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JAN PLEWKA singt RIO REISER

Ort: Bielefeld - Stadttheater

Datum: 11.10.2007

RIO REISER kann wohl mit Recht als eine der wenigen Deutschen Sangeslegenden angeführt werden. Wie der innerlich Zerrissene Poesie, Aggressivität und politische Messages miteinander verband, sucht heutzutage seinesgleichen. Kein Wunder, dass nach seinem viel zu frühen Ableben 1996 immer wieder versucht wird, sein musikalisches Erbe zu konservieren. Siehe etwa FLUT – IN MEMORIAM RIO REISER oder die TON STEINE SCHERBEN FAMILY. Mit letzteren in enger Verbindung steht auch Jan Plewka, selbst als Mitglied/ Antriebsmotor von SELIG, ZINOBA oder TEMPEAU einer der führenden Köpfe in Deutschlands Indieszene. Nachdem er kürzlich in dem biographisch gefärbten Streifen “Alles Lüge – Auf der Suche nach Rio Reiser” eben jenen zu porträtieren suchte, macht er auch auf der Bühne seit geraumer Zeit mit einer Art Hommage von sich reden. Zusammen mit der SCHWARZ-ROTEn HEILSARMEE bringt er eine Auswahl bedeutender Stücke aus Rios Feder zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Dabei versucht er den Gestus des Originals einzufangen, ohne als bloße Kopie zu (ver)enden. Dass seine Stimme diesem Vorhaben in jeder Hinsicht gewachsen ist, braucht dem Musikkenner nicht extra vermittelt werden. So fanden wir uns also an diesem kalten Oktober Abend in ungewohntem Ambiente zwischen Bildungsbürgern, Studenten und Alt 68ern ein (Vorsicht: Überspitzung!), um der dem Hörensagen nach ungemein intensiven Darbietung zu harren. Wir sollten nicht enttäuscht werden!

