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KETTCAR – .COMPUTER..

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 09.12.2008

Zum vierten Mal in acht Monaten stand für mich an diesem ungemütlichen Dienstag Abend ein KETTCAR-Konzert auf dem Programm. Angefangen bei der 1LiveNacht im Bielefelder Kamp, wo die Band erstmals neue Stücke ihres aktuellen Albums „Sylt“ spielte, über Gigs in Osnabrück und beim Hurricane, zog es mich erneut in die Leineweberstadt, wo es im Ringlokschuppen „ausverkauft“ hieß. Nun muss man wissen, dass das alte Industriegemäuer verschiedene Locations hat und sich KETTCAR in der kleineren Halle angekündigt hatten, die folglich mit knapp 1.000 Fans bis auf den letzten Platz besetzt war, wenngleich ich eigentlich damit gerechnet hatte, dass die Jungs in die große Halle ziehen, die sie zwar mit ihrer Kapazität von 2.500 Besuchern sicher nicht proppenvoll, aber doch gut gefüllt bekommen hätten. Aber offensichtlich schätzte man die heimelige Clubatmosphäre, wogegen ich mich natürlich keinesfalls sträuben möchte.

Bevor die Indie-Götter jedoch die Bielefelder in ihren Bann ziehen konnten, schickten sie zunächst .COMPUTER.. auf die Bühne. Hinter diesem googletechnisch sehr ungünstigen Namen verbargen sich drei junge Herren, die seit 2005 Indierock mit kräftigem Elektroeinschlag machen und im Februar ihr Debüt „Give Me A Frame“ vorgelegt haben. Als Kontrast zum von Synthesizern dominierten Sound hatte das Trio die Stage mit allerhand Mobiliar aus Omis Wohnstube versehen. So standen dort ein altes Röhrenradio, eine sehr chice Stehlampe, ein beleuchteter Globus und weitere Tischchen herum, während Pesca (Vocals, Gitarre, Programming), Paul (Programming, Synthies, Laptop Performance) und Torben (Bass & Vocals) sich durch ihre Tracks frickelten. Zunächst ließ sich das musikalische Geschehen gut an und wurde auch von freundlichem Applaus begleitet, insgesamt fehlten mir bei .COMPUTER.. allerdings klare Linie und Struktur. Der Gesang war für meinen Geschmack zu weinerlich und statt den Sound auch mal auf den Punkt zu bringen, verpuffte mancher druckvolle Start im Nichts. Schade, denn grundsätzlich waren spannende Ansätze zu erkennen, die aber leider nicht immer genutzt wurden. Den Ostwestfalen schien es aber durchaus gefallen zu haben, denn nach 40 Minuten gab’s erstaunlich viel Beifall, für den sich die Jungspunde auch brav bedankten.

