Konzert Filter

JENNIFER ROSTOCK – THEMROC – MY NEW ZOO

Ort: Bielefeld - Stereo

Datum: 19.11.2008

Ein Mittwoch im November, es ist kalt, dunkel und der Terminplan eng, aber dennoch fanden wir die Zeit uns im Bielefelder Stereo einzufinden, um unserem dritten JENNIFER ROSTOCK Gig in diesem Jahr beizuwohnen. Mit etwas Verspätung trudelten wir dort ein, trafen auf unseren Fotographen und soeben hatte die zweite Vorband THEMROC die Bühne betreten, nachdem sie anscheinend ihren Platz als Opener an die Mitstreiter von MY NEW ZOO (welche laut Berichten ihrem Namen entsprechend mit Tiermasken auftraten) abgegeben hatten. Also schnell Stift und Zettel gezückt und los ging’s.

Die vier jungen Herren aus Berlin gaben ordentlich Gas und hatten auch immer einen flotten Spruch auf den Lippen mit denen sie das im Durchschnitt recht junge Publikum, welches sich noch etwas im Hintergrund hielt, erheitern konnten. Musikalisch bewegte man sich im Punk/ Pop/ Rock-Bereich und ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich nicht des Eindrucks erwehren konnte, dass man durchaus DIE ÄRZTE als Vorbilder nennen würde, wenn man THEMROC denn danach fragen würde. So spielte man sich durch Titel wie „Betty Ford“, „Mein letzter Dollar“, „Mädchen“ und „Vienna“, denn immerhin hatte man Fabi, Uzi, Julien und Zar eine gute halbe Stunde Spielzeit zugestanden, die sie auch unterhaltsam zu nutzen wussten. Interessant zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass THEMROC auch ein französischer Spielfilm aus dem Jahre 1973 ist, welcher auf komödiantische Art und Weise eine anarchistische Vision umsetzt (sagt Wikipedia). So ist der Bandname vielleicht gar nicht so unbedacht gewählt worden.
(Death Angel)

