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JASON MRAZ – INGRID MICHAELSON

Ort: Hamburg - Docks

Datum: 01.10.2008

Verzweifelte Väter suchen für ihre Töchter Karten, einsame Töchter ebenso. Schon um 18:30 steht eine fulminante Schlange, bestehend aus Menschen verschiedensten Alters, seelenruhig im immer wieder kehrenden Regen und begehrt Einlass in das Docks… Was ist hier los?! Nun JASON MRAZ ist los! Wurde das Konzert des Ohrenschmeichlers doch schon vom Grünspan in das nahe gelegene, aber weniger schöne Docks verlegt und war dennoch blitzschnell ausverkauft. Nächstes Mal also in der Sporthalle oder gleich der Color Line Arena. Es kann sich glücklich schätzen, wer den sympathischen Kerl noch in diesem relativ kleinen Rahmen sehen durfte, denn damit dürfte es auch in Deutschland nun endgültig vorbei sein. In den Staaten schon länger „Quasi-Superstar“, ist in Germany wohl die Formatradio-Dauerrotation von „I’m Yours“ daran schuld, das Mr. A-Z eine Menge neuer Freunde begrüßen durfte…

Eine menge neuer Freunde dürfte sich auch INGRID MICHAELSON (deren Songs gerne bei „Grey’s Anatomy“ und „One Tree Hill“ gefeatured werden) gemacht haben, die den Abend im beschaulichen Rahmen eröffnete. Mit ihrer Ukulele bewaffnet gab sie den Ohrwurm „Be OK“ zum Besten und fand mit ihrer offenen, lustigen Art gleich offenes Gehör. Optisch und musikalisch eine Mischung aus der wunderbaren LAURA VEIRS und A FINE FRENZY (aber auch SARA BAREILLES, JENN GRANT und natürlich TORI AMOS kommen einen in den Sinn), versteht die Dame aus Staten Island es kleine, schöne anspruchsvolle Pop-Songs zu kredenzen. Am Klavier sitzend bemerkte sie einen Fotografen, der sie von der Seite ablichten wollte und machte ihn darauf aufmerksam, doch bitte nicht ihren „Muffin-Top“ ins Visier zu nehmen. Slim Jeans und enges Top würden bei Frauen im Sitzen nun mal einen kleinen Wulst über der Taille zur Folge haben, erzählt sie charmant und leicht embarrassed und muss anschließend selber lachen… Dies hatte zur Folge, dass sie den folgenden Song gleich zweimal neu beginnen musste. Allie Moss, ihre zeitweilige Begleitung auf der Bühne, grinste ebenfalls leise in sich hinein. Zu jedem Song gab es kleine Entstehungsgeschichte und das Publikum quittierte den Auftritt schon mit kleinen „Ingrid!“ Rufen. Zu „You and I“ bat sie ein paar Freunde auf die Bühne, die unter großem Gejohle als Jason Mraz samt Kumpanen identifiziert wurden. Dafür bedankte sich Ingrid gerne, sei es doch ungewöhnlich, dass der Haupt-Act so etwas für seinen Support machen würde. Das Publikum wäre zu Gast bei „very friendly people“. Zum Abschluss gab es noch ein Cover von „Somewhere over the rainbow“ (Ü-60 Fraktion: JUDY GARLAND/ Ü-30 Fraktion MARUSHA) bei dem sie noch einmal unter Beweis stellte, über welch famose Stimme die 28jährige verfügt! Von der Frau wird man noch viel hören, soviel ist mal sicher!

Die elend lange Umbauphase (eigentlich gab es gar nichts zum umbauen…) wurde durch Zielgruppenanalyse überbrückt. Junge Mädchen sinnieren über die unmöglichen Support-Acts beim letzten BEYONCE Konzert, während spät pubertierende Jungs ihrer weiblichen Begleitung die neuesten Gitarrenakkorde luftpräsentieren. Omi steht mit der 12jährigen keck bemützten Enkelin in der ersten Reihe und die Generation Myspace knipst sich mit Vorliebe selber. Aber natürlich sind auch Kuschelpärchen, wie Normalo-Indies anzutreffen. Entspannte, nette Atmosphäre allenthalben…

