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KETTCAR

Ort: Georgsmarienhütte – Waldbühne

Datum: 13.07.2024

Vor genau einem Jahr war THEES UHLMANN mit seiner Band zu Gast auf der altehrwürdigen Waldbühne im Georgsmarienhütter Stadtteil Kloster Oesede. Es scheint dem Mitbegründer des legendären Indie-Labels Grand Hotel van Cleef auf der lauschigen Bühne gefallen zu haben; auf jeden Fall hat er seine Label-Buddies von KETTCAR nicht davon abgehalten, ebenfalls auf der Waldbühne aufzutreten. Für Marcus Wiebusch (Gesang & Gitarre), Erik Langer (Gitarre), Reimer Bustorff (Bass), Lars Wiebusch (Keys) und Christian Hake (Drums) markierte der Abend den Auftakt in die Open-Air-Saison und nach Tagen äußerst wechselhaften Wetters blieben die Fans in den locker besetzten Bankreihen sogar trocken.

Für den Auftakt hatten KETTCAR mit „Auch für mich 6. Stunde“ eine Single aus ihrem sechsten Studioalbum „Gute Laune ungerecht verteilt“, das im April bis an die Chartsspitze geklettert ist, ausgewählt. Bereits jetzt, kurz nach 20 Uhr, hielt es das Auditorium nicht mehr auf ihren Sitzen und spätestens „Balkon gegenüber“ (2002 auf dem Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“ erschienen) wurde kräftig mitgeklatscht. Ebenso rockig wie rhythmusbetont ging es mit „Graceland“ vom 2008er „Sylt“ weiter und auch „München“ ließ es ordentlich krachen. Für ein besonderes Gedankenexperiment griff Marcus zum akustischen Sechssaiter und verhaspelte sich ob des Jahrzehnts, in dem er seine Sturm- und Drang-Zeit hatte. Kurzfristig verlegte der bald 56-jährige diese in die Seventies, kam dann jedoch schnell in den Neunzigern an, wobei „Ein Brief meines 20-jährigen Ichs (Jedes Ideal ist ein Richter)“ in seinem Fall bereits 1988 verfasst werden musste. „48 Stunden“ („Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ – 2005) zählt zu den bekanntesten Songs der Hamburger, die hier auf unnachahmliche Weise von einer gescheiterten Fernbeziehung berichten. Die Nummer gehört live immer auf die Setlist, was auch für „Balu“ vom selben Longplayer gilt. Für das Lied hat sich Marcus TAYLOR-SWIFT-mäßig ins Getümmel gestürzt und die Stage verlassen, wofür er die großzügige Rasenfläche überqueren musste, die quasi den Graben bildete, den Herr Wiebusch in dieser Ausprägung nach eigener Aussage nicht verstand. Reimer quittierte den Auftritt mit einem „Willst du übern Rasen laufen, musst du dir ein Grundstück kaufen“ und wollte die Zuschauer:innen schon einladen, sich im Schneidersitz vor die Bühne zu setzen, doch der Frontmann vermutete, dass in Kloster Oesede das Betreten des Rasens verboten sei, weshalb es nicht zu hippiesken Sit-ins kam. Zu meinen Highlights des Abends zählte zweifellos „Der Tag wird kommen“ aus Marcus‘ 2014er Solo-Silberling „Konfetti“, bei dem Hunderte Arme geschwenkt wurden, aber auch das hymnische „Money Left To Burn“ wusste zu begeistern. „Anders als gedacht“ haben KETTCAR seit 18 Jahre nicht gespielt und Reimer stellte im Anschluss fest, dass der Track am Ende fast ein bisschen DONOTS-mäßig ist, was insbesondere Guido Knollmann interessiert haben dürfte, denn der DONOTS-Gitarrist befand sich auch im Publikum. Im Anschluss ging’s gedanklich 35 Jahre zurück in den „Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ – ein extrem treibender Song mit Gänsehaut-Garantie. Währenddessen machte sich Reimer Gedanken darüber, dass auf der Waldbühne Kloster Oesede auch bereits das Musical Tarzan aufgeführt wurde und erinnerte sich daran, dass seine Mutter ihm anhand eines Beispiels mit Tarzan, Jesus und Unterhosen den Unterschied von ‚Das gleiche‘ und ‚dasselbe‘ beigebracht hat. Das war dann auch direkt der perfekte Moment, um ein Foto für Mama Inge zu machen, ehe es „Auf den billigen Plätzen“ weiterging. Gibt es in Bayreuth billige Plätze? Immerhin wurde mit viel Schmackes vermittels „Kayne in Bayreuth“ die Frage aufgeworfen, ob man den miesen Autor von seinem gelungenen Werk trennen kann. „Im Taxi weinen“ wurde gleich mit zwei Akustikgitarren vorgetragen, um schließlich mit dem wunderbaren „Landungsbrücken raus“ und BERND BEGEMANNs Feststellung „In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung“ das reguläre Set nach knapp 90 Minuten zu beenden.

Den Zugabenblock eröffneten KETTCAR mit „Einkaufen in Zeiten des Krieges“, in dem die Zeile

‚Nicht alle in Hamburg wollen zu König der Löwen‘ vorkam. Dazu passte natürlich die Ansage: „Aus der Musicalstadt für die Musicalstadt“, wobei diese Bezeichnung trotz der unbestreitbaren Professionalität des Waldbühnen-Ensembles für Georgsmarienhütte vielleicht etwas hochgegriffen ist. Mit „Ich danke der Academy“ ließen es Band und Fans abermals krachen und beim Überhit „Deiche“ gab es endgültig kein Halten mehr. Und um die Eskalation perfekt zu machen, luden die Hanseaten ihr Publikum beim finalen „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“ ein, direkt vor die Bühne auf den heiligen Rasen zu kommen. Dort und auf den Rängen erlebten die Anwesenden zunächst den Fronter allein mit seiner Wanderklampfe, später kamen Reimer und Christian dazu, ehe Lars und Erik den Fünfer wieder komplettierten.

Inzwischen war es beinahe 22 Uhr und die Dämmerung zog über den Bäumen auf, als KETTCAR ihre Anhängerschaft in die Samstagnacht verabschiedeten. Sie versprachen, bald wieder in die Gegend zu kommen und nachdem sie im April bereits in Bielefeld waren, beehren Sie uns vielleicht im Winter noch einmal indoor. Wir hätten mit der Botschaft dann ja auch eine neue Location in der Hasestadt…

Setlist

  • Auch für mich 6. Stunde
  • Benzin und Kartoffelchips
  • Rettung
  • Balkon gegenüber
  • Graceland
  • München
  • Kein Außen mehr
  • Ein Brief meines 20-jährigen Ichs (Jedes Ideal ist ein Richter)
  • 48 Stunden
  • Balu
  • Der Tag wird kommen (MARCUS-WIEBUSCH-Song)
  • Money Left To Burn
  • Anders als gedacht
  • Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  • Auf den billigen Plätzen
  • Kanye in Bayreuth
  • Im Taxi weinen
  • Landungsbrücken raus
  • Einkaufen in Zeiten des Krieges
  • Ich danke der Academy
  • Deiche
  • Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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