Schnell die Möbel von der Bühne geräumt, das ein oder andere Kabel eingestöpselt und die Instrumente kontrolliert, dann konnte es auch schon weitergehen mit der Hamburger Indie-Sperrspitze aus dem Grand Hotel van Cleef. Die legte dann auch gleich mit einem Klassiker der Band-Diskografie los: „Deiche“ brach sogleich dann auch selbige beim Publikum und es wurde für OWL ganz untypisch von der ersten Minute an mitgesungen und getanzt. Wie es schien waren Marcus Wiebusch und seine Mannen ausreichend präsent in den Clubs und auf Festivals, um auch die neuen Stücke bei den Fans fest im Gehirn zu verankern, denn auch „Kein Außen mehr“ von der sehr erfolgreichen „Sylt“-VÖ (Platz 5 der Album-Charts) fand regen Zuspruch, was jedoch durchaus noch steigerungsfähig war, wie Bielefeld beim folgenden „48 Stunden“ bewies. Ich muss gestehe, dass diese Nummer der 2005er „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ auch zu meinen Favoriten zählt, so dass ich mich ebenfalls freute, schon zu früher Stunde ein solches Highlight zu hören. Zumal auch ich ebenso wie KETTCAR, die in dem Track ihren Hass auf Berlin verarbeitet haben, nicht nachvollziehen kann, wie man die schöne Stadt Hamburg gegen die Bundeshauptstadt tauschen kann. Dann doch lieber eine Hymne auf die Freie und Hansestadt wie „Landungsbrücken raus“, die natürlich lauthals mitgesungen wurde. Gleiches galt auch für die erste Singleauskopplung der aktuellen Scheibe „Graceland“, die auf dem besten Weg ist, ein KETTCAR-Kassiker zu werden. Davon ist „Nullsummenspiel“ noch ein wenig entfernt, dafür wusste Bassist Reimer Bustorff aber eine schöne Geschichte aus einem Berliner Drogerie-Discounter zu erzählen, deren Quintessenz in die Richtung ging, dass es sich an der Spree durchaus lohnen kann, mal einen Euro mehr für Bodylotion auszugeben, wenn man nicht ganz viel Ärger mit dem Kassenpersonal haben möchte. In Zeiten weltweiter Finanzkrisen passte „Money Left To Burn“ von der ersten LP „Du und wie viel von deinen Freunden“ aus 2002 selbstverständlich ganz hervorragend ins Bild. Zusätzlich hatte Marcus noch den Tipp in petto, die Kohle lieber für Freunde, Party und Musik auszugeben, anstatt sie in Derivate anzulegen. Er musste zwar zugeben, keine Ahnung zu haben, was Derivate überhaupt sind, hätte sich in der Bild-Zeitung aber gut gelesen… Auf jeden Fall wäre der Spaß-Faktor bei Marcus Vorschlag deutlich höher und unter diesen Umständen war auch die Entscheidung, Geld in ein KETTCAR-Konzert zu investieren, goldrichtig. Denn während allerlei Lichtspielereien den Ringlokschuppen wunderbar illuminierten, zeigte das Quintett sich mit „Fake For Real“ von einer eher ruhigen und ungewohnt elektronischen Seite, wofür Reimer seine Stahlsaiten gegen ein kleines Tasteninstrument mit Kabel tauschte. Rhythmusbetont ging’s mit „Wir müssen das nicht tun weiter“ weiter, dessen abschließendes „Fick dich“ besonders vom Auditorium aus tiefstem Herzen mitgesungen wurde. Mit „Stockhausen, Bill Gates und ich“ und „Ich danke der Academy“ schlossen sich zwei beliebte Evergreens der Truppe an, die fröhlich abgefeiert wurden, wobei es gerade bei letzterem ordentlich zur Sache ging. Drummer Frank Tirado-Rosales hielt es phasenweise nicht mehr auf seinem Hocker und er stattdessen lieber im Stehen spielte, bevor es mit „Am Tisch“ wieder ruhiger zuging. Dafür wechselte Gitarrist Erik Langer seine Langaxt gegen ein Akkordeon und Reimer griff zur Trompete, um als letztes Stück des regulären Sets eine echte Gänsehaut-Nummer rauszuhauen. Nach und nach verschwanden alle fünf von der Stage, die nach einer guten Stunde Spielzeit so zunächst ganz im Dunkeln lag.

Die erste Zugabenrunde sollte sich mit „Wir werden nie enttäuscht werden“, „Ausgetrunken“ und „Handyfeuerzeug gratis dazu“ sehr knackig darstellen. Es durfte noch mal ausgelassen getanzt und gesungen werden, bevor ganz langsam der sentimentale Abschied nahte. Den Anfang machte „Im Taxi weinen“, dann verdrückte sich die Combo erneut, um das große Finale einzuläuten, das von den Wiebusch-Brüdern im Alleingang bestritten wurde. Zwar wurde von Marcus ein SLAYER-Cover angekündigt, aber ganz klar fehlte noch „Balu“, der Song, welcher schon während des gesamten Abends immer wieder von den Fans gefordert worden war. Während Lars begann die Keyboard-Tasten zu bearbeiten, klärte uns sein Bruder ob der Brisanz des Liedes auf, das man in einer festen Beziehung als Mann niemals scheiße finden sollte, da dies anscheinend ganz schnell zu ernsthaften Problemen und Liebesentzug führen kann. Kurz nach 23.00 Uhr machten weibliche wie männliche Besucher jedoch einen sehr zufriedenen und ausgeglichen Eindruck und schwenkten einhellig Feuerzeuge zur abschließenden Kuschelnummer, um nach gut 90 Minuten in die kalte Realität des deutschen Winters zurückzukehren.

2008 war ohne Zweifel ein KETTCAR-Jahr. Nicht nur für mich, wenn ich mir meine persönliche Konzertbilanz anschaue, sondern auch für die Kapelle selbst, die mit Recht große Erfolge feiern konnte und auch in Bielefeld erneut einen schönen Auftritt mit tollen Songs und super Stimmung abgeliefert haben. Im nächsten Jahr bitte mehr davon!

Setlist KETTCAR
Deiche
Kein Außen mehr
48 Stunden
Balkon gegenüber
Landungsbrücken raus
Graceland
Nullsummenspiel
Money Left To Burn
Jenseits der Bikinilinie
Fake For Real
Wir müssen das nicht tun
Stockhausen, Bill Gates und ich
Ich danke der Academy
Am Tisch

Wir werden nie enttäuscht werden
Ausgetrunken
Handyfeuerzeug gratis dazu

Im Taxi weinen

Balu

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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