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JAMES BLUNT – JUKEBOX THE GHOST

Ort: Halle – Gerry-Weber-Stadion

Datum: 08.10.2011

„Was, du gehst zu JAMES BLUNT? Das ist doch Musik für Weicheier“. So oder ähnlich wurde der Schreiber verbal angegangen, als er von seinem neuesten Ausflugsziel berichtete. Es sollte anders kommen, doch der Reihe nach. An diesem nass-kalten Samstagabend machten wir uns auf zum Gerry Weber Stadion, das bekanntermaßen Heimstatt für viele interessante Events von Sport bis Kultur ist. Mit uns vor Ort ca. 3000 Besucher, darunter sehr viele Frauen, darunter viele Engländer, beides erwartungsgemäß bei dem Künstler. Überraschend war die Tatsache, dass auch der komplette Innenraum bestuhlt war, was sich im Nachhinein als eher unnötig herausstellte bei den gebotenen Klängen.

Den Abend eröffnete das amerikanische Trio JUKEBOX THE GHOST (eine lyrische Kombination aus Captain Beefheart und Nabokov), das 2003 noch unter dem Namen THE SUNDAY MAIL ins Leben gerufen worden war und bereits 2 Alben ihr Eigen nennt, mir allerdings beide unbekannt. Die Herren machten einen studentischen und leicht nerdigen Eindruck, was ich hier eindeutig positiv verstanden wissen will. Schwieriger wird es da schon bei der Genre-Einordnung, ich würde es mit Indie Prog Pop versuchen, der Elemente aus den 60ern, 70ern und 80ern enthält. Teilweise erinnerten mich die verspielten Sounds an die „großen“ SUPERTRAMP, insbesondere was die Gesangsleistung der Herren Thornewill und Siegel angeht, die sich die Aufgabe am Mikro teilten, während Schlagzeuger Jessie nebenbei mit Rassel und Schellenkranz agierte. Die Zuschauerschaft, die nach und nach eintrudelte, reagierte freundlich aber eher verhalten, was angesichts der nicht sofort eingängigen Kompositionen verständlich war. Ein Auftritt im Kamp oder Forum würde den „Geistern“ sicher besser zu Gesicht stehen, Kompliment aber für Herrn Blunt, so einen qualitativ guten Act mit auf Tour zu nehmen. Sehr witzig die schrägen Bewegungen von Ben, dem Mann am Klavier, putzig auch die Ansagen, wo Deutschlands grüne Landschaften gelobt wurden, selbst der Innenraum im Gerry Weber wäre ja grün, was man nun aber aufgrund der Dunkelheit ja nicht sehen würde. Die allermeisten Titel stammten vom aktuellen Werk „Everything under the sun“, so etwa die Single „Schizophrenia“, kurz vor Ende wurde aber auch eine Cover Version angekündigt, dafür ist das Trio seit geraumer Zeit bekannt. Es „erwischte“ dieses Mal ein One Hit Wonder aus dem Jahre 1996, das damals Platz 2 in den Billboard Charts erreichen konnte. „I love you alway forever“, nach längerem Grübeln kam mir auch wieder der Name der Interpretin DONNA LEWIS in den Sinn. Ein sehr unterhaltsamer Auftritt einer eigenwilligen Formation, die vielleicht an diesem Abend nur etwas fehlbesetzt war.

Setlist JUKEBOX THE GHOST
Schizophrenia
Half Crazy
Hold It In
Empire
So Let Us Create
Interlude/ The Stars
Summer Sun
I Love You Always Forever (DONNA LEWIS-Cover)
Good Day

