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Kernkrach Festival 2024

Ort: Bielefeld – Cantine

Datum: 09.03.2024

Endlich wieder Kernkrach, das letzte ist ja auch schon Ewigkeiten her. Ich habe noch mal nachgeschaut und das letzte fand tatsächlich im Herbst 2017 im beschaulichen Warendorf statt; dort wo 2004 diese kleine und geniale Festivalserie begann. Nun gut, es war zwischenzeitlich wieder eins geplant, aber wie wir ja wissen kam die Coronakrise dazwischen. Auch eine Verschiebung wurde wieder abgesagt, wenn ich mich recht erinnere. Das ist alles Schnee von gestern und einem neuen Anlauf mitsamt neuer Location stand nichts mehr im Weg. Es ist immer wieder schön zu sehen, wer sich so beim Kernkrach blicken lässt. Heinz von SÜTTERLIN NACHF., Philipp Ruprecht (SYNAPSCAPE, RASPUTEEN usw.) und Partnerin Babsi, mit welcher er das Projekt THE RORSCHACH GARDEN betreibt. CHARLES LINDBERGH N.E.V., DEUTSCHE ANARCHISTEN TAUMELN BENOMMEN EINEN SCHRITT ZUR SEITE, RUN und THE DARK UNSPOKEN bzw. N8STROM2618 tummelten sich im Publikum, unterhielten sich und warteten auf das Geschehen auf der Bühne.

Den Auftakt machte überpünktlich das Duo GEN NULL und das mit unglaublicher Power und Spielfreude. Angekündigt von Kernkrach Jörg als Lokalmatador, habe ich persönlich noch nie von den Jungs gehört, aber ich bin ja immer offen für was Neues. Auf ihrer Bandcamp-Seite bezeichnen sie ihren Stil als „Neue Deutsche Freak Welle“ und ja, die Einflüsse der NDW Anfang der 80er sind nicht zu überhören. Ich würde auch Fun Punk mit anführen, denn die dargebotenen Songs wie „Hey, Maschine!“, „Nie im Leben“ und „Hallo Taxi“ verbreiten auf der Bühne Spaß, der sich dank Fronter Tobias sofort auf das Publikum übertrug. Bei seiner Performance nutzte er nicht nur die komplette kleine Bühne, sondern auch den Platz im Zuschauerbereich, um mit den Anwesenden zu feiern, während  im Hintergrund Marc seinen Arbeitsplatz hinter dem Keyboard nicht verließ. Das Ganze erinnerte an den Auftritt von THE BERNIE AND THE JOERGI vom letzten Kernkrach Festival. Auch sie begeisterten die Fans seinerzeit mit ihrem Mix aus Electro, Punk und NDW. Mit dem 81er Hit der ZELTINGER BAND „Asi mit Niwoh“ endete die kurzweilige Show der Bielefelder und ja, die spontane Verpflichtung des Veranstalters hat sich auf jeden Fall gelohnt!

Setlist (ohne Gewähr)

  • Du redest
  • Hey, Maschine!
  • Nie im Leben
  • Liebe diametral
  • Junge Eltern
  • Flug 110 aus Madrid (BÄRBEL-Cover)
  • Gutes Alibi
  • Nasser Asphalt
  • Alles steht still (deutsche Coverversion von THE CURE „Grinding Halt“)
  • Hallo, Taxi
  • Das Ende
  • Asi mit Niwoh (ZELTINGER-BAND-Cover)

Nach einer wirklich kurzen Umbaupause – es wurden nur die elektronischen Gerätschaften ausgetauscht – begann DADA POGROM aka Kenneth Walter Balys sein Set. Dieser ist für Kernkrach-Fans kein Unbekannter mehr, stand er vor Jahren schon einmal auf der Bühne bei einem Kernkrach Festival. Und dieses fand seinerzeit in Fulda statt und er hatte noch jemanden an seiner Seite. Mit ihrer Vocoder-Stimme und ihrem äußeren Erscheinungsbild zog sie an diesem Abend nicht nur mich in ihrem Bann: Die Sprache ist von Stasi Nicole Kraschina, die aber schon lange nicht mehr mit dabei ist. Vielleicht war es seinerzeit auch nur ein einmaliges Gastspiel mit ihr, denn seitdem ist es nur noch eine Ein-Mann-Show. Wie Doc Kernkrach vorab mitteilte, hatte Kenny von Reykjavik aus über Norwegen die längste und stressigste Anreise zum Festival, und bei seiner heutigen Show sah er mit seinem Overall aus wie ein Wissenschaftler an seinen elektronischen Geräten. Als Mikro diente ein altes ausrangiertes Telefon und auch Kennys Stimme wurde durch den Vocoder gejagt und über die Beats und Musik aus seiner Apparatur gelegt, während er an ein paar Knöpfen drehte. Aus den Boxen schallten dann Songs wie „I Feel Nothing“, „Dismantle“ und „I Walk The Seven“, wobei letzter durch seinen Refrain zum Mitsingen animierte. Nach jedem Track schmiss Mr. Balys die Zettel mit seinen Songtexten hinter sich, sodass sich am Ende des Gigs ein schöner Haufen Papier auf der Stage stapelte. Auch hier gab es eine Zugabe und ein vielumjubelter Auftritt von DADA POGROM endete. Kenny bedankte sich gerührt beim Publikum – nach der Wiederauflage des 2015er Albums „Kolophonoium“ im letzten Jahr, wäre es auch mal wieder Zeit für neuen Output.

