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IN EXTREMO – SCHANDMAUL – GRÜSSAUGUST

Ort: Hamburg – Trabrennbahn Bahrenfeld

Datum: 14.08.2011

Es hätte so schön sein können: Ein lauer Abend, Vollmond noch dazu, und ein flotter Mittelalterdreier auf der Hamburger Trabrennbahn, einem prima Open-Air-Gelände mit schöner Atmosphäre und eigentlich auch schönem Rasen. Tja. Wenn da nicht das Hamburger Wetter gewesen wäre. Am Tag zuvor hat es tatsächlich nicht geregnet, aber an so ungefähr allen anderen Tagen der letzten Woche. Und auch heute. Nicht nur der eine oder andere verirrte Schauer, sondern so richtig stramm von vormittags bis zum Konzertbeginn. Und das bedeutet schlicht, dass von dem einst so schönen Gelände jetzt nur noch gut die Hälfte begehbar ist. Mit einem Springbrunnen in der Mitte würde die hübsche Wasserfläche aussehen wie die Binnenalster, aber leider ringelt sich nur der Abpumpschlauch des eilends herbeigerufenen Tankwagens zum Rand.

Das Publikum hat sich darauf eingestellt: Etliche Fans haben auf trendiges Footwear verzichtet und lieber Gummistiefel mitgenommen, und zahlreiche „WOA – Rain or shine“-Regenumhänge zeugen davon, dass das Wetter letztes Wochenende in Wacken auch nicht gerade überragend war. GRÜSSAUGUST, die neue Band der INCHTABOKATABLES-Veteranen Frolln Bartkamm alias B.Breuler und Herr Jany alias Kokolores Mitnichten, hat die etwas undankbare Aufgabe, das nasse Volk in Schwung zu bringen, was nicht so recht gelingen will. Der Mix aus Fiedel und härterem Gitarrensound passt natürlich ohne weiteres zu den beiden Hauptacts, aber damit man den Matsch von unten und das Wasser von oben vergessen würde, bräuchte es eben doch ein paar bekannte Kracher zum Abfeiern, die eine neue Band per definitionem nicht bieten kann, und die Herren müssen sich mit eher höflichem Applaus zufrieden geben.

Anders bei den ersten Helden des Abends. Kaum erklingen die ersten Takte von „Kein Weg zu weit“, da schießen vor der Bühne die ersten Arme in die Höhe, und die Stimmung steigt, obwohl gerade wieder ein heftiger Platzregen über das Gelände niedergeht. Sänger Thomas Lindner kommt gleich mit dem passenden Motto für den Abend: „Ich möchte, dass ihr euch jetzt die Seele aus dem Hals schreit“, ruft er, „und zwar zwei Worte: Arschloch Sommer!“ Keine Frage, da widerspricht ihm keiner. „Bewegt euch, dann wird’s warm!“ Dazu gibt es mit „Auf hoher See“ dann auch gleich den idealen Soundtrack – Balladen haben die Schandmäuler heute Abend schlauerweise nicht im Gepäck. Stattdessen spielen sie zum Tanz auf, mit einem schönen Querschnitt durch die letzten zehn Karrierejahre. Vom neuen Album „Traumtänzer“ sind nur vier Songs dabei, ansonsten gibt es die Greatest Hits, und das kommt hervorragend an. „Teufelsweib“, „Hexeneinmaleins“, „Walpurgisnacht“ – das sind ohnehin Songs, die für die Bühne gemacht sind. Während SCHANDMAUL auf ihren CDs eine zwar leidenschaftliche, aber ja doch sehr saubere Mittelalterwelt präsentieren, rocken sie live wesentlich dreckiger ab, und das kommt gut. Dem Zusammenspiel von Geigerin Anna Katharina Kränzlein und Pfeiferin Birgit Muggenthaler-Schmack zuzusehen, macht besonders viel Spaß, und wenn bei „Lichtblick“ die harten Gitarren den Einsatz vorgeben, dann wird zumindest im vorderen Drittel der Zuschauermenge trotz des butterweichen Bodens ordentlich getanzt. Lindner treibt das weiter auf die Spitze, indem er zum „Partnerschaftstanz“ auffordert: „Nicht wie in der Disse, jeder für sich allein – wir tanzen jetzt Polka!“ Auf der Bühne führen Kränzlein und Muggenthaler-Schmack vor, wie das geht, und tatsächlich pflügen wenig später die ersten Fans durch den Schlamm. „Pakt“, ohnehin einer der herausragenden Titel der letzten Platte, bietet dazu den perfekten Soundtrack, und danach legen Schandmaul mit „Drachentöter“ noch eine Schippe drauf.