Gegen 20 30 Uhr, eine halbe Stunde später als angekündigt (die Zuschauer mussten erst alle untergebracht werden), wurde es dunkel im stimmungsvollen Auditorium und Plewka intonierte passenderweise aus dem Off den Titel „Stiller Raum“. Jetzt wurde auch deutlich, warum eine Theaterbühne in diesem Falle wohl der bessere Ort denn eine verrauchte Konzertstätte war. Aufmerksam und konzentriert folgte das Publikum der Darbietung von Sekunde 1 an. Dafür gab es allerdings auch keine überbordenden Emotionen VOR der Bühne. Auf selbige kam Jan nun mit jovialem Schal bekleidet und einer Akustikklampfe in der Hand von links aus dem Zuschauerraum. Die Grenze zwischen Kunstschaffenden und Kunstrezipienten sollte heute noch einige Male aufgehoben werden. „Halt dich an deiner Liebe fest“ gehört sicherlich zu REISERs bekanntesten Stücken und nun gesellte sich auch die vierköpfige Backing Band hinzu. Marco Schmedtje an der Gitarre musiziert übrigens gemeinsam mit JP bei ZINOBA, wer deren Oeuvre noch nicht kennt, sei herzlich zu einem Rendezvous eingeladen. „Mein Name ist Mensch“, ein zutiefst sozialer Song, bot für den Sänger zum ersten Mal Gelegenheit, das rote Sofa in Beschlag zu nehmen, auf dem er dann eine Weile in sich gekehrt verharrte. Es folgte mit „Keine Macht für Niemand“ der Titel, den eine ganze Generation als Parole adaptiert hat. Im selben antiautoritären Gestus präsentierte man daraufhin den „Rauch-Haus-Song“ aus dem Jahre 1972, sitzend und akustisch in APO-Manier, wobei das Publikum den wütenden Refrain textsicher mitbrüllte. Da mag der ein oder andere wehmütig an vergangene Straßenschlachten gedacht haben… Ebenfalls ein TON STEINE SCHERBEN Original ist „Der Turm stürzt ein“, hier zwang sich das Musiker Kollektiv durch die Zuschauerreihen, um eine Kollekte (für „gemeinnütziges“ Bier!) entgegen zu nehmen. Spätestens jetzt war das letzte Eis gebrochen. So wurde praktisch bei jedem Stück auch ein wenig geschauspielert, improvisiert will ich jetzt nicht sagen, da die einzelnen Riten doch bei jedem Auftritt vorher bestimmt sind, wie man der begleitenden DVD entnehmen kann. Besonders beeindruckend ist hier die „Irrenanstalt“, während der Plewka den Saal verlässt, immer wieder nach der titelgebenden Einrichtung flehend den Saal umkreist, um schließlich zum Grande Finale (in neuer Hose) wieder aufzutauchen. Der Text zum Original stammt im Übrigen von Corny Littmann, aktueller Präsident des Kult-Fussball-Clubs St. Pauli! Nun schloss sich ein lyrisch gesehen etwas intimerer Block an, bei dem der glatzköpfige Fronter ganz allein nach einer Kurzanleitung auf dem Akkordeon „Unten am Hafen“ intonierte, etwas scheu und verlegen wirkend. Kurze Zeit später aber wand er sich schon wieder entrückt am Boden, die Gefühlsklaviatur wurde ebenso wie das reale Piano rechts perfekt bearbeitet. Besonders beeindruckend das „Zauberland“, bei dem ein kleines mundbetriebenes Keyboard eine wichtige Rolle spielte. Die kam dann auch einer stark tätowierten und ebenso überraschten Dame zuteil, die bei „Für immer und dich“ auf die Bühne geholt wurde, wo es zu ein paar „Scheinschmuseeinheiten“ kam. Ganz intim wurde es dann gegen Ende des Sets bei einer Performance am Piano, als Jan mit dem Tripel „Herbst“/ „Weit von hier“/ „Somewhere over the Rainbow“ ganz tief in der Emotionenkiste wühlte. Der „Junimond“ rundete das Vergnügen dann noch perfekt ab, zu dem erstmals die Zuschauer auch stehenderweise ihren Bewegungsdrang auslebten. Der gemeine Ostwestfale braucht manchmal halt etwas länger…

Etwas verlängert wurde dann auch die Performance durch mehrere Zugaben, die begeistert aufgenommen wurden. Der Klassiker „Alles Lüge“ zum Beispiel oder eine Reprise von „Keine Macht für Niemand“, der Saal fraß der schwarz-roten Heilsarmee mittlerweile aus den Händen. Den grandiosen Abschluss bildete wenig überraschend „Nach Hause“, bei dem Rio Revisited zunächst jovial am Bühnenrand Platz nahm, nur um schließlich die Besucher eigenhändig aus dem Raum herauszukomplimentieren. 105 Minuten pure Sangeskunst und Leidenschaft, zwar sicher nicht so aus dem Augenblick heraus wie das Original, dafür aber mit Seele und Können vorgetragen. Nur wenigen dürfte dies in so überzeugender Manier gelingen, ohne neben dem Original zu verglühen. Da passte es auch perfekt ins Bild, dass „Der König von Deutschland“ dem Set fern bleiben musste, dieser Gassenhauer hat leider durch den Einsatz in der Media Markt-Werbung sämtliche Würde verloren und hätte an diesem Abend nur den Kontext zerstört…

Setlist
Stiller Raum
Halt Dich an Deiner Liebe fest
Mein Name ist Mensch
Keine Macht für Niemand
Rauch-Haus-Song
Der Turm stürzt ein
Irrenanstalt Verlässt Saal
Laß uns ’n Wunder sein
Unten am Hafen
Übers Meer
Land in Sicht
Schritt für Schritt ins Paradies
Zauberland
Für immer und Dich
Der Traum ist aus
Herbst
Weit von hier
Somewhere over the Rainbow
Junimond

Alles Lüge

Der Turm stützt ein
Keine Macht für Niemand

Nach Hause

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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