Ort: Bielefeld - Lokschuppen
Datum: 25.04.2024
Anfang April ist das sechste Studioalbum von KETTCAR erschienen. Das erste in der über 20-jährigen Bandgeschichte übrigens, das es bis an die Chartspitze geschafft hat. Es trägt den Namen „Gute Laune ungerecht verteilt“ und wie es sich gehört, wird die VÖ mit einer Tour gefeiert. Ein Stopp in Bielefeld durfte da natürlich nicht fehlen und auch wenn die große Halle des Lokschuppens nicht in Gänze gefüllt war, hatten sich doch viele Ostwestfalen gesetzteren Alters an diesem Donnerstagabend auf den Weg gemacht, um Marcus (Gesang & Gitarre) und Lars (Keys & Gesang) Wiebusch, Erik Langer (Gitarre & Gesang), Reimer Bustorff (Bass & Gesang) sowie Christian Hake (Drums) live zu erleben. Zwingend notwendig wäre das gar nicht gewesen, denn 1Live war mit jeder Menge Technik angerückt, um das Konzert aufzuzeichnen, weshalb Marcus Wiebusch die Anwesenden auch anlässlich des Songs „Rettung“ für einen Mitsingpart instruierte, immerhin sei Bielefeld ja genauso eine Karnevalshochburg wie Hamburg, weshalb die brodelnde Live-Stimmung im Lokschuppen problemlos über den Äther transportiert werden könne. Trotzdem kann so eine Konserve natürlich nie den Live-Genuss ersetzen und so waren wir pünktlich um 20 Uhr vor Ort und wurden gleich einmal mit einem wunderbaren Support-Act belohnt.
KETTCAR hatten auf ihre laufende Konzertreise gleich mehrere Bands eingeladen, die an verschiedenen Terminen jeweils mit von der Partie waren. Neben KOCHKRAFT DURCH KMA und SHITNEY BEERS war dies auch CHRISTIN NICHOLS mit ihrer Kapelle, mit der wir das ausgesprochene Vergnügen hatten. Die Dame macht nicht nur Musik, sondern ist auch Schauspielerin und hatte zudem in der Puddinghauptstadt so etwas wie ein Heimspiel, denn die gute Christin ist in Bünde aufgewachsen und erinnerte sich lebhaft an die Alternative-Freitagabende im damals noch als Ringlokschuppen firmierenden Gemäuer. Mir ist sie erstmals 2018 als weibliche Hälfte des Duos PRADA MEINHOFF über den Weg gelaufen und schon damals hat ihr temperamentvoller Electro-Punk mich geflasht. 2022 hat CHRISTIN NICHOLS mit „I’m Fine“ ihr Solo-Debüt veröffentlicht, von dem es ebenso Songs zu hören gab wie vom brandaktuellen Nachfolger „Rette sich, wer kann!“. Etwa den treibenden Opener „Totgelacht“, mit dem die fünfköpfige Combo gleich mal in die Vollen ging. Mit dem nachfolgenden „Fame“ vom Erstling tauchte Miss Nichols noch einmal kurz in ihre PRADA-MEINHOFF-Vergangenheit ein, denn auf dem selbstbetitelten Longplayer gibt es ein fantastisches Cover des GRAUZONE-Hits „Eisbär“, der beim stoischen „Fame“ noch einmal einen Halbsatz bekommen hat. Für „Sieben Euro Vier“ griff Chrissi nicht nur zur Gitarre, sondern erzählte dem Auditorium auch, dass sie mal im Lotto gewonnen habe: die besagten 7,04 Euro, die mit einem coolen Groove vertont wurden. Spätestens mit dem rhythmusbetonten „Neon“ ging der knackige Electro-Rock dann auch auf die Hüften und als die Deutsch-Britin mit dunkler Stimme und einer prägnanten Instrumentierung bestätigte „I’m Fine“, wusste man ferner, dass sie sich nicht dumm von der Seite anquatschen lässt. Das unterstrich sie auch gleich mal mit „Today I Choose Violence“, das sie regelmäßig einem Kerl mit sexistischem Auftreten verehrt. Gern mal Thomas Gottschalk, heuer war es Till Lindemann, dem mit diesem tollen Stück zur Gleichberechtigung gedacht wurde. Die dummen Sprüche, die in dem Lied aufgezählt wurden, haben mit Sicherheit schon viele Frauen gehört. „Kein Anschluss“ kam derweil sehr straight rüber und mit „Citalopram“ (Anmerkung: der Name eines ein Antidepressivum) stand noch eine wahre Hymne auf dem Programm, ehe mit „In Ordnung“ für einen mitreißenden Abschluss der ersten 35 Minuten gesorgt wurde. Gern hätte ich noch mal so viel von CHRISTIN NICHOLS gesehen und gehört; wem es genauso geht, hat im Herbst auf ihrer Headliner-Tour noch mal Gelegenheit dazu.
