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IMPERICON NEVER SAY DIE! TOUR 2011

Ort: Münster - Sputnikhalle

Datum: 18.10.2011

In der fünften Auflage mit: SUICIDE SILENCE – EMMURE – DEEZ NUTS – THE WORD ALIVE – AS BLOOD RUNS BLACK – THE HUMAN ABSTRACT – VANNA

Imperial heißt jetzt Impericon – sonst ändert sich nix. Im Rahmen der alljährlich wiederkehrenden Never Say Die! Tour reichten sich bei mittlerweile herbstlich kühlen Temperaturen auch in der Münsteraner Sputnikhalle wieder ganze sieben Vertragspartner des In-Klottenhauses die voll tätowierten Hände. Die Auswahl sollte niemanden wirklich überrascht haben, bei Gelegenheit konnte man die meisten der aufgestellten Szenevertreter dieses Jahr hierzulande schon auf Tour erwischen. Hoher und überwiegend junger Andrang war für den erstmalig gebuchten Headliner und Merchandise-Topseller SUICIDE SILENCE eigentlich dennoch zu erwarten. Wenngleich die eher gemütlich große Sputnikhalle nicht ganz ausgebucht zu sein schien, kitzelte die halbwegs konstant wachsende Horde moshwütiger Ticketbesitzer sie daher schließlich doch noch erwartungsgemäß an den Rand ihrer Kapazitäten.

Wie eigentlich üblich für den Auftakt eines solch ausgedehnten Abendprogramms hatten die ganz Pünktlichen noch keinerlei Platzmangel zu beklagen, als VANNA die seit der diesjährigen Tour mit EYES SET TO KILL nicht mehr ganz so fremde Bühne als Erste betraten. Mit dem doch recht wohlgefälligen neuen Langspieler „And they came baring bones“ im Gepäck versuchten die Bostoner Post-Hardcoreler die bei den Münsteranern hinterlassenen Eindrücke um weitere positive auszubauen, wenngleich hierfür zwanzig Minuten nur eine absolut lächerlich winzige Möglichkeit boten. Die Jungs schlugen sich trotzdem wacker – routiniertes Ausratster-Posing konnte erste Nachahmer motivieren, der Sound passte direkt, Davey Muise keifte ganz ordentlich und Gitarrist Evan Pharmakis übertrug den cleanen Gegenpart erstaunlich exakt. Wenn der sich mal nicht einspielen ließ, man hat von solch unehrenhaften Machenschaften ja schon gehört… schade wär’s, denn trotz kurzer Spielzeit und undankbarem ersten Slot formte die Darbietung einen alles in allem vielversprechenden Gesamteindruck.

Thema Spielzeit: Unverschämterweise kamen die direkt im Anschluss spielenden Talentbolzen THE HUMAN ABSTRACT vielleicht so gerade an eine halbe Stunde heran… im Grunde eine Frechheit. Nun muss man aber fairerweise sagen, dass die kalifornischen Virtuosen sich in letzter Zeit nicht gerade als stabil erwiesen haben. Erst entschied sich der charakteristische Nathan Ells nach dem schwachen zweiten Album seine eigenen Wege zu gehen, dann lief auch noch Frickel-Maschine A. J. Minette davon. Nach längerer Pause meldeten sich die Verbliebenen vor wenigen Monaten mit dem deutlich kräftigeren Nachfolger „Digital Veil“ und Neuzugang Travis Richter endlich zurück, der mittlerweile aber auch schon wieder Geschichte ist. Immerhin ist Minette wieder fest im Kader und mit CORELIA-Sänger Ryan Devlin ein vorläufiger Tour-Ersatz gefunden. Der trällert noch einmal locker mehrere Töne höher als Richter, schmetterte das Set der fremden Band aber ziemlich souverän und tänzelte leichtfüßig zwischen clean und brachial keifend die spontan einstudierte Choreographie. So fiel es kaum bis gar nicht ins Gewicht, dass der Gesang nicht absolut zu den exakt gezockten Neulingen, „Complex Terms“ und der fette Titeltrack darunter, und dem einzigen „Nocturne“-Klassiker „Vela, together we await the storm“ passte. Wenn demnächst der wackelige Posten wieder fest besetzt ist, sollten THA doch hoffentlich eine deutlich größere Spielzeit wert sein – mit einem besser auf Prog als auf Breakdowns abgestimmten Publikum.

