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Kernkrach Festival 2025

Ort: Bielefeld – Cantine

Datum: 08.03.2025

Kaum zu glauben, aber das Kernkrach gibt es jetzt schon 20 Jahre und es erstaunt doch immer wieder, was für Bands der Kernkrach-Jörg und sein Team für dieses Event auf die Bühne holen. Im Laufe der Jahre habe ich so einige abgedrehte und lustige Künstler gesehen und kennengelernt. Im Prinzip ist es ein Familientreffen mit Gleichgesinnten und Musikverrückten. Wie immer beim Kernkrach, so konnte man auch an diesem Abend einige bekannte und weniger bekannte Musiker im Publikum ausmachen: NAO KATAFUCHI, PHILIPP MÜNCH (SYNAPSCAPE, THE RORSCHACH GARDEN u.v.m), ECHO WEST, DEUTSCHE ANARCHISTEN TAUMELN BENOMMEN EINEN SCHRITT ZUR SEITE und wer weisß, wer sich noch auf den Weg gemacht hat, diesem Event beizuwohnen. Einige sind sogar aus Belgien, Frankreich, den Staaten und Norwegen angereist, denen ist kein Weg zu weit.

Den Auftakt am heutigen Abend machte, wie auf vielen vorangegangenen Kernkrachs auch, ein guter alter Bekannter. Die Rede ist von Haiko Herden, der mit seinem Projekt CHARLES LINDBERGH N.E.V. den Abend eröffnete. Da Carol Stecker nicht mit an Bord war, stand demnach nur die halbe Band auf der Bühne, aber der Mini-Gig funktionierte auch so. Mit „Titania“, „Auf in den Kampf“ und dem mittlerweile obligatorischen „Weihnachtsmann“ brachte Haiko die kleine Halle schon mal auf Betriebstemperatur. Bevor er die Stage mit seinem kleinen Keyboard wieder verließ, gab es noch einen kleinen Hinweis – Werbung muss sein – zu seinem zweiten Roman „Minimal Glück“.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Titania
  • Auf in den Kampf
  • Weihnachtsmann

Mit DIE UNVORSTELLBARE PEIN ging es mit Fun-Punk weiter und auch das ist schon fast ein fester Bestandteil, denn bei den letzten beiden Festivals waren auch Combos aus diesem Bereich am Start und es war eine Bereicherung für das Kernkrach. Neben der Vorstellung von Doc Kernkrach machte ein Einpeitscher mehr Lust auf die Jungs aus Hamm: „Pein, Pein, Pein … „ schrie er ins Mikro und das übertrug sich auf das Publikum, das die Band lautstark willkommen hieß. Sänger Ulrich Gegus Wiens – bekleidet wie eine Rettungsschwimmerin aus Baywatch – natürlich mit üppiger Oberweite – machte schon beim ersten Song klar, was Sache ist: „Pein muss sein“. Auch die anderen Bandmitglieder standen mit ihrer Verkleidung dem Fronter in nichts nach, da gab der Gitarrist Josch el Mendosa (die Kreatur) mit seinem 90er-Jahre-Outfit mit Vokuhila den Asi, während Jonas der Leichtmatrose die Drums bediente. Als Bassist Ledermax auf der Bühne stand, dachte ich erst, was macht Paul Rutherford von FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD da? Der tanzte doch in den 80ern neben Holly Johnson bei deren Shows in fast dem gleichen Outfit auf der Bühne. „Mit „Das Schwein“ und „Pogo in der Straßenbahn“ ging es weiter mit dem Set und bei „Else Kling“ unterstützte Ulrich die anderen Musiker mit seiner kleinen Flöte. Über mangelnde Abwechslung auf der Bühne brauchte sich bei diesem Auftritt keiner beschweren, es wurde sogar erotisch auf der Bühne, naja es kommt darauf an für wen. Ledermax entledigte sich seines Mantels und stand plötzlich da wie Frank N. Furter aus der ROCKY HORROR PICTURE SHOW. Nach 45 Minuten ging es mit „Exzessiv und bizarr“, „Export“, „Light My Fire“ und „Halb Depri, halb Mensch“ schon dem Ende des Auftritts entgegen und mit „Dirty Dancing In The Midnight“, „Exmatriculation“ und „The Camel Boy“ servierten die PEIN dem Publikum noch einen Zugabenblock. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, werden die Jungs noch dieses Jahr ins Studio gehen, um neue Songs einzuspielen. Ihr erstes Werk „Zitadelle des Schweigens“ aus den Anfangstagen ist mittlerweile auch schon mehr als 30 Jahre alt.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Pein muss sein
  • Das Schwein
  • Pogo in der Straßenbahn
  • Else Kling
  • Extreme Qualen
  • Metal Power
  • I Took My Baby
  • Ball And Chain
  • Katzendarm
  • Exzessiv und bizarr
  • Export
  • Light My Fire
  • Halb Depri, halb Mensch
  • Dirty Dancing In The Midnight
  • Exmatriculation
  • The Camel Boy