Setlist CHRISTIN NICHOLS
- Totgelacht
- Fame
- Sieben Euro Vier
- Neon
- I’m Fine
- Kein Anschluss
- Citalopram
- Today I Choose Violence
- In Ordnung
Nun waren allerdings erst einmal die Hauptakteure des Abends dran: schnell die Stage präpariert und schon konnte das Quintett kurz nach 21 Uhr seine Arbeitsplätze zur Musik aus dem Off vor einem riesigen Backdrop mit der Ansicht des Cover-Artworks einnehmen. Gleich mit „Auch für mich 6. Stunde“, dem Opener der aktuellen Langrille, legten die Hamburger einen erstklassigen Einstieg hin und mit „Benzin und Kartoffelchips“ vom 2017er „Ich vs. Wir“ ging es nicht minder überzeugend und mit Videosequenzen im Hintergrund weiter. Keine Frage, dass ein Klassiker wie „Money Left To Burn“ vom 2002er Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“ heftig beklatscht wurde und auch die Band ein wenig nostalgisch wurde. Es kam die Frage auf, wie oft man denn wohl schon in Bielefeld gespielt habe und wer alles beim ersten Gig 2004 dabei war. Ein paar Hände gingen tatsächlich hoch und vermutlich haben diese Leute damals auch „Balkon gegenüber“ gehört, das heute aus zahllosen Kehlen mitgesungen wurde. Mit „48 Stunden“, das 2005 auf dem ersten Top-5-Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ veröffentlicht wurde, gab es dann engültig kein Halten mehr und die Geschichtsstunde der besonderen Art war noch lange nicht zu Ende, denn es folgte „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ – erneut begleitet von einem eindrucksvollen Video. Nach diesem fantastischen Ausflug in die Band-Historie waren wir mit „München“ zurück in der Gegenwart. Wie Reimer dem Publikum erklärte, war dies einer der ersten Tracks, der für die neue Platte fertig war und abgenickt wurde die Nummer von Reimers Mutter, die eine der härtesten Kritikerinnen der Indie-Institution ist. Mama Bustorff hatte auf jeden Fall recht, das Lied über Alltagsrassismus ist wichtig und einfach klasse – egal ob in München-Harlaching oder Bielefeld-Brackwede! Mit „Rettung“ („Zwischen den Runden“ – 2012) stand im Anschluss ein Liebeslied der ganz besonderen Art auf der Setlist, das allerdings noch von einem Evergreen getoppt wurde: „Balu“ darf einfach nicht fehlen und wird stets auch nur von den Gebrüdern Wiebusch vorgetragen. Früher hat Marcus bei dieser Gelegenheit die Männer auch schon mal darauf hingewiesen, dass der Moment gekommen sei, sich ein neues Bier zu holen. Das war heute nicht so; möglich, dass auch die männliche KETTCAR-Anhängerschaft inzwischen so emotional ist, um diesen schönen Song einfach zu genießen. Möglicherweise wird man mit dem Alter ja wirklich weicher… Apropos: was ließe mich „Ein Brief meines 20-jährigen Ichs“ jetzt wohl wissen? „Jedes Ideal ist ein Richter“ heißt der Titel in Klammern und für mich war der Vortrag tatsächlich ein Augenblick um eindrinzu überlegen, was mein 20-jähriges Ich wohl zur Entwicklung meines Lebens sagen würde. Nach diesem kleinen Gedankenexperiment ging es mit „Der Tag wird kommen“ um Homophobie im Fußball. Dieses Stück stammte aus Marcus‘ Soloalbum „Konfetti“, das 2014 das Licht der Plattenläden erblickt hat