Konzert Filter

INA MÜLLER – POHLMANN

Ort: Hannover – Gilde Parkbühne

Datum: 19.07.2010

„Ina singt und schnackt op platt“ heißt es in diesem Sommer in verschiedenen norddeutschen Open-Air-Locations, die übrigens allesamt komplett ausverkauft sind. So auch in Hannover, wo immerhin 5.000 INA-MÜLLER-Fans bei bestem Wetter auf die Bauerntochter aus Köhlen im Landkreis Cuxhaven warteten. Ob das gemischte Ü-30-Publikum allerdings ahnte, worauf es sich bei dieser „fremdsprachlichen“ Veranstaltung eingelassen hatte, wussten weder die quirlige Hauptprotagonistin des Abends noch ihr unvermuteter Support, der gegen 19.35 Uhr die Stage betrat.

Die gute Ina zog das mit dem Platt schnacken nämlich wirklich fast komplett durch, auch wenn etwa ein Drittel der Zuschauer per Handzeichen signalisierten, dieser Mundart nicht mächtig zu sein. Damit waren sie in guter Gesellschaft, denn auch Ingo POHLMANN ist das norddeutsche Idiom völlig fremd, weshalb er auch beim vertrauten Hochdeutsch blieb und mit meiner Ankunft an der Gilde Parkbühne zur Akustikgitarre „Wenn jetzt Sommer wär“ spielte. Den Konjunktiv brauchte es zwar bei Temperaturen deutlich jenseits der 20°C-Marke nicht, aber das Stück vom 2006er Debüt „Zwischen Heimweh und Fernsucht“ animierte das Auditorium zumindest in Teilen schon einmal zum Mitsingen und auch beim finalen „Der Junge ist verliebt“ vom selben Silberling unterstützten die Hannoveraner den groovigen Sound vermittels Handclaps, auch wenn dem gebürtigen Ostwestfalen so recht keiner helfen konnte, wie der Songtitel wohl auf platt hieße (im Osnabrücker Land würde mal „De Junge is verleeft“ sagen). Da tat der guten Stimmung jedoch keinen Abbruch; schade nur, dass nicht alle den 38-jährigen Singer-Songwriter, den sich INA MÜLLER bereits in der Vergangenheit in ihren Late Night Talk „Inas Nacht“ eingeladen hatte, und seine Cello-Begleitung Hagen Kurt zu so früher Stunde erleben konnten.

