Ort: Osnabrück – Die Botschaft
Datum: 18.01.2025
Im Sommer waren KETTCAR noch im benachbarten Georgsmarienhütte auf der Waldbühne Kloster Oesede zu sehen und hatten sich mit dem Versprechen verabschiedet, bald mal wieder in die Gegend zu kommen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich bereits auf die damals noch im Bau befindliche Botschaft hingewiesen und tatsächlich haben die Hamburger Indie-Veteranen den Weg in Osnabrücks neue Konzert-Location in fußläufiger Nähe zum Hauptbahnhof gefunden. Der Bassist und Sänger Reimer Bustorff hatte sich vorab bei MADSEN schlau gemacht, wie die Botschaft denn so sei, denn die Jungs aus dem Wendland hatten den ausverkauften Laden im November sozusagen eingeweiht; seinerzeit dummerweise ohne funktionierende Lüftung, sodass die Veranstaltung allein ob der Saaltemperatur zu einer schweißtreibenden Angelegenheit wurde. An diesem kalten Januarabend funktionierte die Haustechnik einwandfrei, eingeheizt wurde dem zahlreich erschienenen Publikum trotzdem und zwar zunächst von AMOS THE KID aus Kanada.
AMOS THE KID hat unlängst sein erstes Album „Enough As It Was“ bei Grand Hotel van Cleef veröffentlicht und Indie-Fans wissen natürlich, dass die Kult-Plattenfirma im September 2002 von Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff gegründet wurde, weil sich kein Label fand, das das KETTCAR-Debüt „Du und wie viel von deinen Freunden“ rausbringen wollte. Der Rest ist sozusagen Geschichte und das GHvC immer ein Garant für spannende Neuentdeckungen. Hinter AMOS THE KID steckt der Musiker Amos Nadlersmith, der seinen Langspiel-Erstling in der Heimat bereits 2023 veröffentlicht hat und bislang noch nicht in der alten Welt aufgetreten ist. In der Botschaft wurden er und seine Band um 20 Uhr jedoch freundlich aufgenommen, was das Quintett wiederum mit 40 Minuten voller abwechslungsreicher Musik honorierte. Gesanglich wurde Amos dabei immer wieder von seiner Keyboarderin unterstützt (z.B. beim ebenso gefühl- wie kraftvollen „You Make It So Easy“), während seine dunkle Stimme hier und da einen jauligen Unterton bekam (etwa beim rhythmusbetonten „Well Water“ oder dem wunderbar schrammeligen „Hang Your Head“). Derweil schien der Mann am zweiten Sechssaiter Hummeln im Hintern zu haben, denn auch bei einer Nummer wie dem leicht countryesken „I Don’t Really Know“, die eher ruhig begann, gab es für ihn kein Stillstehen. Der Song nahm im weiteren Verlauf mit viel Schmackes und einer Prise Punk Fahrt auf, sodass man den Herrn schließlich auf dem Boden spielend vorfand. „Jesus Cocaine Ketamine Christ“ übernahm mit einem fluffigen Sound, der ins Bein ging und „World Burn“ sorgte für einen coolen Abschluss, der kräftig beklatscht wurde und das sicher nicht nur, weil der Combo die Osnabrücker Altstadt gefallen hat (wie gut, dass sie nicht am Neumarkt oder Rosenplatz waren…). Amos freute sich zudem über die kurzen Wege zwischen den einzelnen Venues (in Kanada ist mal halt deutlich länger zwischen zwei Städten unterwegs), brauchte unbedingt ein Foto von ganz hinten im Zuschauerraum, damit die Leute zuhause ihm auch glauben, dass er vor mehr als 1.000 Leuten gespielt hat und bedankte sich artig bei den Anwesenden, Grand Hotel van Cleef und KETTCAR.
Setlist AMOS THE KID
- Mountain View
- Island of Troubles
- What Did You Do
- You Make It So Easy
- Well Water
- Hang Your Head
- I Don’t Really Know
- Jesus Cocaine Ketamine Christ
- World Burn
Nun hatten die Anwesenden etwa 25 Minuten Zeit, um sich mit Getränken zu versorgen oder den Lungenschmacht zu befriedigen, ehe mit KETTCAR der Hauptact des Abends die Bühne betrat. Im Hintergrund prangte anders als beim Support kein Band-Backdrop, sondern eine Video-Leinwand, denn die Show wurde neben stimmungsvollem Licht auch mit bewegten Bildern illuminiert. Für den Anfang hatten Marcus (Gesang & Gitarre) und Lars (Tasten & Gesang) Wiebusch, Erik Langer (Gitarre & Gesang), Christian Haake (Drums) und Reimer Bustorff (Bass & Gesang) das kraftvolle „Money Left To Burn“ vom bereits erwähnten Debüt „Du und wie viel von deinen Freunden“ auf dem Zettel und natürlich wurde das Lied gleich lauthals mitgesungen. Das muntere „Benzin und Kartoffelchips“ stammte vom 2017er „Ich vs. wir“, bevor Marcus für das beschwingte Liebeslied „Rettung“ (2012 auf „Zwischen den Runden“ erschienen) zur Akustikgitarre griff. Dank des rockigen „München“ stand dann ein Track vom 2024er Nummer-1-Album „Gute Laune ungerecht verteilt“ auf der Setlist, während Marcus für das gefühlvolle „48 Stunden“ (2005 der höchste Charteinstieg von 0 auf 46, veröffentlicht auf „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen) abermals die akustische Klampfe zur Hand nahm. Keine Frage, dass dieser Hit