Kurze Pause, die 2te. Zeit, sich ein wenig in der sehr heimeligen Location umzuschauen. An die 150 Anwesende mögen es gewesen sein, von denen die allermeisten eher jung, stylish und weiblichen Geschlechts waren. Fühle mich irgendwie alt. Überlege, ob ich wohl heute noch mal gern zur Schule gehen würde und ob ich mich zwischen den gepiercten, tätowierten und wild frisierten Teens behaupten könnte. Ein paar ROSTOCKer haben gar ihre Eltern mitgebracht, die sich offensichtlich bemüht haben, klamottentechnisch gleichzuziehen. Ein betont jugendlicher Mit-50er fällt auf, der wunderbar in das Rollenklischee „ewiger Jugendlicher“ fällt. Oben drauf schon Haarkranz aber unten rum mit Chucks und ÄRZTE-Jäckchen. Wird sicher ein Sozialpädagoge sein, der ein paar schwer erziehbare Mädels dabei hat – mein erster Gedanke. Damit liege ich aber völlig falsch, siehe nun folgender Auftritt. Im Vergleich zu THEMROC war jetzt noch ein Keyboard auf der Bühne, verantwortlich für den leichten NDW-Einschlag der Kombo. Ich hatte JR schon auf dem Serengeti und dem Bochum Total gesehen, von daher war die Peter Frankenfeld-Hommage „Musik ist Trumpf“ als Entrée keine große Überraschung mehr. Dennoch nett – ob die Kiddies damit was anfangen können? Mit Jennifer Weist und ihren 4 Begleitherren auf jeden Fall, denn kaum erklingen die ersten Takte von „Drahtseilakt“, geht man vorne einigermaßen steil. Hinten wird eher steril beobachtet. Was die hyperaktive Fronterin mit einem „Alles Gästeliste, was?“ quittiert. Dabei liegt sie gar nicht mal so weit daneben, könnte aber auch an der typisch ostwestfälischen Agonie liegen, mit der ein Springball vom Schlage Weists erstmal klar kommen muss. Kurzerhand werden 5 Jägermeister geordert. Nicht zum letzten Mal an diesem Abend. Der Merchandiser darf sich hier hervortun, der angeblich für 10 Euro und ausreichend Nahrung pro Tag den Hiwi der Band gibt. Zwischen den Stücken des bislang einzelnen Albums „Ins offene Messer“ wird ordentlich gequatscht. Dabei variiert das Niveau doch enorm. Siehe etwa den Joke: „Den nächsten Songtitel kennen einige Herren in Beziehungen: Blut geleckt…“ – In diesem Moment wird der Erziehungsberechtigte hinter uns möglicherweise die Anwesenheit seines 10-jährigen, begeistert mitgehenden Sohnes verflucht haben… Charlotte Roche gibt zu diesem Thema folgende Weisheit zum besten: „Ein echter Pirat sticht auch ins rote Meer“. Aber wir wollen das jetzt nicht vertiefen… Die Hardcore-Fans werden direkt angesprochen. So z.B. Ines, die kleine Kampflesbe mit den kurzen, blondierten Haaren in der ersten Reihe. „Ach Ines, du bist ja so verliebt in mich. Aber ich bin hetero, sorry, aber meine Titten darfst du gerne mal berühren. Hab ich dir ja erlaubt“… Muss man bei Frau Rostock ja auch erstmal finden… oder Carl, das ist der getarnte Middel Age Teeny (s.o.), wohl ebenfalls sehr auf die apart-zickige Mikro-Lady fixiert. Er hüpft und springt wie ein Großer – Respekt. Dann ist da noch das Mutter-Tochter-Gespann links auf der kleinen Treppe. So eine „Ich bin nicht deine Mutter – Ich bin deine Freundin“-Mama mit Strähnchen im Haar, quasi die „Zeitmaschine 25-plus Ausgabe“ des fotografierenden (und sehr schicken) Töchterleins. Später wird der niedlichen Kleinstlesbe sogar noch empfohlen, sich doch endlich mal mit einem Penis zu beschäftigen…

Derweil wirkt Alex an der Gitarre so gelangweilt, als ob er viel lieber in einer Brit Pop-Band agieren würde. Wäre auch eine bessere Umgebung für seinen „trendy“ V-Ausschnitt. Musik gibt es natürlich auch noch und die kann durchaus unterhalten. „Feuer“, „Tier in dir“, „Diadem“ – allzu viel Möglichkeiten hat man eben noch nicht. Die Leute tanzen, es gibt eine 2-Mann Wall of Death, Jennifer sinniert über die Farbe ihrer Unterwäsche, es wird Bier verteilt. Und immer wieder werden die Ostwestfalen aufs Korn genommen, erstaunlich, dass überhaupt noch Künstler den Wagemut besitzen, in unserer Region aufzutreten 🙂 In Anbetracht eines stressigen nächsten Tages verlassen wir die Veranstaltung etwas vorzeitig, aber wir waren ja auch auf der Gästeliste. Die Präsentation der Hit Single „Kopf oder Zahl“ darf aber als gesichert gelten. Niemand weiß, ob JENNIFER ROSTOCK noch den ganz großen Durchbruch schaffen werden oder dies hier bereits ihre Abschiedstour ist: Egal, Spaß hat die Truppe offensichtlich und wenn ich persönlich auch nur einen Abend mit so einer Chaoskreatur wie Frau Weist verbringen könnte, ist ihre Performance zwischen brabbelndem Kleinkind und laszivem Emo Pin Up Girl doch verdammt unterhaltsam. Sogar für einen Ostwestfalen…
(TK)

Copyright Fotos: Jörg Rambow

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu JENNIFER ROSTOCK auf terrorverlag.com

Mehr zu MY NEW ZOO auf terrorverlag.com

Mehr zu THEMROC auf terrorverlag.com