspannten Gitarrenklänge genau das Richtige für den sonnigen Samstag Nachmittag. Für mich war es jedenfalls an der Zeit, mich ins nur noch spärlich vorhandene Gras zu legen und die Augen zu schließen, um den Akku wieder in bisschen zu laden.

Das war auch nötig, denn im Anschluss legten THE RACONTEURS gleich mächtig los und mich hielt es nicht länger in der Waagerechten. Die amerikanischen Alternative Rocker um Jack White (THE WHITE STRIPES) und Brendan Benson spielten erstmals in deutschen Landen, haben aber mit Sicherheit eine Menge neuer Fans gewonnen. Die Musik ist wirklich ein geiler Shake aus Blues und Rock ‚n’ Roll, gepaart mit feinem Indie-Songwriting.

Plötzlich setzte ein wahrer Exodus ein, da war doch was? Richtig! Deutschland spielte um 17.00 Uhr gegen Schweden und das Spiel wurde live auf einer Großbild-Leinwand nahe des Discozeltes übertragen. Während sich bei den übrigen Spielen zwischen 2.000 und 3.000 Fußball-Fans hier einfanden, waren es jetzt stolze 30.000, die „unsere Jungs“ anfeuern wollten. Innerhalb kürzester Zeit war der Platz hoffnungslos überfüllt, so dass der Veranstalter sich entschloss, die Blue Stage ebenfalls zum Übertragungsort zu erklären. Dies ging allerdings zu Lasten von NADA SURF, deren Auftritt sich auf drei Songs in der Halbzeitpause beschränken musste. Dass die New Yorker Gitarrenpopper mit dieser Situation nicht glücklich waren, ist verständlich. Mir wäre ihre Musik auch lieber gewesen, aber ich habe die unverhoffte Pause zur Nahrungsaufnahme genutzt und NADA SURF haben bereits eine Einladung für das Hurricane 2007 erhalten, die sie hoffentlich annehmen werden.

Die Schweden MANDO DIAO nahmen die 0:2 Niederlage ihrer Mannschaft gelassen und boten eine super Show. 2004 waren sie noch als Newcomer beim Hurricane und zählen jetzt zu den alten Hasen, deren Heimat ganz offensichtlich die Bühne ist. Die skandinavischen Rotzlöffel sind wirklich eine der coolsten Bands der Welt und haben inzwischen so viele Hammer-Songs im Repertoire, dass sie es innerhalb kürzester Zeit schafften, die Anwesenden in eine komplett verschwitzte Meute zu verwandeln, die Smasher wie „God Knows“ und „Down In The Past“ frenetisch mitsang. Abschließend gab es noch einen schwedischen Folk-Song, bei dem konsequenterweise aber auch irgendwann die Stromgitarren die Oberhand gewannen. Wer übrigens glaubt, das zweite MANDO DIAO-Album „Hurricane Bar“ sei nach dem Festival benannt worden, den muss ich enttäuschen. Tatsächlich gibt einen verruchten Rock ‚n’ Roll-Schuppen gleichen Namens in der Heimatstadt Börlange des Quartetts. Dort haben die Herren sich als Teenager ihre ersten Lorbeeren verdient und sind so im Laufe der Jahre aus der schwedischen in die norddeutsche Provinz gekommen. Gott sei Dank!

Bevor mit den ebenfalls aus Schweden stammenden HIVES einer der Hauptacts beginnen sollte, blieb mir noch Zeit bei ADAM GREEN vorbei zuschauen. Der Singer-Songwriter aus New York stand allerdings völlig neben sich. Keine Ahnung, welche körperfremden Substanzen und/ oder Flüssigkeiten da im Spiel waren.

