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JAN PLEWKA singt RIO REISER

Ort: Mülheim an der Ruhr - Ringlokschuppen

Datum: 08.11.2008

Wie in Herrn Plewkas Wohnzimmer sollte ich mich fühlen. Als ich aber um 18 Uhr direkt von der Arbeit Richtung Mühlheim aufmachte, wusste ich nicht, dass Jan mich noch mehr als zuvor begeistern würde. Unzählige TEMPEAU-Konzerte kann ich ja schon verzeichnen. Da liegt der Rückschluss, den ihr jetzt ziehen mögt, nahe: Ja, ich kann ohne Plewka (Eggert und Harloff) nicht leben. Wenn Jan also zu einem RIO-REISER-Abend einlädt und das auch noch in meiner Nähe, kann es Steine regnen – ich bin dabei. Als wir im Ringlokschuppen ankamen, war es noch ziemlich leer. Ich hätte nun gerne gesagt, wir seien die ersten gewesen. Aber nein, tatsächlich gibt es den ein oder anderen, der es schafft vor mir an einem Plewka-Veranstaltungsort anzukommen. Kaum zu glauben 🙂

Pünktlich um 19:30 Uhr öffnete sich die Tür zum Saal. Glücklicherweise ergatterten wir zwei Plätze in der ersten Reihe. Musste auch sein! Hatte ich zwar eine Fotoerlaubnis für den ganzen Abend, aber „Aufsteh-Verbot“. Mein Platz schien aber vielversprechend. Das Bühnenbild ähnelte einem Wohnzimmer. Gemütlich, mit einer samt-roten Couch verziert. Ich sah mich im Saal um und bemerkte, dass es unheimlich voll geworden war. Ok, Jan Plewka singt RIO REISER ist schon große Kunst und kein normales Konzert mehr. Dementsprechend war auch das Publikum gemischt. Den einen oder anderen TEMPEAU-Fan entdeckte ich aber doch. In den Reihen hinter mir unterhielt man sich angeregt über die SELIG-Reunion, die auch mich wirklich fröhlich stimmt.

