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KAMMER SIEBEN

Ort: Hamburg - Glam

Datum: 05.03.2005

Wer ein Herz für Neofolk und Industrial hat und in Hamburg wohnt, hat es in der Regel nicht leicht, seine Lieblingsmusik, sei es live oder auf der Tanzfläche, genießen zu können, und muss des Öfteren in den Süden oder die Ex-DDR pilgern, um seine Leidenschaft zu befriedigen. Besonders in letzter Zeit hat die Hexenjagd gegen Bands wie SOL INVICTUS oder ALLERSEELEN die Veranstaltung anspruchsvoller Konzerte in dieser Musikrichtung zu einem sehr gewagten Unternehmen gemacht… Glücklicherweise gibt es im Norden noch ein paar Menschen, die die Hoffnung nicht ganz aufgegeben haben; unter ihnen der Hamburger Veranstalter DIS-ORDER, der gestern zu einem Konzert- und Tanzabend im Herzen der Hansestadt einlud. Als wir erfuhren, dass es eine „Tanznacht zu den Klängen von Neofolk, Industrial, Ritual, Rhythm & Noise“ geben sollte, nicht nur direkt in der Innenstadt, sondern gleich auf der berühmten Reeperbahn, dem Tempel des Mainstreams (und des schlechten Geschmacks), gab es für uns, sobald die Skepsis verweht war, nur zwei Möglichkeiten: entweder hingehen… oder hingehen! Also sind wir dem lockenden Rufe gefolgt, haben uns fein gemacht und gegen zehn Uhr trotz Schneesturm zum angekündigten Lokal, dem GLAM, begeben.

Die erste Überraschung traf uns gleich vorm Eingang: Tür zu, Neonschild aus, auf dem verschneiten Bürgersteig nichts als die gewöhnlichen, gerade aus dem Bus ausgestiegenen Touristen auf der Suche nach unterhaltsamen Reizen, und keine Spur von einer Veranstaltung… Beinahe hätten wir geglaubt, das Ganze doch nur geträumt zu haben, wenn wir nicht die diskrete Anweisung auf einem Werbeständer bemerkt hätten, die uns nach ein paar Minuten die Lösung des Rätsels offenbarte: das Konzert sollte nicht direkt im GLAM stattfinden, sondern im dazugehörigen Kellergewölbe, 50 Meter entfernt in einer kleine Passage hinein, an der „Ritze“ (legendäres Hamburger Box- und Pornolokal) vorbei, und eine nicht enden wollende, in Rotlicht getauchte Treppe hinab… Ein Abstieg ins Purgatorium! Und es folgte sogleich die zweite Überraschung: nie hätte ich geahnt, dass sich unter dem Hamburger „Kiez“ mit all seinen aggressiven Lichtern, dubiosen Lokalen und billigem Entertainment, zwischen Trash und Glimmerpailetten, solch ein stimmungsgeladener Ort versteckt. Niedrige Kellerräumlichkeiten mit Backsteinwänden, Metalpfeiler und einladenden Ledersofas erwarteten uns, das Ganze im gedämpften purpurnen Licht. Dank der in die Mauer eingearbeiteten Stahlringe, Rohrleitungen an der Decke und Kristalllüster über dem Bar-Tresen überkam einen sofort das Gefühl einer Folterkammer mit gewisser Bunkermystik und einem Hauch Barock. Wir hatten gerade mal Zeit, Getränke zu bestellen und uns in eine gemütliche Ecke zu stürzen, da kam auch schon die dritte Überraschung auf uns zu: die Musik, die da spielte, war tatsächlich eine feine Mischung aus altem und neuem Industrial, von CURRENT 93, DEATH IN JUNE und SONNE HAGAL bis in zu SONAR und HAUS ARAFNA, auf dem Unwege von TRISOMIE 21 und einer sehr angenehmen Dark Ambient Session. Auf keinen Fall also die technoiden Tanzflächenfüller, die am selben Abend auf der berühmten Stahlklang Party in der Markthalle spielten, und die vom Industrial nur den Namen tragen. Allerdings war das ungünstige Zusammenfallen der zwei Veranstaltungen wahrscheinlich einer der Gründe dafür, dass gestern nur ein begrenztes Publikum (um die 40 Personen) das Kellergewölbe des Glams aufsuchte.

Gegen halb zwölf und trotz der geringen Besucherzahl betraten die Bremer Neoklassiker KAMMER SIEBEN in Dreierformation die kleine, mit Schützengrabensandsäcken und Tarnnetzen geschmückte Bühne unter blauem Neonlicht. Ein erster bediente die große, ein zweiter die kleine Trommel. Der dritte kümmerte sich um die Elektronik, wenn er nicht gerade am Mikrofon stand. Das über eine Stunde lange Set alternierte zwischen instrumentalen Stücken mit langsamen, sakralen Synthesizer-Melodien, untermalt mit feierlichem Trommeln und gesungenen Liedern, wobei die Instrumentation an WAPPENBUND, die tiefe „cold wave“ Stimmme des Sängers an DEATH IN JUNEs erster Phase erinnerten. Gewiss spielten die Trommler nicht immer im vorgegebenen Rhythmus, was den rein perkussiven Stücken ein wenig den Zauber nahm (und eine wohlmögliche Feuertaufe vermuten ließ), was jedoch längst nicht die kühle Zurückhaltung des hanseatischen Publikums rechtfertigte. Der größtenteils englische Gesang des Herrn Twiggs dagegen war über die statische Bühnenpräsenz hinaus sehr überzeugend, voll Pathos und Fernweh. Besonders herausragend waren gegen Ende der Darbietung eine deutsch gesungene Hymne (wobei die Anlaufzeit der Trommler überstanden war), ein instrumentales Stück im puren Military Pop Stil à la DERNIERE VOLONTE und die vom verklemmten Publikum kulanterweise gestattete Zugabe, eine Coverversion von „Brothers in Arms“, das hervorragend zum Kilt des Mannes hinter der kleinen Trommel passte…

Auch dabei, ein Plattenstand der Bremer Neue Aesthetik, ein weiterer Bastion des Norddeutschen Widerstands, mit Klang- und Bildschrifften, wie sie Hamburg bis jetzt noch nie zu Gesicht bekam und die eine Vorliebe für die heilige Dreifaltigkeit des Abscheulichen, SOTOS-COSTES-ALLIN, kennzeichneten.

Fazit: ein Abend wie er alle zwanzig Jahre im „sauberen“ Hamburg stattfindet. Gespannt wartend auf zukünftige Veranstaltungen aus dem Hause DIS-ORDER (hoffentlich mit enthusiastischerem Publikum) werden wir auf jeden Fall deren Musikabende im Treibeis Café begutachten. Weiter so!

Copyright Fotos: Naka

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