Also habe ich mich wieder zur Green Stage begeben, um mir einen guten Platz für THE HIVES zu sichern. Erwartungsgemäß war auch bald kein Durchkommen mehr. Und die Massen wurden nicht enttäuscht. Die Herren in schwarz-weiß boten wieder einen grandiosen Gig, der nichts zu wünschen übrig ließ. Leider hatten auch sie nur 75 Minuten Spielzeit, die im Fluge verging, diesem Rock ‚n’ Roll in Reinkultur hätte ich noch bedeutend länger zuhören können. Gibt es eine stylishere Band, die straighteren Garagen-Punk-Rock macht und dabei so geniale Entertainer sind? Hammer!!! Gerüchten zufolge soll übrigens im Herbst das neue Album der Schweden erscheinen, ich bin gespannt!

Ein weiterer Hammer sollten THE STROKES aus New York werden. Die Band macht ebenfalls Garagenrock, allerdings hat der Fünfer seine Debütplatte erst 2001 rausgebracht, damit die Musikwelt aber nahezu revolutioniert. Keine Ahnung, ob das Sänger Julian Casablancas zu Kopf gestiegen ist oder ob es das wohlhabende Milieu war, in dem der Sohn des Chefs der Elite-Modelagentur aufwuchs. Auf jeden Fall zeigte er sich beim Hurricane nicht unbedingt von seiner besten Seite, als er mit seinem Mikro-Ständer in voller Absicht eine teure Kamera zerstörte (die übrigens von der Gage abgezogen wird, wie in der sonntäglichen Pressekonferenz zu hören war). Auch sein permanentes Verschwinden von der Bühne gab einige Rätsel auf. Diese „Feinheiten“ fielen den meisten aber gar nicht auf und der Rest der Band agierte so gut, dass die STROKES ordentlich abgefeiert wurden und sich das Publikum absolut textsicher zeigte.

Doch der Abend war ja noch nicht beendet! Auf der Blue Stage waren SIGUR RÓS noch in vollem Gange. Island scheint ein gutes Pflaster zu sein für etwas eigenwillige Musik, als Beispiel sei da nur BJÖRK genannt. Als ein ebenso gutes Pflaster hat sich die Blue Stage am späten Samstag Abend für solche Klänge erwiesen. Im vergangenen Jahr übernahmen diesen Part die Franzosen PHOENIX, in diesem Jahr überzeugten SIGUR RÓS die zahlreichen Zuhörer trotz der späten Stunde. Das Quartett hatte sich einige Verstärkung mitgebracht. Wenn ich mich nicht verzählt habe, standen insgesamt nicht weniger als zehn Künstler auf der Bühne und verzauberten die Anwesenden mit ihren atmosphärisch dichten Klanglandschaften Nach all dem lauten Rock ungewohnte Musik, an die das Ohr sich erst gewöhnen musste. Ätherisch waberte der Sound über den Eichenring und übertrug eine geheimnisvolle und entrückte Stimmung auf die Menge, die sich vielfach aufgrund der milden Temperaturen auf dem Boden niedergelassen hatte und ebenso ge- wie entspannt den impressionistischen Songs lauschte. Zum Einsatz kam neben der üblichen Besetzung aus Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard auch ein kleines Streichorchester, das entscheidend half, den Stimmungsbogen zu halten. Auf der Bühne agierten SIGUR RÓS der Musik angemessen zurückhaltend, lediglich das Licht setzte Akzente. Ein schönes Ende für einen abwechslungsreichen Festivaltag.

Meine Vergnügungssucht trieb mich allerdings noch einmal in das Discozelt, das an diesem Abend deutlich stärker frequentiert wurde, wie schon die Schlange am Einlass zeigte. Auch die Temperaturen im Inneren hatten im Vergleich zum Vorabend um einige Grad zugelegt und konnten nur als subtropisch bezeichnet werden. Die Partypeople störte das nur wenig und so wurde abermals bis zum Morgengrauen gefeiert.

Sonntag

Diesmal funktionierten alle Duschen, die Sonne lachte, und so stand einem perfekten Abschlusstag des diesjährigen Hurricanes nichts mehr im Wege. Dass das Festival ein sehr abruptes Ende nehmen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen, aber der Reihe nach:

Endlich sollte mich mein Weg auch zur Red Stage führen. Die Zeltbühne hatte ich bislang nicht aufgesucht und dort angekommen, wusste ich auch warum: Mal abgesehen davon, dass bereits bei der zweiten Band des Tages das Rund gut gefüllt war, ging die Luft gar nicht! Um keinen Kollaps zu riskieren, verzichtete ich schweren Herzens und beschloss meinen angestammten Open-Air-Bühnen treu zu bleiben.

