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JOCHEN DISTELMEYER

Ort: Osnabrück - Lagerhalle

Datum: 02.12.2009

17 Jahre lang war JOCHEN DISTELMEYER Kopf und Stimme der Hamburger-Schule-Vorzeigekapelle BLUMFELD. Diese Band spaltete die Musiknation wie kaum eine andere: entweder man mochte oder man hasste sie. Ein „ok“ gab’s nicht. Ähnlich verhält es sich auch mit dem ersten Distelmeyer-Soloalbum „Heavy“, das es zwar bis auf Platz 29 der Charts gebracht, aber auch ziemlich gemischte Reaktionen hervorgerufen hat. Bereits seit dem Sommer stellt der gebürtige Bielefelder seine neuen Songs live vor und machte in diesem Zusammenhang auch Halt in der Osnabrücker Lagerhalle.

Wie nicht anders zu erwarten, war das Publikum überwiegend studentisch/ indiesk und machte zudem den Eindruck, als wäre man auch schon BLUMFELD-Fans gewesen als die Band in den Neunzigern ihre Hochzeit hatte. Natürlich durften deshalb Songs aus dieser Epoche nicht fehlen, den Anfang machte jedoch das schrammelige „Wohin mit dem Hass?“, für das zunächst die vierköpfige Begleitkapelle die Stage betrat, ehe Herr Distelmeyer im weißen Anzug die Bühne enterte. Es folgte über 110 Minuten ein Mix aus neuen und alten Stücken, der nicht nur bestens unterhielt, sondern zudem deutlich machte, dass im Grunde BLUMFELD nichts anderes war als JOCHEN DISTELMEYER mit musikalischem Begleitpersonal. Dem Publikum wird’s gleich gewesen sein, denn man übte sich gleichermaßen im zustimmenden Kopfnicken und zu späterer Stunde auch im Tanzen – unabhängig davon, wann der jeweilige Song geschrieben wurde. Wie üblich waren die Osnabrücker zunächst recht zurückhaltend, doch daran dürfte der Ostwestfale gewöhnt sein und so sah er auch großzügig darüber hinweg, dass das Mitsingen bei „Wir sind frei“ vom 2003er „Jenseits von jedem“ nicht wirklich glücken wollte. Auch die gerissene Gitarrensaite beim anschließenden „Schmetterlings-Gang“ konnte den Wahlhamburger, der eh bei fast jedem Lied seine Langaxt wechselte, nicht aus der Ruhe bringen. Ein zweiter Gitarrist musste des Öfteren sein Instrument wechseln, was allerdings daran lag, dass der Herr auch fürs Keyboard zuständig war. Zwischendrin überbrückte JOCHEN DISTELMEYER die Zeit des Gitarrenstimmens schon einmal mit kleinen Plaudereien über die Bedeutung seiner Songs, was allemal besser war als dem lautstarken Geschwafel eines bezopften Konzertbesuchers zuhören zu müssen, der sich zudem durch einen ziemlich unpassenden Pogo-Tanzstil hervortat. Bevor es mit dem rhythmusbetonten „Hiob“ weiterging, verließ der Fronter für einen kurzen Moment sie Bühne, holte sich eine Kippe (überhaupt wurde das Rauchverbot an diesem Abend sehr weit ausgelegt) und legte sein Sakko ab. Bei der Nummer, die ordentlich ins Bein ging, klappte die Interaktion zwischen Musikern und Zuschauern nun auch deutlich besser. „Hey“-Rufe liegen den Osnabrückern offenbar besser, obwohl sich ihre Gesangseinlagen bei „Status: Quo Vadis“ (1999 auf „Old Nobody“ erschienen) schließlich doch ganz ordentlich ausnahmen. Auch die Ausdauer, mit der die Hasestädter eine weitere Zugabe forderten, überzeugte Distelmeyer offensichtlich. Das wunderbare PATTI-SMITH-Cover „Dancing Barefoot“ sollte wohl eigentlich das stimmungsvolle Finale markieren, denn im Anschluss wurde es für einen kurzen Moment hell im Saal, doch dann gab’s mit „Murmel“ doch noch einen Nachschlag, bei dem Jochen bereits sein Feierabend-Bier in der Hand hielt.

Leider fehlte auf der Setlist mein Favorit „Jenfeld Mädchen“ vom Longplayer „Heavy“ und auch die lautstarken Rufe nach dem „Apfelmann“ blieben ungehört. Ansonsten gab’s jedoch nichts zu meckern. Die Mucke zeigte sich abwechslungsreich und ohne Brüche zwischen Solo- und BLUMFELD-Stücken. Es durfte ebenso getanzt wie geträumt werden und natürlich waren auch die Texte wie immer hörenswert, während der Sound viel Druck und Drive verströmte, egal ob die Songs Tempo machten oder melancholisch-schön rüberkamen.

Setlist
Wohin mit dem Hass?
?
Er
Ich – wie es wirklich war
Bleiben oder gehen
Heiß die Segel
Eintragung ins Nichts
Wir sind frei
Schmetterlings-Gang
Lass uns Liebe sein
Nur mit Dir
2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß
Hiob
Hinter der Musik
Pro Familia

Regen
Immer wieder Liebeslieder
Status: Quo Vadis
Tics
Dancing Barefoot (PATTI-SMITH-Cover)

Murmel

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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