Davon hatten AS BLOOD RUNS BLACK wiederum mehr als reichlich zu bieten. Die für die abgesprungenen OCEANO nachgerückten Extremcorer hatten sich nach ihrem Szeneintern äußerst gefeierten Debüt „Allegiance“ ebenfalls eine längere Pause gegönnt, diverse Lineup-Schwierigkeiten irgendwie gemeistert und statt neuen ominösen Demos im Netz endlich wieder ein stabiles Gesamtwerk veröffentlicht. „Instinct“ wird den Status seines Vorgängers wahrscheinlich nicht in vollem Maße erreichen, seinem Namen entsprechend führte es die sich stapelnden und wälzenden Individuen dennoch in einen wahnsinnigen Zustand voller Bewegungsdrang und Schweißverlust. Von überall her stiegen sie nun auf die Bühne, gaben der Crew endlich einmal handfeste Arbeit und dem ein oder anderen kleinen Mädchen in der ersten Reihe sicherlich einen ungewollten Tritt. Shouter Sonik Garcia – er hätte sicherlich auch in eine krasse Hip Hop-Crew gepasst – hakte mit einem gewissen Gespür für authentische Unterhaltung natürlich immerzu nach und drehte selbst völlig auf, bis der muntere Kasper in einem übermütigen Moment sogar die eigene Mütze ins Publikum warf. Vom alten Dauerbrenner „In dying days“ bis zum neuen Pflichtstück „Resist“ war der brutale Stimmungs-Overkill somit Standard, nur leider auch hier wieder zu kurz. Mit einem der besten Auftritte des Abends hatten ABRB definitiv mehr als den bloßen Lückenfüller verdient.

Doch bevor man hier noch das musikalische Programm völlig aus den Wogen gerissen hätte, blieb die ursprüngliche Running Order stehen, die nach kräftigen wieder etwas seichtere Klänge auf den Plan rief. Allzu weichgespült schienen THE WORD ALIVE allerdings nicht, als „The Hounds of Anubis“, Opener des ersten und bislang einzigen Albums „Deceiver“, die vierte Runde des Abends einläutete. Die Szenemaschinerie ist an ihrer Bevorzugung keinesfalls ganz unschuldig – gerade mal eine Scheibe auf den Rippen und im Zuge des Elektro-Trends schon jetzt gefragter als manch andere Kollegen, die definitiv ein paar Jahre mehr an Erfahrung vorweisen können. Ebenso hätte aber an gleicher Stelle eine Konserven-Truppe wie die fürchterlichen ATTACK ATTACK! stehen können, und da konnten TWA doch schlicht und einfach mehr bieten – mehr Drive, mehr Energie, mehr Gefühl für zündende Songs. Sehr positiv überraschte dabei der blondsträhnige Shouter „Telle“ Smith, der deathiges Gebrüll und leicht deprimierte Cleanpassagen beeindruckend ausbalancierte, hat man bei anderen Vertretern doch häufig mindestens einen der Bereiche zu bemängeln. Mit VANNA-ähnlichem Stageacting – hier wieder die Parallelen – und mithilfe des wuscheligen Keyboarders mystisch untermalten Kurzreden über Sinn und Zweck des Band-Daseins (ich vermute einen christlichen Antrieb, bislang aber unbestätigt) im Programm konnten sich alle Mann wohl endgültig der Zustimmung des verschnaufenden, aber weiterhin agilen Publikums sicher sein. Und so wird sich sicherlich nach dem abräumenden „2012“ noch der ein oder andere die Jungs aus Arizona auf der Checkliste vermerkt haben – zu recht.

Langsam rückten die größeren Kaliber der Tour in erreichbare Nähe, auch im tatsächlichen Sinne, denn Absperrungen vor der Bühne gab es in der Sputte nicht. Das Konzept DEEZ NUTS, dem quasi Hymnen am laufenden Band entspringen, erhielt unter diesen Umständen natürlich noch einmal einen dicken Schub an Qualität. Mittlerweile sind ihnen die geräumigeren Bühnen auch nicht mehr fremd, doch das Zusammenspiel mit der überkochenden Masse erinnerte weitaus mehr an ein Gefühl von Hardcore, den JJ Peters ja nicht selten auch mal mit klischeehafter Ghetto-Attitüde ausschmückt. Aber zum Feiern eigneten sich „Stay true“, der Dauerbrenner „I hustle everyday“ und „Like there’s no tommorow“ nun einmal hervorragend. Der massive 2Step-Bollerbass war wieder einmal eine wahre Wonne für die Beinmuskulatur, mit lockerem Gehüpfe zeichnete Peters‘ die dazu passende Schrittkombination. Einige wagemutige Nacheiferer verirrten sich dabei länger als nötig auf den Brettern, doch die Bands nahm es allgemein gelassen hin. Vielleicht machten sich hier aber auch erste Anzeichen von Erschöpfung breit, denn allzu enthusiastisch wirkten die Australier an diesem Abend nicht. Dabei hatten sie sogar mehr Zeit zur Verfügung als etwa beim diesjährigen Vainstream, auf dessen Bühne sie sich eindeutig besser verkauft hatten. Mehr als eine unspektakuläre Standardshow konnten sich der mit seiner angeschlagenen Stimme kämpfende ehemalige I KILLED THE PROM QUEEN-Drummer und Gefolge aber nicht abringen – gefeiert wurden sie natürlich trotzdem.

