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IN FLAMES – GOJIRA – SONIC SYNDICATE

Ort: Berlin - Columbiahalle

Datum: 25.10.2008

Was ist das eigentlich für ein Riesensauladen? Damals, als wir 12-Jährigen noch zur heimatlichen Dorfdisko unterwegs waren, schienen Öffnungszeiten zur „Unter-Uns“-Sendezeit ja angemessen. Abgesehen davon, dass diese Sendung niemand sehen wollte, hatte man ja auch gar nicht so lange Ausgang und musste seine Zeit nutzen und außerdem lag ein schöner langer freier Nachmittag hinter uns. Doch Zeiten ändern sich, die biologische Uhr tickt. Manche gehen fleißig wie Bienchen jeden Tag auf Arbeit. Doch was ist, wenn sie nach Feierabend noch auf ein Konzert ihrer Lieblingsband wollen? Tja, dann haben sie Pech gehabt. Es regieren die 12-Jährigen!!! Wie kann es denn verdammt noch mal möglich sein, bei einem anstehenden Metalabend die Tore um 18 Uhr zu öffnen und die erste Band bereits 19 Uhr spielen zu lassen??? Ich verweigere die Annahme der Hypothese, dass Schweden so zeitig ins Bett müssen und versuche den Ärger runter zu schlucken. Gott sei Dank, kann sich ein Studium auch in solchen Situationen auszahlen.

Nichts desto trotz – ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben – aber als SONIC SYNDICATE die Bretter zum Beben bringen, ist die Columbiahalle zu Berlin bereits dicke gefüllt. Geprimed von bisherigen Auftritten auf dem WOA & Co. weiß man, was jetzt kommen mag und lässt sich eifrig von der Manie anstecken. Jung wie Blut, aber an den Instrumenten wie ganz Große. Voller Power fegen und springen Schwedens Frischlinge über die Bühne – klar, von der Energie haben sie ja auch reichlich. Die Menge halten sie fest umklammert, so ist bereits jetzt schon eine riesige Stimmung am Start. Emo-Pärchen wackeln händchenhaltend mit Köpfchen und Beinchen, harte Metalheads schwingen die Keulen und ich den Kugelschreiber – so wird jeder inspiriert. Melodic Death Metal/ Metalcore kicks ass! Da geht gar nichts dran vorbei. Besonderer Blickfang sind die zwei energischen schreihalsigen Vokalisten und die süße Bassistin und irgendwie rennt alles ständig umher und verbreitet verdammt gute Laune. Lange Rede, kurzer Sinn: Das dröhnt, das donnert, das haut so derbst aufs Maul – SONIC SYNDICATE, meine Damen und Herren!!! Ab in den prallgefüllten Biergarten! Dort gibt’s auch lecker Grillwurst – typisch Metal eben. Langsam wird es voller in den heiligen Tanzsälen und immer mehr blondhaarige Dreadlockträger schwirren ein. Hmm, also das kann ich mir ja beim besten Willen nicht erklären.

20 Uhr – Zeit für die zweite Vorband, Aufregung darüber siehe oben. Zu Beginn ihres Auftritts können die Franzosen GOJIRA die IN FLAMES–wütige Meute noch nicht so recht begeistern. Die Leiber bleiben steif, die Extremitäten hängen schlaff an ihnen herunter. Im Vergleich mit der vorherigen Band ziehen sie wohl den Kürzeren. Doch nach einigen Songs haben sie sich warm gespielt oder wir uns warmgehört, denn circa nach dem halben Auftritt geht eigentlich ziemlich die Post ab. Nackter brutaler Death-Metal mit forderndem Geshoute und maschinenwehrartigem Gitarren-Geballer. Es beginnt zu gefallen und so langsam zeigen die Fanmassen auch ihre Begeisterung. Ein Mädchen schüttelt ihre Brüste, mein Ohr wird plötzlich warm und so langsam frage ich mich, ob mein liebes Hörorgan dies wohl überstehen wird… Von der Barkeeperin nach der Herkunft gefragt, von der Klofrau angemotzt und von etlichen Männern über den Haufen gerannt – so Leute, ich bin bereit für IN FLAMES!!!

