Ort: Osnabrück – OsnabrückHalle
Datum: 21.01.2024
2014 war INA MÜLLER zuletzt live in Osnabrück. Sage und schreibe zehn Jahre mussten die Fans warten, bis die sympathische Sabbeltasche erneut an die Hase kam. Ende 2020 erschien Inas Gold-Album „55“, das sie 2022/2023 mit über 50 Konzerten in ganz Deutschland präsentiert hatte, jedoch ohne einen Stopp in der niedersächsischen Friedensstadt einzulegen. Jetzt ist die Entertainerin auf „Zugabe“-Tour und hat den ausverkauften Europa-Saal der OsnabrückHalle gleich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zum Toben gebracht.
Mit einem „Na, Osnabrück?“ begrüßte INA MÜLLER am Sonntagabend pünktlich um 19 Uhr ihre überwiegend weiblichen Fans, denen sich aber auch eine erkleckliche Anzahl Männer angeschlossen hatte. Ob die Herren alle freiwillig vor Ort oder von ihren Frauen als Fahrer zwangsverpflichtet worden waren, blieb im Dunklen, auf jeden Fall schoss die wortgewandte Sängerin, Moderatorin, Autorin und Kabarettistin so manchen Pfeil in Richtung des vermeidlich starken Geschlechts ab. Schließlich hat sie gerade den Ratgeber „Der Mann – die Sackgasse“ gelesen und weiß deshalb (und aus eigener Erfahrung) genau, wo die Schwierigkeiten zwischen Mann und Frau liegen und wie sich eine Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt. So nahm sie gleich nach dem tollen Eröffnungssong „Ich halt die Luft an“ vom bereits erwähnten aktuellen Silberling ein Bad in der Menge, klärte das Auditorium über die häufigsten Scheidungsgründe auf, fragte ab, wer schon mal fremdgegangen war und wunderte sich über die „Dicker-Bauch-dünne-Ärmchen-und-Beinchen-Physiognomie des in die Jahre gekommenen Mannes. Dabei hat das Altern durchaus auch Vorteile, wie der weißblonde Wirbelwind mit „Lieber Orangenhaut“ rhythmusbetont unterstrich. Bei der Gelegenheit stellte sie auch gleich einmal fest, dass sie ja auch zur Boomer-Generation irgendwo ‚zwischen gepflegt aussehen und gepflegt werden‘ gehöre. Und mit dem gepflegten Aussehen war sie auch schon bei ihrer Nahtod-Erfahrung, die sie beim Waxing hatte und mit deren Schilderung sie den Anwesenden die Lachtränen in die Augen trieb. Das nachfolgende „Rauchen“ war dann eine eher sentimentale Rückschau, die Ina gemeinsam mit ihren Backgroundsängerinnen Sarajane McMinn und Ulla Ihm auf der Treppe sitzend absolvierte. Außerdem gönnte sie sich bei dieser Gelegenheit die teuerste Zigarette des Tages, denn das Anstecken des Glimmstengels wurde von gleich fünf Feuerwehrleuten im Off beobachtet. Ob Frau Müller wohl mit ihrer Unterkunft in Osnabrück zufrieden war? Von Designhotels ohne Heizkörper zum Trocknen des Lieblingsschlüppers und mit Regenduschen, bei denen sie sich zum Rudelduschen mit Sarajane und Ulla treffen muss, um Wasser an alle Körperteile zu bekommen (es wurde sogleich auch vermittels Handstands mit Hilfestellung der beiden Vokalistinnen gezeigt, wie man sich dieses Rudelduschen vorstellen darf), hält die 58-jährige eindeutig nichts und im Übrigen ist sie auch die Einzige, die überhaupt noch Auto fahren kann. Den leidigen und in Hotels manchmal etwas speckigen Duschvorhang vermisst sie aus gutem Grund nicht und hinsichtlich der heimischen Glasduschwand hat sie entschieden, gemeinsam mit dieser zu verkalken und nicht würdelos nackt mit einem Gummiabzieher zu hantieren. „Kämpfen gegen den Verschleiß“ war dann auch das Motiv beim sich anschließenden „Laufen“. Im Hintergrund gab es auf den großen Videoleinwänden bei dieser Gelegenheit einen Herrn zu sehen, der sich redlich mühte, seinen Körper in Shape zu bringen und überhaupt wurde die Show optisch auf das Feinste durch eine opulente Licht- und Videoshow unterstützt und musikalisch waren INA MÜLLER und ihre Begleitband bestehend aus den beiden Gitarristen Hardy Kayser und einem mir unbekannten Neuzugang, Tastenmann Kai Fischer, Bassist Dirk Ritz, Drummer Marco Möller sowie den beiden Sängerinnen eh über jeden Zweifel erhaben. Das bewiesen die Damen und Herren auch umgehend bei „Fast hält länger als fest“, das bei aller Melancholie auch jede Menge Groove mitbrachte. Für „Wie Heroin“ nahm die Müllerin auf einem Barhocker Platz, um sich auf besonders feine Weise und mit Bläsern