Dafür war’s ein netter Zeitvertreib bis um 20.00 Uhr die siebenköpfige INA-MÜLLER-Band auf der Bühne Stellung bezog und der „Dörp Reggae“ angestimmt wurde. Ina (angetan mit einem Oberteil in Zebraoptik, schwarzer Pluderhose und mörderisch hohen Highheel-Sandalen) hatte ihre Fans natürlich von der ersten Minute an im Griff und begann auch bald, mit der Graben-Security zu flirten, wobei sie besonders den Olli ins Herz geschlossen hatte. Dieser wurde im Laufe des Abends immer wieder ins Geschehen einbezogen, erst recht als die bald 45-jährige wusste, dass er a) unverheiratet war, b) seine Kollegin Irene nichts von ihm wollte und er c) als Chef der Truppe fungierte. Zunächst setzte sich der Wirbelwind mit dem frechen Mundwerk jedoch an den mitgebrachten Tisch und erzählte von der Kindheit auf dem Dorf und dem Leben mit vier Schwestern auf einem Bauernhof. Im Laufstall („Landkinder aus Bodenhaltung“) auf der Weide war es wohl so langweilig, dass Ina bereits mit zwei Jahren Plattfüße vom Rumstehen hatte und ein ausgeprägtes Marlboro-Feeling entwickelte, das sie hinaus in die Welt zog, nachdem sie die uncoole Zeit der Pubertät mit der zu diesem Zeitpunkt verhassten plattdeutschen Sprache hinter sich gelassen hatte. Dazu gab’s spaßige Bauernregeln wie „Kotzt der Bauer über’n Trecker, war das Frühstück nicht so lecker“ (übersetzte Version) und natürlich jede Menge Musik. So wie das gefühlvolle „Mama“ und das eindringliche „Nees im Wind“. Die Beschreibung der Abläufe bei Müllerschen Hausschlachtungen (nach eigenem Bekunden gehört Frau Müller sogar noch der Generation Hausschlachtung an) mag insbesondere bei der Rezeptur der Blutsuppe nicht nach jedermanns Gusto gewesen sein, mich erinnerte sie jedoch an die eigene Blutwurstherstellung, denn die Biografien von INA MÜLLER und mir ähneln sich in der Weise, dass auch ich meine Kindheit mit einem Haufen Geschwistern auf einem norddeutschen Bauernhof verbracht habe. Allerdings kann ich im Gegensatz zu der Wahlhamburgern überhaupt nicht singen, weshalb ich auch nur darüber schreibe, dass Ina zum beschwingten „Buten Kluten“ wieder ihr kratziges Organ erschallen ließ und somit zur Melodie von „What’s Up“ von den 4 NON BLONDES die Parkbühne in Bewegung versetzte. Dazu wechselte der Pianist ans Schifferklavier und Gitarrist Hardy Kayser an die Mandoline, ehe mit dem wunderbaren „De Klook is dree“ mein persönlicher Favorit der letztjährigen Veröffentlichung „Die Schallplatte – nied opleggt“ kam. Das es in Zeiten der künstlichen Besamung auf dem Lande nicht mehr reicht, die Kinder vermittels Tierwelt aufzuklären, wusste Frau Müller anschaulich zu berichten und auch ein kleines Großstadt-Land-Wörterbuch hielt sie für ihre Zuschauer parat. Was in den Metropolen das Komasaufen ist, läuft in ländlichen Gegenden nach ihrem Verständnis unter „Vorglühen“, während dort Gülle vergleichbar ist mit dem städtischen Red Bull. Bäuerliche Männerselbsthilfegruppen treffen sich demzufolge nicht in Seminarräumen, sondern an der Dielentür, um dort eine zu schmöken und die nicht immer erfolgreiche Behandlung kranker Kühe zu bekakeln, während die Töchter sich um die Arbeit im methangasverseuchten Kuhstall kümmern. Weshalb es auf dem Hofe Müller nur Mädchen gab, wusste der Opa der kleinen Ina absolut schlüssig zu erklären (bei den dummen Babys fällt der Schniepel ab) und wenn das ehemalige QUEEN-BEE-Member gewusst hätte, dass Säuglinge einen „Wäscheleinenreflex“ haben und problemlos über Stunden aufgehängt werden können, dann wäre sie auch eine gute Mutter geworden. Jetzt singt sie stattdessen sehr zu meiner Freude Songs wie das locker-flockige „Dat wer Mai“. Zwischendurch hatte INA MÜLLER auch immer wieder ein Einsehen mit ihrer der Sprache unkundigen Zuhörerschaft (und natürlich Security-Olli), weshalb sie mit dem rhythmusbetonten „Mark“ und dem tollen „Drei Männer her“ vom 2008er „Liebe macht taub“ sowie dem flotten „Lieber Orangenhaut“ und ihrem ersten Erfolg „Bye, bye Arschgeweih“ des „Weiblich, ledig, 40“-Albums aus 2006 ins Hochdeutsche wechselte. So verging der Abend mit dem NDR-Zugpferd wie im Fluge und natürlich wurde auch Inas Wunsch nach einem Bier durch das Publikum umgehend erfüllt. Es gab sogar zwei Gerstenkaltschalen, von denen sie jeweils einen kräftigen Schluck nahm. Immerhin ist bei ihr noch alles stramm genug, wie sie auch musikalisch untermalt mitteilte, ob sie aber wirklich die plattdeutsche Diät („di iät ik, di iät ik und di iät ik auk“) einhält, wage ich bei der Figur mal zu bezweifeln.

Beendet wurde der absolut unterhaltsame Ausflug in sprachliche Untiefen um kurz nach 22.00 Uhr mit Inas Lieblingssong (nachdem sie bereits ihre Lieblingswitze zum besten gegeben hatte) in ihrer mundartlichen Version von „Knockin’ On Heaven’s Door“, das bei der sympathischen Kodderschnauze auf den Namen „Lockiget Hoor“ hört und Inas Vorliebe für Männer mit vollem, lockigen Haar thematisiert. Bevor es im Tourbus den von den Backgroundsängerinnen Ulla und Sarah-Jane angekündigten Alkohol in Massen geben konnte, belohnte Hannover INA MÜLLER mit absolut verdientem Applaus und für mich war einmal mehr klar, dass die gelernte PTA zu den vielseitigsten Sängerinnen und Entertainerinnen zählt, die es dieser Tage hierzulande gibt. Danke für den schönen Abend gerade an diesem Montag, liebe Ina und schon mal alles Gute zu Deinen 45. Geburtstag, den du am kommenden Sonntag mit deinen Fans beim Tour-Abschlusskonzert im Hamburger Stadtpark feierst!

Copyright Fotos: Holger Bücker

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu INA MÜLLER auf terrorverlag.com

Mehr zu POHLMANN auf terrorverlag.com