Nicht minder euphorisch wurden die US-Bollerhosen EMMURE, die als einzige der diesjährigen Bands schon Teil des 2010er Programms der NSD!-Tour waren, im zu diesem Zeitpunkt so gut wie vollem Saal empfangen. Zuletzt spielte man vor wenigen Monaten im Skater’s Palace eine massig Zerstörung mit sich bringende, aber aufgrund akuten Platzmangels nicht gerade begeisterte Headliner-Show, die es aus meiner Sicht irgendwie wieder glatt zu bügeln galt. Das altbekannte „Problem“ mit anhänglichen Fans, die glücklich darüber, ein paar kurze Sekunden auf der Bühne verharren zu können, über Boxen, Kopfe und ähnliches nach vorne kletterten und den ohnehin grundsätzlich angepissten Connecticutern ständig auf die Füße traten, bestand gemäß den Umständen natürlich auch an diesem Punkt des Abends, die offensiv und schnell agierende Crew konnte es aber auf ein erträgliches Maß reduzieren. Ohne ernsthafte Störfälle ließ sich das zugunsten des neuen Albums mit reichlich „Speaker of the dead“-Songs gefüllte Set reibungslos herunterbraten, die brodelnde Unruhe auf der Tanzfläche am Leben erhaltend. Löblicherweise ist inmitten des Fäustegewitters auch immer mit melodischen Abstechern in altes Material zu rechnen, meiner Meinung nach könnte das Angebot aber ruhig noch um ein paar Stücke der Sorte „Rusted over wet dreams“ aufgestockt werden. Vielleicht böte sich darin ja ein kleiner Dämpfer für die ganzen Aggros, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit des Nachbars in tollwütige Raserei verfallen. Da Hasspaket Frankie Palmeri aber auch weiterhin nicht als Botschafter für tolerantes Verhalten eintreten wollte, ließ er im Rausch seiner wirklich extrem fiesen Vocals den Wahnsinn gedeihen – und schien, insofern seine distanzierte Art das zulässt, Gefallen daran zu haben. Jedenfalls herrschte auf wie vor der Bühne reger Betrieb, bis zur Krönung das Mikro zum finalen Zerstörer „When keeping it real goes wrong“ im Getümmel verschwand. Mit dieser abgefahrenen Darbietung konnten sich EMMURE frühzeitig und verdient als Gewinner des Abends bestätigen.

Denn den eigentlichen Headlinern standen unerwartet kontraproduktive Umstände bevor. Den anfangs erwarteten Ansturm konnte ich trotz gefüllter Hütte nicht ausmachen, es tat sich eher wenig an der vorherrschenden Situation. Dabei hatten SUICIDE SILENCE doch eindeutig die meisten Shirt-Käufer anwerben können. Nachdem „Wake up“ ordentlich eröffnet hatte und die müden Knochen gleich wieder zu neuen Hochleistungen anspornen konnte, kam der Gig aufgrund technischer Probleme zum abrupten Stillstand. Nach einem kurzen Moment der Verwunderung huschte der Mischer hastig auf der Suche nach dem Urheber über die Bühne, während der in einheitliches Schwarz gehüllte Kreischer Mitch Lucker die peinliche Situation mit Standardfloskeln zu überbrücken versuchte. Als der verschwunden geglaubte Klampfensound endlich wieder zu hören war, wurde einem sogleich eine allgemeine Minderung der Klangqualität bewusst. Gerade das essentielle Gekeife verschwand als kaum differenzierbares Häufchen zwischen der technischen Kampfansage der anderen vier Metallköpfe. Obwohl die optischen Unterschiede gravierend sind, konnte man sich jüngst auf das überraschend Szeneflüchtige Drittwerk „The black crown“ einigen, dessen Präsentation gute zwei bis drei Songs umfasste. Mit dem Erfolg seiner Vorgänger in der Hand konnten sich die US-Deathcorer der kollektiven Befürwortung zumindest sicher sein, zumal ja leider nun auch nicht mehr allzu viel Zeit blieb. Gestärkt mit Whiskey und Jägermeister führte der scheinbar ebenfalls angeschlagene Lucker seine unglückliche Truppe ins letzte Gefecht des Abends, das trotz leicht gekürzter Setlist in vergnügtem Gemetzel endete. Kurz vor Schluss fuhr der Fronter noch einmal dick auf und bat alle Gewillten direkt zu sich auf die Bühne, um gemeinsam den Smasher „No pity for a coward“ zu feiern. Da konnte selbst die rege Security nur noch tatenlos zusehen. So lenkten SUICIDE SILENCE das diesjährige Finale ordnungsgemäß noch vor 12 souverän ins Ziel, unter besseren Umständen wäre da aber auf jeden Fall noch mehr drin gewesen.

Im Großen und Ganzen sollte das Konzept jedoch aus Sicht der Veranstalter aufgegangen sein: die Neueinsteiger hatten Gelegenheit, sich vor gemischtem und internationalem Publikum zu beweisen, während die großen Kollegen für allgemein angemessene, sprich brutal bis weinerliche Unterhaltung sorgten – das Aufgebot des letzten Jahres war allerdings meiner Meinung nach eine deutliche Ecke ansprechender. Unverschämt bleiben die im Rahmen der Never Say Die! Tour knapp bemessenen Spielzeiten, die nicht einer Band in irgendeiner Weise gerecht wurden… nicht einmal der Headliner kam über eine Stunde hinaus. Da frage ich mich doch, ob es, Vielfalt hin oder her, wirklich so ein üppiges Lineup sein muss. Häufig ist weniger eben doch mehr.

Copyright Fotos: Laura Seele

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