nach allen Regeln der Kunst abgefeiert wurde! Überhaupt war die Stimmung auf und vor der Stage bestens und alte und neue Songs wurden ebenso wie die kleinen Geschichten zwischen den Liedern aufmerksam verfolgt. So wie Reimers Erlebnisse beim AYLIVA-Konzert vor 14.000 Fans. Wenn man weiß, dass die 26-jährige Musikerin schon gemeinsame Sache mit HELENE FISCHER und APACHE 207 gemacht hat, kann man sich denken, dass Reimer als Begleiter seiner Tochter im BAD-RELIGION-Shirt etwas deplatziert gewirkt haben könnte. Aber das Töchterchen verschwand eh in die erste Reihe und er fand auf einem der hinteren Ränge einen Leidesgenossen im SLAYER-Shirt. Nach dem mitreißenden „Kayne in Bayreuth“ war die Zeit für „Balu“ gekommen. Ein leises Stück, das traditionell die Gebrüder Wiebusch allein performen und bei dem sich Marcus ein leises „Wanne-Eickel“ wünschte. Allerdings hat er den Eindruck, dass dieses Textfragment umso lauter mitgesungen wird, je näher die Stadt im nördlichen Ruhrgebiet zum jeweiligen Auftrittsort liegt. Luftlinie dürften dies etwa 100 km sein und entsprechend laut war es auch in der Botschaft beim besagten „Wanne-Eickel“. Ein weiteres Highlight war „Der Tag wird kommen“ von Marcus‘ 2014er Solo-Album „Konfetti“. Kollektives Arme schwenken war hier ebenso angesagt wie tosender Applaus. „Notiz an mich selbst“ von der 2019er EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. ich)“ war verbunden mit einem kleinen Singspielchen, das die Osnabrücker Crowd besser absolviert haben sollen als am Vorabend die Düsseldorfer. Eine Premiere gab es mit dem straighten „Einer“, denn der Track wurde bislang noch nie live in der Hasestadt gespielt – weder im Hyde Park noch in der Halle Gartlage (die bisherigen Spielstätten der KETTCAR-Gigs). Wenig später sorgte „Balkon gegenüber“ für wildes Hüpfen in den ersten Reihen, wohingegen das nachfolgende „Auch für mich 6. Stunde“ einen sanften Einstieg bot, dann Tempo aufnahm und nahtlos ins treibende „Kein Außen mehr“ („Sylt“ – 2008) überging. „Ich danke der Academy“ war mit ausgelassenem Stakkato-Klatschen verbunden, bevor mit „Deiche“ ein weiterer Klassiker der KETTCAR-Diskografie anstand. Frenetischer Beifall begleitete die Kapelle um 22.30 Uhr ins Off, aber natürlich war längst noch nicht Schluss. „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ eröffnete mit eindringlichem Sprechgesang den Zugabenblock, ehe Reimer um Applaus für Juli bat. Juli war ein junges Mädchen in der ersten Reihe, das der Band wohl ein Geschenk gemacht hatte. Weiter ging’s mit dem beschwingten „Auf den billigen Plätzen“ und dem emotionalen „Im Taxi weinen“, um mit „Landungsbrücken raus“ kongenial zu enden. KETTCAR verzichteten an dieser Stelle auf den von BERND BEGEMANN geklauten Spruch „In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung“, da sie überrascht festgestellt hatten, dass Osnabrück sogar einen eigenen Stadtteil namens „Hafen“ hat. Ja, dieser Hafen ist ungleich kleiner als das Hamburger Pendant, aber wenn er hilft, zuversichtlich zu bleiben, spielt die Größe doch gar keine Rolle. Also wurde dieser letzte Höhepunkt noch gemeinsam zelebriert, bevor die Zuschauerschaft gegen 23 Uhr in die Nacht entlassen wurde.
Für mich war’s eine Premiere in der Botschaft und das ehemalige Briefzentrum der Post konnte mich dank guten Sounds und problemlosen Einlasses voll und ganz überzeugen. Die Parkplatzsituation ist hingegen nicht ganz einfach, obwohl theoretisch genügend freie Parkplätze in unmittelbarer Nähe vorhanden sind – zumindest, wenn wie an diesem Samstagabend die dazugehörigen Geschäfte geschlossen sind. Ich bin gespannt, ob mich von „meinem“ videoüberwachten Parkplatz ein Ticket erwartet; dann werde ich beim nächsten Mal aufs Parkhaus am Hauptbahnhof oder Salzmarkt ausweichen. Ansonsten war es ein rundum gelungenes Konzert mit den hörenswerten AMOS THE KID aus Kanada und den Altvorderen von KETTCAR, die im kommenden Jahr ihr 25-jähriges Bandbestehen feiern können, aber in all den Jahren nichts von ihrer Spielfreude und Aktualität eingebüßt haben.
Setlist KETTCAR
- Money Left To Burn
- Benzin und Kartoffelchips
- Rettung
- München
- 48 Stunden
- Ankunftshalle
- Kayne in Bayreuth
- Balu
- Ein Brief meines 20-jährigen Ichs (Jedes Ideal ist ein Richter)
- Der Tag wird kommen (MARCUS-WIEBUSCH-Song)
- Anders als gedacht
- Notiz an mich selbst
- Einer
- Balkon gegenüber
- Auch für mich 6. Stunde
- Kein außen mehr
- Ich danke der Academy
- Deiche
- Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
- Auf den billigen Plätzen
- Im Taxi weinen
- Landungsbrücken raus
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Hinterlassen Sie einen Kommentar.
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.