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KETTCAR – HERRENMAGAZIN

Ort: Osnabrück - Hyde Park

Datum: 03.05.2008

KETTCAR – HERRENMAGAZIN
Ort: Osnabrück – Hyde Park
Datum: 03.05.2008

Vor zwei Wochen ist mit „Sylt“ die dritte Langrille der Hamburger Indie-Band KETTCAR erschienen. Der Silberling hat es aus dem Stand auf Platz 5 der Charts geschafft und in der Freien und Hansestadt feierten Marcus Wiebusch (Gesang & Gitarre), Lars Wiebusch (Keyboard & Gesang), Reimer Bustorff (Bass & Gesang), Erik Langer (Gitarre & Gesang) und Frank Tirado-Rosales (Schlagzeug) gleich mit sieben fortlaufend ausverkauften Konzerten in verschiedenen Hamburger Szeneläden ihr neuesten Werk. Auch der Hyde Park war an diesem lauen Frühlings-Samstag Abend mit rund 1.500 Fans nahezu komplett belegt, ein Blick auf die PKW-Kennzeichen auf dem Parkplatz verriet, dass nicht wenige Anfahrten von mehr als 50 km auf sich genommen hatten, um bei KETTCAR dabei zu sein.

Mit dabei waren auch HERRENMAGAZIN, die ebenfalls in der Stadt mit dem Tor zur Welt zuhause sind und demnächst ihren ersten Longplayer „Atzelgift“ in die Plattenläden bringen. Als kleinen Vorgeschmack gab’s am Merch-Stand kostenlose 3-Track-EPs und natürlich eine Live-Darbietung, mit der um 21.00 Uhr der musikalische Abend startete. Deniz Jaspersen, Philip Wildfang, Rasmus Engler und Paul Konopacka boten Schrammel-Indierock Hamburger Prägung, der hervorragend zu KETTCAR passte und von den Anwesenden freundlich aufgenommen wurde. Mit „LNBRG“ ging’s flott los, sehr schön auch das Zusammenspiel der Rhythmusfraktion bei „1000 Städte“ oder das locker-flockige „Atzelgift“, dem das treibende „Lilly Lametta“ folgte. Mit „Lichter der Stadt“ ließ es das Quartett etwas ruhiger angehen und „Früher war ich meistens traurig“ gefiel mit einem melancholischen Grundton, dem der Vierer ordentlich Drive verpasst hatte. Mit „Der letzte Tag“ gab das HERRENMAGAZIN noch mal richtig Gas und ließ zu „Alles (aus; Alles) an“ die Gitarren schrammeln. Blieb noch „Kein bisschen aufgeregt“, mit dem die Combo mit dem leicht anrüchigen Namen ein knackiges Ende zauberte. Entsprechend hatte sich die 2004 gegründete Kapelle augenscheinlich mit ihrem unterhaltsamen 40-minütigen Set in Schweiß gespielt und konnte mit ihrer Darbietung bei den Osnabrückern durchaus punkten, wie der Applaus und die zahlreich verlangten Gratis-Silberlinge bewiesen.

Setlist HERRENMAGAZIN
LNBRG
1000 Städte
Gold für Eisen
So wie du bist
Atzelgift
Lilly Lametta
Lichter der Stadt
Früher war ich meistens traurig
Der längste Tag
Alles (aus; Alles) an
Kein bisschen aufgeregt