Die Kölner PALE waren entsprechend mein nächstes Ziel. Ihr englischsprachiger Rock zog nicht ganz so viele Zuschauer wie tags zuvor zur gleichen Uhrzeit SKIN, vermutlich brauchten die Festivalbesucher am dritten bzw. für die, die bereits am Donnerstag angereist waren, vierten Tag etwas mehr Zeit, um in die Gänge zu kommen. Für den Einstand am Sonntag waren PALE jedoch perfekt. Nette Gitarrenmucke mit Piano-Begleitung sorgte für einen guten Start in den Tag. Derweil wurden vor der Bühne die ersten erhitzten Gemüter mit Wasser besprengt, gleiches passierte hinter der Bühne mit den extrem staubigen Wegen. Während im letzten Jahr die nasse Kälte überall hinzog, ist es in diesem Jahr der schwarze Staub. Aber mal ehrlich: Lieber trocken und staubig als nass und kalt! Doch noch einmal kurz zurück zu PALE. Wer mehr von den Fünfen hören möchte, hat ab dem Herbst die Möglichkeit, dann erscheint die neue CD, und vorher sind sie noch auf drei Festivals mit den Kollegen von TOMTE live zu sehen, die bereits am Samstag das Hurricane gerockt haben.

Nach der starken Schweden-Fraktion des Vortages, hatten mit DEUS unsere belgischen Nachbarn Gelegenheit ihr Schaffen einem großen Publikum zu präsentieren. Das Quintett steht für schrägen Indie-Rock, gepaart mit verspieltem Pop, heftigen Gitarrenpassagen und Ausflügen ins Experimentelle. Kurz: ein cooler Mix aus Gitarrenlärm, Streichern, Folk und Lärm, den die Indie-Urväter da machen. Die raue Stimme des Sängers Tom Barmann und das Violinenspiel von Klaas Janzoons setzen dem Ganzen noch das I-Tüpfelchen auf. So konnten die Herrschaften aus Antwerpen auch voll überzeugen, nur der Sound war stellenweise zu basslastig.

Einer Eingebung folgend habe ich nach diesem musikalischen Genuss mein Zelt abgebaut. Ein Blick auf das sonntägliche Timetable zeigte nämlich, dass später dazu keine Zeit mehr sein würde, und im Anschluss an das letzte Konzert würde es mich doch schnell nach Hause treiben. Also Klamotten fix ins Auto und zurück aufs Festivalgelände, wo BILLY TALENT die Green Stage zum Beben bringen wollten. Dass deren schrägen Punk Rock inzwischen eine große Fangemeinde gefunden hat, war unübersehbar: Einen Platz vor dem Technikturm zu ergattern, war unmöglich, doch dank der beiden großen Leinwände war auch weiter hinten gut zu sehen. Nicht ganz so toll war allerdings der Sound, der teilweise sehr breiig rüberkam. Sehr gut kam aber Sänger Benjamin Kowalewicz rüber, der sehr zur Freude der Mädels seinen blanken Oberkörper präsentierte und gleich zu Beginn seiner Show zusätzliche Pluspunkte bei den Damen sammelte, indem er die Herren aufforderte, beim wilden Tanzen auf die „Ladies“ Rücksicht zu nehmen und darum bat, auf einander zu achten und denjenigen hoch zu helfen, die beim Pogen vielleicht mal zu Fall kämen. Dann brach ein wahres Gitarrengewitter über Scheeßel hinein (es sollte leider nicht das einzige Gewitter bleiben) und Benjamin schrie sich die Seele aus dem Leib. Spätestens bei „Try Honesty“ waren sich alle einig, dass abgesehen vom Sound alles perfekt war.

