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JUICY BEATS 17

Ort: Dortmund – Westfalenpark

Datum: 28.07.2012

Wir befinden uns im Jahre 2012 n.Chr. Ganz Deutschland ist von Regenwolken bedeckt… Ganz Dortmund? Nein! Ein von unbeugsamen Feierwütigen bevölkerter Westfalenpark hört nicht auf, der Witterung Widerstand zu leisten. Kaum eine Belastungsprobe ist so hart für den erfolgreichen Verlauf eines Festivals wie die des schlechten Wetters. Spielt der Wettergott nicht mit, droht die ganze Veranstaltung zu einem tristen Matschhaufen zu werden, bei dem sich die Besucher im schlimmsten Fall unter den spärlich vorhandenen Regendächern verstecken.

Auch für das Juicy Beats standen die meteorologischen Sterne im Vorfeld schlecht. Nach einer tagelangen Hitzewelle sollte die elektrische Ladung laut Wetterbericht vor allem an diesem Samstag erfolgen. Angekündigt waren Gewitter, Starkregen, Sturmböen. Diese Aussichten verschreckten sicher den ein oder anderen Kurzentschlossenen, der sich ursprünglich noch eine Karte an der Abendkasse holen wollte. Dass man die Vorhersagen mitunter auch mal mit der Pfeife rauchen kann, bewies der weitere Tagesverlauf. Als Grund dafür setzen wir mal die gute Stimmung der Besucher fest, denn selbst als gegen Mittag noch etwas Nieselregen die Sicht trübt, wird auf und vor dem Gelände schon gefeiert. Bemerkenswert auch, wie alljährlich im Umfeld von 50 Kilometern jedes öffentliche Verkehrsmittel zum Partyvehikel umfunktioniert wird.

Wie jedes Jahr ist es gar nicht so einfach, in dem Getümmel aus Mini- und Mikroparties auf den kleinen Bühnen besondere Akzente hervorzuheben. Vielmehr heißt es hier ständig in Bewegung zu bleiben, die Floors zu wechseln und wieder zurück. Auf den größeren Bühnen geht es dann schon gewohnt festivalmäßiger zu. Besonders schön ist hier alljährlich zu beobachten, wie der anfängliche Kontrast zwischen Beats und Bands verschwimmt. Gerade noch Electroclash mit den maskentragenden BONDAGE FAIRIES, dann der Sound der Stunde aus ballernden Retrobeats und Sprechgesang mit EGOTRONIC über die durchgeknallte Einmann-Show BEARDYMAN, der alles zusammenloopt und mit Beats unterlegt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Vielleicht ist Darren Foreman, so sein richtiger Name, so etwas wie der ideale Botschafter des Juicy Beats, denn er hangelt sich durch die Stile, wie Donkey Kong an seiner digitalen Liane: simpel und gleichzeitig hochkomplex; skurril und eigensinnig, aber immer tanzbar. KAKKMADDAFAKKA führen BEARDYMANS Set quasi als Band weiter, nur dass jetzt ein gutes Dutzend Leute auf der Bühne stehen, die das Publikum anheizen. Das Duo TWO GALLANTS leitet dann den etwas beschaulichen Abschluss auf der FZW-Bühne ein, den GET WELL SOON dann konsequent zu einem schwelgerisch-melancholischen Ende, das nicht so richtig zur Feierei im restlichen Park passen will.

Aber auch sonst gibt es Gegensätze und Gemeinsamkeiten: In der Electronic Arena bringt DJ KOZE ein straightes, beatlastiges Set an den Mann, während THE BLACK ATLANTIC auf der Konzerthaus-Stage mit ruhig-ausschlagendem Postrock eher zum Rotweintrinken animieren. Überhaupt hat sich diese etwas abseits gelegene Minibühne allmählich zum geheimen Biotop für Kenner und Liebhaber gemausert. DILLON zeigt beispielsweise, wie durch Folkpop und einer betörenden Stimme inmitten einer Massenveranstaltung eine außerweltliche Blase entstehen kann, die die Zeit für ein paar Momente anhält. I HEART SHARKS brechen den Bann schließlich mit ihrer schon beinahe unverschämten Popmixtur wieder auf. Gut, aber (noch) nicht magisch.

Kurz bevor CASPER die Mainstage betritt, bricht noch einmal die Sonne mit aller Kraft zwischen den Wolken hervor und beleuchtet das Szenario, für das kein anderer Begriff so sehr passt, wie der des Popphänomens. Wie dieser eher unscheinbare Junge mit seiner krächzenden Stimme und der ein oder anderen Sentimentalität im Songgepäck die Massen im Griff hat, ist nahezu unbeschreiblich. Jeder Text wird mitgesungen, Junge und Alte versammeln sich vor der Bühne, alles reckt die Arme nach oben. Bei MODESELEKTOR wird die Emotionalität dann wieder zurückgefahren. Sie bieten ein kühles, scharfkantiges Set. Dazu gibt es beeindruckende Visuals und eher unsympathische Versuche, mit dem Publikum zu kommunizieren. Hier macht sich der einzige Wehrmutstropfen des diesjährigen Juicy Beats bemerkbar: Es fehlt ein richtiger Headliner. Nach der Absage von DE LA SOUL im Mai wurden einfach die Slots der anderen Acts umgestellt oder verlängert. Hier klafft eine kaum störende, aber durchaus spürbare Lücke. Wenn das aber ein Event gut wegstecken kann, dann das Juicy Beats, denn wie immer hieß es an jeder Parkecke: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Große Namen sind zwar auch wichtig, aber die vielen kleinen Bühnen und Details sind längst zur guten Seele der Veranstaltung geworden.

Das 17. Juicy Beats befindet sich also insgesamt im soliden Mittelfeld der bisherigen Veranstaltungsgeschichte. Es gab viele kleine und große Höhepunkte, aber kaum sensationelle Eruptionen. Wahrscheinlich ist das langfristig auch der bessere Weg: Das Niveau konstant hochhalten, anstatt immer höher, schneller, weiter gehen zu wollen.

Copyright Fotos: Oliver Schröder

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