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KERNKRACH Festival 2026

Ort: Bielefeld – Cantine

Datum: 14.03.2026

Wenn ich richtig gezählt habe, so war dieses mein mittlerweile elftes KERNKRACH. Und wie bei jeder Ausgabe dieses einzigartigen Festivals, sieht man mehr oder weniger fast immer die gleichen Gesichter, was nichts anderes heißt, als dass sich ein Stammpublikum etabliert hat und mitgewachsen ist. Dass sich darunter auch viele Musiker befinden, ist auch keine große Überraschung, einige davon standen schon selbst beim KERNKRACH auf der Stage. Wie in jedem Jahr bin ich erstaunt darüber, was für Künstler Jörg Steinmeyer aka Doc Kernkrach und sein Team für dieses Event verpflichten konnten. Dieses Jahr sollten DER MENSCLICHE MOTTEK, HORREUR COSMIQUE und als Headliner VENDÔME auf der Bühne stehen. Und der Support wurde als Surprise Act angekündigt, ich für meinen Teil war gespannt auf das LineUp. Leider kam zwei Tage vorab die krankheitsbedingte Absage von VENDÔME, der früher auch ein Teil von SECOND DECAY war. Nun gut, kann passieren, aber durch die Kontakte und die Überzeugungskraft des Veranstalters konnten kurzfristig QEK JUNIOR nach Bielefeld gelockt werden.

Kurz vor Beginn der musikalischen Aktivitäten hatte ich noch etwas Zeit, mit einigen Gästen zu plaudern. Darunter auch mit Haiko Herden, der beim KERNKRACH immer einen kleinen Beitrag mit seiner Formation CHARLES LINDBERGH N.E.V. beisteuerte. Wir diskutierten kurz über die Absage des Headliners und er eröffnete mir, dass auch der Surprise Act wegen Krankheit abgesagt habe. Oha, das ist ja viel Pech für die Veranstaltung, aber gleichzeitig merkte er an, dass er jetzt diesen Part übernehmen würde. Ja Haiko, du bist ja immer auf der Bühne, das ist nix neues. Ich solle mich aber überraschen lassen, es werde etwas anderes sein als die letzten Jahre.

Punkt 18.30 Uhr betrat Jörg die Stage und erläuterte die beiden krankheitsbedingten Absagen und freute sich, dass er mehr als nur Ersatz für die beiden Ausfälle gefunden hatte. Den Support übernahm ANTI TRUST, eines der vielen musikalischen Projekte von Haiko Herden. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Konzerten, spielte er nicht mit dem kleinen Casio sein Set, sondern laut Doc Kernkrach mit original Equipment aus den 80ern mit den dazugehörigen Songs aus dieser Dekade. Mit „Cindy S.“, „Brennendes Land“ und „Kranke Augen“ aus dem Jahr 1986 begann er seinen Gig und schon hier machte es sich bemerkbar, dass die Songs richtig kräftig aus den Boxen kamen, kein Vergleich zu den Auftritten nur mit dem kleinen Keyboard der letzten Jahre. Natürlich kam auch CHARLES LINDBERGH N.E.V. nicht zu kurz, denn mit „Body Building“ und „Auf in den Kampf“ gab es Tracks aus den frühen 80ern. Aber damit noch nicht genug: NEWS ON FRIDAY gab`s ja auch noch und mit „Titania“ einen Song von dieser Band. Nach einer kurzweiligen halben Stunde verabschiedete sich Haiko dann vom Publikum und natürlich gab es auch dieses Jahr zum Abschluss den „Weihnachtsmann“ – ist ja bald wieder so weit.                                Nach dieser kleinen Bandbreite aus den Anfangstagen des Hamburgers ist er jetzt mit seinem aktuellen Projekt DIE VERSION aktiv und ob das nicht schon alles genug wäre, veröffentlicht er unter seinem eigenen Namen einige Elektronik-/Ambient-Alben – gerne mal bei Bandcamp schauen. Und so ganz nebenbei betätigt sich der Gute auch als Buchautor und veröffentlichte mit „Die Rote Gefahr“ und „Minimal Glück“ zwei Romane.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Cindy S. (ANTI TRUST, 1986)
  • Brennendes Land (ANTI TRUST, 1986)
  • Kranke Augen (ANTI TRUST, 1986)
  • Body Building (CHARLES LINDBERGH N.E.V., 1982/83)
  • Höllenpiraten (ANTI TRUST, 1986)
  • Kartoffelmesser (CHARLES LINDBERGH N.E.V., 2016)
  • Titania (NEWS ON FRIDAY, 1985)
  • Auf in den Kampf (CHARLES LINDBERGH N.E.V., 1982/1983)
  • Weihnachtsmann (CHARLES LINDBERGH N.E.V., 1983 – Original von BLÜMCHEN BLAU)