Immer wieder bindet Lindner das Publikum in die Show ein: „Wir haben, ohne dass ihr es gemerkt habt, ein paar Dinge mit euch geübt: Wir haben klatschen geübt, wir haben singen geübt, wir haben tanzen geübt … Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob ihr das auch alles gleichzeitig könnt.“ Das hat ein bisschen was von Kindergeburtstag, auch, wenn er die Menge in vier Gruppen einteilt, um anschließend „Bruder Jakob“ als Kanon singen zu lassen. Andererseits macht das warm und trocken, und auch, wenn man nicht der größte SCHANDMAUL-Fan vor dem Herrn ist, wird es so nicht langweilig. Die Dramaturgie stimmt, jedenfalls bis zur Zugabe: Ein Fiedel-Flöte-Mitsing-Kracher folgt auf den nächsten, und „Walpurgisnacht“ ist ein fulminanter Abschluss. Als die Band dann wieder auf die Bühne kommt, ist erst einmal ein bisschen die Luft raus: Lindner und Gitarrist Ducky Duckstein beginnen den „Wandersmann“ als Akustiknummer und machen ein „Battle“ daraus, bei dem jedes Mal von vorn angefangen wird, wenn einer der beiden einen Fehler macht. Hier werden von weiter hinten dann doch die ersten „In Extremo!“-Rufe laut. Aber SCHANDMAUL kriegen die Kurve, als der „Wandersmann“ zum wilden Trinklied mutiert und „Dein Anblick“ die versammelte Fangemeinde zum hymnischen Mitsingen bringt.

Setlist SCHANDMAUL
Kein Weg zu weit
Auf hoher See
Leb
Mitgift
Käpt’n Koma
Assassine
Teufelsweib
Krieger
Lichtblick
Pakt
Drachentöter
Traumtänzer
Hexeneinmaleins
Frei
Walpurgisnacht

Der Wandersmann
Dein Anblick

Als eine knappe halbe Stunde später IN EXTREMO auf die Bühne kommen, ist der größte Teil des Sees in der Geländemitte abgepumpt, die Bäume rund um das Gelände werden stimmungsvoll farbig angestrahlt und die Wolken reißen allmählich auf. „Respekt, dass ihr bei dem Scheißwetter alle hier seid“, begrüßt Das Letzte Einhorn die Hamburger Fans und erklärt: „Eigentlich sollte das Konzert heute Mittag schon gecancelt werden, aber wir haben gesagt, nein, machen wir nicht – wenn wir auf die Bühne gehen, hört es auf zu regnen.“ Tatsächlich gibt es nur noch einen kleinen Schauer, der aber zumindest in unmittelbarer Bühnennähe dank der Pyrotechnik ohnehin verdampft. Für IN EXTREMO ist die Location wie geschaffen: Die sieben Musiker beherrschen die große Bühne mit ihrem Feuerwerk und ihrer spannungsgeladenen Choreografie, bei der sich vor allem die beiden Dudelsackspieler Yellow Pfeiffer und Flex der Biegsame schön in Szene setzen, immer unterstützt vom quirligen Dr. Pymonte, der locker zwischen Hackbrett, Harfe und diversen Flöten und Dudeln wechselt. Die Lutter und Van Lange prägen zwar mit ihren Metalriffs den Sound mindestens ebenso stark, halten sich aber im Hintergrund.