Dann aber konnte man die Vorfreude auf den Hauptact förmlich spüren. JAMES BLUNT, der in seiner Vita auf eine militärische Phase nebst Kosovo-Einsatz sowie eine 10-jährige Lebenszeit in Soest zurückblicken kann, hat seinem kometenhaften Aufstieg zweifelsohne dem Schmachtfetzen „You’re beautiful“ zu verdanken, doch der Brite hat noch mehr zu bieten als kitschiges Gesäusel. 3 Alben, die allesamt die vordersten Plätze der Charts beleg(t)en, zeugen von einer durchaus vorhandenen musikalischen Vielfältigkeit. Die Spiele konnten also beginnen, die Fotographen nahmen im Mittelgang Aufstellung und dann… brach urplötzlich die „Hölle“ los! Kaum ward das Licht erloschen, stürmten Frauen/ Mädchen aller Altersgruppen mit gezückten Handys los und umzingelten die mehr oder weniger professionellen Kameraristen, die kaum wussten, wie ihnen geschah. Und als man gerade im Begriff war, sich zu „befreien“, wurde auch noch klar, dass James von hinten aus dem Saal nach vorne stürmte, was das Chaos dann formvollendete. Dieser Mann hat offensichtlich keine Angst vor Fan-Nähe, freundlich und unprätentiös klatschte er seine Anhänger ab, auch optisch mit Jeans und Shirt eher der Kumpel von nebenan als glamouröser Star. Witzigerweise erinnerte mich der Herr immer wieder an einen jungen UDO JÜRGENS, vor allem wenn er das Klavier zur Rechten bediente. Aber natürlich war er nicht allein auf der Bühne, 5 weitere Herren unterstützen ihn in klassischer Rockbesetzung, Lob auch für den Sound, der glasklar und vor allem nicht übersteuert für ein erstklassiges Klangerlebnis sorgte. Die stimmungsvoll inszenierten Moodlights nicht zu vergessen, die den jeweiligen Song in bestes Licht tauchten.

Schon mit den eröffnenden Titeln „So far gone“ und „Dangerous“ wurde klar, dass man dieses Konzert kaum sitzend würde durchziehen können. Zu viele sprangen mit den ersten Tönen auf, klatschten, tanzten, sangen mit. Zumindest auf der rechten Seite des Innenraums, links blieb es zunächst eher ruhig, was James dann auch mit ein paar witzigen Kommentaren versah. Links säßen wohl eher die älteren Fans, er könne das verstehen, da er ja auch schon zum alten Eisen gehöre und Make Up verwende. Außerdem habe man ja für die Stühle bezahlt, dann müsse man sie auch bitteschön benutzen. Bei den „soften Songs, von denen er ja ein paar habe“, sollten sie ruhig sitzen bleiben, ansonsten würde er es begrüßen, wenn auch die linke Seite dem Beispiel ihrer Gegenüber folgen würden. Sehr sympathisch der Mann, der hin und wieder auch ein paar deutsche Brocken einwarf, angeblich beherrscht er neben „Danke“ und „Vielen Dank“ noch das wichtige Wort „Käsekuchen“. Nach einigen flotteren Stücken setzte er sich zu „I’ll take everything“ das erste Mal ans Piano, was einen ruhigeren Block einläutete, der seinen Höhepunkt natürlich bei „Goodbye my lover“ fand, aus vielen weiblichen Kehlen mitgesungen. Der Multiinstrumentalist agierte auch an der Klampfe, wenn er nicht gerade inbrünstig seine Emotionen verarbeitete. Dieser Mann LEBT seine Songs, und das recht glaubhaft. Nach dem obligatorischen „beautifulen“ Superhit wurde es dann gegen Ende des regulären Sets noch mal richtig rockig, bratende Gitarren und Power ohne Ende. Respekt, das hatte ich so nicht erwartet. Ebenso wenig wie die Einlage, zuguterletzt haufenweise Fans auf die Bühne zu holen. Die Mädels schienen begeistert die Nähe zu IHREM Star zu genießen. Entsprechend auch der frenetische Jubel nach Beendigung des Hauptteils!

Natürlich konnte es das nicht gewesen sein, 2 weitere Songs standen noch auf dem Programm, die von dem Barden auch dazu genutzt wurden, sein sehr gutes musikalisches Personal namentlich vorzustellen. Man hätte gerne noch mehr gehört, doch die Besucher wurden in die kalte ostwestfälische Nacht entlassen. JAMES BLUNT dürfte die Allermeisten mit seiner Musik (und einige auch mit seiner Optik) zufriedengestellt haben und wir durften feststellen, dass seine (Live-)Sounds auf jeden Fall „terror-kompatibel“ ausfallen. Nächstes Mal dann bitte komplett ohne Bestuhlung – auf beiden Seiten!

Setlist JAMES BLUNT
So Far Gone
Dangerous
Billy
Wisemen
Carry You Home
These are The Words
I’ll take Everything
Out Of My Mind
Goodbye My Lover
High
Same Mistake
If Time Is All I Have
Turn Me On
Superstar
You’re Beautiful
So Long Jimmy
I’ll Be Your Man

Stay The Night
1973

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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