Nachdem die Räucherkerze zweimal entzündet worden ist, betritt endlich Herr Mraz mitsamt seiner formidablen Band die Bühne und wird das Publikum knappe zwei Stunden bei bester Laune halten! Gleich beim Intro und dem ersten Knaller-Song „The Remedy“ zeigt die glänzend aufgelegte Band, wie man eine zünftige Party feiert. Bassist Ian Sheridan darf gleich ein Solo einwerfen, zupft und slappt mit konzentriertem Gesicht… Jason überfordert das Publikum unter Gejohle gleich mit Singspielchen, bei denen „Wonderwall“-Textpassagen in Call-and-Response Art gesungen werden sollen. Klappt natürlich nicht beim ersten Mal, sorgt aber gleich für gute Laune. Die Bläsersektion ist dermaßen brillant, seit Phil Collins „Sussudio“-Tagen habe ich keine schmissigeren Arrangements gehört! Auch solo sind alle drei Mitglieder glänzend aufgelegt und natürlich wird jedes Solo mit Szenenapplaus quittiert. Zwischendurch tauchen die Bläser sogar in der Mitte des Saales auf der Theke wieder auf! Wahrhaft großartige Show! Herr Mraz erzählt immer wieder lustige Geschichten und beweist, dass er ein ebenso guter Entertainer wie Musiker ist (ein kleines bisschen Ähnlichkeit mit dem jungen Sinatra ist durchaus zu erkennen). Es wäre ihm zugetragen worden, dass in Köln das gesamte Publikum miteinander rumgemacht hätte… Für ihn wäre das OK, er würde verstehen, dass seine Musik das bei den Menschen auslösen würde… Zwischen einzelnen Mädchengruppen gab es leichte Grabenkämpfe: Während die eine Seite: „Jason! We love you!” schrie, entgegnete die andere Seite der Halle: „NOO! We love you!”. Jason äußerte Verständnis für solche Streitigkeiten, verwies auf das Konzert-Ende und bemerkte anschließend mit passender Geste: “My tongue is very well exercised!“ (Darauf hin brach Percussionist und ICE-T-Lookalike Toca Rivera in schallendes Gelächter aus. Und es sollte nicht bei diesem einen Lachanfall bleiben…). Zwei Jungs im Publikum wurden ermutigt, zu ihrer homosexuellen Beziehung zu stehen, denn aus Freundschaft wird immer mehr, aber keine Angst, Jason würde es keinem weiter erzählen… Apropos Toca: Geschmeidige Backgroundvocals und gelungenes Conga-Spiel gehörten ebenso zu seinem Repertoire, wie ein Gartenzwerg, der nicht von seiner Seite wich.

Jason trieb währenddessen die Crowd-Participation weiter voran: Mal musste bei „Dynamo of Volition“ synchron getanzt werden (wobei man sich nicht von seinem Kopf davon ablassen sollte, eine gute Zeit zu haben: „Fuck beeing cool!“ war Jasons passende Antwort!), mal durften die Jungs in den höchsten Tönen Jasons Vorgaben folgen, während die Mädels in brummender Bass-Stimme nachsingen sollten (was nach Tocas Johnny Cash Stimmlage unter großem Gelächter völlig daneben ging). Interessant zu sehen, das der gute Mann sich vor einem schwierigen funky Gitarrenpart kurz bekreuzigte, weil ansonsten eine Lockerheit vorherrschte, die die musikalische Darbietung unheimlich smooth machte. Hervorzuheben auch, dass der Sound im Docks überraschenderweise erste Sahne war! Ohne Ohrenstöpsel perfekt auszuhalten und wunderbar abgemischt! Ich hätte nie gedacht, dass das in diesem Laden möglich wäre! Als Schlusspunkt des regulären Teils gab es das unvermeidliche „I´m Yours“ welches mit ohrenbetäubenden Geschrei (BEATLES ca. Bravo Blitz Tournee 1966) begrüßt wurde. Rein musikalisch nicht zu verstehen, da eines der schwächeren Titel auf der tollen „We sing. We dance. We steal things.“ LP). Nach kurzem Getrampel und großem Geschrei kam Jason mit Frau Michaelson zurück auf die Bühne um eine schöne Version von „Lucky“ zum Besten zu geben. Es folgte eine tolle Version des alten TEMPTATION-Klassikers „Build me up Buttercup“, bei dem Herr Mraz mit Schellenkranz bewaffnet über die Bühne hüpfte. „No stopping us“ geriet zur Endlos-Session inklusiver Bandvorstellung, bei der von jedem Mitglied ein Polaroid gemacht wurde, um danach in das Publikum geworfen zu werden. Man kann sich vorstellen, wie die Zuschauer nach den Bildern gehechtet sind. Vor allem nach dem letzten, welches Jason mit Zeitautomatik von sich selbst gemacht hatte… Toll auch das Zwiegespräch mit Jason und Saxophon, wie es anno dazumal Page und Plant mit der Gitarre machten… Dann durfte noch einmal ordentlich zu „Butterfly“ gegrooved werden, danach wurden mit „A beautiful Mess“ noch einmal ruhige Töne verbreitet (das Publikum war mucksmäuschenstill…). Die Band verabschiedete sich unter Verbeugungs-Maßnahmen und auch Jason Mraz packte seine Siebziger Jahre Teekanne ein und schlich dann endgültig von der Bühne…

Ein wahrhaft musikalisches Erlebnis! Einer der wenigen Künstler, die im Radio stattfinden, die auch auf der Bühne Großes leisten (woran die tolle Band sicherlich einen großen Teil beiträgt). Den Huren auf dem Hamburger Kiez ein Schnippchen schlagend, „Live High“ vor sich hinsummend, sollte nicht nur ich, sich bestens gelaunt auf dem Nachhauseweg gemacht haben…

Setlist JASON MRAZ (aus der Erinnerung eines dementen Ü-30igers)
Intro
The Remedy
Make It Mine
Clockwatching
Common Pleasure
If It Kills Me
Live High
You And I Both (Sleeping to Dream)
Life is Wonderful
Only Human
The Dynamo of Volition
I’m Yours
Zugabe
Lucky
Build me up Buttercup
No Stopping Us
Butterfly
Beautiful Mess

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