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KLEE – EUDEL

Ort: Bielefeld - Kamp

Datum: 05.11.2004

Manchmal muss man spontan sein im Leben. Gerade gestern hatte ich noch die neue KLEE-Scheibe abgefeiert, da stellte ich zufällig fest, dass sie schon heute in Bielefeld gastieren würden. Also auf in die Kälte und ab ins Bielefelder Kamp, welches leider nicht besonders gut gefüllt war. Schon das Auffinden eines Parkplatzes in allernächster Nähe zur Location hatte mich stutzig gemacht. Aber egal, den fairen Obulus von 10 Euro gelöhnt, um auf gähnende Leere im arschkalten Kulturkombinat zu stoßen. An beiden Seiten ein paar sitzende Pärchen, aber beileibe keine Wall of Death, am Ende werden es wohl 50-60 Nasen gewesen, hauptsächlich Lebewesen um die 30.

Überrascht stellte ich fest, dass es sogar einen Support gab: Der Bielefelder EUDEL an der Akustikgitarre, der von einem gewissen Mario unterstützt wurde. Dass es sich bei dem jung-dynamischen Duo nicht gerade um Megaseller handelte, dürfte jedem klar sein, so blieb denn auch jeder sitzen. Das führte zu einer recht bizarren Szenerie, als die beiden, nur mit ihren Gitarren bewaffnet, melancholischen Singer/ Songwriter Pop zum besten gaben. Irgendwie lockere Bar-Atmosphäre und man muss EUDEL bescheinigen, dass er über eine gute Stimme und eine hervorragende englische Aussprache verfügt. Dennoch wäre ich fast eingeschlafen… Nach ca. 7 Songs war Schluss und man schlich völlig unprätentiös nach unten. Eine selbstgebrannte CD gab es dann für 3,50 Euro auch noch zu erwerben, aber ich bereitete mich auf den Headliner vor.

KLEE aus Köln sind eigentlich ein Trio, aber live war klar, dass sie Unterstützung brauchten. So sah das Line Up an diesem Abend folgendermaßen aus: Tom Deininger an der Gitarre, Sten Servaes (eine jüngere Ausgabe von Martin Semmelrogge!) an der Hammond-Orgel, Leihschergen an Bass und Drums sowie Sängerin Suzie. Frauen mit S-Lauten zu Beginn sollen ja im früheren Leben Schlangen gewesen sein, diese hier hatte auf jeden Fall einen recht auffälligen Look. Komplett in weiß in einer Art Schlafanzugshose und meistens ein wenig bäuchleinfrei war sie die richtige Mischung aus Schlampe und Röhre und bewies im Verlauf des Konzertes ungeahnte Entertainment-Qualitäten. Denn man spielte sich nicht einfach nur durch ein Set – das kann ja jeder – man erzählte zwischen vielen Stücken auch irgendwelche Geschichten, Anekdoten, gelebtes Leben. Leider kann man das hier nicht so richtig wiedergeben, aber ich habe teilweise gebrüllt vor Lachen. Da ging es um kussfesten Lippenstift, eine drohende Blasenentzündung und vor allem den Auftritt bei Sarah Kuttner von VIVA am Vortag. In einem fast 10 minütigen Dialog brachte Frau Kerstgens den gesamten Entertainment-Wahn auf den Punkt. Ein paar Zitate:
„Die hat uns nicht mal Hallo gesagt, dat macht man doch, wenn man sich Gäste einlädt!“
„Da ist alles viel kleiner, als man denkt, die Bühne direkt neben dem kleinen Schreibtisch, aber man muss so tun, als ob man da einen weiten Weg hingeht“
„Es gibt da einen Make Up-Raum mit 8 Plätzen und 8 Hühnern, eins gestylter als das andere“
„Und die sprachen so mit mir (Jetzt sind wir in der 2ten Erzählebene): Sie sind ja bleich, ja sie können sich dat auch leisten, aber lassen sie mich mal einen anderen Lippenstift draufmachen, damit dat nicht so billig aussieht. Ich muss ja braun sein, man braucht ja die Sonne, da gehe ich mit meinem Freund gemeinsam auf die Bank..:“
„Dann kamen Engländer rein und als die Make Up Hühner das gemerkt haben, ging es nur so AWESOME AWESOME, you are english, hihi“
Suzie sollte eigentlich die Fronterin von NO DOUBT interviewen, die an jenem Abend bei Raab zu Gast war, aber die sagte kurzfristig ab, weil sie ein Boulevardmagazin vorher genervt hatte. Kommentar der Kosmetikerinnen: „Ja, die hat auch ne ganz schlechte Haut…“

Musik wurde dann auch noch gemacht, hauptsächlich vom brandneuen Album „Jelängerjelieber“, was allen Ernstes ein Pflanzenname ist! Mit dem einfühlsamen „Für Alle, die“ ging es los. Es folgten die aktuelle sehr ruhige Single „2 Fragen“, „Unser Film“ und auch das wunderschöne „Gold“, welches die 2te Single werden soll… als ob sie mich gefragt hätten. Daneben wurden auch immer mal wieder Songs vom Vorgänger „Unverwundbar“ eingestreut, wie eben dessen Titeltrack. Obwohl nicht all zuviel Volk anwesend war, machten die, die da waren, ordentlich Radau. Sogar ein etwas abgefahrenes Fan-Pärchen war dabei, welches mit tollen Johl- und Tanzeinlagen überzeugte. Zum Lied „Lichtstrahl“ wurde passenderweise der komplette Saal abgedunkelt und die Fronterin beleuchtete die Szenerie mit einem Handscheinwerfer, was gegen Ende hin immer elegischer wurde. Den Abschluss des regulären Sets bildete „Über mir die Sterne“, aber schon sehr schnell kehrte man zurück und bot noch 2 Zugaben, darunter das peppige „Keine Zehn Pferde“. Aber die Anwesenden hatten immer noch nicht genug, daher kam sogar noch ein deutschsprachiges Stück der Vorgängerband RALLEY zum Einsatz. Vorher wurde aber noch ein spontaner Kosakentanz um den Begriff Bielefeld aufgeführt.

Die Band war sehr zufrieden, immerhin war der Tourauftakt gelungen, auch wenn ich ihnen für die weiteren Gigs mehr Zuschauer wünsche. Es war ein emotionaler, ehrlicher Auftritt mit den witzigsten Ansagen, die ich seit langem gehört habe. Sollten da Drogen im Spiel gewesen sein, dann möchte ich auch eine Ration davon!

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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