Nach einer etwas längeren Pause war es endlich soweit: der Auftritt von DADA POGROM  stand an. Im Vorfeld des Festivals wurde eine Überraschung angekündigt: „Fulda lässt grüßen“ hieß es da. Nur wenige werden zu diesem Zeitpunkt mit diesem Hinweis etwas anzufangen gewusst haben, bzw. nur die, die damals beim 2010er Kernkrach in Fulda dabei gewesen waren. DADA POGROM sind seinerzeit als Duo aufgetreten und haben eine Show hingelegt, die bei vielen in guter Erinnerung geblieben ist – mich eingeschlossen. Kurz nach seinem Soundcheck unterhielt ich mich mit Kenneth und er erklärte mir, dass Nicole aka Stasi Nicole Kraschina heute Abend nicht hier sei, sondern daheim in Kanada. Also wurde es aus der Überraschung nichts und so bleibt es wieder ein einmaliges Gastspiel, wie seinerzeit in Fulda. Nichtsdestotrotz stand Kenneth Walter Balys an diesem Abend alleine auf der Bühne hinter seinem kleinen Pult voller elektronischer Geräte. Was aber überraschte, war sein Outfit aus dem 18. Jahrhundert. Mit seinem Dreispitz und der dazugehörigen zu einem Zopf zusammengebunden weißen Perücke und seinem historischen Gehrock wirkte er wie ein Adliger aus einer längst vergangenen Zeit. Kernkrach-Jörg kündigte Mr. Balys Auftritt als etwas Besonderes an. Er spielte an diesem Abend ein Tech Noire Set aus Songs, die Ende der 80er – Anfang der 90er entstanden sind, und beim Opener „I Am The Army“ schnappte sich Kenny sein zum Mikro umgebauten Vintage-Telefonhörer und begann seine Show. Schon vom ersten Ton an hatte der Isländer das Publikum im Griff und das machte es für ihn einfacher sich durch sein Set zu spielen. „It`s Time“, „Marked In Chance“ und die beiden -mittlerweile – Evergreens von DADA POGROM „Amsterdam of The Universe“ und „Forsaken“ kannte fast jeder der Anwesenden. Nach fast 50 Minuten endete der Gig mit „War Is a Pogrom“, aber keiner gab sich damit zufrieden, sodass Kenny überrascht und etwas hektisch noch zwei Songs raussuchte und diese dem tanzenden Fans zum Abschluss servierte. Mittlerweile hatte er sich seiner Kopfbedeckung nebst Perücke entledigt und auch sein Jackett kleidete ihn nicht mehr. Wie er mir später erzählte, trug er dieses Outfit in seinem Video „A Fable IX“ und er liebt diesen 80s Style – die 1780er. Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Setlist (ohne Gewähr)

  • I Am The Army
  • It’s Time
  • Marked In Chance
  • Mare Nectaris
  • Amsterdam of The Universe
  • Forsaken
  • We Want Discrete You
  • Further And Away
  • Taste The Whip
  • Paranoia
  • Plus Plus
  • War Is a Pogrom
  • I Feel Nothing
  • Nocturnus

Auf den letzten Act war ich besonders gespannt, denn ich habe mich im Vorfeld nicht über LE SYNDICAT ELECTRONIQUE informiert, ich wollte mich überraschen lassen. Und das ist auch gelungen, denn was Mastermind Alexandre Grand, bekleidet mit Sturmhaube und Tarnjacke dort ablieferte, war Electronic vom Feinsten. Gleich zu Beginn seines Sets gab es eine musikalische Verbeugung vor seinen Vorbildern KRAFTWERK, denn die Sequenzen waren unüberhörbar. Damit war aber auch schon Schluss mit den ruhigen Synthie-Klängen, denn ab diesem Zeitpunkt drehte der Franzose auf und feuerte mit Songs wie „La Fatigue“, „Body Wave“ und „The Men Who Killed The Beat“ EBM- und Techno-Salven durch die Boxen und die Menge fing an abzutanzen – allen voran die mitgereisten französischen Fans, die es mitunter etwas übertrieben. Viel brauchte Alexandre nicht machen: ein paar Knöpfchen drehen und Regler schieben, das meiste erledigte dann der Laptop und trotzdem kam er bei seiner Bühnenshow richtig ins Schwitzen, so dass er sich seiner Jacke entledigte. Einen Ausflug ins wild tanzende Publikum ging leider nicht ohne Panne ab. Irgendwie hatte sich beim Zurückehren auf die Stage ein Kabel ausgestöpselt, so dass die Techniker ranmussten. Das ist live und kann passieren, nur dadurch kam man zeitlich nicht mehr hin. Egal, das Set von  LE SYNDICAT ELECTRONIQUE wurde um eine viertel Stunde überzogen und zum Schluss wurde auch die Sturmhaube abgenommen und nochmal mit den Fans abgeklatscht.

Setlist (unvollständig und nicht in der richtigen Reihenfolge)

Herr Geldmann
La Fatigue
Body Wave
The Men Who Killed The Beat
Ewigkeit
En Partance
Defending Man

Kurz nach 23 Uhr endete wieder mal ein fantastisches Kernkrach, welches wie immer super vorbereitet und durchgeführt wurde. Hervorzuheben wäre auch der Kartenvorverkauf, der dieses Jahr besser zu handhaben war als bei der 2024er Ausgabe. Da konnte man im Vorfeld reservieren und beim Einlass bezahlen. War ja klar, dass einige ihr Kontingent nicht abgerufen haben und der Veranstalter auf einigen Tickets sitzen blieb. Das wurde jetzt besser gelöst, mit einem kleinen und unabhängigen Ticketdienstleister. Sehr gut, das Ganze und es hat reibungslos funktioniert. Und mit noch einer Neuerung wartete das diesjährige Festival auf. Bei dem guten Wetter wurde vor der Cantine ein kleines Barbecue veranstaltet, das auch sehr gut angenommen wurde und die Jungs hinter dem Grill haben alles gegeben, sodass kein Besucher hungrig das Kernkrach verließ. Da steigt doch schon die Vorfreude auf das nächste Festival.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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