Somit war die passende Betriebstemperatur im Park erreicht, als kurz nach 22.00 Uhr KETTCAR die Bühne enterten und mit „Deiche“ von der 2005er „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ gleich einen Smasher hinlegten. Damit waren auch bei den als zurückhaltend geltenden Osnabrücker alle Dämme gebrochen und es konnte die nächsten 90 Minuten ausgiebig gefeiert werden. Dabei war Marcus Wiebusch mit gemischten Gefühlen in die Hasestadt gekommen, weil er 1992 bei einen SLIME-Konzert im alten Hyde Park auf der anderen Straßenseite des Fürstenauer Weges, das er gemeinsam mit seiner damaligen Band RANTANPLAN supportete, gleich beim ersten Song eine Bierdose an den Kopf geworfen bekam. Außerdem wurden Erinnerungen an einen Gig vor 10 zahlenden Gästen mit den FARMER BOYS in der Halle Gartlage wach. Lange ist es her und so zeigte sich der sympathische Fronter auch schon bald mit seinem Osnabrücker Publikum, von dem einige auch bereits 1992 dabei gewesen sein könnten, versöhnt. Mit Stücken wie „48 Stunden“ und „Landungsbrücken raus“ (vom Debüt „Du und wie viel von deinen Freunden aus 2002) gab es auch bereits zu früher Stunde einige KETTCAR-Klassiker zu hören, aber auch die neuen Stücke kamen bestens an. Ganz vorn dabei natürlich die Singleauskopplung „Graceland“, welche bereits eifrig mitgesungen wurde. Gleiches galt auch für „Balkon gegenüber“, worüber sich Marcus besonders erfreut zeigte. Sein Rhythmusgefühl durfte das Auditorium beim folgenden „Nullsummenspiel“ vom neuen Album beweisen, bei dem Reimer nach eigenem Bekunden ein kompliziertes Rhythmuspad zum Besten gab, dem die Zuschauer aber durchaus gewachsen waren und sich mit dem relativ harten Sound umgehend anfreunden konnten. „Money Left To Burn“ wurde in gleicher Weise abgefeiert, bevor Reimer ankündigte, die Setlist fordere mehr traurige Tracks, weshalb jetzt „Jenseits der Bikinilinie” käme. Mag sein, dass der Song traurig ist, aber keineswegs weinerlich und auch „Agnostiker für Anfänger“ gefiel mit Stomperbeats und Klaviergeklimper, dem sich bei „Geringfügig, befristet, raus“ ebenso knackige Langäxte anschlossen. Auch hier war die Textsicherheit des Publikums beachtlich, offensichtlich hatten sich die Fans im Vorfeld schon intensiv mit „Sylt“ beschäftigt, aber auch alte Stücke wie das melodiöse, keyboardlastige „Im Taxi weinen“ oder „Stockhausen, Bill Gates und ich“ fanden natürlich viel Zuspruch. Mit dem aktuellen „Am Tisch“ beendeten KETTCAR den regulären Teil des Konzertes. Für die ruhige Nummer griff Erik zum Akkordeon und Marcus zur Akustikgitarre, ein sehr gelungener Abschluss, der mit tosendem Applaus belohnt wurde.

Da ließen sich auch KETTCAR nicht lumpen und gingen in die Verlängerung, die sie mit „Ausgetrunken“ starteten. Als bekennende Karnevalshasser sahen sie sich in Osnabrück auf sicherem Terrain und verkündeten, dass sie auch deshalb gern hierher gekommen seien. Gut, im Vergleich zum Rheinland geht es hier tatsächlich sehr zivil zu, aber am Ossensamstag sollten die Hamburger dann vielleicht besser nicht zu Besuch kommen, sonst könnte ihr positives Bild ins Wanken geraten. Heute Abend ging auf jeden Fall erst einmal die Indie-Party weiter, zu der Männlein und Weiblein mit „Schalala“- und „Ohoho“-Gesängen zeigen konnten, wer stimmgewaltiger war. Es ging eher unentschieden aus, auch der Geschlechteranteil dürfte im Park, den Marcus ob der einsamen Lage passenderweise als ein im Nichts gelandetes UFO bezeichnete, ziemlich ausgeglichen gewesen sein. Mit „Handyfeuerzeug gratis dazu“ blieb die Stimmung weiter auf hohem Niveau, da war an ein Ende immer noch nicht zu denken, so dass es mit „Tränengas im High-End-Leben“ in ein furioses Finale ging. „Wir danken der Academy“ animierte erneut zum Mitsingen, -tanzen und -hüpfen, dann beendeten Lars und Marcus den Abend mit dem gefühlvollen und lang erwarteten „Balu“.

Um 23.35 Uhr durften die Fans noch mal richtig Lärm für ihre Helden machen, dann war tatsächlich Schluss. Wer wollte, konnte jetzt noch zur Konserve das Tanzbein schwingen oder erst einmal vor den Türen des ehrwürdigen Nichtraucher-Musiktempels, eine Kippe rauchen. Allenthalben sah man jedoch nur zufriedene Gesichter, was nicht weiter verwunderlich war, da KETTCAR ohne Zweifel ein geniales Konzert abgeliefert haben. Die neuen Songs zündeten dabei ebenso gut wie die Klassiker, vielen Dank für den gelungenen Abend!

Setlist KETTCAR
Deiche
Kein Außen mehr
48 Stunden
Landungsbrücken raus
Graceland
Balkon gegenüber
Nullsummenspiel
Money Left To Burn
Jenseits der Bikinilinie
Agnostik für Anfänger
Geringfügig, befristet, raus
Im Taxi weinen
Stockhausen, Bill Gates und ich
Am Tisch

Ausgetrunken
Handyfeuerzeug gratis dazu

Tränengas im High-End-Leben
Ich danke der Academy

Balu

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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