Auch den Hauptact kündigte Jörg wieder an und wies darauf hin, dass es der allererste Auftritt von KÜHLE MATROSEN sein würde. Als Überraschung hat der Hamburger pünktlich zum Festival sein zweites Album mitgebracht, welches im Anschluss an das Konzert verkauft wurde. Schon der Opener „Spasmo“ und das von Lars getragene IDEAL-Shirt machten klar, wo die musikalische Reise des MATROSEN an diesem Abend hingehen sollte. In der Cantine wehte, wie auch schon bei GEN NULL ein Hauch von NDW durch die kleine Halle. Für die Anwesenden, mich eingeschlossen, war NDW mit Sicherheit die erste musikalische Berührung im zarten Teeniealter. Der Zusatz zum ersten Song lautete daher auch: „Ich möchte tanzen wie Joachim“. Ich denke jeder weiß, dass damit „Der Goldene Reiter“ Witt gemeint ist, der trotz seines betagten Alters immer noch im Musikgeschäft tätig ist. Ich konnte es gar nicht glauben, dass es wirklich der erste Gig des Norddeutschen sein soll, so routiniert wie er durch sein Programm führte, zweifle ich daran. Trotz einiger technischer Probleme, blieb er ruhig und von Nervosität keine Spur. „Komm zu mir“, „Tanz neue Zeit“ und die beiden französischsprachigen Songs „La nuit arrive“, „Dans tes bras forts“ vom nagelneuen Longplayer „TanzNeueZeit“ begeisterten ebenso wie auch die dargebotenen Tracks vom 2020 Album „1982 km/HH“. Gerade beim Titeltrack „Tanz neue Zeit“ gab es eine musikalische Verbeugung vor Hamburg und ebenso vor MARCUS, von dem sich der MATROSE eine Textzeile lieh und sie umdichtete: „Hamburg, Hamburg spürst du mich? Heute Nacht kommen wir über dich!“ Neben Tracks der KÜHLEN MATROSEN mischte sich noch „Prinzipelle Sicherheit“ von HANS URAN mit rein, ein weiteres Projekt von Lars. Auch hier verging – wie bei den anderen beiden Acts auch – die Zeit wie im Fluge und ein weiteres Kernkrach fand seine Vollendung. Natürlich ebenfalls nicht ohne Zugabenblock und ein glücklicher und erleichterter MATROSE verließ die kleine Bühne, vor der die Premiere seiner Show gefeiert wurde. Ich kann mir gut vorstellen, dass da in Zukunft noch einige folgen werden.

Setlist (ohne Gewähr)

  • Spasmo (Ich möchte tanzen wie Joachim)
  • Komm zu mir
  • Tanz neue Zeit
  • La nuit arrive
  • Wir sind die neuen
  • Prinzipelle Sicherheit (HANS URAN)
  • Kleiner Roboter
  • Geometrische Liebe
  • Dans tes bras forts
  • Die ganze Nacht (tanzen gehn)
  • Jugend frisst Raketen
  • Wege der Wissenschaft
  • Telegen
  • Theoretisch magnetisch
  • Rette mich
  • Der Fortschritt kommt (HANS URAN)

Und wieder endete ein gelungenes kleines Festival – aber nur auf der Stage, wer noch nicht genug hatte von elektronischen Klängen, konnte im Anschluss zum DJ Set von Dr. Kernkrach und DJ Mike tanzen. Wie man schon an seinen Vorgängern sehen konnte, war von den amateurhaften Anfängen dieser Serie nichts mehr zu spüren. Bis auf einige Ausnahmen gab es kaum Probleme, es wirkte richtig professionell. Wenn ich mich da noch an die ersten Kernkrachs erinnere, wo es zuhauf technische Probleme gab, die dann zu massiven zeitlichen Verzögerungen führten. Auch stand mal die Polizei im Warendorfer HOT, weil die Bässe aus den Maschinen der HUMAN PUPPETS ein paar Häuser weiter zu spüren waren. Aber das machte den Charme aus und bis auf ein einziges, habe ich alle mitgenommen und genossen, wobei mein Favorit immer noch das Gastspiel in Fulda war. Ich hoffe, dass es immer noch nicht das letzte Festival war, das das Team um Kernkrach Jörg auf die Beine gestellt hat.

Was mir aber Sorgen macht, ist der Umstand, dass auch bei diesem Festival im Vorfeld Betrüger unterwegs waren. Auf der FB-Seite des Festivals wurden über zwei Fake Accounts jeweils vier Tickets zur ausverkauften Veranstaltung angeboten. Es waren zu diesem Zeitpunkt jedoch gar keine Tickets verkauft worden, man konnte sich nur per Mail vorab registrieren lassen und bekam erst am Eingang bei Bezahlung sein Ticket. Ich hoffe nur, dass niemand darauf reingefallen ist und in Zukunft sollte man misstrauisch und vorsichtig bei solchen Angeboten sein!

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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