im Hintergrund über die Wirkung von Zucker auszulassen. Welche heilsame Wirkung „Schuhe“ haben, unterstrich die nächste, sehr coole Nummer, die von den drei Mädels gemeinsam performt wurde. Nachdenklich ging’s mit „Wenn der liebe Gott will“ weiter, bevor die „Fünf Schwestern“ zurück nach Köhlen im Landkreis Cuxhaven reisten, denn in diesem Dorf ist INA MÜLLER mit vier Schwestern auf einem Bauernhof aufgewachsen und wusste schon mit zwei Jahren im Laufgitter stehend, dass sie aus dieser langweiligen Ecke mal abhauen würde. Der Song war jedoch alles andere als langweilig und animierte Ina zu einem Tänzchen mit Andreas aus dem Publikum, während die übrigen Zuschauer:innen den Gesang übernahmen. Ihrer Mutter war das auf Plattdeutsch vorgetragene „Mama“ gewidmet und für diese wunderschöne Ballade wurde eigens ein roter Flügel auf die Bühne gerollt. Zu ihr gesellten sich für „Wohnung gucken“ auch Ulla und Sarajane, während Kai in die Tasten haute. Zuvor hatte Ina sich mit ihren beiden Sidekicks übers Mutterwerden und -sein unterhalten und entschieden, dass sie sich damit noch ein bisschen Zeit lassen wolle. Ob es wohl bei den Indios wirklich den Brauch gibt, dass den Männern ein Bindfaden um die Hoden gewickelt wird und die Gebärende kann an der Schnur ziehen, wenn sie in heftigen Wehen steckt? Zumindest sorgte die Vorstellung im Saal für große Heiterkeit, ebenso wie Inas Schilderungen vom ersten Frauenarztbesuch und der Spirale, mit der man auch NDR2 empfangen konnte, wenn der Wind passend stand. Und schon war „Das erste halbe Mal“ Thema – inklusive analogem Tindern in der Großraumdisco. Inas Beschreibung des dortigen Toilettenganges werden viele Frauen innerlich nickend zugestimmt haben – brüllend komisch war sie allemal! Und merke: Betrunken flirten ist wie hungrig einkaufen zu gehen – man kommt mit Sachen nach Hause, die keiner braucht! Spannend waren auch die Jugendfotos der acht Protagonist:innen des Abends, die während des Songs über die großen Leinwände flimmerten – man kann den Musiker:innen durchaus bescheinigen, dass sie mit zunehmendem Alter nicht an Attraktivität verloren haben. Und dann sind ja diese vielen Fehler, die man in jungen Jahren womöglich mal gemacht hat: „So was passiert mir heut‘ nicht mehr“ ist sich Frau Müller sicher und läutet mit dem kraftvollen Endspurt des Liedes das fulminante Finale des Konzertes ein. Für „Drei Männer her“ rief sie ihre Fans nach vorn und zum Tanzen auf und tatsächlich folgten viele diesem Ruf und sowieso hielt es niemanden mehr auf dem Stuhl als diese Hymne an die Freundschaft erklang.
Nach gut zwei Stunden endete hier das reguläre Set, doch die Truppe kehrte noch einmal für zwei Stücke zurück und erntete auch für das rockige „Wenn du nicht da bist“ und die Closing-Version von „Ich halt die Luft an“ reichlich verdienten Applaus. INA MÜLLER weiß einfach ihre Zuhörerschaft zu unterhalten! Singen kann sie, sabbeln auch, das Saufen hebt sie sich vielleicht für den kleinen Schellfischposten und „Inas Nacht“ auf, aber ihre Bühnenpräsenz und Nähe zum Publikum ist auch in der großen Halle allgegenwärtig und so hat sie ihren Fans einen wunderbaren Sonntagabend beschert, der ob des frühen Starts bereits um 21.15 Uhr endete, sodass zuhause nicht gleich das Bett rief, sondern man die vergangenen 135 Minuten noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen konnte. Ina sprach davon, am liebsten schon um 16 Uhr anzufangen, weil sie dann ihr Leistungshoch hat; in der Woche vielleicht für die berufstätige Bevölkerung problematisch, aber 19 Uhr war wirklich eine gute Zeit, mal ganz davon abgesehen, dass die Show auch inhaltlich absolut keine Wünsche übrigließ. INA MÜLLER sollte nur nicht wieder zehn Jahre ins Land ziehen lassen, bis sie erneut in Osnabrück gastiert.
Setlist
- Ich halt die Luft an
- Lieber Orangenhaut
- Rauchen
- Laufen
- Fast hält länger als fest
- Wie Heroin
- Schuhe
- Wenn der liebe Gott will
- Fünf Schwestern
- Mama
- Wohnung gucken
- Das erste halbe Mal
- So was passiert mir heut‘ nicht mehr
- Drei Männer her
- Wenn du nicht da bist
- Ich halt die Luft an
Copyright Fotos: Sandra Ludewig

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