Welch dramatischer Moment – zu klassischer Musik gleitet blaues Licht über den weißen Kabuki, der die gesamte Bühne verdeckt. Doch plötzlich…!!! Die Sitzmetaller erheben sich und das Volk bricht von einer Sekunde auf die Nächste in schallendes Getose aus – hä? Is’ doch gar nix… was war denn in der Wurst? Dieses Ereignis sollte sich noch zwei weitere Male wiederholen (inklusive Gebange und Stagediving, was ohne Musik bekanntlich am meisten Spaß macht), bis die IN FLAMES Kombo dann doch Mitleid mit dem halluzinierenden Volk hat… Es ist Punkt 21 Uhr – Zeit für den Hauptact an einem Samstag(!!!), zur Aufregung siehe oben. Die Musiker betreten die Bühne, die ersten Töne zu „The Chosen Pessimist“ erklingen – doch der Vorhang bleibt. Sänger Anders betritt das Holz und präsentiert schaurigschön den ersten Teil des Stückes – und der Vorhang bleibt… bis zum härteren Teil des Songs. Der Vorhang fällt und die Fesseln der Fans beginnen zu reißen. Es ist wie auf einem Abenteuerspielplatz. So haltet eure Handtaschen fest und rette sich, wer kann!!! Die Verstärker werden gefühltermaßen bis ultimo aufgedreht um der Schreifreude der Fans auch irgendwie ansatzweise gerecht zu werden. „How are you Berlin???“ begrüßt Frontmann Anders. Berlin ist der letzte Stop auf dem Weg nach Hause ins heimatliche Schweden. So werden sie uns erinnern? Na, wir geben auf jeden Fall unser Bestes. Ach und siehe da, bereits kurz nach Beginn muss der Notarzt den ersten Fan versorgen – wow, hier geht’s ja echt zur Sache. Zu Beginn der Setlist widmen wir uns den neuen Stücken der „Sense Of Purpose“ – Platte, die die Haarwurzel locker wie alte Klassiker zum Schwingen bringen. So fetzen Songs wie „The Mirror’s Truth“ oder „I’m The Highway“ die Hallen auseinander mit den röhrenden Leadgitarren, den wuchtigen maschinengewehrartigen Rhythmus und dem treibenden Shouts. Anders schüttelt seine Dreadlocks – der Saal tut es ihm gleich. Die Windmaschine tut ihr übriges und lässt die Haare von Gitarrist Jesper dramatisch im Wind spielen.

Pünktlich zu „Vanishing Light“ werden wir erleuchtet. Die LED-Wand flackert in kunterbunten Farben und wirft uns in den schönsten Wellenlängen den IN FLAMES-Schriftzug an die Stirn. Während die Meute zu dem bahnbrechenden „The Hive“ abhottet, ist es lufttechnisch vor der Bühne einfach nicht mehr auszuhalten. So verzieh ich mich mit Tine zu den obigen Balkonen auf denen ein frisches Lüftchen weht und eigentlich alles viel angenehmer ist. Von dem grandiosen Ausblick auf die Bühne vermag ich gar nicht zu reden. Erst hier oben bekommt man den Hauch einer Ahnung, was IN FLAMES eigentlich für eine Wirkung auf ihre Fans haben. Die Leute pogen sich den Arsch ab. Nichts was nicht niet- und nagelsicher ist, bleibt unbewegt. Zu betonen ist an dieser Stelle auch der neue Song „Alias“ bei dem die Lyrics des Refrains über die Leinwand laufen – Gänsehaut befällt meinen Körper. Anders fragt ob es eigentlich immer so ist?! Er müsse wohl in der falschen Stadt leben. Ganz recht, Berlin weiß seine Fans zu huldigen. Aber wie sollte es auch anders sein. Bei ordentlich bangenden Krachern wie „Pinball Map“ oder „The Jester Race“ aus Melo-Death-Zeiten, wird sich ordentlich das Hirn rausgedroschen, während Anders seine Dreadies durch die Gegend rotiert. Das Publikum verlangt nach Wall of Deaths und bezwingt einen Moshpit nach dem anderen. Und endlich kommt, worauf wir gewartet haben. Zu „Cloud Connected“ thront Anders wie ein Erhabener auf der Treppe hinter ihm während die anderen schnell im stillen Kämmerlein nach Luft schnappen. Wie ein König kniet er vor seinem Volk und ich frag mich wer hier eigentlich wen nach mehr anfleht. Und genau so kann man es fortsetzen. Die Fans huldigen Anders, während dieser eine Kombi aus neuen und alten Stücken wie „Insipid 2000“, „Come Clarity“, „Delight & Angers“ aus den Kanonen donnert. Zwischendurch immer mal wieder kleine lustige Geschichten zur Auflockerung, wie z.B. das Beschuldigen der Fans als Lügner, dass Tourbus fahren nervt, über das Erscheinen der neuen GUNS ’N’ ROSES Platte, dass Burgerking die Besten sind und wir das Saufen nicht vergessen sollen. Das Volk ergötzt sich, fällt fast von der Brüstung bzw. macht vor der Bühne ordentlich Remmi Demmi. Den krönenden Abschluss bilden noch einige Klassiker wie das grandiose „The Quiet Place“, das geniale „Trigger“ und das dreadiwackelnde „Take This Life”. So schnell hab ich allerdings kaum eine Band von der Bühne entwischen sehen. Die Zugabe-Rufe werden ignoriert und verhallen ziemlich schnell auch wieder. Scheint als hätten die Jungens noch was vor. Klar, es ist auch gerade mal 23 Uhr und das zum Samstag Abend. So machen wir uns also unserer Meinung nach viel zu früh auf dem Weg zum Auto und sagen danke – tack. Bis zum nächsten Mal und auf zum Ohrenarzt…

Copyright Fotos: Fototine

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