Überschwänglich wurde nach einer kurzen Umbaupause DER MENSCHLICHE MOTTEK angekündigt – ja auf das Projekt war auch ich gespannt. Es erschien ein Typ auf der Bühne, der vom Outfit her so gar nicht in das Line Up des KERNKRACHs passte. Baseballcap und ein Sweatshirt der britischen Death Metal Legende NAPALM DEATH, das schließt eher nicht auf Elektronik. Weit gefehlt, denn was Bastian Hagedorn dort auf der Bühne zelebrierte, hatte EBM- und Industrial-lastige Strukturen, was so Richtung DAF ging. Schon nach dem ersten Track „Kumpel“ musste er die kleine Bühne verlassen, da er Angst hatte, diese zu zerstören. Und in der Tat, sein Gehüpfe brachte diese derart in Schwingung, dass die etwas im Hintergrund vorbereiteten Geräte der nachfolgenden Bands umzufallen drohten. Kurzerhand mischte er sich unter die Fans und zog dort seine energiegeladene Show durch. Als die ersten Takte von „Der Mottek“ aus den Boxen schallte, war Dr. Kernkrach einer der ersten, der voll auf diesen Song abging. Dass dem Berliner nach einer recht kurzen Zeit bei diesem Einsatz die Puste ausging, verwunderte mich nicht und auch er gestand sich ein, dass er doch mehr an seiner Fitness hätte arbeiten sollen. Egal, es ging unvermindert weiter mit „Kaputt“ und „Seitensprung“, wobei letzterer Track auch von DAF hätte stammen können, bzw. recht nahe dran war. Mit „Tripsitter“ und „Einsamkeit“ war man schon zum Ende des Sets gekommen, aber Zugabe musste sein und so wurde noch einmal „Der Mottek“ hervorgeholt und gemeinsam richtig abgegangen. Leider gibt es nur eine Veröffentlichung in Form eines Tapes von DMM, welches er zusammen mit Johannes Büttner eingespielt und solo hier performt hat. Erstaunlicherweise hat Bastian ein großes musikalisches Spektrum, angefangen mit der Black Metal Band SUN WORSHIP über SCHREIN, die Electronic Jazz zum Besten geben, bis hin zu DELEOMETER mit ihren Hardcore Vibes. Und dann noch das Projekt GTUK – aber das ist eine andere Geschichte.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Kumpel
  • Dystopia
  • Der Mottek
  • Kaputt
  • Seitensprung
  • Tripsitter
  • Einsamkeit
  • Der Mottek

Nach der fulminanten Show des Berliners wurde es jetzt mit HORREUR COSMIQUE etwas ruhiger und internationaler. Doc Kernkrach erkundigte sich bei der Vorstellung des Acts, ob er den Namen auch richtig ausgesprochen hatte. Zustimmendes Kopfnicken wies ihn darauf hin, alles richtig gemacht zu haben. Zum Intro „Ave Satani“ betrat Carsten Kittel (synth) mit der neuen Sängerin Anne Dig (Ex-HAMMERSHØI) die Stage und gemeinsam starteten sie ihr Set mit „Un labyrinthe sans fin“ vom selbstbetitelten Erstlingswerk „Horreur Cosmique“. Der Sound, irgendwo zwischen Dark-, Synth- und Coldwave, kam sehr gut bei den Anwesenden an und auch die nachfolgenden Songs „Sombras, sombras“ und „Nuit déguise-toi“ lebten vom Klang der französischen Sprache und auch die Coverversion „Anne cherchait l’amour“ aus den Anfangstagen des mittlerweile verstorbenen Pariser Musiker JACNO machte da keine Ausnahme. Da es ja nur ein Album und einen Beitrag zum „Cancer is an Asshole – Tribute to Kolli“-Sampler gibt, kam beim Auftritt des Duos mit „Fade To Grey“ und „Maid of Orleans“ noch zwei Cover dazu, wobei das OMD-Stück gesanglich etwas „verunglückt“ ist – so kam es jedenfalls für mich rüber. Während Carsten fast unbeweglich hinter seinen elektronischen Geräten verharrte und nur ab und zu das Micro für seinen Part benutzte, nahm Anne mit ihrer kühlen Präsenz fast die ganze Bühne ein. Mit „Mélancolie“, „L’obscurité m’enlace“ und dem Instrumental „La légende de Tittenhurst Park“ und dem VISAGE-Cover verabschiedeten sich die beiden von der Bühne, leider ohne Zugabe. Das machte aber nichts, da ich mir das Album besorgt habe und so ihre Musik auf meiner Anlage anhören kann.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Intro: Ave Satani (from OST The Omen)
  • Un labyrinthe sans fin
  • Sombras, sombras
  • Nuit déguise-toi
  • Anne cherchait l’amour (JACNO-Cover)
  • Distances (instrumental)
  • Horreur cosmique
  • Maid of Orleans (OMD-Cover)
  • Mélancholie
  • L’obsurité m’enlace
  • La légende de Tittenhurst Park (instrumental)
  • Fade To Grey (VISAGE-Cover)
  • Outro: Lullaby (from OST Rosemary’s Baby)