Weniger wild aber nicht weniger perfekt war die Show der CARDIGANS. Wie sagte ein männlicher Zuschauer während des Konzertes völlig begeistert zu mir über die Sängerin Nina Persson: „Meine Güte, die sieht nicht nur super aus, die singt auch noch super!“. Und dem ist eigentlich auch nichts mehr hinzuzufügen. Die dunkelhaarige Frontfrau der Schweden hat aber auch eine fantastische Bühnenpräsenz und ein Stück wie „My Favourite Game“ begeistert immer wieder aufs Neue. Wenn Nina zur Mundharmonika greift, ist das aber auch nicht weniger betörend und eine Gratulation zum Fußball-Erfolg der deutschen Elf klingt aus ihrem Mund noch mal so schön, oder Männer? War ein feines Stündchen Elfen-Rock, den wir da aus dem hohen Norden beschert bekommen haben.

Als nächstes waren LIVE aus den USA an der Reihe. Ich war gespannt auf das Konzert des Quartetts, da ich das im Frühjahr erschienende Album „Songs From Black Mountain“ nicht so überzeugend fand. Da haben die Jungs schon viel bessere Scheiben abgeliefert. Was sie an diesem frühen Abend live abgeliefert haben, fand jedoch meine volle Zustimmung. Die Truppe trägt ihren Bandnamen zu recht! Ihr Stadion Rock passte 100-prozentig in den Eichenring und auch die Tracks der aktuellen Scheibe wie beispielsweise „Mystery“ kamen kraftvoll rüber. Dazu trug vor allem Sänger Ed Kowalczyk bei, der einfach auf die Bühne gehört. Nicht nur, dass er eine granatenmäßige Stimme hat, auch seine Ausstrahlung ist unglaublich. Gänsehautstimmung herrschte bei den LIVE-Hymnen wie „The Dolphins Cry“ und „Lightning Crashes“. Sehr schön aber auch das Johnny Cash-Cover „Walk The Line“. Ach, und nett anzusehen ist der Herr Kowalczyk ja auch noch, der irgendwann auch noch sein Shirt auszog, das musste sogar meine männliche Begleitung eingestehen.

Jetzt war aber fliegender Wechsel angesagt, da APOCALYPTICA auf der Blue Stage ihre Celli in Position gebracht hatten. Es ist schon geil, was die Finnen da mit vier Celli, die man ja eigentlich nur aus dem Bereich der klassischen Musik kennt, und einen Schlagzeug machen. Angefangen als METALLICA-Covertruppe schreiben die Absolventen der angesehenen finnischen Sibelius-Akademie und erklärten Metal-Fans inzwischen auch wunderbare eigene Sachen. Entsprechend war auch der Mix, den die langmähnigen Ausnahmemusiker zum Besten gaben. Den Anfang machten eben METALLICA im Cello-Gewand, gefolgt von Eigenkompositionen wie der aktuellen Single „Repressed“, die wieder von Covern abgelöst wurden. Nach 30 Minuten war für mich allerdings Schluss an der Blue Stage, nicht weil mir APOCALYPTICA nicht mehr gefielen, sondern weil die Musik der HELDEN so laut von der Hauptbühne rüberschwappte, dass ich es vorzog, ihnen gleich mein volles Gehör zu schenken.