Um 20 Uhr wurde das Licht gelöscht. Stockfinster war es. Dann, wie aus dem Nichts, ertönte Jans Stimme über die Lautsprecher. Ohne musikalische Untermalung. Gänsehaut pur. So bewusst ist mir glaub’ ich noch nie geworden, wie einzigartig Plewkas Stimme wirklich ist. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Im Saal war es still. Jeder lauschte Jans Worten, die den Rio-Song „Stiller Raum“ neu inszenierten. Ein gelungenes Opening. Kurz darauf betrat Jan mit einer Akustikgitarre bewaffnet den Raum. Aber nicht wie erwartet über den Bühneneingang. Nein – er kam aus einer hinteren Ecke und schlenderte, „Halt Dich an meiner Liebe fest“ singend, langsam Richtung Bühne. Gekleidet in einen schwarzen Mantel über einem weißen Hemd und verziert mit einem ebenfalls hellen Schal, untermalte Jan die Stimmung perfekt. Die Band ließ nun auch nicht mehr lange auf sich warten. Marco Schmedtje (Gitarre), Martin Engelbach (Schlagzeug), Dirk Ritz (Bass) und Lieven Brunckhorst (Tasten, Sax) nahmen ihre Plätze auf der Bühne ein. Ab jetzt sollte die emotionale Stille in nicht weniger emotional geladene Energie umgewandelt werden. „Mein Name ist Mensch“, der bekannte TON STEINE SCHERBEN-Song, krachte förmlich durch den Raum. Plewka fand sich sofort in den Song ein, was allerdings jetzt niemanden wundern wird. Ist dies doch eigentlich ein Regelfall. Man sieht Jan an. mit wie viel Spaß und Überzeugung er dieses Projekt lebt. Ich möchte mir die Frage erlauben: Gibt es jemanden, der dafür besser geeignet wäre? Ich denke nicht. Jan passt gerade zu perfekt in diese Rolle. Vielleicht auch, weil er laut eigener Angabe schon damals ständig Rio-Lieder geträllert hat. Aber zurück zum eigentlichen Event. Ungewöhnliche Akzente sind bei Plewka-Auftritten Programm und auch diesmal sollte das Publikum einige Überraschungen erleben. So verließen Plewka und seine Freunde bei „Der Turm stürzt ein“ die Bühne und bahnten sich ihren Weg durch die Stuhlreihen. Die Begründung brachte mich zum Schmunzeln (auch wenn es Teil der Show ist). „Wir sammeln Geld für einen guten Zweck. Und zwar für unser Bier“ scherzte Jan. Das nächste Highlight folgte auf dem Fuße. DIE SCHWARZ-ROTE-HEILSARMEE stimmte die ersten Töne von „Irrenanstalt“ an und Jan verließ fluchtartig den Raum. Passend zu seinem Abgang flackerte ein kleiner Einspieler über eine Leinwand. Zu sehen war ein scheinbar wirklich wahnsinnig gewordener Jan Plewka, der über Tische und Bänke springend „Hallo, hallo. Ist dort die Irrenanstalt?“ schreiend, nichts böses ahnende Besucher außerhalb des Saals verunsicherte. Dies sorgte für Erheiterung. Das Publikum lachte und applaudierte lautstark. Zurück auf der Bühne, nun gekleidet im RIO REISER – Look mit weißem langem Hemd und roter Hose, schmiss sich Plewka am Ende des Liedes mit den Worten „Ich bin total verrückt“ auf den Boden. Ja, er ist verrückt! Manchmal frage ich mich, ob es etwas gibt, was dieser Mann nicht glaubwürdig umsetzen kann. Zu meiner Freude folgte als nächstes mein favorisierter Rio-Song „Lass uns ein Wunder sein“. Jan ließ sich danach entspannt mit Freund Lieven auf der bereits erwähnten Couch nieder. Der Rest der Band verließ, um eine kleine Pause einzulegen, die Bühne. Aber warum soll Lieven arbeiten, wenn der Rest sich verkrümelt? Die Frage stellte er sich scheinbar selbst. Kurzerhand erklärte er Jan die Funktionsweise seines Akkordeons: „Guck’ mal. Da sind weiße Tasten. Die kannst du alle drücken. Nicht die schwarzen. Und hier, auf der anderen Seite, hast du nur schwarze Tasten. Die mit den Einkerbungen, sprich C und D, passen zu allen weißen. Bis gleich.“ – sprach er und verschwand. Bevor Jan wirklich realisieren konnte, wie ihm geschah, hörte man ein wohlbekanntes Geräusch vom Bühnenrand. „Plöpp“! Die Jungs frönten einer Bierrunde. Wieder Gelächter und ein verdutzter Plewka. Allein mit seinem „neuen“ Instrument stimmte er „Unten am Hafen“ an. Ohne Mikrofon, mit unglaublich viel Gefühl, zog er die Zuschauer in seinen Bann.

Das in Herrn Plewka ein Charmeur versteckt ist (mich wundert’s nicht) bewies er unter den Klängen von „Für immer und Dich/Per sempre e Te“. Mit leuchtenden Augen suchte er sich eine Liebste in der zweiten Reihe, nahm sie bei der Hand und machte ihr singend eine Liebeserklärung, auf die ein „Kuss“ folgte. Langsam sollte sich der Abend nun dem Ende nähern. Noch einmal teilte Jan allein mit dem Publikum einen sehr emotionalen Moment. „Somewhere over the Rainbow“, in Plewka-Version allein am Klavier. Schöööön! Anschließend forderte der Künstler seine Zuschauer auf, aufzustehen. „Junimond“ sangen dann alle gemeinsam. Unter lautem Applaus und Zugabe-Rufen folgten drei weitere Songs.

Leider muss alles einmal vorbei sein. Jan verabschiedete sich auf eine ebenso besondere Weise von seinem Publikum, wir der ganze Abend etwas besonderes gewesen war. Er forderte das Publikum auf, langsam den Saal zu verlassen und gab so gut wie jedem zum Abschied die Hand. Ich kann nur empfehlen, sich „Jan Plewka singt RIO REISER“ einmal selbst anzuschauen. Eine perfekte Mischung aus Musik, Theater und einem Stück Geschichte.

Copyright Fotos: Ramona Schwarz

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