So schnell kann es gehen: Als dringender Ersatz angefragt, mussten QEK JUNIOR innerhalb von 2 Tagen ihr Live Set verinnerlichen und anschließend den Weg nach Bielefeld anpeilen. Dominic Daub (voc) und Tobias Dupont (synth) standen 2008 schon einmal beim Kernkrach auf der Bühne und wussten dort mit ihrem Sound zwischen Minimal Electro, EBM und Wave zu begeistern. Headliner in Warendorf war seinerzeit kein Geringerer als DER PYROLATOR (FEHLFARBEN, DER PLAN und Gründungsmitglied von DAF). Hier in Bielefeld sind sie jetzt selbst der Hauptact und mit „Neue Ästhetik“, „Koblenz, nicht Berlin“, „Kurz und schmerzlos“ und „Atomkonsens“ aus ihrem ersten Album „Ausverkauf“ begannen sie eine kleine Werkschau aus den mittlerweile mehr als 20-jährigen Existenz von QEK JUNIOR. Untermalt wurde das Ganze mit kleinen Schwarz-Weiß-Filmen, die im Hintergrund auf der Leinwand liefen und den Songs dadurch noch mehr Tiefe gaben. Die anschließenden Tracks „Tick Tick Tick“, „Pervitin“ und „Nichts ist für die Ewigkeit“ vom Album „Druschba“, welches auf Hertz-Schrittmacher erschien – einem Sublabel von Kernkrach. Die meisten Anwesenden, mich eingeschlossen, konnten sich mit Sicherheit mit dem Stück „Kind der 80er“ identifizieren, wir sind ja schließlich in dieser Dekade aufgewachsen und demzufolge musikalisch sozialisiert worden. Und natürlich gab es auch hier eine Coverversion und zwar von der Band, die ich in meinem Bericht schon mehrfach erwähnt habe und die als Vorreiter des EBM und der sogenannten Neuen Deutschen Welle gelten. Es sind keine geringeren als die DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT, deren 81er Hit „Ich und die Wirklichkeit“ von Dominik und Tobias vorgetragen wurde. Nach einer kurzweiligen Stunde beendete das Duo mit „Groß, blond, tuberkulös“, „Yoshiwara“   und „1/0“ ihre Show, natürlich noch mit einer kurzen, funkensprühenden Einlage mit der Flex. Um den Auftritt richtig gut ausklingen zu lassen, gab es mit „Deine Mudda hört Die Krupps“ noch eine Zugabe.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Neue Ästhetik
  • Koblenz, nicht Berlin
  • Kurz und schmerzlos
  • Atomkonsens
  • Tick Tick Tick
  • Pervitin
  • Nichts ist für die Ewigkeit
  • Kind der 80er
  • Kopfkino
  • Ich bin raus
  • Ich & die Wirklichkeit (DAF-Cover)
  • Groß, blond, tuberkulös
  • Yoshiwara
  • 1/0
  • Deine Mudda hört Die Krupps

Und wieder endet ein richtig gut gelungenes KERNKRACH, obwohl es im Vorfeld durch die Absagen einige Probleme zu bewältigen gab. Aber diese wurden anstandslos gelöst, so dass auch dieses Festival gut über die Bühne ging. HAUSVERBOT sollte der Surprise Act sein, ein Projekt von Lars Tischler (KÜHLE MATROSEN) und Volker Kindt (BÊTES SAUVAGES), aber wie eingangs schon erwähnt, musste der Auftritt krankheitsbedingt gecancelt werden. Beim nächsten Festival wieder einladen, aber dann zum richtigen Line Up. Ach ja, da gab es doch wirklich einige Fans des KERNKRACHs, die sich wunderten, dass der erste Act schon längst seine Geräte abgebaut hat, als sie die Cantine betraten. Die Zeiten sind längst vorbei, als es massive technische Probleme gab, wodurch sich das Konzert nach hinten verschob. Das gibt es schon seit Jahren nicht mehr, es wird pünktlich angefangen, denn: wer zu spät kommt, der verpasst dann eben den ersten Künstler. Auch dieses Mal gab es vor der Cantine ein kleines Barbecue, sodass für das leibliche Wohl gesorgt war und es an nichts fehlte.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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