Und ich sollte es nicht bereuen! WIR SIND HELDEN waren im vergangenen Jahr noch unter „ferner liefen“ auf der Newcomer-Bühne zu sehen und gehörten Anno 2006 absolut zu den Hauptacts. Die Berliner um die super-sympathische Frontfrau Judith Holofernes (übrigens mit Bandkollegen und Drummer Pola Roy in freudiger Erwartung eines kleinen Helden) machen einfach gigantische Live-Gigs, denen sich keiner entziehen kann. Los ging’s mit „Guten Tag“ vom Debütsilberling „Die Reklamation“ – und ab da gab es kein Halten mehr. Weder auf noch vor der Bühne. Definitiv waren die HELDEN die Band des Festivals mit der größten Spielfreude, die sich auch sofort auf das restlos begeisterte Auditorium übertrug, so dass innerhalb kürzester Zeit eine riesige Party im Gange war. Mit „Zuhälter“ vom aktuellen „Von hier an blind“ ging es weiter, der Titelsong folgte bald darauf, nicht zu vergessen „Wenn es passiert“. „Denkmal“ sangen dann Tausende von Kehlen – übrigens abgewandelt in eine Reggae-Version. Mit „Ist das so?“ schloss sich ein weiterer Track der ersten CD an. „Gekommen um zu bleiben“ sprach wohl allen aus der Seele. Drei Tage Musik vom Feinsten bei absolut entspannter Atmosphäre und traumhaftem Wetter lagen fast hinter uns, wer wäre da nicht gern noch geblieben? „Aurelie“ war ein weiterer Hit, den uns der unprätentiöse Vierer schenkte, immer verbunden mit launigen Ansagen und einem regen Zwiegespräch mit dem Publikum. Fast wirkte es so, als könnten WIR SIND HELDEN es selbst gar nicht fassen, dass sie inzwischen „echte“ Helden sind. „Aurelie“ verabschiedete sich mit Südstaaten-Mundharmonika-Sound und machte mit „Why Can’t I Be You“ Platz für ein CURE-Cover. Dann kam mein persönliches Highlight „Nur ein Wort“. Scheeßel hatte auf jeden Fall jede Menge „Oh’s“ für Judith. „Müssen nur wollen“ und „Bist du nicht müde“ ließen die Zeit im Flug vergehen und so mussten wir schweren Herzens Abschied nehmen von dieser tollen Band, deren Musik zu hören bestimmt niemand müde geworden war.

Ein letztes Mal stand ein Wechsel zur Blue Stage für mich auf dem Programm. WITHIN TEMPTATION waren hier der letzte Act. Die Niederländer um die Goth-Diva Sharon den Adel durfte ich schon mehrfach live erleben, so auch beim Hurricane 2004. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass sich die Show seither in keiner Weise verändert hat. Auf der Bühne weiterhin die riesige Statue eines Todesengels und los ging es mit den bekannten Fanfaren, die den Sound WITHIN TEMPTATIONs ausmachen. Keine andere Band hat den schmalen Grat zwischen Gothic-Metal und hartem Pop-Bombast wo so im Griff, wie Sharon und ihre fünf Mannen an den Instrumenten. Leider war der Sound nicht ganz optimal, so dass ihre Stimme nicht ganz perfekt rüberkam. Aber zweifelsohne kann sie mit ihrer außergewöhnlichen Stimme die Kompositionen von WITHIN TEMPTATION wie kaum eine zweite Sängerin gleichsam episch, einfühlsam und wuchtig interpretieren. Wie immer wurden die Songs mit einer fetten Show aus Licht und Feuer unterstützt. Beim Kate Bush-Cover „Running Up That Hill“ kam allerdings, was sich beim sorgenvollen Blick in den Himmel bereits abgezeichnet hatte.

Was vorher nur einzelne Regentropfen waren, die aufgrund der schwülen Witterung durchaus dankbar aufgenommen wurden, wuchs sich zu einem heftigen Gewitter aus. Daher entschieden die Veranstalter kurzerhand, das Konzert abzubrechen, um die Sicherheit der Festivalbesucher auf dem Eichenring nicht zu gefährden. Sicherlich die richtige Entscheidung, auch wenn so schon nach gut 30 Minuten Schluss war für WITHIN TEMPTATION und MUSE leider gar nicht auftreten konnten. Der Wolkenbruch, der sich jetzt über uns ergoss, hätte aber auch jeden Spaß an der Musik verdorben, und so machte ich mich fix auf den Weg zum Auto, wo ich noch einigermaßen trocken ankam. Wie gut, dass das Zelt schon im Kofferraum lag, von daher nahm ein absolut gelungenes Festival-Wochenende ein sehr plötzliches Ende. Mein Mitgefühl all denen, die noch eine Nacht bei diesem Sauwetter im Zelt ausharren mussten oder einen weiten Weg zum Auto hatten. Und schöne Grüße an alle Hamburger, Münsteraner und Osnabrücker, die meinen Weg gekreuzt haben!

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