Eine Show wie diese erfordert Proben und Planung, aber IE gelingt das Kunststück, alles, was auf der Bühne passiert, völlig spontan aussehen zu lassen. Das ist zum großen Teil der Verdienst des Letzten Einhorns, der trotz seiner starken körperlichen Präsenz nie zu abgedroschenen Macho-Gesten greift. Er bettet die Songs in lockere Anekdoten ein, in denen es auffällig oft um die Hamburger Kultkneipe Goldener Handschuh geht, und ist enorm gut bei Stimme; mühelos führt er durch alle Mitgrölrefrains und klettert bei „Viva La Vida“, dem Trinkerlied, ebenso mühelos in den tiefsten Growl-Keller. Pfeiffer und Flex versprühen enorme Spielfreude, wenn sie nebeneinander mit ihren Dudelsäcken an den Bühnenrand treten oder mit Dr. Pymonte im Reigen über die Bühne marschieren, und jeder der Sieben vermittelt das Gefühl, dass er mindestens so viel Spaß hat wie die Fans. Auch bei IN EXTREMO geht es um Mitsingen und Abtanzen, aber dazu bedarf es keiner gesonderten Aufforderung. „Sterneneisen“, der Titeltrack des letzten Albums, erweist sich als idealer Opener, „Frei zu sein“, „Erdbeermund“ und „Zigeunerskat“ heizen die Stimmung weiter an, und Dr. Pymonte hat kaum das Harfenintro zu „Vollmond“ gezupft, da singt das Publikum bereits: „Schließ die Augen, glaube mir, wir werden fliegen übers Meer …“, noch bevor das Einhorn überhaupt den Mund aufgemacht hat. Die Songs von „Sterneneisen“ beweisen im Livekontext, dass sie durchaus mit den alten Klassikern mithalten können – vor allem „Siehst du das Licht“ –, obwohl natürlich „Herr Mannelig“ oder „Spielmannsfluch“, untermalt mit gelungenen Pyro-Effekten, deutlich zu den Höhepunkten des Abends zählen.

Der offizielle Set endet mit den „Sterneneisen“-Songs „Unsichtbar“ und „Stalker“ deutlich Metal-betont und mit einem enormen Energieschub, den die erste Zugabe, „Küss mich“, dann aber locker noch einmal übertrifft. Bei „Mein rasend Herz“ und „Omnia Sol Temperat“ ziehen IN EXTREMO noch mal alle Register: Die Feuerstöße schießen in den dunklen Hamburger Nachthimmel, die Lichter zucken über die Bühne, die harten Riffs bereiten den Boden für die hypnotischen, pulsierenden Dudelsackpassagen, und spätestens jetzt wippen auch die letzten schlammgetunkten Zuschauer in den hinteren Bereichen mit den nassen Füßen. Noch einmal werden „Zugabe“-Rufe laut, aber es ist kurz vor zehn, einen Nachschlag lässt das Ordnungsamt nicht zu.

Während die Band sich am Bühnenrand verbeugt, kommt tatsächlich der Vollmond durch die dicken Wolken. Irgendwie hat niemand in den letzten eineinhalb Stunden mehr ans Wetter gedacht.

Setlist IN EXTREMO
Sterneneisen
Frei zu sein
Erdbeermund
Liam
Zigeunerskat
Vollmond
Herr Mannelig
Sængerkrieg
Flaschenpost
Viva La Vida
Hiemali Tempore
Siehst du das Licht
Spielmannsfluch
Unsichtbar
Stalker

Küss mich
Mein rasend Herz
Omnia Sol Temperat

Copyright Fotos: Sandra Dürkop

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