und sich sehr eindringlich mit dem Thema auseinandersetzte. Gleichzeitig stellte Marcus Wiebusch die Überlegung an, was Musik kann und stellte fest, dass sie zumindest eine gemeinsame Bubble schafft und so vielleicht auch Unterstützung bietet. Der Beifall zu „Der Tag wird kommen“ ließ zumindest vermuten, dass Homophobie auf einem KETTCAR-Konzert von den Anwesenden nicht geduldet würde. „Blaue Lagune“ übernahm mit flotten Tonfolgen neueren Datums und in der „Ankunftshalle“ ging es ebenso trubelig wie sentimental zu. Große Gefühle erwartete die Crowd auch bei „Im Taxi weinen“, abermals nur in kleiner Besetzung, hier mit zwei Akustikgitarren, vorgetragen. Dank „Kayne in Bayreuth“ gab es einen weiteren Kopfnicker auf die Ohren und die Ansage, dass die Auftritte von TAYLOR SWIFT 3:45 Stunden dauerten und man sich entschlossen habe, diesen Zeitraum noch zu toppen. Nun, Songs hätten KETTCAR zweifellos genügend, doch mit dem extrem tanzbaren „Kein Außen mehr“ (2008 auf „Sylt“ erschienen) und dem Dauerbrenner „Landungsbrücken raus“ endete das reguläre Set mit zwei echten Highlights und der Erkenntnis, dass die Menschen in Städten mit Hafen noch Hoffnung haben. Die stammt im Übrigen von BERND BEGEMANN, den es vor Jahren vom ostwestfälischen Bad Salzuflen in die Hafenstadt Hamburg gezogen hat.
Nach 90 Minuten war aber natürlich in der OWL-Metropole noch nicht Schluss, stattdessen sorgte „Trostbrücke Süd“ für einen wundervollen Mix aus Melancholie und Drive, bevor sich KETTCAR für den jahrzehntelangen Support der Fans bedankten, der nicht nur der Band gilt, sondern auch dem Label Grand Hotel van Cleef, das 2002 von Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und Thees Uhlmann gegründet wurde und seitdem Heimat für zahlreiche hörenswerte Indie-Musiker:innen geworden ist. Zeit, um auch mal „Auf den billigen Plätzen“ zu sitzen, um schließlich mit „Ich danke der Academy“ noch einmal zum Tanze zu laden und mit „Deiche“ nach knapp zwei Stunden für ein krönendes Finale zu sorgen.
Es gibt Dinge, die verlieren einfach nichts von ihrem Zauber. KETTCAR-Konzerte gehören eindeutig dazu. Im Laufe der Jahre habe ich die Jungs bestimmt annähernd zwanzigmal gesehen und ich kann mich nicht erinnern, dass ich die jeweilige Konzertvenue mal nicht mit einem guten Gefühl verlassen hätte. So war es auch in Bielefeld und ich freue mich schon jetzt, dass ich die Herrschaften im Juli auf der ehrwürdigen Waldbühne Kloster Oesede wiedersehen werde.
Setlist KETTCAR
- Auch für mich 6. Stunde
- Benzin und Kartoffelchips
- Money Left to Burn
- Balkon gegenüber
- 48 Stunden
- Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
- München
- Rettung
- Notiz an mich selbst
- Balu
- Ein Brief meines 20-jährigen Ichs (Jedes Ideal ist ein Richter)
- Der Tag wird kommen (MARCUS-WIEBUSCH-Song)
- Blaue Lagune
- Ankunftshalle
- Im Taxi weinen
- Kanye in Bayreuth
- Kein Außen mehr
- Landungsbrücken raus
- Trostbrücke Süd
- Auf den billigen Plätzen
- Ich danke der Academy
- Deiche
Copyright Fotos (außer Titelbild): Sascha Uding
Copyright Titelbild: Veranstalter

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